14. Dezember 2009

J. S. Bach: Flötensonaten

Bach hat sich wahrscheinlich erst in seiner Köthener Zeit (1717-23) mit der Querflöte, der Flûte traversière, vertraut gemacht. Da gab es das Instrument, das im 18. Jahrhundert in der galanten Gesellschaft zu größter Beliebtheit gelangte, noch kaum 20 Jahre. Obwohl Bach in Köthen den größten Teil seiner Kammermusik geschrieben hat, ist für die Flöte aus dieser Zeit wenig erhalten geblieben: die a-moll-Solo-Partita (BWV 1013) und die e-moll-Sonate für Flöte und Generalbaß (BWV 1034). Genauere Entstehungsdaten sind aber auch für diese Werke nicht bekannt. Überhaupt stellen Bachs Flötensonaten die Forschung vor große Probleme. Denn außer der Solo-Partita sind zwar sieben Sonaten unter Bachs Namen überliefert, drei für Flöte und Generalbaß und vier für Flöte und obligates Cembalo. Davon konnten aber nur vier Sonaten mit Bestimmtheit als authentische Werke des Meisters erkannt werden: die in e-moll, in E-Dur, in h-moll und in A-Dur.

Die Solo-partita ist nur in einer Kopie vom Anfang der 20er Jahre unter dem Titel "Solo pour la Flûte traversière par J.S. Bach" überliefert worden. Sie ist durchaus im zeitlichen und stilistischen Zusammenhang mit Bachs Solo-Sonaten und -Partiten für Violine und Violoncello zu sehen. Es ist sogar wahrscheinlich, daß zumindest der erste Satz, die Allemande, der motivische Parallelen mit der Allemande der Violin-Sonate in a-moll aufweist, ursprünglich für Violine geschrieben war. Denn die vom Beginn bis zur Finalnote beider Teile duchlaufende Sechzehntelbewegung sieht so aus, als hätte Bach nicht daran gedacht, daß ein Flötist von Zeit zu Zeit auch mal atmen muß. Die nicht zuletzt dadurch bedingten großen Interpretationsschwierigkeiten der Allemande lassen zugleich darauf schließen, daß Bach in seiner Köthener Kapelle einen vorzüglichen Flötisten gehabt haben muß, von dem wir allerdings nichts wissen. Auch die Corrente, deren weitgespanntes Laufwerk enorme Sprünge einschließt, erinnert an den entsprechenden Satz der Cello-Sonate G-Dur und stellte wie die etwas burlesk-rustikal gehaltene Bourree Anglaise virtuose Ansprüche. Besonders schön kontrastiert zwischen diesen beiden Sätzen die edle, getragene Melodik der Sarabande, die neben der brillanten Beweglichkeit der anderen Sätze den beseelten Charakter des damals noch neuen Instruments eindrucksvoll zum Klingen bringt.

Die fürstliche Residenz von Köthen, Stich aus Merian 1650

Die wohl auch aus der Köthener Zeit stammende e-moll-Sonate ist für Flöte und Generalbaß geschrieben. Dennoch lassen sich, anders als in den üblichen Generalbaß-Sonaten der Zeit, hier manche Züge obligater Begleitung feststellen. Nach den ersten vier Takten der Flöte im Adagio wird das Thema mit einem absteigend sequenzierenden Motiv im Baß fortgesponnen, einem Motiv, das die Flöte sogleich wiederholt. Dieser thematisch alternierenden Beziehung zwischen Baß und Melodieinstrument entspricht im dritten Teil des Satzes dieselbe Behandlung des nun in Umkehrung aufsteigenden Sequenzmotivs. Aber auch das verkürzte Hauptthema findet sich hier und da geistvoll eingestreut im Baß. Im 1. Allegro wird die Generalbaßstruktur ebenfalls durch thematisches Alternieren der Flöte mit dem Baß fast fugenmäßig bereichert. Und das findet sich im 2. Allegro wieder, wo die Stimmen sich sogar das zweite Thema mit dem charakteristischen Klopfmotiv in beiden Teilen des Satzes zuspielen. Das Andante mit seiner ABA-Form beansprucht besonderes Interesse durch seine ostinatohafte Baßbehandlung. Durchweg wird ein sechs Takte langes Quasi-Ostinato exponiert und notengetreu zum thematischen Einsatz der Flöte wiederholt. Und während die Flöte ihr Thema mit ruhigen Sechzehnteln fortspinnt, sekundiert ihr der Baß zum dritten Mal notengetreu mit dem sechstaktigen Ostinato. Erst im Mittelteil begleitet das Cembalo frei generalbaßmäßig die solistische Thematik, um aber im Wiederholungsteil wieder zweimal sein Ostinato zu bringen. Aus diesen Besonderheiten ersieht man, wie es Bach auch im Continuo-Satz um kontrapunktische Bereicherung ging.

Denkmal an Johann Sebastian Bach in Köthen (Anhalt) auf dem Bachplatz. Das Denkmal wurde 1885 von dem Berliner Bildhauer Pöhlmann geschaffen.Die Sonate in E-Dur (BWV 1035) ist Bachs zweite authentische Generalbaß-Sonate. Sie ist viel später als die in e-moll entstanden, mit großer Wahrscheinlichkeit im Jahr 1741 oder 1747, als Bach den Potsdamer Hof besuchte. Beide Generalbaßsonaten weisen die gleiche viersätzige Anlage mit nahezu gleichen Satzcharakteren auf, und beide sind dem "Geheimen Kämmerier Fredersdorff" gewidmet, eine Zueignung, die indirekt wohl zugleich dem flötespielenden Preußenkönig galt. Man darf vielleicht annehmen, daß Bach die ältere e-moll-Sonate für den Besuch in Potsdam nochmals abschreiben ließ und die E-Dur-Sonate als eine Art Pendant dazukomponierte. Diese nun ist sowohl im Duktus der Flöte, als auch in der Faktur der Generalbaß-Begleitung etwas einfacher gehalten als das frühere Werk. Auch fehlen hier Ansätze und Einschübe ostinater Partien. Wenn Bach das Werk eigens für den Potsdam-Besuch komponiert hat, dachte er sicher an die Flötenkünste des erlauchten Dilettanten.

Die h-moll-Sonate für Flöte und obligaten Cembalo-Part (BWV 1030) ist in Bachs Kammermusik ein Werk von einzigartiger Komplexität. Bach hat das Werk in den dreißiger Jahren in Leipzig notiert, beziehungsweise transponiert, nachdem er schon eine frühere Fassung in g-moll geschaffen hatte. Vor allem der Eingangssatz, das Andante, ist ein Stück von außerordentlichem motivischem Reichtum, an dem sich erkennen läßt, wie Bach, von der Gattung der Trio-Sonate ausgehend, zu einem Klaviersatz gelangte, der besonders in der Oberstimme des Klaviers mit dem Soloinstrument wetteifert, der aber auch die Baß-Stimme immer wieder an der motivischen Arbeit teilhaben läßt. Diese komplexe Verschmelzung von Melodie- und Tasteninstrument ist eine persönliche Schöpfung des großen Polyphonikers Bach, dem die einfache Continuo Begleitung nicht genügen konnte. Das ist, wie bereits bemerkt, in der frühen e-moll-Sonate erkennbar und gilt ebenso für Bachs Violin- und Cello- wie auch für die Gambensonaten. In dem großen Andante von 119 Takten glaubte man außer einer unbekannten Vorlage eines Trios für zwei Flöten und Continuo auch einen Konzertsatz für Flöte und Streichorchester in formalen Rudimenten erkennen zu können, in dem Tutti- und Solo-Partien wechseln. Tatsache ist die unglaubliche formale und thematische Vielfalt dieses Satzes, die zu einer bewunderungswürdigen Einheit gediehen ist. Im "Largo e dolce" tritt die Begleitung zum Continuo-Satz zurück. So kann sich die Flöte hier allein aussingen und verströmen. Ein Meisterstück kontrapunktisch-melodischer Arbeit stellt dann wieder das fugierte "Presto" dar, dem, unmittelbar und thematisch verbunden, ein wiederum fugiertes Finale mit dem intrikaten Rhythmus einer Gigue im 12/l6-Takt folgt.

Adolph von Menzel (* 1815, Breslau, + 1905, Berlin), Ein Flötenkonzert Friedrichs des Großen in Sanssouci, 1852, Nationalgalerie Berlin

Die A-Dur-Sonate (BWV 1032) mit obligatem Cembalo-Part ist dem Charakter nach ein ausgesprochen heiteres Stück, dessen munter vorherrschende l/l 6-Bewegung im Vivace mit lustigen kleinen Spielfiguren durchsetzt ist. Die an sich unproblematische Quellenlage - es gibt, bzw. gab nur ein Autograph - wird allerdings durch den Umstand getrübt, daß von der kostbaren Urschrift vermutlich schon zu Bachs Zeit versehentlich am unteren Rand ein Stück abgeschnitten wurde. Dadurch fehlen etwa 45 Takte am Ende des ersten Satzes. In enger Anlehnung an das erhaltene Material und mit intimer Kenntnis Bachscher Kompositionsweise hat Alfred Dürr das Satzende für die Neue Bach-Ausgabe rekonstruiert, so daß der Verlust einem kaum bewußt wird. Da durch Kriegseinwirkung das ganze Autograph verloren gegangen war, kann man sich glücklich schätzen, daß es bereits in der alten Werk-Ausgabe zuverlässig ediert war. Am zweiten Satz der Sonate, wieder einem "Largo e dolce", der mit seinen häufigen, ein wenig sentimentalen Terzen- bzw. Sextenparallelen ungewöhnlicherweise in a-moll steht, läßt sich erkennen, daß Bach für diese Sonate als Vorlage eine eigene Trio-Sonate fÜr Violine, Flöte und Basso Continuo in C-Dur benutzt hat. Das Finale "Allegro" im 3/8-Takt schließt mit seinem heiteren Charakter wieder eng an den Eingangssatz an.

Über die Frage nach der Echtheit der drei Sonaten in C-Dur (BWV 1033), in Es-Dur (BWV 1031) und in g-moll (BWV 1020) herrscht noch immer nicht Einigkeit unter den Gelehrten. Die Mehrheit hat sich allerdings in allen drei Fällen gegen die Autorschaft Bachs entschieden, obwohl der Sohn Carl Philipp Emanuel 1731 zumindest die C-Dur-Sonate seinem Vater zugesprochen hat. Hier kann die Echtheitsfrage natürlich nicht gelöst werden, denn dazu wäre eine sorgfältige stilkritische Analyse erforderlich, die bisher merkwürdigerweise noch von niemandem geleistet wurde, da jeder sich auf die Quellenlage und/oder auf die einfache Evidenz beruft. Da es sich in jedem Fall aber um Werke aus dem näheren Umkreis des Thomaskantors handelt, die sich aus der Masse barocker Flötenmusik durchaus vorteilhaft hervorheben, besteht kein Grund, die umstrittenen Werke, die immerhin, wenn auch ohne Nennung von Vornamen, als Kompositionen Bachs überliefert sind, hier auszuschließen.

Kupferstich Hanover-Herrenhäusen: die Schloss und Gärten, 1710, Historisches Museum HannoverWas die Continuo-Sonate in C-Dur betrifft, so wirkt zum Beispiel nach den gemächlichen l/l 6-Läufen der Tempowechsel zum "Presto" mitten im ersten Satz nicht gerade bachisch. Nach dem schnellen, aber doch etwas etudenhaften Allegro
steht an dritter Stelle wieder ein edles Adagio, das sich auch harmonisch über die anderen Sätze erhebt. Ungewöhnlich für Bach-Vater wären dann die beiden sehr schlichten Menuette, mit denen die Sonate schließt. Hier könnte man gut einem Kompromißvorschlag zustimmen, wonach es sich vielleicht um eine Schülerarbeit handelt, in die "Bach korrigierend eingegriffen hat" (Eppstein).

Die Es-Dur-Sonate und die g-moll Sonate, beide durchgehend mit obligatem Cembalo, sind dagegen zwei ausgesprochen meisterhafte Werke: jedes wie aus einem Guß und beide stilistisch einander verwandt. Und da sich im Nachlaß von Johannes Brahms eine Kopie der g-moll-Sonate aus dem 18. Jahrhundert gefunden hat, auf welcher der volle Name des Komponisten, nämlich "C.P.E.Bach", genannt ist, spricht eigentlich nichts dagegen, beide Sonaten dem großen Bach-Sohn Carl Philipp Emanuel zuzuweisen.

Beide Sonaten zeichnen sich in den einleitenden Allegro-Sätzen durch ausdrucks-
volle, schon galant zu nennende Thematik und eleganten Klaviersatz aus. Klopfbässe und Terzenparallelen ergänzen das Bild einer Musik der neuen Bach-Generation. Seufzerähnliche, kurze Motive, oft guitarrenmäßig mit gebrochenen Dreiklängen vom Cembalo begleitet, und auch hier wieder gefühlvolle Terzengänge kennzeichnen das "Siciliano" der Es-Dur-Sonate. Dagegen sind im Adagio der g-moll-Sonate die langgehaltenen Töne bemerkenswert, Töne, die nicht zu Trillern verführen, die man sich viel eher leicht an- und abschwellend denken kann, und die durch die anschließend absteigenden Dreier-Achtel ein wenig Seufzercharakter erhalten.

Schließlich die geistvoll-eleganten Finalsätze: der in Es-Dur mit seinen zahlreichen Terzen, bzw. Sextenparallelen und dem lebhaften Motivspiel, der in g-moll mit den energischen Klopfbässen und dem über 2 1/2 Takte kicherhaft gestoßenen Repititionsmotiv. Das alles weist in der Tat eher auf den Bach-Sohn als auf den Vater Bach. Insgesamt läßt sich sagen, daß diese Flötenmusik, ob sie nun vom Vater oder Sohn Bach komponiert ist, durchaus über dem Niveau der zeitgenössischen Produktion steht. Das ist eine Musik, die bis heute nichts an Lebendigkeit verloren hat, und die für jeden Flötisten eine spieltechnische und musikalische Herausforderung bedeutet, der nicht viele Musiker gewachsen sind.

Uwe Martin, im Booklet

TRACKLIST

Johann Sebastian Bach
Flötensonaten - Gesamtaufnahme

("Herrenhäuser Konzert")


CD 1:                                 [59:18]

Die authentischen Sonaten

Sonate e-moll für Flöte und b.c. BWV 1034
01. I.   Adagio ma non tanto          [02:51]
02. II.  Allegro                      [02:56]
03. III. Andante                      [03:35]
04. IV.  Allegro                      [05:04]

Sonate h-moll für Flöte und obligates Cembalo BWV 1030
05. I.   Andante                      [07:40]
06. II.  Largo e dolce                [03:57]
07. III. Presto                       [06:22]

Sonate A-Dur für Flöte und obligates Cembalo BWV 1032
08. I.   Vivace                       [05:34]
09. II.  Largo e dolce                [03:26]
10. III. Allegro                      [04:44]

Sonate E-Dur für Flöte und b.c. BWV 1035
11. I.   Adagio ma non tanto          [02:59]
12. II.  Allegro                      [03:10]
13. III. Siciliano                    [03:37]
14. IV.  Allegro assai                [03:14]


CD 2:                                 [51:37]

Die nicht authentischen Sonaten

Sonate D-Dur für Flöte und b.c. BWV 1033
01. I.   Andante                      [01:55]
02. II.  Presto - Allegro             [02:43]
03. III. Adagio                       [01:54]
04. IV.  Menuet I Menuet II Menuet I  [02:54]

Sonate Es-Dur für Flöte und obligates Cembalo BWV 1031
05. I.   Allegro moderato             [03:36]
06. II.  Siciliano                    [02:18]
07. III. Allegro                      [05:02]

Sonate g-moll für Flöte und obligates Cembalo BWV 1020
08. I.   Allegro                      [04:13]
09. II.  Adagio                       [02:50]
10. III. Allegro                      [05:20]

Authentische Solosonaten

Partita a-moll für Flöte allein BWV 1013
11. I.   Allemande                    [06:04]
12. II.  Corrente                     [04:19]
13. III. Sarabande                    [05:10]
14. IV.  Bourrée Anglaise             [03:10]


Peter Martin, Flöte (Helmuth Hamming, Berlin, Nr. 414)
Natascha Konsistorum, Cembalo (Neupert, Bamberg, Modell Bach)

Aufnahme: Kleiner Sendesaal des NDR in Hannover
Aufnahmeleiter: Ingmar Haas - Toningenieur: Harro Dittrich
(P) 2000

Hannover: Schloss zu Herrenhausen, 1890 bis 1905, Farbphotolithographie

Der verwirrende Titel „Herrenhäuser Konzert“, unter dem die Doppel-CD veröffentlicht wurde, ist keine neu entdeckte Werkgruppe Bachs (wie die Brandenburger Konzerte oder die Schüblerschen Choräle), sondern eine Referenz auf die im Hannoverschen Stadtteil Herrenhausen-Stöcken gelegenen Schloß und Gärten Herrenhausen. Der Große Garten zählt zu den bedeutenden Barockgärten in Europa: Er stellt das historische Kernstück der Herrenhäuser Gärten dar, eine große, annähernd rechteckige, von einer Graft umschlossene Gartenfläche. Die nördliche Seite des Großen Gartens wurde bis zum Zweiten Weltkrieg vom Schloss Herrenhausen begrenzt, der ehemaligen Sommerresidenz der in Hannover regierenden Welfen, die 1943 durch einen Bombenangriff zerstört wurde.

CD Info (Tracklist, Covers, Booklet, Music Samples, Pictures) 48 MB
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Reposted on January 17, 2014

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CD 1, Track 5: Sonate h-moll für Flöte und obligates Cembalo BWV 1030, I. Andante



CD 2, Track 11: Partita a-moll für Flöte solo BWV 1013, I. Allemande

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