18. Januar 2019

Max Reger: Sonaten für Violoncello und Klavier

Max Reger, derselben Generation angehörend wie Arnold Schönberg und Maurice Ravel, war wie die ihm etwa Gleichaltrigen zu Beginn seiner Entwicklung vor die schier unüberwindliche Schwierigkeit gestellt, sich mit der Situation auseinanderzusetzen, die für das 19. Jahrhundert aus der Vielfalt der Beethoven-Nachfolge entstanden war. Dabei ist zu beachten, daß Reger bereits im Alter von 43 Jahren starb. Es war ihm somit ein Mozart nicht unähnliehes Schicksal beschieden, gerade noch den Anbruch einer neuen Zeit zu erleben. Dieser neuen Zeit, deren Gebot mehr war als der Wechsel von zwei Jahrhunderten oder gar nur zwei Generationen, oblag es, sich - in Weiterführung oder in Abkehr — über ihr Verhältnis zu Richard Wagner klarzuwerden. Die gerade vier Jahrzehnte, die Regers Leben umspannte, offenbaren, welche Entscheidungen in diesen Zeitraum fallen.

Als Reger geboren wurde, schrieb der vierzigjährige Johannes Brahms seine Quartette op. 51. Als Reger starb, war im Disput zwischen Busoni und Pfitzner um eine „neue Ästhetik der Tonkunst“ der Wandlungsprozess, den schon 1905 Marinetti mit seinem „Manifesto futuristico“ ausgelöst hatte, in vollem Gange. Jüngere als Regner und seine Generation, Jüngere wie Strawinsky und Bartók machten bereits von sich reden. Um so überraschender ist es, daß Reger in dieser schicksalhaft bestimmten Spanne der Zeit- und Geistesgeschichte, deren symbolischstes Merkmal die Aufhebung der in den Gesetzen der klassischen Physik verankerten Welt-Anschauung war, zwischen dem Ausklang des 19. und dem Anbruch des 20. Jahrhunderts trotz der Gedrängtheit der ihm bescherten Lebenszeit mit unbeirrbarer Sicherheit seinen eigenen Weg verfolgte und bis zum Ende unbeirrt ging.

Max Reger in seiner Wiesbadener Zeit, 1893
Er tat es, indem er sich von den lebhaften Diskussionen fernhielt. Seine - bis auf einige briefliche Äußerungen - einzige Stellungnahme erfolgte in dem schmalen Bändchen der „Modulationslehre“ (1903), in der er von dem Wunsch spricht, daß sie „an der Zerstreuung des schier undurchdringlichen Nebels“ mitwirken möge. Eindeutig bekannte er sich zunächst zu Brahms, d.h. zu der klassisch orientierten Linie der Romantik, die in Mendelssohn und Schumann ihren Ursprung hatte. In diesen Ursprung allerdings gehörte schon der Name Johann Sebastian Bachs. Auf der Suche nach einem geordneten Weg, bei der ihm in Rat und Widerspruch Hugo Riemann behilflich war, stieß er auch auf Richard Wagner, dessen Erscheinung gerade um die Jahrhundertwende zu einer nicht wegzuleugnenden Unumgänglichkeit herangewachsen war; denken wir in diesem Zusammenhang an Strauss, Pfitzner, Mahler, Schönberg und auch Debussy! […]

In Regers Kammermusik, die symptomatisch mit op. 1, der Violinsonate in d-moll (1891), begann und mit dem Klarinetten-Quintett op. 146 (1916) endete, spielen die vier Sonaten für Violoncello und Klavier deshalb eine besondere Rolle, weil an ihnen Regers Entwicklung von 1892 bis 1910 geradezu anschaulich abzulesen ist.

Die erste Sonate, op. 5 in f-moll, entstand 1892 in Wiesbaden in der Zeit seiner Zusammenarbeit mit Hugo Riemann. Ihr Entstehen verdankte sie dem Musizieren mit dem Grützmacher-Schüler Oskar Brückner (1857-1930), dem sie auch gewidmet ist. Der Selbstkritische war später wohl gegen sein Jugendwerk gar zu ungerecht, wenn er, wie aus einem Brief an Karl Straube (1905) hervorgeht, die Sonate, gemeinsam mit allen Opera zwischen 1 und 19, in Bausch und Bogen als „heillosen Blödsinn“ abtat. Die Abkehr vom eigenen Frühschaffen steigerte sich erst mit dem Zunehmen des zeitlichen Abstandes. Denn noch 1900 entschuldigte er den Impetus des Werkes mit seinem „Sturm und Drang“. Ohne von programmatischen Gedanken sprechen zu wollen, Assoziationen, die ohnedies bei Reger fehl am Platze wären, möge doch der als von Reger selbst stammend überlieferte Hinweis, von dem uns sein Weidener Lehrer Adalbert Lindner Kenntnis gibt, die Grundstimmung des von dunklen Farben umhüllten Opus begründen: von der „Vision eines Sterbenden, der auf ein verlorenes Leben zurückblickt“.

Max und Elsa Reger.
Fotographie von E. Hoenisch, 1903.
Der Neunzehnjährige befand sich zu jener Zeit in der Krise, die bald darauf seine Rückkehr in die oberpfälzische Heimat, nach Weiden, veranlaßte. Spätromantische Klangfülle, Vollgriffigkeit und ein durchgehendes Appassionato bestimmen das Gepräge der dreisätzigen Sonate. Dennoch sollte man bei aller Jugendlichkeit, die das kraftvolle Werk kennzeichnet, doch schon jene Merkmale heraushören, die auf Künftiges Verweisen, wie z.B. die harmonischen Kühnheiten des Adagio con gran affetto oder die spritzige Thematik des Finale. Als dieses op. 5 entstand, schrieb Debussy „L’apres-midi d’un faune“.

Sechs Jahre später, 1898, als Strauss sein „Heldenleben“ vollendete, befaßte sich Reger mit seiner zweiten Violoncello-Sonate, mit op. 28 in g-moll. Dieses Hugo Becker (1863-1941) dedizierte Werk, dessen Entstehungszeit nach dem c-moll-Klavierquintett und zwischen den ersten großen Orgelwerken zu Beginn der zweiten Weidener Periode ihm den bestimmenden Platz in der Entwicklung des Reger-Stils anweist, ist von Reger selbst als „schwer“ bezeichnet worden: „Es ist ein Werk“, schreibt er 1901 an Georg Stolz, „das langes Studium braucht, ehe es klar wird.“ Gegenüber op. 5, bei dem der erste Satz durch die motivisch gebundene Geschlossenheit auffällt, ist an diesem op. 28 als wesentlich das Fortschreiten zu der Planmäßigkeit und Ökonomik Regerscher Form zu betrachten. Der scherzose Charakter des Prestissimo assai, des zweiten Satzes, trägt bereits alle Züge Regerschen Humors mit seinem abrupten Wechsel der Dynamik zur Schau, während in den drei übrigen Sätzen das breite Ausschwingen der in Themenverwandtschaft verbundenen Melodik besonders charakteristisch erscheint.

Von der F-Dur-Sonate op. 78, der dritten Sonate, schrieb Reger 1904 in einem Brief an Karl Straube: „Das Werk ist bis jetzt das Beste, was ich überhaupt auf dem Gebiet der Kammermusik geschrieben habe.“ Die Sonate gehört der kampferfüllten Münchener Zeit an und steht in unmittelbarer Nähe zu den Bach-Variationen op. 81. Die Wesensverwandtschaft mit den beiden vorausgehenden Sonaten ist immer noch erkennbar. Aber die Schreibweise hat in zunehmendem Maße den Regerschen Ductus angenommen, der das Große und Geschlossene der viersätzigen Form aus einer überraschenden Summe von Kleinteilen entwickelt. Der Charakter ist durch leidenschaftliche, hier und da von einer gewissen Düsternis gekennzeichneten Vehemenz bestimmt. Aber schon im Vivacissimo mit seinem kontrastierenden Meno mosso-Mittelteil zeigt sich die bereits im Prestissimo assai von op. 28 unverkennbare scherzose-Manier Regers, und im anmutigen Andante con variazioni wird die Erinnerung wachgerufen, daß der Weg zu den Hiller-Variationen op. 100 nicht mehr weit sein sollte. Dem Werk, das Reger mit Becker zur Uraufführung brachte, war ein voller Erfolg beschieden.

Max Reger am Flügel; Bleistiftzeichnung nach einem Foto, E. Hoenisch, 1910
Es ist interessant zu verfolgen, wie sich den Violoncello-Sonaten, ganz im Gegensatz etwa zu den Violinsonaten oder Quartetten, von den Orgelwerken ganz zu schweigen, die Entfaltung der Regerschen Eigenart zuerst in den Scherze-Sätzen vollzog. Nachdem sich Reger nun nach der dritten Sonate in op. 79e mit „Kompositionen für Cello“ befaßt hatte, kam er erst 1910 wieder zu einer großformatigen Beschäftigung mit dem Violoncello. Das war im Jahr von Strawinskys „Feuervogel“. In Regers vierter und letzter Violoncello-Sonate, op. 116 in a-moll, deren Widmung den Namen Julius Klengels (1859-1933) trägt, ist nunmehr auch innerhalb seiner cellistischen Kompositionen jene „komplette“ Regersprache erreicht, die, wie gesagt, in Werken anderer Art längst erreicht war.

Wieder ist das nicht so betitelte Scherzo, der Presto-Satz, als diesbezüglicher Mittelpunkt anzusehen. Aber gerade auch in den anderen drei Sätzen, insbesondere dem Allegretto con grazia-Finale, ist die zur Einheit verbundene Vielfalt von weit ausladender Melodieführung und gedanklicher Tiefe, von elegantem Spiel und formaler Strenge, wie sie für den Reger-Stil, vornehmlich in der Klavier- und Kammermusik, charakteristisch erscheint, in vollem Ausgleich gewonnen. Das von Bejahung erfullte Werk unterscheidet sich gerade in dieser Hinsicht von den drei anderen Sonaten und bestätigt in diesem Sinne die Tatsache, daß den Sonaten für Violoncello innerhalb des Gesammtschaffens Regers besondere Bedeutung zukommt.

Reger hat sich, wie schon bemerkt, in der Öffentlichkeit kaum zu den Problemen geäußert, die seine Zeit bewegten. Die Einladung, eine Monographie über die Kammermusik und ihre Zukunft zu schreiben, lehnte er, wie er l904 zu Straube bemerkte, mit der Begründung ab, „daß da alles ästhetisches Geplänkle Unsinn ist, daß die Zukunft der Kammermusik lediglich allein von den wenigen führenden Geistern, die schaffen, gegeben wird! Und was würde es denn nützen, wenn ich den Leuten sagen würde, daß die heutige moderne Richtung der Kammermusik niemals zum Segen gereichen kann! Mag da prophezeien, wer da will! Ich schaffe!“

Quelle: Erich Valentin, im Booklet [gekürzt]

Die Abbildungen von Max Reger stammen aus dem Max-Reger-Portal  der Max-Reger-Institut/Elsa-Reger-Stiftung


TRACKLIST


MAX REGER 
(1873 - 1916)

 
DIE SONATEN FÜR VIOLONCELLO UND KLAVIER

 
CD 1                                              44:07

Sonate f-moll op. 5

1 I.   Allegro maestoso ma appassionato            9:03
2 II.  Adagio con gran affetto                     8:21
3 III. Finale:Allegro (un poco scherzando)         6:04

Sonate g-moll op. 28

4 I.   Agitato                                     7:29
5 II.  Prestississimo assai                        2:56
6 III. Intermezzo (poco sostenuto quasi adagio)    4:05
7 IV.  Allegretto grazioso                         5:40


CD 2                                              55:27

Sonate F-Dur op. 78

1 I.   Allegro con brio                            9:40
2 II.  Vivacissimo                                 3:30
3 III. Andante con variazioni                      7:58
4 IV.  Allegro vivace                              6:37

Sonate a-moll op. 116

5 I.   Allegro moderato                            9:04
6 II.  Presto                                      3:51
7 III. Largo                                       6:26
8 IV.  Allegreno con grazia                        7:50


Ludwig Hoelscher - Violoncello
Karl Heinz Lautner - Klavier

Studioaufnahme 1974 im Tonstudio Bauer, Ludwigsburg
Remastering: Teije van Geest, Sandhausen
Produktion: Rudolf Bayer

ADD (P) 1992


Umberto Eco

Reflexionen über Bibliophilie

Es ist eines, über Bibliophilie vor Bibliophilen zu sprechen, und etwas anderes, darüber mit sozusagen normalen Leuten zu reden. Die wahre Crux eines Sammlers kostbarer Bücher ist: wenn er Renaissance-Gemälde oder chinesisches Porzellan sammeln würde, könnte er sie im Wohnzimmer ausstellen, und alle Besucher wären begeistert. Der Bibliophile dagegen weiß nie, wem er seine Schätze zeigen soll: Die Nichtbibliophilen werfen einen zerstreuten Blick auf sie und begreifen nicht, wieso ein dreihundert Jahre altes Duodezbändchen mit vergilbten Seiten den Stolz dessen darstellen kann, der das letzte auf dem freien Markt erhältliche Exemplar ergattert hat; und die anderen Bibliophilen lassen oft Anflüge von Neid erkennen (auch sie hätten das Bändchen gern und ärgern sich) oder von Verachtung (sie glauben, noch seltenere Sachen in ihrer Bibliothek zu haben, oder sie sammeln andere Bücher — wer Architekturbücher aus der Renaissance sammelt, kann gegenüber der kostbarsten existierenden Kollektion von Rosenkreuzer-Pamphleten des frühen siebzehnten Jahrhunderts gleichgültig bleiben). […]

"Der Bibliophile dagegen weiß nie, wem er seine Schätze zeigen soll."
Was ist Bibliophilie?

Bibliophilie ist zwar Liebe zu Büchern, aber nicht unbedingt wegen ihres Inhalts. Gewiß gibt es Bibliophile, die nach Themen sammeln und die Bücher, die sie akkumulieren, auch lesen. Aber um viele Bücher zu lesen genügt es, eine Leseratte zu sein. Nein, der Bibliophile achtet zwar auf den Inhalt, aber er will das Objekt haben, und zwar möglichst das erste, das aus der Druckerpresse kommt. Das kann so weit gehen, daß manche Bibliophile — die ich nicht billige, aber verstehe — bei noch unaufgeschnittenen Büchern die Seiten nicht aufschneiden, um das eben erworbene Objekt nicht zu beschädigen. Ein seltenes Buch aufzuschneiden wäre für sie, wie wenn ein Uhrensammler die Gehäuse der Uhren aufbrechen würde, um das Räderwerk zu studieren.

Leseratten oder Forscher lieben es, in zeitgenössischen Büchern Stellen anzustreichen, auch weil sie dann Jahre später durch eine bestimmte Art von Unterstreichung, eine Randnotiz, einen Wechsel zwischen Schwarz- und Rotstift an eine Lektüreerfahrung erinnert werden. Ich besitze eine Ausgabe der Philosophie au Moyen Age von Etienne Gilson aus den fünfziger Jahren, die mich seit den Tagen meiner Doktorarbeit begleitet. Das Papier war damals sehr schlecht, das Buch zerbröselt beinahe, wenn man es berührt oder die Seiten umzublättern versucht. Wäre es für mich nur ein Arbeitsmittel, dann brauchte ich mir bloß eine Neuausgabe zu besorgen, die es preiswert zu kaufen gibt. Ich könnte sogar zwei Tage damit verbringen, alle Hervorhebungen zu übertragen, mitsamt den verschiedenen Farben und dem Stil meiner Randnotizen, der sich im Laufe der Jahre und der erneuten Lektüren geändert hat. Aber ich könnte es nicht über mich bringen, dieses Exemplar wegzuwerfen, das mich mit seiner altersschwachen Gebrechlichkeit an meine Studienjahre und die folgenden erinnert und somit Teil meiner Erinnerungen bleibt.

Musaeum Hermeticum, 1678, Frankfurt,
bei Herman Sande. Illustrationen von Matthaeus Merian.
Darf man in seltenen Büchern etwas unter- oder anstreichen, sei’s auch nur ganz leicht am Rande? Theoretisch muß ein perfektes Exemplar, wenn es nicht unaufgeschnitten ist, breite weiße Ränder haben, auf knackigen Seiten, die unter den Fingern rascheln. Aber einmal habe ich einen Paracelsus erworben, der aus antiquarischer Sicht keinen großen Wert darstellte, denn es war nur ein einzelner Band der Erstausgabe der Opera omnia von Huser, 1589-1591. Was ist ein einzelner Band einer Gesamtausgabe wert? Aber in zeitgenössisches Halbleder gebunden, mit aufgesetzten Bünden am Rücken, gleichmäßiger mittlerer Bräunung und handschriftlicher Signatur auf dem Titelblatt, ist der ganze Band voll von Unterstreichungen in Rot und Schwarz und zeitgenössischen Randnotizen mit Überschriften in roten Kapitälchen und lateinischen Zusammenfassungen des deutschen Textes. Das Ganze ist wunderschön anzusehen, die Anmerkungen verschmelzen mit dem gedruckten Text, und so blättere ich oft darin mit dem Vergnügen, das geistige Abenteuer desjenigen nachzuerleben, der es mit seinem handschriftlichen Zeugnis signiert hat. […]

Ein ausgehendes Gut

Das Problem ist: auch unabhängig vom Biblioklasmus ist das antiquarische Buch eine Ware, die zwangsläufig immer seltener wird. Nehmen wir ein Beispiel. Wer von seinen Eltern ein Louis-XV-Möbel, ein Gemälde aus der Schule von Ferrara oder ein Perlenhalsband geerbt hat, kann beschließen, es zu verkaufen. Davon lebt der Antiquitätenmarkt. Und dasselbe kann man tun, wenn der Herr Papa ein Dutzend Bücher aus dem achtzehnten Jahrhundert versammelt hat, womit sich erklärt, warum die Innenausstatter an den Bücherständen in Mailand und anderswo Fénelons Aventures de Télémaques in diversen Editionen erwerben können, so daß der erfahrene Bibliophile weiß, wenn er in der Wohnung eines einigermaßen wohlhabenden Mitbürgers diese Abenteuer des Telemach neben ein paar Philosophietraktätchen der Aufklärungszeit im Regal stehen sieht, daß sein Gastgeber ein Parvenü ist, der sich die Bücher meterweise vom Innenarchitekten hat auswählen lassen.

Étienne Gilson: La Philosophie au moyen Age.
Ähnlich kann man sich Ecos Exemplar vorstellen.
Wenn aber der Herr Papa ein richtiger Sammler war, dann wird er die Bücher nicht aufs Geratewohl erworben, sondern sich eine thematische Sammlung angelegt haben, und da er zu Lebzeiten nicht gewollt haben wird, daß sie verschwindet, wird er sie testamentarisch einer öffentlichen Institution vermacht haben. Oder die Erben werden angesichts einer kompletten Sammlung nicht so dumm sein, sie an die Bouquinisten zu verscherbeln, sondern werden sie renommierten Auktionshäusern wie Christie’s oder Sotheby’s anvertrauen. Daraufhin wird die Sammlung von einer amerikanischen Bibliothek oder einer japanischen Bank ersteigert und nie wieder deren Räume verlassen. Dies erklärt, warum die Preise antiquarischer Bücher, zumal wenn es Sammlungen sind, schneller steigen als die Preise alter Möbel oder Juwelen. Der Tag wird kommen, da es für alten Schmuck, barocke Möbel und Renaissancegemälde noch einen Markt gibt, während alte Bücher unveräußerliche Gegenstände geworden sind.

Die Bibliothek

Der Bücherliebhaber sammelt Bücher, um eine Bibliothek zu haben. Das klingt selbstverständlich, aber die Bibliothek ist nicht eine Summe von Büchern, sondern ein lebendiger Organismus mit eigenem Leben. Eine häusliche Bibliothek ist nicht nur ein Ort, an dem Bücher gesammelt werden, sie ist auch ein Ort, der sie für uns liest. Wie ich das meine? Nun, ich denke, jedem von uns, der eine gewisse Anzahl von Büchern besitzt, ist es widerfahren, sich jahrelang Gewissensbisse gemacht zu haben, weil er einige Bücher noch nicht gelesen hatte, die ihn jahrelang vorwurfsvoll vom Regal herab ansahen, als wollten sie ihn an seine Unterlassungssünde erinnern. Um so mehr geschieht dies bei einer Bibliothek antiquarischer Bücher, die manchmal auf Latein oder in gänzlich unbekannten Sprachen geschrieben sind (bedenken wir, daß es Bibliophile gibt, die schöne Einbände sammeln und daher auch mal ein Buch in koptischer Sprache erwerben können). Außerdem kann ein schönes altes Buch auch sehr langweilig sein. Ich glaube, jeder Liebhaber hätte gern die vier Bände des Oedipus Aegytiacus von Athanasius Kircher, deren Illustrationen faszinierend sind, aber nur wenigen wird es gelingen, den quälend komplizierten Text zu lesen.

Paracelsus: Opera omnia, von Huser, 1589-1591.
Eco besaß nur einen einzelnen Band der Erstausgabe.
Ab und zu kommt es jedoch vor, daß wir eines dieser vernachlässigten Bücher zur Hand nehmen, darin herumzulesen beginnen und entdecken, daß wir schon fast alles kennen, was darin steht. Für dieses sonderbare Phänomen, das sicherlich viele bezeugen können, gibt es nur drei vernünftige Erklärungen. Erstens: Im Lauf der Jahre hat sich durch die verschiedenen Berührungen, wenn wir das Buch umgestellt, abgestaubt oder auch bloß ein Stück zur Seite geschoben haben, um ein anderes besser herausziehen zu können, etwas von seinem Inhalt über unsere Fingerkuppen in unser Hirn übertragen, wir haben es also gewissermaßen taktil gelesen, als ob es in Blindenschrift gedruckt wäre. Ich […] glaube nicht an paranormale Phänomene, aber in diesem Fall doch, auch weil ich das Phänomen gar nicht für paranormal halte. Im Gegenteil, es ist völlig normal und wird von der Alltagserfahrung bestätigt.

Zweite Erklärung: Es stimmt gar nicht, daß wir das fragliche Buch nie gelesen haben. Jedesmal, wenn wir es abstaubten oder verschoben, haben wir einen kurzen Blick darauf geworfen, es irgendwo aufgeschlagen, etwas in der Graphik, in der Konsistenz des Papiers, in der Farbe hat uns von einer Epoche, von einem bestimmten Ambiente gesprochen, und so haben wir nach und nach einen großen Teil davon absorbiert.

Dritte Erklärung: Im Lauf der Jahre haben wir andere Bücher gelesen, in denen von diesem die Rede war, so daß wir, ohne es uns bewußtzumachen, gelernt haben, was es zu sagen hatte (sei’s daß es sich um ein berühmtes Buch handelte, von dem alle gesprochen haben, oder um ein banales, dessen Ideen so gewöhnlich sind, daß wir sie fortwährend anderswo gefunden haben).

Fénelons Aventures de Télémaques,
die seinen Besitzer als Parvenü denunzieren.
In Wahrheit glaube ich, daß alle drei Erklärungen richtig sind. Alle diese Elemente »gerinnen« gemeinsam auf mirakulöse Weise und wirken zusammen, um uns jene Seiten vertraut zu machen, die wir, strenggenommen, nie gelesen haben.

Natürlich ist der Bibliophile, auch und besonders derjenige, der zeitgenössische Bücher sammelt, der Heimtücke dessen ausgesetzt, der in seine Wohnung kommt, die vielen Regale sieht und ausruft: »So viele Bücher! Haben Sie die alle gelesen?« Die Alltagserfahrung sagt uns, daß diese Frage auch von Personen mit mehr als befriedigendem Intelligenzquotienten gestellt wird. Auf diese Zudringlichkeit gibt es meines Wissens drei Standardantworten. Die erste blockiert den Besucher und bricht jede weitere Beziehung ab, nämlich: »Gar keins hab ich davon gelesen, wozu würde ich sie sonst hierbehalten?« Allerdings entschädigt sie den Zudringlichen dadurch, daß sie sein Überlegenheitsgefühl hervorkitzelt, und ich sehe nicht ein, wieso man ihm diesen Gefallen tun soll.

Die zweite Antwort stürzt den Impertinenten in einen Zustand tiefster Unterlegenheit‚ denn sie lautet: »Nicht bloß die, mein Herr, nicht bloß die!«

Die dritte ist eine Variation der zweiten, und ich benutze sie dann, wenn ich will, daß der Besucher in eine Schreckensstarre verfällt: »Nein«, sage ich, »das sind die, die ich bis Ende nächster Woche lesen muß, die anderen habe ich in der Uni.« Da meine Mailänder Bibliothek etwa dreißigtausend Bände umfaßt, ist der Unselige nur noch darauf bedacht, den Moment des Abschieds durch Verweis auf jähe Verpflichtungen vorzuverlegen.

"...daß es Bibliophile gibt, die schöne Einbände sammeln
 und daher auch mal ein Buch in koptischer Sprache erwerben"
Was der Unselige nicht weiß, ist, daß die Bibliothek nicht nur ein Ort der Erinnerung ist, wo wir aufbewahren, was wir gelesen haben, sondern der Ort des universalen Gedächtnisses, wo wir eines Tages, im schicksalhaften Moment, auch das finden können, was andere vor uns gelesen haben.

Ein Depot oder Reservoir, in dem sich am Ende alles vermengt und vermischt und einen Schwindel erzeugt, einen Cocktail von Bildungszitaten, aber was macht das schon? Hier eine Probe des virtuellen Inhalts einer Bibliothek: Monsieurs les anglais je me suis couché de bonne heure. Tu quoque alea! Licht, mehr Licht über alles. Hier wird Italien geschaffen, oder man tötet einen toten Mann. Soldat, der davonkommt, in Gefangenschaft bist du fein raus. Fratelli d’Italia, ancora uno sforzo. Der Pflug, der die Scholle furcht, ist gut für ein anderes Mal. Italien ist erledigt, aber es ergibt sich nicht. Willkommen sei uns der Mai, wir werden im Schatten kämpfen. Drei Frauen treten rings um mein Herz ohne Wind. Der Nebel nieselt die stachligen Hügel hinauf. Von den Alpen bis zu den Pyramiden zog er in den Krieg und band sich den Helm fest. Frisch sind meine Worte am Abend durch jene vier groben Dutzendscherzchen. Immer frei auf goldenen Schwingen. Guido, ich wünschte, daß sich der Himmel entfärbte. Ich erkannte das Zittern, die Waffen, die Lieben. Frisch und klar ist die Nacht und der Kapitän. Ich erleuchte mich, frommer Ochse. Um fünf Uhr nachmittags befand ich mich in einem dunklen Wald. Im September gehen wir dahin, wo die Zitronen blühen. Auf geht’s zum lustigen Jagen: dies sind die Gascogner Kadetten. Tintarella di luna dimmi che fai. Gräfin, was ist das Leben: drei Käuzchen auf dem Vertiko.

Diese Frage kann Eco dreifach parieren. In diesem Fall vielleicht doch nicht.
Bibliophilie und Sammlerleidenschaft

Diese Art von Vertrauen in ein universales Depot des Wissens, das uns verfügbar bleibt, erklärt, warum sich der Bibliophile weniger um das Lesen als um das Akkumulieren bemüht. Insofern riskiert er, ein Sammler zu werden. Ich möchte jedoch den Unterschied zwischen Sammlern und Bibliophilen betonen. Die Sammler wollen alles haben, was man zu einem bestimmten Thema versammeln kann, und sie interessieren sich nicht so sehr für die Eigenart der einzelnen Stücke, sondern für die Vollständigkeit der Sammlung. Sie neigen dazu, aufs Tempo zu drücken. Der Bibliophile hofft, auch wenn er über ein bestimmtes Thema arbeitet, daß die Sammlerei niemals endet, daß es immer noch etwas zu suchen gibt. Und manchmal kann er sich auch in ein schönes Buch verlieben, das nichts mit seinem Thema zu tun hat.

Die Sammlerleidenschaft ist eine vielleicht jahrtausendealte Passion, schon die römischen Patrizier sammelten griechische Antiquitäten (auch falsche), und die kleinen Jungen von heute sammeln Plastikfiguren. Sammeln ist eine Art und Weise, sich eine Vergangenheit wiederanzueignen, die uns entschwindet. Aber was für eine Vergangenheit? Wer das Monatsjournal von Christie’s aufschlägt, sieht, daß Auktionen veranstaltet werden, bei denen für Hunderttausende Dollar pro Stück nicht nur Gemälde, Juwelen und Möbel verkauft werden, sondern auch »Memorabilia« wie ein paar Socken des Herzogs von Windsor. Sei’s drum, die Reichen sind eben verrückt. Aber die Armen nicht?

"Das alles sind respektable Leidenschaften, keine Frage"
In einer einzigen Nummer der Zeitschrift Collezionare habe ich einmal entdeckt, wie viele Ausstellungen oder Märkte für Sammlerobjekte es gibt. Gefragt oder angeboten werden (zusammen mit Büchern, Drucken, Briefmarken, Oldtimermodellen, Puppen, Uhren, Freimaurerobjekten, Postkarten, Bronzefiguren) auch Aufkleber und Fahrkarten, Banknoten und Minischecks, Schlüssel, Colaflaschen, Rasierklingen, Ausweise und Diplome. Eine Sektion betrifft nur mignonettes, das sind kleine Likör- oder Parfumfläschchen, auch leere. Einer tauscht 150 Parfumfläschchen gegen ungebrauchte italienische Briefmarken — man würde nun meinen, aus dem neunzehnten Jahrhundert, aus dem Kirchenstaat, aber nein, von 1978 bis 1988. Schließlich eine schöne Annonce in der Sektion Kartons und Tüten: »Suche Obstkartons. Kaufe Zuckertüten, auch volle.« Ein anderer sucht Orangenkartons von Moro Tarocco, wieder ein anderer Papierservietten aus Bars. Das alles sind respektable Leidenschaften, keine Frage, aber mich packt die Angst vor dieser zukünftigen Vergangenheit, die rings um uns konsumiert wird, das Erdnußdöschen, das ich (womöglich noch voll) im Zug liegenlasse, das gebrauchte Nescafétütchen, das im Mülleimer landet, zusammen mit Kippen und Zigarettenschachteln und leeren, ausgerissenen Streichholzbriefen (den wahren). Ich komme mir vor wie ein Vandale, ein Kalif, der die Bibliothek von Alexandria in Brand steckt. Wie schafft man es, die Archäologie von morgen so zu zerstreuen?

Ars memorandi. Ein Bildrätsel zum Matthäus-Evangelium
 [mit Lösung].
Manchmal fallen Bibliophilie und Sammlerleidenschaft zusammen. Ich habe Dr. Moris Young kennengelernt, inzwischen ein reizender Neunzigjähriger, der als gutverdienender Augenarzt sein Leben damit verbracht hat, gemeinsam mit seiner Frau zu sammeln. Er hat vielerlei Dinge gesammelt, von Artikeln für Taschenspieler bis zu Büchern über militärische Codes. Wenn eine Sammlung komplett war, verlor er jedes Interesse an ihr und verkaufte alles, um eine neue Sammlung zu beginnen. Seine umfang- und erfolgreichste Sammlung war die über das Gedächtnis. Deswegen hatte ich ihn aufgesucht, denn die neugegründete Universität von San Marino wollte ihre Bibliothek mit einem Fundus erlesener Seltenheit arrondieren und hatte von einem New Yorker Antiquar erfahren, daß Young seine Sammlung alter Bücher über Mnemotechniken verkaufen wollte. Ich wußte von ihrer Existenz, denn wer artes memoriae sammelt, kennt den Young-Katalog, eine Fundgrube für Nachrichten über alle Bücher dieser Gattung. Ich besuchte Young und entdeckte, daß er einen beachtlichen Fundus an Schriften über die Kunst des Erinnerns besaß, eine Handschrift, viele Inkunabeln, die Hauptwerke des sechzehnten, siebzehnten und achtzehnten Jahrhunderts. Aber zugleich begriff ich, warum er die Sammlung verkaufen wollte: Er wußte nicht mehr, wohin damit, obwohl er über eine zweite Wohnung verfügte, die dem Magazin eines Trödlers glich, er fand keinen Platz mehr für all das, was er, zusammen mit den seltenen Büchern, über das Gedächtnis gesammelt hatte.

Funes el memorioso
Er besaß alle Bücher, die in den letzten zweihundert Jahren darüber veröffentlicht worden waren, von Psychologen, Experten für Künstliche Intelligenz, Neurologen und Philosophen. Er besaß ein riesiges Arsenal von Spielen, die mit dem Gedächtnis zu tun hatten, und andere Memorabilia, bis hin zu Täßchen mit der Aufschrift Remember me, dazu Manuskripte und Briefe von Gedächtnisforschern. Als ein wahrer Funes el memorioso der Memoria hatte er alles zusammengetragen, was irgendwie an das Gedächtnis erinnern konnte. Inzwischen fehlte ihm nichts mehr, und so verkaufte er. Wie jeder gute Bibliophile verkaufte er an eine kulturelle Institution, damit sein Erbe nicht in alle Winde zerstob, sondern unveräußerlich wurde. Doch er war so wenig ein Bibliomane, daß er sich inzwischen leicht davon trennen konnte.

Der Bibliophile und das Ende des Buches

Den Bibliophilen schreckt weder das Internet noch die CD-ROM, noch das E-Book. Im Internet findet er heute die Antiquariatskataloge, auf CD-ROM die Werke, die ein Privatmann nur schwer zu Hause haben könnte, wie die 221 Foliobände der Patrologia Latina von Migne, in einem E-Book könnte er leicht die gewünschten Bibliographien und Kataloge mit sich herumtragen, so daß er ein kostbares Repertoire immer bei sich hätte, besonders wenn er eine Ausstellungsmesse für antiquarische Bücher besucht. Im übrigen vertraut er darauf, daß selbst wenn die Bücher verschwinden würden, sich der Wert seiner Sammlung verdoppeln, was sage ich, verzehnfachen würde. Also, pereat mundus!

"Was für ein schönes und praktisches Ding ist ein Buch!"
Aber der Bibliophile weiß auch, daß das Buch noch ein langes Leben hat, und das wird ihm gerade dann klar, wenn er liebenden Blickes seine eigenen Regale mustert. Wären all diese Informationen, die er da akkumuliert hat, seit den Zeiten Gutenbergs auf einem Magnetband aufgezeichnet worden, hätten sie dann wohl zwei-, drei-, vier-, fünfhundert, fünfhundertfünfzig Jahre überdauern können? Und wären dann mitsamt den Inhalten der Werke auch die Spuren derer überliefert worden, die sie vor unserer Zeit berührt, aufgeschlagen, mit Anmerkungen versehen, herumgestoßen und oft mit dreckigen Fingern beschmutzt haben? Und könnte man sich in eine Diskette verlieben, so wie man sich in eine feste weiße Buchseite verlieben kann, die unter den Fingern knackt und knistert, als wäre sie gerade aus der Druckerpresse gekommen?

Was für ein schönes und praktisches Ding ist ein Buch! Es läßt sich überall in die Hand nehmen, auch im Bett, auch in einem Boot, auch dort, wo es keine Steckdosen gibt, auch wenn alle Batterien leer sind, es erträgt Anstreichungen und Eselsohren, man kann es auf den Boden fallen oder aufgeschlagen auf die Brust oder auf die Knie sinken lassen, wenn einen der Schlaf überkommt, es paßt in die Jackentasche, es kann angestoßen werden, es registriert die Intensität, die Beharrlichkeit oder die Regelmäßigkeit unserer Lektüre, es erinnert uns daran (wenn es zu frisch und unberührt aussieht), daß wir es noch nicht gelesen haben …

Das Format des Buches wird durch unsere Anatomie bestimmt. Es kann sehr große Bücher geben, aber die haben meistens dokumentarische oder dekorative Funktion. Das Standardbuch darf nicht kleiner als eine Zigarettenschachtel und nicht größer als eine Zeitung im Tabloid-Format sein. Seine Größe ist abhängig von den Dimensionen unserer Hand, und diese haben sich - zumindest bisher - trotz Bill Gates nicht geändert.

Die Umkehrung: Der Tisch als Bücherstapel.
Eine Funktion des Bibliophilen besteht auch darin, jenseits der persönlichen Befriedigung seiner privaten Wünsche Zeugnis über die Vergangenheit und die Zukunft des Buches abzulegen. Ich erinnere an die erste Buchmesse in Turin, auf der man eine große Abteilung für antiquarische Bücher reserviert hatte (danach scheint diese schöne Gewohnheit verlorengegangen zu sein). Schulkinder kamen zu Besuch auf die Messe, und ich habe manche von ihnen vor den Vitrinen kleben sehen, wo sie zum ersten Mal entdeckten, was ein richtiges Buch ist, nicht so ein Heftchen am Bahnhofskiosk, sondern ein Buch mit allen Attributen am richtigen Fleck. Sie erinnerten mich an den Barbaren bei Borges, der zum ersten Mal jenes Meisterwerk der menschlichen Kunst sieht, das eine Stadt ist. Er fiel vor Ravenna auf die Knie und wurde Römer. Mir würde es genügen, wenn die Kinder aus Turin wenigstens ein erhebendes Gefühl mit nach Hause nahmen, vielleicht einen wohltätigen Wurmstich.

Ach ja, ich vergaß, zur Leidenschaft des Bibliophilen gehören auch die Wurmstiche. Nicht alle vermindern den Wert eines Buches. Einige wirken, wenn sie nicht den Text affizieren, wie zarte Klöppelspitzen. Ich gestehe hier, ich liebe auch diese. Natürlich bekunde ich gegenüber dem Antiquar, der mir das Buch verkauft, Mißfallen und Abscheu, um den Preis zu drücken. Aber ich sage es offen, aus Liebe zu einem schönen Buch ist man bereit zu jeder Gemeinheit.

Quelle: Umberto Eco: Die Kunst des Bücherliebens. (Übersetzt von Burkhart Kroeber). Carl Hanser Verlag, München 2009. ISBN 978-3-446-23293-8. Zitiert wurden die Seiten 30, 32-33, 43-53


Noch mehr Cellosonaten? - Bitte schön ...

... von Anton Rubinstein (1829-1894). | Mit auftauchenden und verschwindenden Bildern (Manlio Brusatin).

... von Claude Debussy (1862-1918). | Mit dem Konzept des "Allgemeinen Dreiecks" (Friedrich Wille).

... von Johannes Brahms (1833-1897). | Mit Delacroix und E. T. A. Hoffmann.



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7. Januar 2019

Max Reger: Streichtrio a-moll op. 133 & Klavierquartett d-moll op. 141b

In Max Regers OEuvre nimmt die Kammermusik nicht nur den größten Teil ein, ihr galt auch sein kontinuierliches Interesse von der Violinsonate op. 1 bis zum kurz vor seinem Tod vollendeten Klarinettenquintett op. 146. Dabei überwiegt die Klavierkammermusik, die er als Pianist persönlich propagierte und mit höchst kompliziertem Klavierpart ausstattete; doch bedachte er auch die Streicher vom Solo bis zum Sextett mit bedeutenden Werken.

Drei Jahre hatte Reger als umjubelter Meininger Hofkapellmeister seine Kräfte verausgabt, bis ihn ein Zusammenbruch im Frühjahr 1914 zur Amtsniederlegung zwang. Während einer Kur in Meran plante er neben den Mozart-Variationen op. 132 auch ein Klavierquartett a-moll, das noch vor Abschluss des Orchesterwerks im Juli 1914 in Meiningen begonnen und im ersten Weltkriegsmonat als op. 133 fertiggestellt wurde. Vom Klangideal der Mozart-Variationen, in denen „jede Note auf Klang berechnet" sei, ist auch dieses Quartett beherrscht, dessen freiströmende Melodik durch starke Chromatik eine besondere Weichheit und Süße erhält.

Die Streicherstimmen werden als homogener Klangkörper behandelt, treten nicht in einen Wettstreit, sondern verdoppeln einander häufig paarweise oder im unisono, wodurch die Linien plastisch hervortreten und abschattiert werden. Auch das Klavier nutzt alle Klangregister, verdunkelt mit oktavierten Bässen oder leuchtet mit perlenden Läufen. An Ausdruckstiefe und Intensität Opus 113 nicht nachstehend, dämpft das a-moll Quartett dessen Ausbrüche: Das con passione des Kopfsatzes ist schwermütig gemildert, das Scherzo spukhaft, im langsameren Trioteil mit einem 55-taktigen Orgelpunkt der Bratsche träumerisch verhalten, das Largo con gran espressione innerlich wie ein Gebet; das der Ausdruckssphäre des Scherzos verwandte Finale con spirito neigt zu grimmigem Spaß. Über dem Ganzen liegt ein resignativer, ja pessimistischer Zug, aus dem die Stimmen nur mit Kraftanstrengung herausbrechen, um mit Ausnahme des Finales im ppp zu verebben. Das Quartett wurde von der Kritik sofort angenommen und „zum Schönsten, Reifsten und Geläutertsten" gezählt, das Reger geschrieben habe, „zugleich zum Gehaltvollsten, was die moderne Kammermusik hervorgebracht."

„Nun beginnt der freie jenaische Stil", kündigte Reger nach dem Umzug in die Universitätsstadt im Frühjahr 1915 an und fühlte sich von den Zwängen seines Amts, aber auch vom Druck, Repräsentant der Avantgarde zu sein, befreit. Wenige Monate gelang ihm auch die Befreiung vom Konzertleben, so dass ein Großteil seines Spätwerks in ungewohnter häuslicher Ruhe entstand. Der Rückzug ins Private hatte aber auch resignative Züge: Den Bruch mit der Tonalität, den Arnold Schönberg vollzogen hatte, wollte er nicht mitmachen, der einer Aufgabe seines Koordinatensystems gleich gekommen wäre. Als bewusster Einzelgänger blieb er sich selbst treu und bemühte sich mit jedem Werk zu steigern; und so überrascht es nicht, dass er seinen ästhetischen Standort von 1904 überprüfte und erneut eine Flötenserenade op. 141a mit einem diesmal nur dreisätzigen Streichtrio d-moll op. 141b als „Miniaturkammermusik“ konzipierte. „Das Werk ist wirklielt gut", konstatierte er befriedigt und tatsächlich ist das Streichtrio mit einem melodiösen Variationssatz und einer graziösen Schlussfuge ein ganz „echter Reger", der trotz der Beschränkung die Klangfülle seines Spätwerks aufbietet.

Quelle: Susanne Popp, im Booklet (gekürzt)

Max Reger.
Fotographie von Hermann Weiler, 08. 10. 1915

TRACKLIST


MAX REGER
(1873-1916)


Piano Quartet in A minor, Op. 133                   38:50

1 Allegro con passione (non troppo allegro) 12:54
2 Vivace                                     5:17
3 Largo con gran espressione                12:03
4 Allegro con spirito                        8:21

String Trio in D minor, Op. 141b                    20:55

5 Allegro                                    8:40
6 Andante molto sostenuto con variazioni     8:50
7 Vivace                                     3:19

                                      Playing Time: 59:52

Aperto Piano Quartet:
  Gernot Süßmuth, Violin (1-7)
  Stefan Fehlandt. Viola (5-7)
  Hans-Jakob Eschenburg. Cello (1-7) 
  Frank-Immo Zichner. Piano (1-4)  
Felix Schwartz, Viola (1-4)

Recorded at the Sendesaal des Hessischen Rundfunks, Frankfurt am Main,
16.-18. September 2002 (tracks 1-4) and at Siemensvilla, Berlin-Lankwitz,
27.-28. February 2007 (tracks 5-7).
Producer: Christoph Claßen (1-4), Christoph Franke (5-7)
Engineer: Rüdiger Orth (1-4), Henri Thaon (5-7)

Co-produced by Hessischer Rundfunk (1-4) and Deutschlandradio Kultur (5-7).
(P) + (C) 2008 


Giuseppe Tomasi di Lampedusa

Der Gattopardo


Die durch die geschlossenen Fensterläden von der Sonne still erhellten Kontorräume waren noch ausgestorben. Obwohl dies der Ort in der Villa war, in dem die meisten Unbesonnenheiten begangen wurden, strahlte er strenge Nüchternheit aus. Von den gekalkten Wänden spiegelten sich die riesigen Bilder der Lehnsgüter des Hauses Salina im glänzend gebohnerten Fußboden: die in lebhaften Farben zwischen den schwarz-goldenen Rahmen hervortretende Insel Salina, die Insel der Zwillingsberge, umgeben von einem schaumgekrönten Meer, auf dem beflaggte Galeeren schaukelten; Querceta mit seinen gedrängten Häusern rund um die Pfarrkirche, auf die bläuliche Pilgergruppen zustrebten; Ragattisi, geduckt zwischen den engen Schluchten; Argivocale, winzig in der Grenzenlosigkeit der mit fleißigen Schnittern gesprenkelten Getreidefelder; Donnafugata mit seinem Barockpalast, Ziel von scharlachroten Kutschen, hellgrünen Kutschen, goldenen Kutschen, die vermutlich mit Frauen und Flaschen und Fiedeln beladen waren; und viele andere mehr, alle unter dem klaren, tröstenden Himmel von der unter ihren langen Schnurrhaaren lächelnden Pardelkatze beschützt. Jedes fröhlich, jedes danach strebend, Galgen und Stock, die »lautere und vermengte Gewalt und Gericht« des Hauses Salina zu besingen. Naive Meisterwerke der Volkskunst des letzten Jahrhunderts; ungeeignet jedoch, Grenzen festzulegen, Gebiete und Einkünfte zu bestimmen; Dinge, die in der Tat niemanden kümmerten. Der Reichtum hatte sich in den vielen Jahrhunderten seines Vorhandenseins in eine Zierde verwandelt, in Luxus, in Vergnügen; in nichts anderes sonst; die Abschaffung der Lehnsrechte hatte die Pflichten und zugleich die Privilegien geköpft; der Reichtum hatte, wie ein alter Wein, den Bodensatz der Habgier, der Fürsorglichkeit, auch den der Umsicht im Faß abgesetzt, um nur die Glut und die Farbe zu bewahren. Schließlich hob er sich selber auf: dieser Reichtum, der seinen Zweck erfüllt hatte, setzte sich nur noch aus ätherischen Ölen zusammen, und wie die ätherischen Öle verflüchtigte er sich schnell. Bereits waren etliche jener fröhlichen Lehnsgüter fortgeflogen und überdauerten bloß durch die Namen und auf den bunten Leinwänden. Andere glichen den Septemberschwalben, die noch nicht weggezogen waren, sich aber, zum Abflug bereit, ohrenbetäubend zwitschernd auf den Bäumen versammelten. Doch es waren viele; es schien, als könnten nie alle weg sein.

Trotz dieser letzten Feststellung beschlich den Fürsten beim Betreten seines Arbeitszimmer jedesmal ein bedrückendes Gefühl. In der Mitte des Raums thronte ein Schreibtisch mit Dutzenden von Schubladen und Schublädchen, Nischen, Vertiefungen, Verstecken und schrägen Flächen. Das Ungetüm aus gelbem und schwarzem Holz war ausgehöhlt und mit Attrappen gespickt wie eine Bühne, voller ausziehbarer Regale, Geheimfächer, komplizierter Mechanismen, die, außer den Dieben, niemand mehr betätigen konnte. Er war mit Papieren bedeckt, obwohl die weise Voraussicht des Fürsten dafür gesorgt hatte, daß sich die meisten auf die unerschütterlichen‚ von der Astronomie beherrschten Regionen bezogen, aber der Rest reichte, um des Fürsten Herz mit Mißmut zu erfüllen. Er erinnerte sich plötzlich wieder an König Ferdinands Schreibtisch in Caserta, auch jener mit Dokumenten und zu fallenden Entscheidungen überhäuft, dank derer man sich der trügerischen Hoffnung hingeben konnte, auf den Sturzbach der Schicksale einwirken zu können, der aber, eigenmächtig, durch eine andere Schlucht zu Tale stürzte.

Don Fabrizio mußte an ein kürzlich in den Vereinigten Staaten von Nordamerika entdecktes Medikament denken, unter dessen Wirkung man während der qualvollsten Operationen keine Schmerzen verspürte und in der Bedrängnis heiter blieb. Morphium war es genannt worden, dieses primitive Surrogat des heidnischen Stoizismus, der christlichen Ergebung. Dem König ersetzte die schimärische Regentschaft das Morphium; er, Salina, hatte eines von erlesenerer Zusammensetzung: die Astronomie. Er verscheuchte die Bilder des verlorenen Ragattisi und des wankenden Argivocale und vertiefte sich in die Lektüre der jüngsten Ausgabe des Journal des savants. »Les dernières observations de l'Observatoire de Greenwich présentent un intérét tout particulier …«

Er mußte sich jedoch schon bald von den stillen Himmelsräumen abkehren. Don Ciccio Ferrara, der Buchhalter, kam herein. Er war ein hageres Männchen, der die enttäuschte gierige Seele eines Liberalen hinter einer beruhigenden Brille und einem makellosen Krawättchen verbarg. An jenem Morgen war er munterer als sonst: es war offensichtlich, daß die Neuigkeiten, die Pater Pirrone so entmutigt hatten, auf den Mann wie ein Tonikum gewirkt hatten. »Schlechte Zeiten, Exzellenz«, sagte er nach den zeremoniellen Begrüßungen, »es geschehen unerfreuliche Dinge, doch nach dem bißchen Durcheinander und den Schießereien wird wieder Ordnung herrschen, glorreiche neue Zeiten werden für unser Sizilien anbrechen; wenn nicht viele Mütter ihre Söhne opfern müßten, könnten wir uns darüber nur freuen.« Der Fürst brummte etwas, ohne eine klare Meinung zu äußern. »Don Ciccio«, sagte er dann, »wir jedenfalls müssen Ordnung in die Eintreibung der Pachtzinsen für Querceta bringen; seit zwei Jahren hat man von dort nicht einen halben Tarì gesehen.« »Die Buchführung ist nachgeführt, Exzellenz.« Das war der magische Satz. »Wir brauchen bloß don Angelo Mazza zu schreiben, er soll das Notwendige veranlassen; ich werde Euch noch heute den Brief zur Unterschrift vorlegen«, und er ging, um eifrig in den mächtigen Hauptbüchern zu blättern, in denen, mit zwei Jahren Verspätung, außer den tatsächlich wichtigen, alle Rechnungen des Hauses Salina mit gestochen scharfer Schrift minuziös eingetragen waren.

Wieder allein, schob Don Fabrizio sein Eintauchen in die Spiralnebel hinaus. Er war wütend, nicht etwa über die sich ankündenden Ereignisse, sondern über Ferraras Dummheit, in dem er plötzlich eine der in Zukunft führenden Klassen erkannt hatte. »Was der gute Mann sagt, ist genau das Gegenteil der Wahrheit. Er bedauert die vielen Mütter, deren Söhne krepieren müssen, obwohl es sehr wenige sein werden, wenn ich den Charakter der zwei Gegner richtig einschätze: kein einziger mehr, als es in Neapel oder Turin, was letztlich aufs gleiche herauskommt, für die Abfassung eines Siegesbulletins braucht. Er hingegen glaubt an die ›glorreichen Zeiten für unser Sizilien‹, wie er es ausdrückt; was uns seit Nicias bei jeder der hundert Landungen versprochen wurde und nie eingetreten ist. Und im übrigen, warum hätte es eintreten sollen? Was wird also als nächstes geschehen? Von Feuergefechten unterbrochene Verhandlungen, und nachher wird alles sein, wie es war, während sich alles geändert hat.« Er hatte sich an die doppeldeutigen Worte Tancredis erinnert, deren tieferen Sinn er jetzt verstand. Er beruhigte sich und vergaß, in der Zeitschrift zu blättern. Er betrachtete die versengten, ausgehöhlten und wie das Elend ewigen Abhänge des Monte Pellegrino.

Kurz darauf kam Russo, der Flurwächter, der Mann, den der Fürst für den einflußreichsten seiner Untergebenen hielt. Schlank, geradezu elegant in seiner kordsamtenen Joppe, gierige Augen unter einer skrupellosen Stirn, war er für Don Fabrizio die vollkommene Verkörperung eines aufsteigenden Standes. Unterwürfig übrigens und fast aufrichtig ergeben, beging er seine Diebereien in der Überzeugung, von einem Recht Gebrauch zu machen. »Ich kann mir vorstellen, wie sehr sich Eure Exzellenz über die Abreise des jungen Herrn Tancredi ängstigt; doch ich bin sicher, seine Abwesenheit wird nicht lange dauern, und alles wird ein gutes Ende nehmen.« Der Fürst sah sich ein weiteres Mal einem sizilianischen Rätsel gegenüber. Auf dieser verschwiegenen Insel, wo man die Häuser verrammelt und die Bauern behaupten, sie würden den Weg zu ihrem Dorf nicht kennen, das man auf dem Hügel, zehn Minuten entfernt, vor sich sieht, auf dieser Insel war Verschwiegenheit, trotz des zur Schau getragenen Luxus des Geheimnisvollen, ein Mythos.

Er bedeutete Russo, sich zu setzen, schaute ihm fest in die Augen. »Pietro, reden wir von Mann zu Mann, bist auch du in diese Geschichten verwickelt?« Darin verwickelt sei er nicht, antwortete dieser, er sei Familienvater, und solche Risiken seien Sache von Jüngeren wie dem jungen Herrn Tancredi. »Ich bitte Euch, wie könnte ich vor Eurer Exzellenz etwas verbergen, der Ihr für mich wie ein Vater seid.« (Dabei hatte er vor drei Monaten in seiner Scheune hundertfünfzig Körbe Zitronen versteckt, die dem Fürsten gehörten, und wußte, daß der Fürst es wußte.) »Doch ich muß zugeben, daß mein Herz bei ihnen ist, bei jenen tapferen jungen Männern.« Er stand auf, um Bendicò hereinzulassen, der unter seinem liebenden Ungestüm die Tür erzittern ließ. Er setzte sich wieder. »Eure Exzellenz weiß es; es ist nicht mehr zum Aushalten: Hausdurchsuchungen, Verhöre, Papierkram für alles und jedes, ein Sbirre an jeder Ecke; ein anständiger Mensch darf sich nicht einmal mehr um die eigenen Angelegenheiten kümmern. Nachher aber, nachher werden wir in Freiheit, in Sicherheit leben, werden niedrigere Steuern bezahlen, werden Vorteile haben, werden Handel treiben können. Es wird uns allen bessergehen: bloß die Pfaffen werden das Nachsehen haben. Der HErr beschütze arme Teufel wie mich, und nicht jenes Pack.« Don Fabrizio lächelte: er wußte, daß ausgerechnet er, Russo, mittels eines Strohmanns Argivocale kaufen wollte. »Es wird Schießereien und Unruhen geben, aber Villa Salina wird sicher sein wie eine Burg; Exzellenz ist unser Vater, und ich habe viele Freunde hier. Die Piemonter werden das Haus nur mit dem Hut in der Hand betreten, um Ihren Exzellenzen die Ehre zu erweisen. Und erst noch dem Onkel und Vormund von Don Tancredi!« Der Fürst fühlte sich gedemütigt: er sah sich in den Rang eines Schützlings von Russos Freunden herabgewürdigt; sein einziges Verdienst bestand offenbar darin, der Onkel dieser Rotznase von einem Tancredi zu sein. »In einer Woche werde ich mein Leben dank Bendicò retten, so weit kommt es noch.« Er zwirbelte das Ohr des Hundes kräftig zwischen den Fingern, daß das arme Tier, sichtlich geehrt, aber leidend, leise jaulte.

»Alles wird besser werden, glaubt mir, Exzellenz«, fuhr Russo fort, »die ehrlichen und fleißigen Männer werden sich durchsetzen. Alles andere wird sein wie früher.« Don Fabrizio war erleichtert: diese Leute, diese schlitzohrigen Landliberalen, wollten sich bloß leichter Vorteile verschaffen. Das war alles. Und die Schwalben würden früher wegziehen. Was soll's, im Nest blieben noch viele zurück.

»Vielleicht hast du recht. Wer weiß.« Jetzt hatte er alle verborgenen Bedeutungen ergründet: Tancredis rätselhafte Worte, die pathetischen Ferraras, die falschen, jedoch vielsagenden Russos hatten ihr beruhigendes Geheimnis preisgegeben. Vieles würde geschehen, doch alles würde nur eine Komödie sein, eine lärmende romantische Komödie mit ein paar Blutflecken auf dem Narrenkostüm. Sizilien war das Land des Sich-Arrangierens, die französische Rage fehlte hier; nebenbei bemerkt, wann war, abgesehen von Juni achtundvierzig, in Frankreich etwas Ernsthaftes geschehen? Wäre seine angeborene Höflichkeit nicht gewesen, hätte er am liebsten zu Russo gesagt: »Ich habe bestens verstanden: ihr wollt uns, ›eure Väter‹‚ nicht zugrunde richten; ihr wollt bloß unseren Platz einnehmen. Sanft, mit guten Manieren, uns vielleicht sogar ein paar tausend Dukaten zustecken. Habe ich recht? Dein Neffe, lieber Russo, wird allen Ernstes glauben, ein Baron zu sein; und du wirst, was weiß ich, dank deines Namens zum Nachfahren eines Bojaren des Herzogtums Moskau werden und wirst nicht mehr der Sohn eines rothaarigen Bauerntölpels sein, wie dein Name unleugbar verrät. Deine Tochter wird schon vorher einen von uns geheiratet haben, vielleicht sogar ebendiesen Tancredi mit seinen blauen Augen und seinen schmalen gelenkigen Händen. Im übrigen ist sie hübsch, und wenn sie erst einmal gelernt hat, sich zu waschen... Damit alles bleibt, wie es ist. Wie es im Grunde ist: bloß die Klassen werden nach und nach ausgetauscht werden. Meine goldenen Schlüssel eines königlichen Kämmerers, die kirschfarbene Kordel des Ritterordens von San Gennaro werden in der Schublade bleiben müssen und schließlich in einer Vitrine von Paolos Sohn landen, doch die Salina werden die Salina bleiben; allenfalls bekommen sie als Trost diese oder jene Entschädigung: den Senat von Sardinien, das pistaziengrüne Band des Mauritius-und-Lazarus-Ordens. Flitterkram das eine wie das andere.«

Er stand auf: »Pietro‚ sprich mit deinen Freunden. Im Haus sind viele junge Damen, sie dürfen sich nicht ängstigen.« »Ich war sicher, Exzellenz; ich habe bereits gesprochen: in der Villa Salina wird es ruhig sein wie in einem Kloster.« Und er lächelte liebenswürdig ironisch.

Don Fabrizio verließ das Kontor, gefolgt von Bendicò; er wollte zu Pater Pirrone hinauf, doch der flehende Blick des Hundes zwang ihn, statt dessen in den Garten zu gehen: Bendicò hatte nämlich überschwengliche Erinnerungen an die gründliche Arbeit des gestrigen Abends bewahrt und wollte diese nach allen Regeln der Kunst zu Ende bringen. Der Garten duftete noch intensiver als am Tag zuvor, und das Gold der Akazie wirkte in der Morgensonne diskreter. »Doch die Könige, unsere Könige? Und die Legitimität, was ist damit?« Sein Blick verdüsterte sich bei diesem Gedanken, die Frage ließ sich nicht vermeiden, einen Moment lang fühlte er sich wie Malvica. Diese zutiefst verachteten Ferdinands, diese Franz’, sie kamen ihm wie ältere Brüder vor, vertrauensvoll, liebevoll, gerecht, echte Könige. Doch die im Fürsten besonders wachsame Abwehr, die seine innere Ruhe verteidigte, eilte bereits mit der Feldartillerie des Rechts, mit der Festungsartillerie der Geschichte zu Hilfe. »Und was ist mit Frankreich? Mit Napoleon III.? Und leben sie vielleicht nicht glücklich, die Franzosen, unter diesem aufgeklärten plebiszitären Kaiser, der sie zweifellos zu höchsten Geschicken bringen wird? Seien wir ehrlich: Karl III., war bei ihm vielleicht alles rechtens? Auch die Schlacht bei Bitonto hatte sich nicht wesentlich von der Schlacht bei Corleone unterschieden, oder von der bei Bisaquino, oder was weiß ich wo, in der die Piemonter den Unsrigen einen Denkzettel verpassen werden; eine von diesen Schlachten, die geschlagen werden, damit alles bleibt, wie es ist. Und schließlich war auch Jupiter nicht der rechtmäßige König des Olymps.«

Das im "Gattopardo" beschriebene
Familienwappen
Es war naheliegend, daß Jupiters Staatsstreich gegen Saturn ihm die Sterne in Erinnerung rief.

Er ließ den vor Tatkraft außer Atem geratenen Bendicò allein, ging die Treppe hinauf, durchquerte die kleinen Salons, wo die Töchter über die Freundinnen aus der Klosterschule plauderten (die Seide ihrer Röcke raschelte, als sie sich ehrerbietig grüßend erhoben), ging eine lange Stiege hinauf und trat in das strahlend blaue Licht des Observatoriums hinaus. Pater Pirrone saß ganz vertieft über seinen algebraischen Formeln, mit dem gelassenen Gesichtsausdruck des Priesters, der die Messe gelesen und starken Kaffee und Zuckerbrötchen aus Monreale gefrühstückt hat. Die zwei von der Sonne geblendeten Teleskope und die drei Fernrohre mit dem schwarzen Deckel auf dem Okular kuschten brav, gut erzogene Tiere, die wußten, daß ihnen ihre Mahlzeit nur abends vorgesetzt wird.

Das Erscheinen des Fürsten riß den Priester aus seinen Berechnungen und erinnerte ihn an den unseligen gestrigen Abend. Er stand auf, grüßte ehrfürchtig, konnte es sich aber nicht verkneifen hinzuzufügen: »Kommt Eure Exzellenz zur Beichte?« Don Fabrizio, den der Schlaf und die morgendlichen Gespräche die nächtliche Episode hatten vergessen lassen, war verblüfft. »Beichten? Heute ist doch nicht Samstag!« Doch dann erinnerte er sich und lächelte: »Eigentlich, Hochwürden, müßte das gar nicht sein. Ihr wißt ja schon alles.« Dieses Beharren auf der aufgezwungenen Komplizenschaft ärgerte den Jesuiten. »Exzellenz, die Wirksamkeit der Beichte besteht nicht nur im Bekennen der Schuld, sondern im Bereuen des begangenen Bösen; und bis Ihr das nicht getan und mir nicht gezeigt habt, bleibt Ihr im Zustand der Todsünde, ob ich nun Eure Handlungen kenne oder nicht.« Er blies pedantisch ein Härchen von seinem Ärmel und vertiefte sich wieder in seine Abstraktionen.

Die Ruhe, die dank der politischen Erkenntnisse des Vormittags die Seele des Fürsten erfüllte, war so groß, daß er bloß lächelte über das, was er sonst als Dreistigkeit empfunden hätte. Er öffnete eines der Turmfenster. Die Landschaft entfaltete all ihre Pracht. Unter dem Ferment der gleißenden Sonne schien jeder Gegenstand schwerelos zu sein: das Meer im Hintergrund war ein Flecken reiner Farbe, die Berge, die einem nachts furchterregend und voller Hinterhalte erschienen, waren jetzt nur noch sich auflösende Dunstmassen, und selbst das düstere Palermo breitete sich friedlich rund um die Klöster aus wie eine Herde zu Füßen des Hirten. Die auf der Reede vor Anker liegenden ausländischen Schiffe, die, in Erwartung von Unruhen geschickt, das Gefühl der Angst nicht auf die staunende Ruhe zu übertragen vermochten. Die Sonne, die an jenem Morgen des 13. Mai noch weit vom Zenit ihrer Glut entfernt war, erwies sich als die wahre Herrscherin Siziliens; die gewalttätige, impertinente Sonne, die narkotisierende Sonne auch, die den Willen des einzelnen auslöschte und alles und jedes in sklavischer Reglosigkeit erstarren ließ, in gewalttätigen Träumen wiegte, in Gewalttätigkeiten, die an der Willkür der Träume teilhatten.

»Es wird etliche Viktor Emanuels brauchen, um diesen Zaubertrank zu verändern, der uns ständig eingegossen wird.«

Pater Pirrone war aufgestanden, hatte den Gürtel zurechtgeschoben und war mit ausgestreckter Hand auf den Fürsten zugegangen. »Exzellenz, ich bin vielleicht zu schroff gewesen; bewahrt mir Euer Wohlwollen, doch hört auf mich: beichtet.«

Giuseppe Tomasi di Lampedusa
Das Eis war gebrochen, und der Fürst konnte Pater Pirrone von seinen politischen Erkenntnissen berichten. Der Jesuit war jedoch weit davon entfernt, die Erleichterung des Fürsten zu teilen, ja, er wurde sogar bitter: »Mit anderen Worten, Ihr Herren einigt Euch auf unsere Kosten, auf Kosten der Kirche also, mit den Liberalen, was sage ich, mit den Liberalen!, mit den Freimaurern sogar. Denn es liegt auf der Hand, daß unsere Güter, Güter, die das Vermögen der Armen sind, zusammengerafft und willkürlich unter den schamlosesten Rädelsführern aufgeteilt werden; und wer wird dann den Hunger der Ärmsten stillen, die heute noch von der Kirche gespeist und geleitet werden?« Der Fürst schwieg. »Womit wird man dann die aufgehetzten Massen Enterbter besänftigen? Ich werde es Euch sagen, Exzellenz: Zuerst wird man ihnen einen Teil, dann einen zweiten Teil und zuletzt alle Eure Ländereien zum Fraß vorwerfen. Und Gott wird Seine Gerechtigkeit geübt haben, wenn auch mit Hilfe der Freimaurer. Der HErr heilte die körperlich Blinden; doch die geistig Blinden, was wird aus denen?«

Der betrübte Pater war außer Atem: der aufrichtige Schmerz über die vorhersehbare Vergeudung des Kirchenvermögens verband sich in ihm mit der Reue, weil er sich erneut hatte hinreißen lassen, und mit der Furcht, den Fürsten verletzt zu haben, dem er aufrichtig zugetan war und dessen polternden Zorn, aber auch dessen gelassene Güte er erfahren hatte. Daher setzte er sich besorgt und beobachtete Don Fabrizio aus dem Augenwinkel, der mit einer kleinen Bürste die Getriebe eines Fernrohrs reinigte und ganz in seine minuziöse Arbeit vertieft zu sein schien, schließlich stand er auf, säuberte mit einem Lümpchen sorgfältig die Hände: sein Gesicht war ausdruckslos, seine hellen Augen schienen sich einzig und allein darauf zu konzentrieren, auch das kleinste in der Nagelwurzel versteckte Fettrestchen aufzuspüren. Rund um die Villa war die leuchtende Stille tief und äußerst herrschaftlich; eher hervorgehoben denn gestört von einem weit, weit entfernten Bellen Bendicòs, der zuhinterst im Zitrusgarten wütend den Hund des Gärtners anblaffte, und vom dumpfen rhythmischen Schlagen des Küchenmessers eines Kochs, der in der Küche unten auf dem Hackbrett das Fleisch für das nicht mehr ferne Mittagessen zerkleinerte. Die hoch am Himmel stehende Sonne hatte sowohl den Aufruhr der Menschen als auch die Strenge der Erde aufgesogen. Don Fabrizio ging zum Tisch, setzte sich und begann, mit dem sorgfältig angespitzten Bleistift, den der Jesuit in seinem Zorn hingelegt hatte, lanzettförmige bourbonische Lilien zu zeichnen. Er blickte ernst und gleichzeitig heiter, so daß Pater Pirrones Besorgnisse auf der Stelle Schwanden.

»Wir sind nicht blind, Hochwürden, wir sind bloß Menschen. Wir leben in einer sich ständig wandelnden Realität, an die wir uns anzupassen versuchen, so wie sich die Algen der Strömung des Meeres beugen. Der heiligen Kirche ist die Unsterblichkeit ausdrücklich versprochen; uns, als sozialer Klasse, nicht. Ein Sedativurn, dessen Wirkung hundert Jahre anzudauern verspricht, kommt für uns der Ewigkeit gleich. Wir können uns vielleicht um unsere Kinder sorgen, vielleicht um die Enkel; doch wir haben über das hinaus, was wir mit diesen Händen hoffen liebkosen zu können, keinerlei Verpflichtungen; also kann ich mir nicht darüber Gedanken machen, was aus meinen möglichen Nachfahren im Jahre 1960 geworden sein wird. Die Kirche ja, sie muß sich darum sorgen, weil sie zum Weiterleben bestimmt ist. Ihre Verzagtheit schließt den Trost ein. Und glaubt Ihr, daß die Kirche uns nicht opfern würde, könnte sie sich jetzt oder in Zukunft dadurch retten? Natürlich würde sie es tun, und sie hätte recht.«

Der Palazzo Filangeri di Cutò, Ort des Geschehens. 
Pater Pirrone war dermaßen glücklich, den Fürsten nicht verletzt zu haben, daß er sich seinerseits nicht verletzt fühlte. Der Ausdruck »Verzagtheit« im Zusammenhang mit der Kirche war zwar nicht annehmbar, doch die langjährige Erfahrung im Beichtstuhl hatte ihn gelehrt, den ernüchterten Humor Don Fabrizios zu schätzen. Er durfte jedoch sein Gegenüber keinesfalls triumphieren lassen. »Ihr werdet mir am Samstag zwei Sünden zu beichten haben, Exzellenz: eine des Fleisches, von gestern, eine des Geistes, von heute. Erinnert Euch daran.«

Beide waren wieder friedlich und unterhielten sich über einen Bericht, der demnächst an ein Observatorium im Ausland geschickt werden mußte, an das von Arcetri. Scheinbar getragen, geleitet von den Zahlen, unsichtbar zu jener Tageszeit, jedoch zugegen, fürchten die Gestirne mit ihren präzisen Umlaufbahnen den Äther. Ihre Verabredungen zuverlässig einhaltend, waren die Kometen es gewohnt, auf die Sekunde genau vor dem zu erscheinen, der sie beobachtet. Und sie waren nicht Künder von Katastrophen, wie Stella glaubte: im Gegenteil, ihr vorausberechnetes Erscheinen war der Triumph der sich projizierenden menschlichen Vernunft, die an der erhabenen Normalität des Firmaments teilhatte. »Lassen wir hienieden die Bendicòs scheue Beute jagen und das Küchenmesser das Fleisch unschuldiger Tierchen zerkleinern. Von der Höhe dieses Observatoriums aus verschmelzen das großtuerische Gekläffe des einen und die Blutrünstigkeit des anderen zu einer ruhigen Harmonie. Das eigentliche Problem, das einzige, besteht darin, dieses
geistige Leben in seinen abstraktesten Momenten weiterleben zu können, in den todesähnlichsten.«

So argumentierte der Fürst, seine gewohnten Schrullen, seine gestrigen fleischlichen Kapricen vergessend. Und dank dieser Momente der Abstraktion waren ihm seine Sünden, vielleicht, inniger vergeben worden, das heißt, sie hatten ihn wieder enger mit dem Universum verbunden, als Pater Pirrones rituelle Formel es vermocht hätte. An jenem Morgen wurden die Götter der Deckenfresken und die Makakenäffchen der Seidentapete nochmals für eine halbe Stunde zum Schweigen verurteilt. Doch im Salon bemerkte es niemand.

Quelle: Giuseppe Tomasi di Lampedusa: Der Gattopardo. Roman. Neuausgabe. Übersetzt von Giò Waeckerlin Induni. Piper, München/Zürich, 2.Auflage 2004. ISBN 3-492-04584-7. Seiten 36-49.


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Die komplette Kammermusik von Robert Schumann. | Exemplarische Paradoxa aus dem »Buch ohne Titel« (Raymond M. Smullyan).

Die Kammermusik (ohne Streichquartette) von Antonin Dvorák. | »Bitt’ Sie, was ist das eigentlich: Bushido?« (Gustav Meyrink).

Rainer Maria Rilke: Die Weise von Liebe und Tod des Cornets Christoph Rilke (Ulrich Mühe). | Die Dünne und das Biest. Paolo Uccello sieht in den Rachen des Satans.

Antonio Bertali: Prothimia Suavissima ovvero XII Sonate a tre o quattro strumenti e basso. | Ernst H. Kantorowicz: Die zwei Körper des Königs.



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21. Dezember 2018

Sergei Rachmaninow: Klavierkonzerte (Peter Rösel, Berliner Sinfonie-Orchester, Kurt Sanderling)


Sergej Rachmaninows zwischen 1929 und 1942 entstandene legendäre Gesamteinspielung all seiner eigenen Werke für Klavier und Orchester bleibt bis heute ein Maßstab. Und doch sah sich der „Letzte Romantiker“ vornehmlich als Komponist und erst an zweiter Stelle als Pianist, der freilich eine ausgezeichnete Ausbildung am St. Petersburger Konservatorium genossen hatte und besonders in den 26 Jahren seines selbst gewählten Exils in den USA und der Schweiz zu einem der berühmtesten Pianisten seiner Zeit avancierte.

Am Beginn seiner verheißungsvollen Karriere aber traf es den 17-jährigen Rachmaninow doppelt ins Herz, als sein erstes Klavierkonzert, das er 1890 in Moskau schrieb, ein so großer Misserfolg wurde. Und die Uraufführung seiner ersten Sinfonie fünf Jahre später wurde überhaupt eine Katastrophe. Der erfolgsverwöhnte junge Mann zog einen folgenschweren Schluss daraus und komponierte gar nichts mehr. Im vierten Jahr der schöpferischen Blockade konnten ihn Freunde endlich überreden, einen Neurologen aufzusuchen, der ihn mittels Hypnosetherapie von seinen genuinen Fähigkeiten überzeugen konnte: „Sie werden ein neues Klavierkonzert schreiben … Die Arbeit wird Ihnen leicht von der Hand gehen … das wird großartige Musik werden.“ Wer im heutigen Konzert statt Jack Nicholson im Film „Einer flog über das Kuckucksnest“ Marilyn Monroe in „Das verflixte siebte Jahr“ vor seinem geistigen Auge sieht, der hat schon ganz recht: Rachmaninow führte den suggestiven „Befehl“ seines Arztes Dahl aufs Vorbildlichste aus und schrieb um die Jahrhundertwende das zweite Klavierkonzert c-Moll op. 18, das er auch gleich seinem Nervenarzt widmete. Und was für einen Erfolg es hatte! Es verzückte nicht nur das Moskauer Premierenpublikum im Oktober 1901, sondern avancierte überhaupt zu Rachmaninows wohl beliebtestem Orchesterstück, das seinen internationalen Ruf als Komponist ebnete. Und die Filmwirtschaft nahm das Klavierkonzert als sprühenden Ideenlieferanten dankend an: Nicht nur die Monroe wurde 1955 zu den Klängen Rachmaninows verführt, schon in der Romanverfilmung „Menschen im Hotel“ mit Greta Garbo im Jahr 1932 oder im Tanzfilm „Center Stage“ aus dem Jahr 2000 wurden Passagen aus dem 2. Klavierkonzert für die Filmmusik entnommen.

Viele MusikliebhaberInnen erkennen das Klavierkonzert c-Moll sogleich am Beginn: Acht immer lauter werdende Klavierakkorde stehen am ungewöhnlichen Anfang, die sich von f-Moll auf originellen Umwegen zu c-Moll schlängeln. Effektvoll fügt sich das Orchester ein, die Klarinetten und Bratschen bereiten dem Klavier sodann das zweite Thema vor, das von den Celli und Holzbläsern entwickelt wird. Der folgende Dialog zwischen Solist und Orchester demonstriert eindringlich Rachmaninows Vorstellung von einem romantischen Instrumentalkonzert: nämlich den sinfonischen und den solistischen Part zu einer spannungsvollen Einheit zu verschmelzen. Formal verwebt der Komponist den virtuosen Sonatenhauptsatz mit einer großformatigen Verdichtung von Bewegung und Dynamik, was den Kopfsatz für alle Beteiligten zu einem höchst anspruchsvollen, aber ungemein wirkungsvollen und emotionalen Satz macht. Der unangefochtene Liebling unter allen Stücken Rachmaninows ist der folgende zweite Satz.

Typisch für den Komponisten verdichtet sich auch das Adagio immer mehr, aber nicht geradlinig, sondern von gegenläufigen Beschleunigungen und Verzögerungen durchsetzt. In eine ganz andere Welt verführt uns Rachmaninow im Schlusssatz mit orientalisch gefärbten Melodieeinfällen sondern Zahl, ohne musikalischen Witz zu vergessen: Nach einer nicht enden wollenden Steigerung hin zu einem pianistischen Feuerwerk endet das Allegro scherzando fast beiläufig mit ironisch platzierten Wiederholungen des c-Moll-Akkords, der uns – scheinbar nimmermüde – eine Polonaise vorführen möchte.

Quelle: Brucknerhaus Linz

Sergei Rachmaninow (1873-1943)

TRACKLIST

SERGEJ RACHMANINOW (1873 - 1943)

Klavierkonzerte No. 1 + 2
Piano concert No. 1 + 2
Concerto pour piano no 1 + 2 
Concerto per pianoforte n. 1 + 2

Konzert für Klavier und Orchester No. 1 fis-moll 
(F-sharp minor, fa dièse mineur, fa dieses minore) op. 1

1 Vivace                                    13:57
2 Andante                                    7:18
3 Allegro vivace                             8:29

Konzert für Klavier und Orchester No. 2 c-moll 
(C minor, ut mineur, do minore) op. 18

4 Moderate                                  11:42
5 Adagio sostenuto                          12:35
6 Allegro scherzando                        12:21

Gesamtzeit.                                 56:52

Peter Rösel, Klavier - piano - pianoforte
Berliner Sinfonie-Orchester
KURT SANDERLING

(P) 1989 

TRACKLIST

SERGEJ RACHMANINOW (1873 - 1943)

Klavierkonzerte No. 3 + 4
Piano concert No. 3 + 4
Concerto pour piano no 3 + 4 
Concerto per pianoforte n. 3 + 4

Konzert für Klavier und Orchester No. 3 d-moll op. 30 
(Concerto for piano and orchcstra in D minor
concerto pour piano et orchestre en ré mineur)

1 Allegro ma non tanto                      17:37
2 Intermezzo. Adagio                        10:47
3 Finale. Alla breve                        14:56

Konzert für Klavier und Orchester No. 4 g-moll op. 40 
(Concerto for piano and orchcstra in G minor
concerto pour piano et orchestre en sol mineur)

4 Allegro vivace (Alla breve)               l0:27
5 Largo                                      8:05
6 Allegro vivace                            10:l0

Gesamtzeit.                                 72:18

Peter Rösel, Klavier - piano - pianoforte
Berliner Sinfonie-Orchester
KURT SANDERLING

Aufgenommen 3/1978 (1 bis 3) bzw 9/1980 (4 bis 6)
(P) 1980 


Karl Vosslers Italienische Dichter


FRANCESCO D'ASSISIKarl Vossler
LAUDES CREATURARUM (Cantico di Frate Sole)DES HEILIGEN FRANZISKUS SONNENGESANG
Altissimu, onnipotente, bon Signore,
tue so’ le laude, la gloria e l’honore et onne benedictione.

Ad te solo, Altissimo, se konfano,
et nullu homo ène dignu te mentovare.

Laudato sie, mi’ Signore, cum tucte le tue creature,
spetialmente messor lo frate sole,
lo qual’è iorno, et allumini noi per lui.
Et ellu è bellu e radiante cum grande splendore:
de te, Altissimo, porta significatione.

Laudato si’, mi’ Signore, per sora luna e le stelle:
in celu l’ài formate clarite et pretiose et belle.

Laudato si’, mi’ Signore, per frate vento
et per aere et nubilo et sereno et onne tempo‚
per lo quale a le tue creature dài sustentamento.

Laudato si’, mi’ Signore, per sor’aqua,
la quale è multo utile et humile et pretiosa et casta.

Laudato si’, mi’ Signore, per frate focu,
per lo quale ennallumini la nocte:
ed ello è bello et iocundo et robustoso et forte.

Laudato si’, mi’ Signore, per sora nostra matre terra,
la quale ne sustenta et governa,
et produce diversi fructi con coloriti ?ori et herba.

Laudato si’, mi’ Signore‚ per quelli ke perdonano per lo tuo amore
et sostengo in?rmitate et tribulatione.
Beati quelli ke ’l sosterrano in pace,
ka da te, Altissimo, sirano incoronati.

Laudato si’, mi’ Signore, per sora nostra morte corporale,
da la quale nullu homo vivente pò skappare:
guai a'cquelli ke morrano ne le peccata mortali;
beati quelli ke trovarà ne le tue sanctissime voluntati;
ka la morte secunda no ’l farrà male.

Laudate e benedicete mi’ Signore et rengratiate
e serviateli cum grande humilitate.
Höchster, allmächtiger, guter Herr,
Dein sind das Lob, der Ruhm, die Ehr und aller Segen.

Dir gehören sie, Höchster, allein.
Kein Mensch ist wert, Dich zu nennen.

Gelobt seist Du, mein Herr, samt all Deinen Kindern
und der Schwester Sonne besonders,
denn am Tage zünd’st Du für uns sie an.
Schön ist sie und strahlt in großem Glanze.
Von Dir, o Höchster, bringt sie Kunde.

Gelobt seist Du, mein Herr, für Bruder Mond und Sterne!
Am Himmel hast Du sie geformt, klar köstlich und hell.

Gelobt seist Du, mein Herr, für Bruder Wind
und Luft und Wolken, freundliches und jedes Wetter!
Mit ihnen hegst Du Deine Kinder.

Gelobt seist Du, mein Herr, um Wassers willen!
Das ist so nützlich, schmiegsam, köstlich und keusch.

Gelobt seist Du, mein Herr, für Bruder Feuer!
Die Nacht erhellst Du uns mit ihm
und schön ist er und munter und gewaltig und stark.

Gelobt seist Du, mein Herr, für unsre Mutter Erde!
die hegt und trägt uns
und allerlei Frucht und farbige Blumen treibt sie und Gras.

Gelobt seist Du, mein Herr, für alle, die verzeihen
und Krankheit dulden und Mühsal Dir zu lieb.
Selig, wer es duldet in Frieden,
denn von Dir, Höchster, wird er gekrönt.

Gelobt seist Du, mein Herr, für unsern Bruder, den fleischlichen Tod.
Und kein lebendiger Mensch entgeht ihm.
Weh denen, die in Todessünden sterben!
Doch selig, wen Du hältst in Deinem heiligen Willen!
Ihm tut der zweite Tod kein Leides.

[…]

GUIDO GUINIZELLIKarl Vossler
AL COR GENTILMINNE UND ADEL
Al cor gentil rempaira sempre amore
come l'ausello in selva a la verdura;
    né fe’ amor anti che gentil core,
né gentil core anti ch'amor, natura:
    ch'adesso con’ fu 'l sole,
sì tosto lo splendore fu lucente,
né fu davanti ‘l sole;
e prendre amore in gentilezza loco
cosi propiamente
come calore in clarità di foco.

[…]

Fere lo sol lo fango tutto ’l giorno:
vile reman, né 'l sol perde calore;
   dis’ omo alter: ›Gentil per sclatta torno‹;
lui semblo al fango, al sol gentil valore:
   ché non dé dar om fé
che gentilezza sia fòr di coraggio
in degnità d’ere’
se da vertute non ha gentil core,
com aigua porta raggio
e ’l ciel riten le stelle e lo splendore.

Splende ’n la ‘ntelligenzia del cielo
Deo criator più che nostr' occhi ‘l sole;
    ella intende suo fattor oltra ‘l cielo,
e ‘l ciel volgiando, a Lui obedir tole;
    e con’ segue, al primero,
del giusto Deo beato compimento,
così dar dovria, al vero,
la bella donna, poi che gli occhi splende
del suo gentil, talento
che mai di lei obedir non si disprende.

    Donna, Deo mio dirà: ›Che presomisti?‹‚
siando l'alma mia a lui davanti.
    ›Lo ciel passasti e ’n?n a Me venisti
e desti in vano amor Me per semblanti:
    ch’a Me conven le laude
e a la reina del regname degno,
per cui cessa onne fraude‹.
Dir Li porò: ›Tenne d’angel sembianza
che fosse del Tuo regno;
non me fu fallo‚ s'in lei posi amanza‹.
In edlem Herzen nur wohnt immer Liebe,
so wie in Waldesgrün der Vogel wohnt.
Und Liebe ward nicht eh’r als edles Herz,
und edles Herz nicht eh’r als Lieb erzeugt;
denn als die Sonne ward,
ward auch zugleich der Sonnenstrahl, und vorher
war auch die Sonne nicht.
Und Liebe find’t in edlem Sinne nur
ihr Wahr und einzig Heim,
wie in des Feuers Flammen helles Licht.

[…]

Den ganzen Tag lang trifft die Sonn den Schmutz.
Er bleibt gemein, und sie behält die Wärme.
Der Stolze spricht: ›Durch Ahnen bin ich edel‹.
Er gleicht dem Schmutz, die Sonne gleicht dem Adel.
Denn niemand täusche sich,
daß, anderswo als in dem Herz, ein Adel
im Wappenschilde sei —
wo Tugend nicht das Herze adlig macht.
Im Wasser spielt der Schein,
doch fest am Himmel bleiben Stern und Licht.

In Engels Seele spiegelt Gott der Schöpfer
sich heller als der Sonnenstrahl im Auge,
und die versteht in Wahrheit ihren Herrn:
Den Himmel treibend nimmt sie Kraft von ihm,
vollendet ihre Bahn
nach des gerechten Gottes Wohlgefallen.
So muß die schöne Frau
dem Liebsten durch das Auge helle Wahrheit
ins edle Herze strahlen,
das ihr zu dienen nimmer müde wird.

Geliebte Frau, wenn meine Seele einst
vor Gott erscheint, wird er mir sagen: „Wie?
„durch alle Himmel drangst du bis zu Mir
und nahmst dir Mich zum Gleichnis ird’scher Liebe!
Mir und der Königin
des Himmelreichs‚ die allen Trug zerstört?
gebührt allein der Preis!“
Dann muß ich sagen: „Ach, die Liebste schien mir
ein Engel deines Reichs!
Zur Sünde rechne mir die Liebe nicht!“

Raffaello Sorbi (1844-1931):
Die Begegnung von Dante und Béatrice, 1863
GUIDO CAVALCANTIKarl Vossler
CHI È QUESTADIE HERRIN
Chi è questa che ven, ch'ogn’ om la mira,
   Che fa tremar di claritate l'âre,
   E mena seco Amor, sì che parlare
   Omo non può, ma ciascun ne sospira?

Deh, che rassembla quando li occhi gira!
   Dicalo Amor, ch’i’nol poria contare;
   Cotanto d’umiltà donna mi pare,
   Ch’ogn’altra veramente la chiam’ ira.

Non si poria contar la sua piagenza,
   Ch’a lei s'inchina ogni gentil vertute,
   E la beltate per suo Dio la mostra.

Non fu sì alta già la mente nostra,
   E non si pose in noi tanta vertute,
   Che propriamente n'abbiam canoscenza.
Wer ist die Frau und Jeder schaut nach ihr?
Von ihrem Licht erzittert rings die Luft,
und Amor kommt mit ihr, und sprechen kann
kein Mensch vor ihr, und Jeder seufzt nach ihr?

Wenn sie die Augen wendet, welch ein Bild!
Amor mag’s künden, ich vermag es nicht.
Wie aller Demut Herrin sieht sie aus.
„Hoffahrt“ heißt jede Andere daneben.

Und ihre Anmut kann man nicht erzählen.
Es neigt sich jeder edle Wert vor ihr.
Es weist die Schönheit sich als ihre Göttin.

So hoch war nie bis jetzt noch unser Geist,
und solche Tugend wohnet nicht in uns,
daß wir die rechte Kenntnis von ihr hätten.



DANTE ALIGHIERIKarl Vossler
POI VIDI COSE DUBITOSE MOLTODER TRAUM VON BEATRICES TOD
Poi vidi cose dubitose molto,
   Nel vano imaginare ov’io entrai;
   Ed esser mi parea non so in qual loco,
   E veder donne andar per via disciolte,
   Qual lagrimando, e qual traendo guai,
   Che di tristizia saettavan foco.
   Poi mi parve vedere a poco a poco
   Turbar lo sole e apparir la stella,
   E pianger elli ed ella;
   Cader li augelli volando per l'âre,
   E la terra tremare;
   Ed omo apparve scolorito e fioco,
   Dicendomi: — Che fai? non sai novella?
   Morta è la donna tua, ch’era sì bella —.

Levava li occhi miei bagnati in pianti,
   E vedea, che parean pioggia di manna,
   Li angeli che tornavan suso in cielo,
   E una nuvoletta avean davanti,
   Dopo la qual gridavan tutti: Osanna;
   E s’altro avesser detto, a voi dire’ lo.
   Allor diceva Amor: — Più nol ti celo;
   Vieni a veder nostra donna che giace —.
   Lo imaginar fallace
   Mi condusse a veder madonna morta;
   E quand’io l'avea scorta,
   Vedea che donne la covrian d’un velo;
   Ed avea seco umilità verace,
   Che parea che dicesse: — Io sono in pace —.
Dann sah ich viele fürchterliche Dinge
im irren Fiebern, das mich überkam.
Mir schien, daß ich, ich weiß nicht wo, mich fände,
zerzauste Frauen auf der Straße sah:
die einen weinend, andre weheklagend,
und Schmerz wie Feuerstrahlen schossen sie.
Und alsdann schien mir, daß sich nach und nach
die Sonne trübte und die Sterne kamen,
und weinten Stern und Sonn.
Und fliegend aus den Lüften stürzten Vögel.
Die Erde zitterte.
Und kam ein Mensch, sah farblos aus, und heiser
sprach er zu mir: „Was machst du? Weißt du’s nicht?
Tot ist die Herrin dein und war so schön.“

Die Augen schlug ich auf von Tränen feucht
und sah wie Manna‚ das vom Himmel regnet,
die Engel, die zurück und himmelwärts
mit einem Wölkchen kehrten, das sie trugen,
und sangen hinter ihm Hosanna! her.
Und weiter nichts als alle nur Hosannal
Da sprach mir Amor: „Wissen sollst du’s nun,
und komm und sieh, wie unsre Herrin ruht.“
Es führt des Traumes Trug
mich hin zum Anblick meiner toten Herrin.
Und als ich sie geschaut,
bedeckten Frauen sie mit einem Schleier.
Sie aber lag in reiner Demut da
und schien als sagte sie: „lch bin im Frieden.“

Sir Joseph Noel Paton (1821-1901): Dante denkt an das
Schicksal von Francesca da Rimini und Paolo Malatesta.
DANTE ALIGHIERIKarl Vossler
DIVINA COMMEDIAAUS DER GÖTTLICHEN KOMÖDIE
(INFERNO V, 40-49; 70-142)FRANCESCA UND PAOLO
E come li stornei ne portan l’ali
nel freddo tempo a schiera larga e piena,
così quel fiato li spiriti mali
di qua, di là, di giù, di su lì mena;
nulla speranza li conforta mai,
non che di posa, ma di minor pena.
E come i gru van cantando lor lai,
faccendo in aere di sè lunga riga,
così vidi venir, traendo guai,
ombre portate dalla detta briga:

[…]

Poscia ch’ io ebbi il mio dottore udito
nomar le donne antiche e’ cavalieri,
pietà mi giunse, e fui quasi smarrito.
I’ cominciai: «Poeta, volentieri
parlerei a quei due che ’nsieme vanno,
e paion sì al vento esser leggieri».
Ed elli a me: «Vedrai quando saranno
più presso a noi; e tu allor li priega
per quello amor che i mena, ed ei verranno».
Sì tosto come il vento a noi li piega,
mossi la voce: «O anime affannate,
venite a noi parlar, s’altri nol niega!»
Quali colombe, dal disio chiamate,
con l’ali alzate e ferme al dolce nido
vegnon per l’aere dal voler portate;
cotali uscir della schiera ov’ è Dido,
a noi venendo per l’aere maligno,
sì forte fu f’affettùoso grido.

«O animal grazioso e benigno
che visitando vai per l’aere perso
noi che tignemmo il mondo di sanguigno,
se fosse amico il re dell’universo,
noi pregheremmo lui della tua pace,
poi c’ hai pietà del nostro mal perverso.
Di quel che udire e che parlar vi piace,
noi udiremo e parleremo a vui,
mentre che ’l vento, come fa, ci tace.
Siede la terra dove nata fui
su la marina dove ’l Po discende
per aver pace co’ seguaci sui.
Amor, ch’al cor gentil ratto s’apprende,
prese costui della bella persona
che mi fu tolta; e 'l modo ancor m’offende.
Amor, ch’a nullo amato amar perdona,
mi prese del costui piacer sì forte,
che, come vedi, ancor non m’abbandona.
Amor condusse noi ad una morte:
Caina attende chi a vita ci spense.»
Queste parole da lor ci fur porte.
Quand’ io intesi quell’anime offense,
china’ il viso, e tanto il tenni basso,
fin che ’l poeta mi disse: «Che pense?»
Quando rispuosi, cominciai: «Oh lasso,
quanti dolci pensier, quanto disio
menò costoro al doloroso passo!»
Poi mi rivolsi a loro e parla’ io,
e cominciai: «Francesca, i tuoi martiri
a lacrimar mi fanno tristo e pio.
Ma dimmi: al tempo de’ dolci sospiri,
a che e come concedette amore
che conosceste i dubbiosi disiri?»
E quella a me: «Nessun maggior dolore
che ricordarsi del tempo felice
nella miseria; e ciò sa ’l tuo dottore.
Ma s’ a conoscer la prima radice
del nostro amor tu hai cotanto affetto,
dirò come colui che piange e dice.
Noi leggiavamo un giorno per diletto
di Lancialotto come amor lo strinse:
soli eravamo e sanza alcun sospetto.
Per più fiate li occhi ci sospinse
quella lettura, e scolorocci il viso;
ma solo un punto fu quel che ci vinse.
Quando leggemmo il disîato riso
esser baciato da cotanto amante,
questi, che mai da me non fia diviso,
la bocca mi baciò tutto tremante.
Galeotto fu il libro e chi lo scrisse:
quel giorno più non vi leggemmo avante.»
Mentre che l’uno spirto questo disse,
l’altro piangea, sì che di pietade
io venni men così com’ io morisse;
e caddi come corpo morto cade.
Und wie die Staren auf den Flügeln schweben
durch Winterluft in breiten vollen Haufen,
so fegt der Höllensturm die bösen Geister
nach rechts, nach links, hinauf, hinab, dahin.
Und keine Ruhe, keine Hoffnung winkt
und keine Linderung in ihrer Qual.
Und wie die Kraniche mit Klaggesang
in langen Reihen durch den Himmel ziehn
so kamen, ihre Jammerlaute schwellend,
die Schatten auf der Windsbraut gegen mich.

[…]

Da ich von meinem Führer nennen hörte
die alten Namen all der Fraun und Ritter,
ergriff mich und verwirrte mich das Mitleid.
Und ich begann: „Wie gern, mein Dichter, möcht ich
dort mit den Beiden sprechen, die so leicht
vom Wind getragen miteinander schweben.“
Er sprach: „Sieh zu, wann sie uns näher sind,
und dann beschwöre sie bei jener Liebe,
die sie umhertreibt, und sie werden kommen.“
Wie nun der Wind sie zu uns hergebogen,
hob ich die Stimme: „Arme, bange Seelen,
kommt her zu uns und sprechet, wenn ihr dürft.“
Und wie ein Taubenpärchen sehnsuchtsvoll
auf breiten Schwingen ruhig vom Wunsch getragen.
die Luft; durchzieht, dem trauten Neste zu,
so schwebten sie hervor aus Didos Scharen
zu uns herüber durch die finstre Luft —
so mächtig war mein liebevoller Ruf.

„Gefälliges und gütig Wesen du,
das durch die purpurdunkle Nacht zu uns,
die wir mit Blut die Erde färbten, kamest,
ach, wär des Weltalls König unser Freund,
um deinen Frieden flehten wir zu ihm,
denn du hast Mitgefühl für unsre Qualen.
Was dir beliebt zu hören und zu reden,
das hören wir und reden wir mit euch,
so lang, wie eben jetzt, die Stürme schweigen. —
Es liegt mein Heimatland am Ufer droben,
wo unser Po mit allen seinen Wassern
zum Meer hinunterfließt und Ruhe findet. —
Liebe in edeln Herzen zündet rasch,
und diesen hier berückte sie mit Schönheit
des Leibes, den ich, ach, so schnöd verlor.
Liebe will wieder Liebe von uns haben.
Und mich ergriff sie, diesem hier zuliebe,
so tief, sieh her, daß ich sie immer hege.
Die Liebe riß in einen Tod uns zwei.
Der uns ermordet wird’s mit Kain büßen.“
Dies sind die Worte, die herüberklangen.
Und ich verstand die schwer verletzten Seelen,
neigte das Antlitz und verweilte, so
sinnend, bis der Poet mich fragt: „Was hast du?“
Zur Antwort seufzte ich: „Unglückliche! —
und all das süße Träumen, all das Sehnen,
das diese zwei ins Elend führen mußte!“
Dann wandt ich mich zu ihnen, nahm das Wort
und sprach: „Arme Franziska, weinen muß ich,
aus innig Leid und Mitgefühl um dich.
Erzähle mir. Da ihr noch schmachtetet,
wodurch und wie hat euch die Liebe da
den scheuen Wunsch der Herzen kund gemacht?“
Sie sprach: „Im Elend sich vergangnen Glückes
erinnern müssen, ist der größte Schmerz!
Das weiß so gut wie ich dein Führer dort.
Doch weil du mich so traut und herzlich frägst
und unsrer Liebe Anfang kennen willst,
so muß ich’s denn mit Tränen dir erzählen.
Wir lasen eines Tags zur Unterhaltung
vom Lancelot und wie er sich verliebte,
wir zwei allein und dachten uns nichts Böses.
Da mußten manchmal wir vom Buche auf
uns in die Augen sehen und erblaßten.
Doch eine Stelle war’s, die uns besiegte.
Dort, wo wir lasen, wie der Held der Liebe
das holde Lachen ihr vom Munde küßte,
da küßte Er, der ewig mir gehört,
am ganzen Leibe zitternd mir den Mund. —
Galeotto war das Buch, und der es schrieb.
Wir lasen keine Silbe mehr darin.“
Indes die eine Seele so erzählte,
hört ich die andre weinen, daß vor Schmerz
der Sinn mir schwand, als ob ich sterben müßte,
und wie ein toter Körper sank ich hin.

Domenico di Michelino (1417-1491): La Divina Commedia di Dante.
Fresko, Florenz, Dom Santa Maria del Fiore, um 1465
DANTE ALIGHIERIKarl Vossler
DIVINA COMMEDIAAUS DER GÖTTLICHEN KOMÖDIE
(INFERNO XXVI, 85-142)ULIXES’ LETZTE FAHRT
Lo maggior corno della fiamma antica
cominciò a crollarsi mormorando
pur come quella cui vento affatica;
indi la cima qua e là menando,
come fosse la lingua che parlasse,
gittò voce di fuori, e disse: «Quando
mi diparti’ da Circe, che sottrasse
me più d’ un anno là presso a Gaeta.
prima che sì Enea la nomasse,
nè dolcezza di figlio, nè la pièta
del vecchio padre, nè ’l debito amore
lo qual dovea Penelopè far lieta,
vincer poter dentro da me l’ardore
ch’ i’ ebbi a divenir del mondo esperto,
e delli vizi umani e del valore;
ma misi me per l’alto mare aperto
sol con un legno e con quella compagna
picciola dalla qual non fui diserto.
L’ un lito e l’altro vidi infin la Spagna,
fin nel Morrocco, e l’ isola de’ Sardi,
e l’altre che quel mare intorno bagna.
Io e’ compagni eravam vecchi e tardi
quando venimmo a quella foce stretta
dov’ Ercule segnò li suoi riguardi,
acciò che l’ uom più oltre non si metta:
dalla man destra mi lasciai Sibilia,
dall’altra già m’avea lasciata Setta.
‘O frati,’ dissi, ‘che per cento milia
perigli siete giunti all’occidente,
a questa tanto picciola vigilia
de’ nostri sensi ch’è del rimanente,
non vogliate negar l'esperîenza,
di retro al sol, del mondo sanza gente.
Considerate la vostra semenza:
fatti non foste a viver come bruti,
ma per seguir virtute e canoscenza.’
Li miei compagni fec’ io sì aguti,
con questa orazion picciola, al cammino,
che a pena poscia li avrei ritenuti;
e volta nostra poppa nel mattino,
dei remi facemmo ali al folle volo,
sempre acquistando dal lato mancino.
Tutte le stelle già dell’altro polo
vedea la notte, e ’l nostro tanto basso,
che non surgea fuor del marin suolo.
Cinque volte racceso e tante casso
lo lume era di sotto dalla luna,
poi che ’ntrati eravam nell’alto passo,
quando n’apparve una montagna, bruna
per la distanza, e parvemi alta tanto
quanto veduta non avea alcuna.
Noi ci allegrammo, e tosto tornò in pianto;
chè della nova terra un turbo nacque,
e percosse del legno il primo canto.
Tre volte il fè girar con tutte l’acque:
alla quarta levar la poppa in suso
e la prora ire in giù, com’altrui piacque,
infin che ’l mar fu sopra noi richiuso.»
Da flackerte mit ihrem höchsten Gipfel
die griech’sche Doppelflamme und begann
zu brausen wie ein windgepeitschtes Feuer
und regte gleich die Spitzen hin und her,
als wollte sie mit einer Zunge reden.
Und eine Stimme kam heraus und sprach:
„Da ich mich losgemacht von Kirke, die
mich länger als ein Jahr gehalten hatte
am Strand (Gaeta heißt er seit Aeneas)‚
da fesselte mich nichts mehr. Vaterglück
und Sohnesdankbarkeit und Gattenliebe,
wie sie Penelope um mich verdiente,
ward alles aufgezehrt in meiner Brust
vom heißen Drang, durch alle Länder hin
der Menschen Wert und Narrheit zu erfahren.
Ich fuhr hinaus ins offne hohe Meer
auf einem einzgen Schiff mit meiner kleinen
Gesellenschar, die nimmer mich verließ;
besucht in Nord und Süd die Ufer bis
nach Spanien und Marokko, sah Sardinien
mit all den vielen Inseln jenes Meeres.
Wir wurden alte Männer, bis wir endlich
an jene enge Wasserstraße kamen,
wo Herkules die Warnungszeichen setzte,
auf daß der Mensch sich hier nicht weiter wage.
Ich aber ließ Sibilia zur Rechten
und hatte links schon Setta hinter.mir
und — „Brüder“, sprach ich, „die durch hunderttausend
Gefahren nach dem Westen seid gelangt,
entziehet nicht dem kurzen Lebensabend,
der uns noch bleibt, die sinnliche Erfahrung
der unbewohnten Welt, dort nach der Sonne!
Bedenkt, wess hohen Samens Kind ihr seid
und nicht gemacht um wie das Vieh zu leben!
Erkenntnis suchet auf und Tüchtigkeit!“
Mit dieser kurzen Rede stachelt’ ich
meine Genossen auf und trieb sie vorwärts,
so scharf, daß niemand sie gezügelt hätte.
Das Hinterschiff dem Morgen zugekehrt,
mit tollen Ruderschlägen ging der Flug
hinaus und vorwärts, immer mehr nach links.
Bald sah man nachts des andern Poles Sterne,
und wie sie alle kamen, sank der unsre,
bis er sich nicht mehr aus dem Meer erhob.
Schon fünfmal hatte volles Licht vom Mond
herabgestrahlt und fünfmal war’s geschwunden
seit wir zur großen Fahrt uns aufgemacht.
Da tauchte dunkel in dem fernen Dunst
ein Berg herauf und schien mir riesenhoch,
so hoch, wie ich noch nichts gesehen hatte.
Wir jubelten. — Die Lust ward bald zunichte;
denn von dem fernen Lande kam ein Wirbel,
der faßte an der Spitze gleich das Schiff
und dreht es dreimal um im Strudelkreise,
beim vierten hob er’s hinten auf — und köpflings,
wie fremde Macht es wollte, fuhr's hinab.
Dann schloß sich langsam über uns das Wasser.

Alle deutschen Übersetzungen sind aus: Karl Vossler: Romanische Dichter. 2., vermehrte Auflage. R. Piper & Co. Verlag, München, 1938.

Da Vossler die Originale nicht veröffentlicht, habe ich sie aus folgenden Quellen herangezogen:
Hartmut Köhler (Hrsg.): Poesie der Welt. Italien. Edition Stichnote im Propyläen Verlag Berlin, 1985. ISBN 3-550-08516-8.
Horst Rüdiger (Hrsg.): Italienische Gedichte aus acht Jahrhunderten (Sammlung Dieterich Band 229). Carl Schünemann Verlag Bremen.
Dante Alighieri: La Commedia. I. Inferno (Übersetzt u. kommentiert von Hartmut Köhler). Philipp Reclam jun. Stuttgart, 2011. ISBN 978-3-15-010750-8.
Teile, die Vossler nicht übersetzt hat, sind im Text durch […] vertreten.


Wem dieser Post gefallen hat, dem mute ich noch mehr zu

Franz Liszt: Klavierkonzerte Nr. 1 & 2, Totentanz, Ungarische Fantasie, | Helmut Kracke: Historisch-Musische Anagrammatik (Aus "Mathe-musische Knobelisken").

Chopin: Klavierkonzerte Nr. 1 und 2 (Alexis Weissenberg, 1967). | Erwin Panofsky: Interpretatio Christiana. (Aus "Die Renaissancen der europäischen Kunst").

Claudio Arrau: A-moll-Klavierkonzerte von Grieg und Schumann (1963), | Verena Auffermann: Lorenzo Lotto und sein Blick auf die Schwächen des Menschen. (Aus "Das geöffnete Kleid").

Brahms: Ein deutsches Requiem (Klemperer, Schwarzkopf, Fischer-Dieskau). | Karl Vossler: Puristische und Fragmentarische Kunstkritik. (Aus "Aus der Romanischen Welt").


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