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16. November 2015

Albert Schweitzer spielt Orgelwerke von Johann Sebastian Bach

In dem umfangreichen Orgelwerk Johann Sebastian Bachs kristallisiert sich die gesamte Orgelmusik. Komponisten und Instrumentalisten haben sich gleichermaßen auf die Maßstäbe, die Bach mit der Vervollkommnung des polyphonen Ausdrucks und der Generalbassmusik sowie dem spieltechnischen Standard gesetzt hat, zu beziehen. Bach war zu seiner Zeit ein berühmter und bewunderter Orgelvirtuose und gefragter Orgelgutachter. Seine einzigartige musikalische Persönlichkeit, die sich in der Bündelung verschiedenster musikalischer Strömungen und in deren Erweiterung zeigt, stellt sich auf dem Gebiet der Kompositionen für Orgel vielleicht noch deutlicher als auf dem der Cembalomusik dar.

Bachs Werk für Orgel lässt sich in zwei große Teile untergliedern: Auf der einen Seite stehen die freien, nicht liturgisch gebundenen Werke, auf der anderen die choralgebundenen Werke, die für den Gottesdienstgebrauch bestimmt waren. Die freien Orgelwerke sind vor allem durch die zweiteilige, klar getrennte Form bestimmt: Präludium und Fuge, oder Toccata und Fuge, oder Fantasie und Fuge.

Die liturgischen Orgelwerke, mit denen sich Bach lebenslang beschäftigt hat, gehen auf Bachs intensive Auseinandersetzung mit dem evangelischen Gemeindelied zurück. Das Bach-Werkeverzeichnis führt 173 Orgelchoräle an. Allerdings wird inzwischen davon ausgegangen, dass ein Teil davon irrtümlich Bach zugeschrieben wurde und ein anderer Teil Bachs Autorenschaft betreffend nicht eindeutig feststeht. Innerhalb des gottesdienstlichen Rahmens dienten diese Choralbearbeitungen als Vor-, Zwischen- oder Nachspiele zum Gemeindelied und sind somit zeitlich recht begrenzt. Aber trotzdem oder gerade deshalb zeigt sich in diesen Werken Bachs seine Fähigkeit, auf kleinstem Raum originellste musikalische Mittel zu versammeln.

Bach hat sich sein ganzes Leben hindurch mit Orgelkompositionen befasst. Die Entstehungsdaten lassen sich - wie bei anderen Gattungen seines Schaffens nur ungenau und aufgrund allgemeiner philologischer und stilistischer Merkmale festsetzen. Hinzu kommt, dass Bach häufig ein Orgelwerk viele Jahre nach seiner Entstehung umarbeitete.

TOCCATA UND FUGE D-MOLL, BWV 565

Dieses gilt als das einzige Werk Bachs, dass die Bezeichnung Toccata zu Recht trägt, ist es doch seiner Struktur nach streng im Sinne der norddeutschen Barocktoccata gearbeitet. Es ist das wohl eindrucksvollste und bekannteste Werk aus Bachs Jugendzeit, in dem bei aller sprühenden Intensität keinerlei stilistische Unsicherheit zu erkennen ist.

TOCCATA, ADAGIO UND FUGE C-DUR, BWV 564

Bach war außerordentlich inspiriert von der italienischen Musik und ließ sich stark von der Vivaldischen Konzertform anregen. Im vorliegenden Werk wird der Stil der deutschen Toccata mit dem des italienischen Konzerles kombiniert,

Die Pedalpassagen des ersten Teils der Toccata zählen zu den bedeutendsten der gesamten Orgelliteratur. Die Kantilenen des Adagio gehören zu den gefühlvollsten und wärmsten, die im Bachschen Schaffen zu finden sind. Die Fuge ist ein excellentes Beispiel für seine klare und durchsichtige Kompositionsweise.

PRÄLUDIUM UND FUGE G-DUR, BWV 541

Die Entstehungszeit dieses - ursprünglich Bachs Reifezeit zugewiesenen Werkes - wird inzwischen um 1716 angenommen. Dem energischen Präludium (Vivace) folgt eine heitere, tänzerische Fuge, die, kurz unterbrochen von dramatisch scharfen Dissonanzen, schnell wieder ihren optimistischen Grundton findet.

PRÄLUDIUM UND FUGE E-MOLL, BWV 548

Dieses Werk zählt zu Bachs umfangreichsten und kraftvollsten Werken. Die dem Präludium folgende Fuge ist die längste, die er je geschrieben hat, und sie stellt höchste technische Anforderungen an den Spieler. Die von Spitta als "zweisätzige Orgelsinfonie" bezeichnete Komposition vereint Züge des Konzertes, der Toccata und der Da-capo-Arie in vollendeter Form.

PRÄLUDIUM UND FUGE C-DUR, BWV 545

In seiner Leipziger Zeit entstanden nur wenige Orgelwerke. Unter ihnen das festliche Präludium und Fuge C-Dur, welches innerhalb des Orgelschaffens Bachs einen besonderen Rang einnimmt. Dem Komponisten gelang in mehreren Umarbeitungen, die letzte wahrscheinlich um 1730, eine vollendet abgerundete musikalische Form in der Kombination verschiedener stilistischer Elemente der Musik für Tasteninstrumente.

PRÄLUDIUM UND FUGE F-MOLL, BWV 534

Auch hier lassen sich stilistische Kombinationen von italienischer und deutscher Form erkennen. Das Thema der fünfstimmige Fuge verleiht ihr einen pathetischen Zug.

FUGE G-MOLL, BWV 578

Dieses häufig gespielte Werk liegt ohne Präludium vor. Das Thema ist melodiös und eingängig; der Aufbau der Fuge und die kontrapunktische Arbeit treten hinter der Anmut des Themas zurück, Diese Fuge gehört ebenfalls in die Jugendzeit des Komponisten.

PRÄLUDIUM UND FUGE A-MOLL, BWV 543

Die beiden Teile dieses Werkes entstanden zu verschiedenen Zeiten, Dennoch sind sie formal und inhaltlich eng verbunden. Die hier vorgestellte Fuge verwendet ein Thema, das aus einer älteren Klavierfuge (BWV 944) hervorgegangen ist.

FANTASIE UND FUGE G-MOLL, BWV 542

Die Entstehung dieses großartigen, ganz im Stil der norddeutschen Orgelschule gehaltenen Werkes wird mit Bachs Bewerbung an Hamburgs Hauptkirche St. Nikolai im Jahr 1720 in Verbindung gebracht. Er hatte dort zwei Stunden vor dem Magistrat und "Vornehmen der Stadt" improvisiert. Aus dieser (letztendlich ergebnislosen) Vorstellung kam das Material, aus dem Bach, zurückgekehrt nach Köthen, die Fantasie und Fuge BWV 542 komponierte. Vor allem die rezitativisch angelegte, leidenschaftliche Fantasie birgt einige der "modernsten" chromatischen Passagen aus Bachs Schaffen.

ALBERT SCHWEITZER

Der am 14. Januar 1875 im elsässischen Kaysersberg geborene Albert Schweitzer ist gleichermaßen als evangelischer Theologe, Arzt, Kulturphilosoph, Organist und Musikforscher bekannt geworden. Der Sohn eines protestantischen Gemeindepfarrers fühlte sich früh zur Musik hingezogen. Bereits mit neun Jahren war er in der Lage, den Organisten seines Heimatdortes Gunsbach zu vertreten. Während seiner Gymnasialzeit in Mülhausen studierte er Orgel bei E. Münch, später dann in Paris bei dem großen französischen Organisten und Komponisten Charles Marie Widor, nachdem er in Straßburg Theologie, Philosophie und Musiktheorie studiert hatte. Er promovierte in Theologie und Philosophie. Neben seiner Tätigkeit als Geistlicher unterrichtete er an der theologischen Fakultät in Straßburg. 1903 wurde er Direktor des Seminars St. Thomas in Straßburg und begann 1905 ein Medizinstudium, dass er 1911 beendete. Seine medizinische Dissertation schrieb er über "Die psychiatrische Beurteilung Jesu". Schweitzer hielt sich um 1905 regelmäßig in Paris auf und war eines der aktivsten Mitglieder der durch seinen Freund Bret in Paris gegründeten Bachgesellschaft, deren Organist er bis 1913 war.

Albert Schweitzer wurde - neben seiner theologischen und philosophischen Lehrtätigkeit - zu einem bedeutenden Interpreten der "Königin der Instrumente". Er setzte sich vor allem für das stilgerechte Musizieren der Musik Bachs ein und war zusammen mit E. Rupp der Hauptvertreter der "Elsässischen Orgelreform". Diese Orgelbewegung zweifelte grundsätzlich an dem romantischen Orgelideal, was sich auf das Spiel ebenso wie auf den Bau und damit die Klanglichkeit von Orgeln bezog. Schweitzer empfand den orchestral geprägten Klang solcher „Fabrikorgeln" mit ihrer exzessiven Dynamik als unzureichend für eine angemessende Darstellung des Orgelwerks Bachs. Als Gegenbild dienten klangästhetisch die Orgeln Silbermanns, die Schweitzer in seiner Elsässer Heimat kennengelernt hatte. Sein musikwissenschaftliches Hauptwerk ist die 1905 erschienene Bach-Biographie von 1905, die aus der Schrift "J. S. Bach, le musicien poète", zu der ihn Widor angeregt hatte, hervorgegangen war. Schweitzer entwickelt hierin bezogen auf den Kosmos der Kantaten so etwas wie ein Affekten-Alphabet, dessen sich Bach in seinen Kompositionen bedient. Ein Jahr später veröffentlichte er eine noch heute relevante Abhandlung über den Orgelbau. Dann begann er mit seiner kritischen Edition sämtlicher Orgelwerke Bachs, der er einige Jahrzehnte widmete.

Nach seiner Promotion als Mediziner ging er gemeinsam mit seiner Frau nach Lambarene, um in der Mission von Andende das erste Hospital aufzubauen, in dem Lepra und Schlafkrankkheit behandelt werden konnten. Bis zum Jahr 1959 verbrachte er viel Zeit in Lambarene; sein längster Aufenthalt währte von 1939 bis 1948. Immer wieder unternahm er Vortrags- und Konzertreisen, um das Geld für seine medizinische Mission zu verdienen.

Albert Schweitzer erhielt 1951 den "Friedenspreis des deutschen Buchhandels". Im gleichen Jahr wurde er in der Nachfolge Pétains zum Mitglied der "Académie des Sciences morales et politiques" gewählt. Er erhielt den Friedensnobelpreis für das Jahr 1952. Zu seinem 80. Geburtstag 1955 wurde er aus aller Welt mit Auszeichnungen und Ehrungen überhäuft, darunter der Orden „Pour le Mérite". Am 14. Januar des Jahres 1965 feierte Albert Schweitzer seinen 90. Geburtstag. Am 4. September desselben Jahres starb er in Lambarene, wo er neben seiner Frau beigesetzt wurde.

Quelle: Anonymus, im Booklet


CD 1, Track 7: Präludium und Fuge C-Dur, BWV 545


TRACKLIST


Albert Schweitzer (1875-1965) 

Orgelwerke von Johann Sebastian Bach 
Organ works by Johann Sebastian Bach (1685-1750) 

CD 1 

1. Toccata und Fuge D-Moll, BWV 565                    8:54 
   Toccata and Fugue in D Minor, BWV 565 

Toccata, Adagio und Fuge C-Dur, BWV 564 
Toccata, Adagio and Fugue in C Major, BWV 564 
2. Toccata / Toccata                                   7:30 
3. Adagio /  Adagio                                    4:37 
4. Fuge /    Fugue                                     7:48 

5. Präludium und Fuge G-Dur, BWV 541                   9:38 
   Prelude and Fugue in G Major, BWV 541 

6. Präludium und Fuge E-Moll, BWV 548                 16:00 
   Prelude and Fugue in E Minor, BWV 548 

7. Präludium und Fuge C-Dur, BWV 545                   6:57 
   Prelude and Fugue in C Major, BWV 545 

8. Präludium und Fuge F-Moll, BWV 534                 10:15 
   Prelude and Fugue in F Minor, BWV 534 

                                          Total Time: 71:45 

Aufg. ! Recorded in (1, 5, 6, 7, 8) 1935, (2-4) unbekannt ! unknown 

Orgel ! organ: 
All Hallows Church, Barking by the Tower, London (1, 5, 7, 8), 
Pfarrkirche Gunsbach (2-4), 
Silbermann Orgel, St. Aurélie, Straßburg (6) 

CD 2 

1. Fuge G-Moll, BWV 578                                4:07 
   Fugue in G Minor, BWV 578 

2. Präludium und Fuge A-Moll, BWW 543                  7:58 
   Prelude and Fugue in A Minor, BWV 543 

3. Fantasie und Fuge G-Moll, BWV 542                  12:27
   Fantasia and Fugue In G Minor, BWV 542 

4. Choralvorspiel / Chorale Prelude 
   'Liebster Jesu, Wir sind hier', BWV 731             2:53 

5. Choralvorspiel / Chorale Prelude 
   'Jesus Christus unser Heiland', BWV 665             4:11 

6. Choralvorspiel / Chorale Prelude 
   'Christum, wir sollen loben schon', BWV 611         2:27 

7. Choralvorspiel / Chorale Prelude 
   'O Lammm Gottes, unschuldig', BWV 656               9:52 

8. Choral Vorspiel / Chorale Prelude 
   'Schmücke dich, o liebe Seele', BWV 654             7:43 

9. Choralvorspiel / Chorale Prelude 
   'An Wasserflüssen Babylon', BWV 543                 6:00 

                                          Total Time: 57:44 

Aufg. ! Recorded in (1, 3) 1935 - (2, 8, 9) 1936 - (4,5,6,7) 1937 

Orgel ! organ: 
Silbermann Orgel, St. Aurélie, Straßburg (1, 2, 4-9) 
All Hallows Church, Barking by the Tower, London (3) 

(C) und (P): 2003 

CD 2, Track 9: Choralvorspiel 'An Wasserflüssen Babylon', BWV 543



"Un échantillon du chaos?" - "Eine Erprobung des Chaos?"



Goya, Baudelaire und das Beben der Moderne

Francisco Goya: Der Traum der Vernunft gebiert Ungeheuer, 1868,
Los caprichos, Nr. 43, Radierung, Aquatinta und Grabstichel, 218 x 152 mm.
"Un échantillon du chaos? Eine Erprobung des Chaos?" - so fragt sich Baudelaire in einer prägnanten Skizze über Francisco Goya, welche in einer Abhandlung "Einige ausländische Karikaturisten" in der Zeitschrift Le Présent am 15. Oktober 1857 erschienen war. Wegen seiner skandalösen "Fleurs du mal" war Baudelaire soeben im August wegen der "verderblichen Wirkung der Bilder, die er den Leser sehen läßt" und die somit zur "Aufreizung der Sinne" anstacheln, verurteilt worden. Das Gedicht "Les Phares" ("Die Leuchtfeuer") evoziert Goyas Caprichos als "finstren Albtraum unbekannter Dinge", wo "nackte Dirnen sich die Strümpfe glätten für der Dämonen Glut".

Doch Baudelaires Goya-Skizze geht über solche ruchlos-nächtigen Aufreizungen weit hinaus. Sie handelt von den "grotesken Schrecknissen" des Desolaten, dem von erschütternden Lachkrämpfen durchbebten Chaos abseitiger Gefühle. "Échantillon " entstammt ursprünglich einem alten Maßbegriff, der schließlich als handelsmäßige Kostprobe oder Muster figuriert - aber bei solch fatalen Erwägungen mutet Vorgeschmack oder Erprobung doch zutreffender an. Zugleich ist dies die Kostprobe aus der Quintessenz eines Kapitels in Hans Sedlmayrs "Verlust der Mitte" (1948), jener einst so heftig umstrittenen Abrechnung mit den Anfängen der Moderne im 19. Jahrhundert. Das fünfte Kapitel mit der Überschrift "Das entfesselte Chaos" behandelt - übrigens deutlich fasziniert von den unerhörten Versuchen des 19. Jahrhunderts - u. a. die kritische Form der "Dämonen" bei Goya. In Entsprechung zu Kant bezeichnet Sedlmayr ihn als "Alleszermalmer". Goya sei jener Künstler, der zum ersten Mal "unverhüllt und ohne Vorwand die Welt des Alogischen" darstellte.

Honoré Daumier: Der Albtraum, Lithographie,
erschienen in "La Caricature" am 23. Februar 1832.
Sedlmayr war nicht der erste und nicht der einzige, der in Goya eine Schlüsselfigur der modernen Kunst sah, das bedarf keiner weiteren Erörterung; die Verbindung zu Baudelaire mit dem Stichwort "Chaos" als einem Schlüsselwort allerdings sehr wohl. Für Sedlmayr war Goya primär und prononciert frühestes "Symptom" der Moderne, auch hinsichtlich des "ausgesetzten Künstlers". Eine tiefere Analyse solch künstlerisch problematischen Potenzials, wie sie Sedlmayr noch 1934 so beispielhaft zur Bildstruktur Breughels darlegte, erfolgte nie. Offenbar schien ihm dies ebenso "sinnlos" zu sein, wie die nunmehr darstellungswürdig gewordene "tiefe Erfahrung des Traumhaften, des Sinnlosen" an sich. Es sei ganz falsch, hier mit "harmlosen idealistischen Erklärungen" einen moralischen Sinn der Besserung und Belehrung unterzuschieben, als könne man diesen allegorisch oder metaphorisch entziffern. Vielmehr erscheine mit Goya das Dämonische nicht mehr in objektivierbarer Weitläufigkeit; jetzt sehe sich der Mensch in seiner "Seele", seiner eigenen Innenwelt, in hilfloser Verzweiflung dämonischen Kräften ausgeliefert, denen er rettungslos unterliegt. In der Schlußbemerkung zu den Dämonen Goyas verweist Sedlmayr auf jenes Blatt der "Desastres de la guerra", das einen Mann, den Menschen schlechthin, knieend vor dem Dunkel des Nichts zeigt - eine Erinnerung an Christus am Ölberg, wo der tröstende Engel fehlt.

In einem anderen Abschnitt dieses fünften Chaos-Kapitels geht es um eine weitere Signifikanz: "Der entstellte Mensch (die Kreatur)". Da ist insbesondere von Daumier die Rede, bei dem die Karikatur nunmehr als eine eigene Gattung erscheint, als "Zentralgebiet des Schaffens für einen großen Künstler". Anfangs zeigte die Karikatur als "Maske" die frühe Stufe Daumiers. Doch auf ihrem Gipfel werde sie zu einem in die Welt des Menschen projizierten Pandämonium von ebensolcher Form, "die das mit Goya innerweltlich gewordene Höllenbild " angenommen habe. Diese säkularisierte Hölle stehe durchaus im Zeichen des Komischen; solche Möglichkeit fehle jedoch bei Goja durchaus: "unmöglich ,im Ernst' seine Visionen als komisch aufzufassen".

Hält man nun mit den zeitnahen, thematisch einschlägigen Texten Baudelaires fragende Rücksprache, findet man dort verblüffenderweise wesentliche Bestandteile von Sedlmayrs originell konstruierter Polemik in einem ganz anders entworfenen Gedankenplan wieder. Baudelaire beabsichtigte, mit der Schrift "De l'essence du rire" ("Vom Wesen des Lachens", 1855) und den Betrachtungen über französische und ausländische Karikaturisten (1857) ein zusammenhängendes Opus zu schreiben, das Fragment geblieben ist; man kann mit Fug diese Textzeile als gedanklich erwobene Einheit verstehen und aufeinander beziehen. Offenbar versuchte sich Baudelaire an einer ästhetisch-philosophischen Kritik der verschiedenen Kategorien des Komischen, basierend auf Erscheinungen der damals "modernen" Karikatur. Er wollte wohl damit eine eigene, extreme Ausdrucksform etablieren und vor allem künstlerisch potenzieren. Sedlmayr addierte (d. h. zitierte) bei seiner Abrechnung mit der Moderne dann daraus unterschiedliche, für ihn signifikante Aspekte, um durch solche quersummierende Kritik zu einem Resümee der "Symptome" zu kommen.

Francisco Goya: Poltergeister, 1868, Los caprichos,
Nr. 49, Radierung und Aquatinta, 217 x 152 mm,
Fundación Juan March, Madrid.
Es scheint also angezeigt, weniger die zwielichtig-aufklärerischen Düsternisse Goyas als unmittelbares "Symptom" fundamentaler Seelenerschütterung zu verabsolutieren, als vielmehr dies "échantillon du chaos" Baudelaires als das strukturelle Umfeld einer provokanten Ästhetik zu sondieren. Denn wie und was frappierte den so kompromißlos "modernen" Spürsinn Baudelaires bei der Betrachtung von Goyas Phantasmagorien? Wurde da nicht erst durch gedankliche Potenzierungen eine ästhetisch entscheidende Ausrichtung bestimmend? Tatsächlich erweist die bildliterarische "Osmose" zwischen Goya und Baudelaire eine der künftigen Moderne eigentümliche Signifikanz. Baudelaire war nämlich der erste, der sich Goyas Kunst düsterer Graphik in künstlerischer Weise bemächtigte, indem er bestimmte Traumstrukturen ästhetisch radikalisierte; so kann man wohl sagen, daß zwei kongeniale, doch auf unterschiedlich hellsichtig-halluzinatorische Weise ins Dunkel finsterer Gestalt-Weiten blickende Künstler sich in der Konvergenz ihrer dämonischen Gesichter geisterhaft begegneten. Kaum erstaunlich, daß dies auf einem Terrain geschah, das als spöttisch-ironisches, höchst schwierig zu definierendes Reservat der bildenden Kunst sich in vielerlei extravaganter Wechselgestalt anzupassen versteht. Seine erschreckende Abseite voll glühend-eisiger Abgründigkeit wird meist etwas unterschätzt, wenn nicht gar verkannt: das Gebiet des Komischen umfaßt nämlich auch einiges Höllisches.

In Spanien habe ein seltener Mann der Komik neue Horizonte eröffnet - mit dieser neuesten Nachricht setzt der Goya-Essay Baudelaires ein. Er verweist kurz auf einen "ausgezeichneten Artikel" Theophil Gautiers, der damit beweise, "derartige Naturen zu verstehen". Er, Baudelaire, wolle nur noch etwas über das "so seltene Element, das Goya in die Komik eingeführt" hat, hinzufügen: "Ich möchte über das Phantastische sprechen." Der Blick sei es, den Goya auf die Dinge werfe, durch den er alles von selbst ins Phantastische übersetze. Damit erzeuge er "jene Atmosphäre des Phantastischen, die alle seine Sujets umfließt". Es liege darin "ein gewisses Etwas, das jenen seltsamen periodischen oder chronischen Träumen gleicht, die regelmäßig unseren Schlaf befallen".

Honoré Daumier: Im Alter wird der Teufel Eremit, Lithographie,
 erschienen in "La Caricature" am 26. März 1835.
Mit diesem Zitat charakterisiert Sedlmayr Grandvilles Traumsequenzen und verkennt damit das Wesentliche dieser umschreibenden Vorstellung: Baudelaire sprach Grandvilles die kleinmeisterliche Genauigkeit eines Stenographen zu. Eben diese traumatmosphärische Phantastik, die Goyas Sehweise hervorruft, berührt den zentralen, komplex sich verästelnden nervus rerum, den Reflexpunkt von Baudelaires Reflexionen. Sie stehen in signifikantem Zusammenhang mit der erwähnten Abhandlung über das Wesen des Lachens. Darin unterscheidet Baudelaire zwischen dem "absolut" Komischen und einem "gewöhnlich" Komischen, wobei letzteres das ausdrücklich (significatif) Komische ist; diese Komik ist von verständlicherer Art und leicht zu analysieren, da sie Kunst und moralische Idee zeigt. Ihr entspricht die französische Manier, ihr bester Ausdruck findet sich bei Molière. Im Essay über die französischen Karikaturisten sieht Baudelaire konsequenterweise bei Daumier "gewisse Beziehungen zu Molière. Wie jener geht er stracks auf sein Ziel los. Der Grundgedanke tritt sogleich hervor. Man schaut hin, und schon hat man begriffen."

Für Baudelaire waren allerdings einige Formvoraussetzungen noch selbstverständlich. Insbesondere die der "aufreizenden und unseligen Birne". Sie kennzeichnete aufgrund der ähnlichen Kopfform als "karikaturistische" Formsignatur den Bürgerkönig Louis Philippe. Daumier war nicht ihr Erfinder, aber ihr entscheidender Propagandeur. Ohne weiteres begreift man jene bedrückte Siesta des durch seinen Bauch mit der Birne formvermählten Bourgeois inmitten entsprechend durchvariierter Polster als komische Konfiguration. Daß dieser Birnen-Albtraum von 1832 den ehemaligen Parteigänger Louis Philippes und späteren Liberalen, den einstigen Helden des amerikanischen Unabhängigkeitskrieges, General Lafayette, beschwert, ist gewiß informativ, ändert prinzipiell aber nichts an der Struktur dieser Komik. Baudelaire sieht Daumier als "großen Karikaturisten", dessen Zeichenkunst die eines großen Meisters sei. Doch als leidenschaftlicher Liebhaber der Natur hätte er Mühe, "sich zu einer absoluten Komik zu erheben" - wohlgemerkt "erheben"!

Francisco Goya: Sie erkennen sich nicht, 1868,
 Los caprichos, Nr. 6, Radierung und
Aquatinta, 219 x 153 mm,
Fundación Juan March, Madrid.
Baudelaire setzt gegen diese "ausdrückliche", sozusagen vernünftig erheiternde Komik das Extrem ihrer Entfesselung: die "absolute" Komik. Diese erscheint schlechthin im Grotesken, dessen Beglaubigung ein heftig ausbrechendes Gelächter ist. Insbesondere gilt dies bei grotesken Fabelwesen, welche nach den Gesetzen des gesunden Menschenverstandes keinerlei vernunftgemäße Lebensberechtigung haben. "Sie erregen in uns eine so tolle Lustigkeit, daß wir vor nicht enden wollenden Lachkrämpfen ganz hilflos sind." Es ist das Lachen der menschlichen Überlegenheit über die Natur. Das ist zweifelsohne ein forciertes, vielleicht sogar ein bewußt intellektuelles Konstrukt, welches erst aus seiner extremen Gegensätzlichkeit zu dem von Baudelaire subtil poetisierten kindlichen Lachen verständlich wird. Dieses Lachen gleicht nämlich einer Blüte, die sich auftut, ist die Freude des Empfangens, des Atems, des Sich-Öffnens, um zu leben und zu wachsen: "Es ist eine pflanzliche Freude." Die "absolute Komik" der Groteske erhebt sich demgegenüber eigenschöpferisch über die Natur; sie ist ihr Gegensatz, und doch paradoxerweise als verbotene Frucht aus der pflanzlichen Unschuld gereift. Denn das Komische ist schließlich "eines der unverkennbar satanischen Merkmale des Menschen und einer der zahlreichen Kerne des symbolischen Apfels".

Soweit also eine bündige Zusammenfassung dieser geistreichen, aber auch auf recht exzentrische Weise miteinander verknüpften Betrachtungen. Diese Textstruktur hat die Eigenlogik des Sprunghaften, darin das Referierte im Kommentieren ein neues, eigenes Feld eröffnet; man kann dies nur auf ähnlich synthetisierende Weise darlegen. Baudelaires Verfahren folgt und ähnelt hierin seinem Kronzeugen für derartige Vorstellungen absoluter Komik mit konvulsivischer Heiterkeit: dem wunderbaren E.T.A. Hoffmann. Der kommt aus dem "verträumten Deutschland, wo alles ernst, tiefsinnig und exzessiv ist". Bei diesem Deutschen findet sich Einzigartiges: eine Mischung des absolut Komischen allerhöchsten Grades mit einer Dosis signifikanter Komik. Die moralische Bedeutung sei unverkennbar; ja, man glaubt es mit einem tiefsinnigen Physiologen oder Irrenarzt zu tun zu haben, den es freut, sein Wissen in ein poetisches Gewand zu kleiden. Vor allem die "Prinzessin Brambilla" (1820), "ein wahrer Katechismus dieser Ästhetik", entzückt Baudelaire umso mehr, als Hoffmann dieses "exzentrische Drama" sorgfältig kontrastierend in den wirbelnden Karneval des römischen Corso eintaucht, wo das lärmende, sorglos-vergeßliche Italien sich voll unschuldiger Komik selbst feiert - laut Untertitel "Ein Capriccio nach Jakob Callot".

Francisco Goya: Gut hochgezogen, 1868,
Los caprichos, Nr. 17,
Radierung, Aquatinta und Grabstichel,
 219 x 153 mm, Fundación Juan March, Madrid.
Mit Callot wiederum, meint Baudelaire, habe der italienische Narrenspaß durch die französische, signifikante Geistesbestimmtheit ihren Meister gefunden. Die Spanier seien für das Komische hochbegabt, doch sie verfielen rasch ins Grausame und ihre grotesken Phantasien enthielten oft etwas Finsteres. Und in der Tat ballt sich in Goyas Caprichos das Zwielichtige zwingend zu Finstrem und Düstrem zusammen: eine Geisterstunde greller Phantasmagorien. Das Seherlebnis solcher Traum-Gesichte berührte den oben schon erwähnten nervus rerum, den zentralen Reflexpunkt von Baudelaires ästhetischen Reflexionen. Weder absolute noch signifikante Komik kann er bei Goya erkennen - bisweilen tauche er jedoch ins Grimmig-Komische. Aber das Phantastische finde sich vor allem in "Los Caprichos". Als idealen Betrachter stellt sich Baudelaire einen neugierigen Amateur vor, der keinerlei Ahnung von den politischen Anspielungen hat, welche z.B. die Königsfamilie betreffen. Aber so würden die Blätter in ihrer ganzen Machart, mit ihrer "atmosphère fantastique" auf dem Grunde seines Gehirns eine lebhafte Erschütterung auslösen ("il éprouvera toutfois au fond de son cerveau une commotion vive"). Baudelaire geht es also einzig um die unterschwellige, ganz unvermittelt-"unwissende" Wahrnehmung. Durch das Auge wird das Innere schockartig berührt, das Unterbewußtsein bebt.

Mit diesen ästhetischen Absichten unterläuft er - unwissentlich - die programmatische, zentrale Warnung der Caprichos. Exemplarisch hierfür steht das ursprünglich als Titelblatt vorgesehene mehrdeutig-sinistre Capricho Nr. 43, "Der Traum (sueño) der Vernunft gebiert Ungeheuer". Die bekannten drei zeitgenössischen Capricho-Kommentare (Kommentar A nach der Besitzerfamilie Ayala, P im Prado und BN in der Biblioeca Nacional Madrid) wägen mehr oder weniger schwankend den Beistand der Vernunft gegen die irrende Wirrnis visionärer Phantastik ab. Baudelaire erwähnt dieses Capricho nicht. Aber sein Spürsinn für tiefergründende Strukturen erahnt ganz allgemein die doppelte Determiniertheit der spanisch-goyesken Weltbetrachtungen. Er umschreibt sie so: Goya sei ein gewaltiger, oft erschreckender Künstler, der die handfeste spanische Satire des Cervantes mit einem höchst modernen Geist vereint. Er habe nämlich "die Liebe zum Unfaßlichen (l'amour de l'insaisissable), das Gefühl für heftige Kontraste (le sentiment des contrastes violents)" sowie für die grauenvollen Zerrbilder (épouventements) aus der Natur und menschlicher Physiognomie.

Francisco Goya: Wer könnte das glauben?, 1868,
 Los caprichos, Nr. 62,
Radierung, Aquatinta und Grabstichel,
 209 x 153 mm, Fundación Juan March, Madrid.
Damit aktualisiert Baudelaire umwertend jene alte Duplizität zwischen Sancho Pansa - der bodenständigen Satire Spaniens - und Don Quixote, poetisch umweht und verfolgt vom allenthalben grimassierenden Wahnwitz. Eine exemplarische Veranschaulichung dieser Gegensätzlichkeit zeigt die von der unheilschwangeren Birne wortwörtlich "Karikatur"-beschwerte Siesta Lafayettes gegenüber Goyas schlafentfesselten Traummonstern - unerachtet der ebenso beispielhaften französischen "deutbaren" und der spanischen "absolut" dämonischen Komik. Baudelaire erwähnt zwar bei Goyas Mönchs-Karikaturen den aufklärerischen Grundzug - Voltaire hätte ihm sicherlich dafür gedankt -, doch "alle die Ausschweifungen des Traumes" sind ihm das eigentliche, immer höher sich potenzierende Faszinosum. Schon wie er diese "Möncherei" aufzählt, ist bezeichnend: "Gähnende Mönche, verfressene Mönche, mörderische Dickschädel, die sich zur Matutin rüsten, heuchlerische, listige und böse Köpfe wie Raubvogelprofile" - um dann ausführlich zum "Hexen- und Teufelwesen" überzugehen. Auch diese "Poltergeister" sind gemeint: ein satanisch verzerrter Augenfraß bis hin zum "zähnefletschenden" Mauergitter. Dieses Blatt ist eine physiognomische Verkehrung klösterlicher Züge ins diabolische Höllengrinsen.

Demgegenüber wird Daumiers Mönchstravestie mit Louis Philippe und Talleyrand (1835) von subtil wissender "Zweifelhaftigkeit" bestimmt: "im Alter wird der Teufel Eremit". Während La Liberté mit Christus gleichgesetzt unter der Tafel vom Juli 1830 den Erlösungstod stirbt, huldigen ihr die heuchlerischen Kuttenträger. Hier ist Daumier der "bewegliche Künstler mit der Sorgfalt eines Lavater", wie Baudelaire erkannte. Der scheinheilig mit der Kirche versöhnte, mit den Insignien seiner geschmeidigen Karriere gezierte Talleyrand trägt Bocksfuß und Hörner sowie den verräterischen Satansschweif der "Cordeliers". Wie bei Louis Philippe bezieht sich dies auf das Kloster, in dem der revolutionäre Club der "Jakobiner" einst tagte. Die sukzessive Entlarvung der "Bettelmönche" vollzieht sich stückweise, wie beim geldzählenden Rosenkranzgebet - ganz im Gegensatz zur unmittelbaren, schlagartig enthüllenden Grotesk-Komik bei Goya.

Doch gibt es auch ironische Caprichos auf die illusionäre Welt barocker Bizarrerie. Capricho Nr. 6 "Sie erkennen einander nicht" zeigt ausgesprochen pittoreske Staffagefiguren. Der Prado-Kommentar erklärt die Maskerade: "Alles ist vorgespiegelt. Alle wollen so erscheinen, wie sie nicht sind; alle täuschen und niemand kennt sich selbst." Es verbinden sich hier spanischer Barock-Desengano mit den Reizen eines tiepolesken Mummenschanz-Caprichos. Bemerkenswert ist der psychologisierende Zug, welcher von frappanter Unbestimmtheit ist. Ein suchend-fragender Maskenblick auf eine holde, verlarvte Leere, ein aufgesetzter Ingrimm schwankt darüber hin.

Francisco Goya: Noch immer gehen sie nicht weg,
 1868,Los caprichos, Nr. 59, Radierung, Aquatinta
und Grabstichel, 219 x 152 mm,
Fundación Juan March, Madrid.
Solch hübsch fragwürdige Maskerade weicht der kalten Faszination lasziver "Anzüglichkeit" in Capricho Nr. 17. "Bien tirada está - gut hochgezogen" lautet der doppelsinnige Titel, welcher sich auf den strammen Strumpf und das gut gewachsene Mädchen gleichermaßen bezieht. Eine Frivolität, die Baudelaire nach all den "Ungeheuerlichkeiten der Halluzination" pikant betört: "und dann all diese weißen, schlanken Spanierinnen, die von uralten Vetteln gewaschen werden", sei es für den Hexenritt, sei es für die Prostitution, diesen "Hexensabbat der Zivilisation" .

Einen Einfluß Theophile Gautiers auf Baudelaires Goya-Betrachtung wird besonders hier Manifest. Auf Gautier, dem die "Blumen des Bösen" gewidmet sind, weist Baudelaire ja anfangs kurz hin. Dieser hatte in der Beschreibung seiner Spanienreise "Tra los montes" (1843) seine "Entdeckung" Goyas ausführlich geschildert, desgleichen in der "Voyage en Espagne" (1845) bzw. einem Graphikkatalog zu Goya von 1842 (gemeinsam mit Eugène Piot). Baudelaire schuldet Gautier Erkleckliches, nicht nur solche hübsch anzusehenden "Sabbat"-Betrachtungen. Gautier historisiert diese freilich mit einer gebildeten Referenz auf die heuchlerische Kupplerin Mazette in "Les Satyres" von Mathurin Regnier (ab 1608). Einen wirklich künstlerischen Blick beweist er in der Abgrenzung Goyas gegenüber Callots präziser Manier: "tiefdunkle Nächte, worin ein greller Lichtstrahl fahle Silhouetten von seltsamen Phantomen entwirft". Andererseits entdeckt Gautier eine so "einzigartige Mischung" aus Rembrandt, Watteau und Rabelais mit starker Prise picaresken Witzes aus Cervantes, daß diese Kunst nur noch aus zahlreichen Ingredienzien zu bestehen scheint. Gautier sieht viel, und er weiß etwas zu viel.

Umso prägnanter versteht es Baudelaire, daraus die für seine Absichten geeigneten Gesichtspunkte aufzugreifen. Wahrscheinlich entwickelt er sogar aus einer Nebenbemerkung Gautiers die Affinität zu E. T. A. Hoffmann. Gautier: "Wir sagten, Goya sei ein Karikaturist, weil uns ein passenderes Wort mangelt. Es ist Karikatur in der Art E. T. A. Hoffmanns, wo sich das Phantastische immer mit dem Kritischen mischt, und oft bis zum schmerzlich Umdüsterten (lugubre) und Schrecklichen geht." Noch einiges "Ähnliche" mehr mutet bei Gautier wie ein Vorentwurf für Baudelaire an. Doch insgesamt erscheint Goya bei ihm von anderer, härterer Ausprägung. Er wird nämlich radikal modernisiert. Gautier rückt Goya nach poetisch eindrucksvoller Vergegenwärtigung in eine geradezu nekrophil-romantisehe Ferne: "In Goyas Grab liegt die alte spanische Kunst beerdigt." Dieser Künstler sei gerade noch zur rechten Zeit gekommen, um das spanische Lokalkolorit mit all den Majos, Mönchen, Matadoren, den Banditen und Hexen festzuhalten. "Seine Karikaturen werden bald historische Denkmäler sein."

Anders als mit solch nostalgischem Rückblick auf ein romantisch ruchloses Spanien beugt sich Baudelaire über die ihn widerspiegelnden Traumgesichte einer abgründig neuen Psychomachie. Denn bezeichnenderweise entsinnt er sich vor allem zweier außerordentlicher Blätter: Das eine ist Capricho Nr. 62 "Quien lo creyera" - "Wer könnte das glauben". Es "stellt eine phantastische Landschaft vor, ein Gemisch von Wolken und Felsen. Vielleicht ein unbekannter, gottverlassener Winkel der Sierra? Ein Vorgeschmack des Chaos? Und in diesem schauerlichen Theater findet ein erbitterter Zweikampf zwischen zwei in Lüften schwebenden Hexen statt. Die eine sitzt rittlings auf der anderen, schlägt auf sie ein, überwältigt sie. Die beiden Ungeheuer wälzen sich durch finstere Luft. Alle Scheußlichkeiten, jeder sittliche Schmutz, alle Laster, die Menschengeist ersinnen kann, sind ihnen ins Gesicht geschrieben, halb Mensch, halb Tier, wie es der Künstler so häufig mit unerklärlicher Meisterschaft zu zeichnen pflegt."

Francisco Goya: Nichts. Es wird sich zeigen, 1868, Los desastres de la guerra,
 Nr. 69, Radierung, Aquatinta, Lavis und Grabstichel,
 155 x 201 mm, Fundación Juan March, Madrid.
Baudelaire fasziniert also die Inkarnation des Üblen schlechthin, die Offenbarung des Gemeinsten: Taumel, Wut und Abgründiges, wobei er die beiden schattenhaft auskrallenden Raubtiermonser ganz außer acht läßt. Vielmehr sugeriert sein Gedächtnis chaotische Raumenergien, zwittrig und aggressiv, in denen wutentbrannte Monstrositäten in einem viehischen Akt sich bekämpen. Dieses Blatt bildet denn auch die grausame Folie für das Gedicht "Duellum" in den "Fleurs". Da kontrastiert jugendliches Ritterspiel mit dem, was dann übrigbleibt: scharfer Nagel und Zahn "für die Wut von Lieb erbittert". Das Hochgemute ist in eine höllische Schlucht gesunken, dort "laß, Grausame, uns reulos niedergleiten / Daß unser Haß durchglüh die Ewigkeiten". Dergleichen Niederungen werden dann umso mehr durch Wort- und Klangzauber erhöht. Baudelaire geht es nicht um getreue Abschilderung.

Entlammte die Phantastik dieses Caprichos die Sprachglut für Raserei und Qual, so verflackern die Worte beim anderen Blatt. Da vermengt Baudelaire die drohende Zermalmung von Capricho Nr. 59 "Noch immer gehen sie nicht weg" mit der sinistren Sinnverwesung im "Nada" - Blatt Nr. 69 der Desastres "Nichts. Es wird sich zeigen". Zweifellos überlagerte Gautiers Schreckensbeschwörung bei den beiden Blättern Baudelaires Erinnerung. Er entsinnt sich eines Wesens, einer "Monade", die sich als gepeinigte Seele aus dem Grab winden will, während eine Unzahl niederträchtiger Gnome, Wächter des Todes, die halbgelüftete Grabplatte niederdrücken. Gautier kannte vermutlich eine Vorzeichnung, Baudelaire aber konnte dieses Blatt noch nicht kennen, da es erst ab 1863 gedruckt wurde. Capricho Nr. 59 ist für Gautier von düsterster Poesie zu bitterster Verhöhnung der Toten; das "Nada" -Blatt fiel ihm wegen seiner mysteriösen Ungewöhnlichkeit auf, die unwillkürlich Entsetzen erregt. Bei beiden zitiert er Dantes schwarze Schrecknisse herbei. Er malt mürbe und gewaltsame Einzelheiten aus, um das "Nada" des Gerippes gehörig zu garnieren. Baudelaire dagegen erwägt die bedrückende Todeslast auf einer einsam verzweifelten Seele als einen Albtraum, den nicht einmal eine "Nada" fixiert, sondern der "im Schrecken des Vagen und Unendlichen" schwankt.

Francisco Goya: Schaut nur, wie gewichtig,
1868, Los caprichos, Nr. 63, Radierung,
Aquatinta und Kaltnadel, 215 x 163 mm,
 Fundación Juan March, Madrid.
Aufs Ungeklärte, aufs Chaotische ist Baudelaires Sinn gerichtet, hin zu jenen Bereichen, die an das Unzugängliche grenzen. Denn dort, wo Goyas Blick die erklärten Peripherien der Vernunft erkundet, und diese Grenzgefilde mit karikierten Grenzgebilden bevölkert, wo die verständige Vernunft sich in den traumverworrenen Phantasmagorien des Abseitigen zu verirren droht, da grimassiert die satanische Gegenwelt Baudelaires. Die Ankündigung der Caprichos im "Diario de Madrid" (1799) betont die Absicht, mit diesen Absonderlichkeiten "Stoff für das Lächerliche zu liefern und zugleich die künstlerische Phantasie anzuregen". Unter dem aufspürenden Blick Baudelaires wird diese Doppelbödigkeit programmatisch. Allerdings ohne die geringste Spur der darin intendierten moralischen Aufklärung. […]

Im faszinierten Hineinsehen in diese unfaßlich-vieldeutige Unheimlichkeit wird das statische Bewußtsein unterminiert; jener psychische Tremor der "lebhaften Erschütterung" verursacht den Einbruch ins Unterbewußte, Unterschwellige, tief unterhalb der wachenden "Aufklärung". Das Lastende, Albtraumhafte und - im schroffsten Kontrast dazu - der Schock rasender Wut werden leitmotivisch: Saturnisches und Satanisches. Das Erstere beweist die artistische "Traumarbeit" Baudelaires, der die eseltragenden Eseltreiber (Capricho Nr. 42), Motiv einer verkehrten Welt, mit den monströsen Hexern im Capricho Nr. 63 kreuzt. Ihnen begegnet im Prosagedicht "Jedem seine Chimäre" (Nr. VI, 1869) das poetische "Ich" in einer endlosen staubigen Ebene. Unter grauem Himmel ziehen gebeugte Männer mit riesigen Chimären auf dem Rücken dahin, sodaß es an kriegerische Schreckhelme erinnert. Bedrückt und voller Ergebenheit, zu ewigem Hoffen verdammt, entschwindet dieser Zug, von einem unwiederstehlichen Drang getrieben, im Irgendwo. In lastender Gleichgültigkeit, schwerer noch als die erdrückenden Chimären, bleibt das "Ich" zurück.

Francisco Goya: Spanisches Vergnügen, 1825, Los toros de Burdeos, Nr. 16,
 Lithographiekreide und Schaber, 300 x 410 mm, Calcograffa Nacional,
Real Academia de Bellas Artes de San Fernando, Madrid.
Das gegensätzliche Leitmotiv bezeugt ein Blatt der späten Tauromachien, betitelt" Dibersión de Españia" (1825), worin Goya die Volksbelustigung als einen Bannkreis in Angst und Hohn demonstriert. Baudelaire greift einen Ausschnitt dieses "bewunderungswürdigen Tohuwabohus" auf: Vorne hat ein wütender Stier - einer, der seine Wut noch an Toten austobt - die Hinterbacken eines Kämpfers entblößt, der, vom wilden Stier bedrängt, "sich mühselig auf den Knien dahinschleppt". Aber "inmitten des Gemetzels" läßt dies die Zuschauer ungerührt. Nur diesen schockierenden Ausschnitt sieht Baudelaire, nicht das von Goya aufgeschäumte Rundum, diese bedenkliche "Massierung" einer peripheren Menschenmeute. Doch immerhin sind es noch miteinander verbundene Individuen, ein Kreis voll Hohn, feigem Zaudern und Gleichgültigkeit, in dessen Mitte die Gewalt der Stiere herrscht.

Mit Baudelaire'schem Spürsinn hat Walter Benjamin dessen Modernität im Empfinden des "Choks" erkannt. Er weist auf Phänomene hin, die man im Ansatz schon bei Goya feststellen kann. Etwa, daß es ihm, selbst dem Schrecken preisgegeben, nicht fremd sei, ebenfalls Schrecken hervorzurufen. Die "Chokerfahrung" im Herz dieser Artistik bestimmt ihre "Faktur": das bezeugen die "unterirdischen Stöße", die den Vers Baudelaires erschüttern. Bei seinen "Gedichten in Prosa" träumt er davon, daß diese sich "den lyrischen Regungen der Seele" anpassen: "dem Wellenschlag der Träumerei und den Zuckungen des Bewußtseins". Von diesen "soubresauts de la conscience" handelt dieser Beitrag. Den Doppelsinn dieser Worte kann man auch als "jähe Ängste des Gewissens" wiedergeben. Und das verdoppelt auch die Dimension des "Abgründigen", das er bei Goya empfand. Am 23. Januar 1862 notierte Baudelaire in den "Fusées", daß er seelisch und körperlich immer die Empfindung des Abgrundes gehabt habe. Damals entstand das Sonett "Der Abgrund", dessen poetische, definierte Formvollendung von solchen Worten durchbebt wird:

"Die Angst vorm Schlaf ist wie die Angst vor einem Schlund / Den wüstes Grauen füllt und ohne festen Grund".

Quelle: Ullrich Nefzger: "Un échantillon du chaos?" - "Eine Erprobung des Chaos?". Goya, Baudelaire und das Beben der Moderne. In: Belvedere. Zeitschrift für bildende Kunst. ISSN 1025-2223. Heft 1/2001, Seite 20 - 33 (geringfügig gekürzt).

Ulrich Nefzger lehrt seit 1987 Allgemeine Kunstgeschichte an der Paris-Lodron-Universität Salzburg. Sein spezielles Forschungsinteresse gilt dem strukturellen Zusammenwirken von Bildgestalt und Ikonologie. Dies hat er u.a. in Untersuchungen zu Velazquez, Max Beckmann und Franz von Stuck thematisiert.


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Als bisher einziges Orgelstück wurden in der Kammermusikkammer Girolamo Frescobaldis »Musikalische Blumen« veröffentlicht.

Aber einen der vielen Verweise zu Johann Sebastian kann ich hier hinsetzen: Ich nehme Wanda. »Mais où sont les neiges d'antan?«

Francisco de Goya als Hofporträtist und Zeitgenosse von Luigí Boccherini (mit dessen Opus 23).


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Reposted on December 23th, 2017

18. Februar 2014

Das Wohltemperierte Klavier (Edwin Fischer, 1933-36)

Bachs zweibändige Sammlung mit 48 Präludien und Fugen gilt nach einem Ausspruch Hans von Bülows als das Alte Testament der Klavierliteratur. Die Hommage an die damals jüngst erfundene temperierte Instrumentenstimmung ist nicht nur als theoretisches Lehrwerk über Satztechnik durch alle Tonarten anzusehen, sondern enthält auch ausdrucksstarke Passagen von zeitloser Originalität.

Während Bachs früher Schaffensphase war noch die mitteltönige Stimmung bei Tasteninstrumenten verbreitet, in der vom C aufsteigend alle großen Terzen rein gestimmt waren und sich die anderen Intervalle unterschiedlich unsauber darum herum gruppierten. Damit ließen sich nur die ersten fünf Tonarten in jeder Richtung des Quintenzirkels halbwegs sauber spielen. Bach bewegte sich daher in seinen ersten Kompositionen wie seine Zeitgenossen ausschließlich im Bereich von C-Dur und den Kreuztonarten bis E-Dur sowie den B-Tonarten bis höchstens As-Dur und deren parallelen Molltonarten.

Bereits im ausgehenden 17. Jahrhundert begann der Orgelbauer Andreas Werckmeister an einer Instrumentenstimmung zu tüfteln, die das pythagoreische Komma, also die natürliche Unstimmigkeit innerhalb der Oktave, gleichmäßiger auf alle Intervalle verteilte. Diese temperierte Stimmung ermöglichte endlich auf Tasteninstrumenten ein relativ wohltönendes Spiel in allen Tonarten und auch erstmals Tonartenwechsel ohne auffällige Missklänge.

Das Wohltemperierte Klavier enthält von jedem Grundton aus je ein Präludium und eine Fuge in der Dur- und der Molltonart, wobei die Reihenfolge vom C aus in Halbtonschritten aufsteigt. Während Band I sich als geschlossener Zyklus von Lehrstücken präsentiert, erscheint der zweite eher als freie Sammlung von Werken aus unterschiedlichen Schaffensphasen.

Bach schrieb den ersten Teil in den Jahren 1717 bis 1722, den zweiten Teil stellte er erst 1740/42 zusammen. Seit August 1717 stand er nach anstrengenden Jahren als Hoforganist in Weimar im Dienst des Fürsten Leopold von Anhalt-Köthen, der ihm endlich ausreichend Zeit für seine Kompositionen ließ. Für die Kinder, sechs hatte er bereits mit seiner ersten Frau Maria Barbara, schrieb Bach spezielle Werke für den theoretischen Unterricht, da es seinerzeit noch keine pädagogische Klavierliteratur gab.

CD 1 Track 4: Präludium und Fuge in cis moll BWV 849


In diesen Notenbüchlein finden sich einige Fragmente der später in das Wohltemperierte Klavier aufgenommenen Stücke, allein elf der Präludien sind in ihrer Erstfassung im Klavierbüchlein für den damals neunjährigen Wilhelm Friedemann Bach von 1720 enthalten.

Bach beschränkte sich zwar darauf, die formalen Vorlagen nur des Präludiums und der Fuge zu verwenden, diese führte er jedoch mit allen nur denkbaren Stilmitteln mit großer Variationsvielfalt zur Perfektion. Während manche kurzen Präludien allein ihre Funktion als Einstimmung auf die Fuge erfüllen, sind einige selbst schon kleine Meisterwerke, die sich als eigenständige Vortragsstücke eignen.

Das eröffnende C-Dur-Präludium wirkt schlicht und klar, perlende Akkorde über einem Generalbass verleihen ihm eine sanfte und eingängige Wirkung, obwohl ständige Harmoniewechsel bei aller Einfachheit für junge Pianisten auch ihre Übungszwecke erfüllen. Durch die Bearbeitung von Charles Gounod zu „Ave Maria“ avancierte es im 19. Jahrhundert zum Klassik-Hit. Das anschließende Präludium in C-Moll dagegen wurde zu den am häufigsten gespielten Unterrichtsstücken Bachs, nicht zuletzt da Carl Czerny es als ideales Lehrstück für das Zusammenspiel der Hände propagierte.

Auch bei den Fugen wechseln sich hochkomplexe durchorganisierte Stücke in Vollendung der kontrapunktischen Technik mit stimmungsvoll melodiösen Kompositionen ab. Dabei finden sich sämtliche Formvarianten von der zweistimmigen bis zur fünfstimmigen Fuge, während auch die Anzahl der Themen zwischen einem und drei variiert.

Das Wohltemperierte Klavier beeinflusste wie kaum ein anderes Werk das Schaffen der nachfolgenden Generationen und bestimmte grundlegend die Kompositionen der Klassik. Mozart setzte einige Fugen für Streichquartett und Streichtrio um, später ließ sich auch Frédéric Chopin von dem großen Vorgänger zu seinen Préludes inspirieren. Im 20. Jahrhundert entwickelten Paul Hindemith mit dem Klavierzyklus „Ludus Tonalis“ und Dmitri Schostakowitsch mit seinen 24 Präludien und Fugen op. 87 moderne Nachbauten der Bachschen Architektur.

Unter den unzähligen hörenswerten Aufnahmen des Zyklus, der sowohl auf dem Cembalo als auch dem Klavier gespielt wird, gelten bis heute die Einspielungen von Edwin Fischer aus dem Jahr 1936 und von Glenn Gould 1975 als Meilensteine. Beide hauchten mit ihren spezifischen Interpretationen dem Werk Leben ein und erhoben es weit über das pure Lehrstück hinaus.

Quelle: Elke Geyer: Das Wohltemperierte Klavier von Johann Sebastian Bach

CD 2 Track 5: Präludium und Fuge in h moll BWV 869


TRACKLIST

Johann Sebastian Bach

DAS WOHLTEMPERIERTE KLAVIER
48 Präludien und Fugen BWV 846-893
Historische Gesamtaufnahme

THE WELL-TEMPERED CLAVIER 
48 Preludes and Fugues BWV 846-893
Historic Complete Recording


CD 1

TEIL I / BOOK I 

01 NR. 1 C-DUR (a 4 voci), BWV 846           / NO.1 IN C MAJOR, BWV 846           3:06 
02 NR. 2 C-MOLL (a 3 voci), BWV 847          / NO. 2 IN C MINOR, BWV 847          2:58 
03 NR. 3 CIS-DUR (a 3 voci), BWV 848         / NO. 3 IN C SHARP MAJOR, BWV 848    3:32 
04 NR. 4 CIS-MOLL (a 5 voci), BWV 849        / NO. 4 IN C SHARP MINOR, BWV 849    7:20 
05 NR. 5 D-DUR (a 4 voci), BWV 850           / NO. 5 IN D MAJOR, BWV 850          2:56 
06 NR. 6 D-MOLL (a 3 voci), BWV 851          / NO. 6 IN D MINOR, BWV 851          3:33 
07 NR.7 ES-DUR (a 3 voci), BWV 852           / NO. 7 IN E FLAT MAJOR, BWV 852     5:14 
08 NR. 8 ES-MOLL (a 3 voci), BWV 853         / NO. 8 IN E FLAT MINOR, BWV 853     8:49 
09 NR. 9 E-DUR (a 3 voci), BWV 854           / NO. 9 IN E MAJOR, BWV 854          2:05 
10 NR. 10 E-MOLL (a 2 voci), BWV 855         / NO. 10 IN E MINOR, BWV 855         3:05 
11 NR. 11 F-DUR (a 3 voci), BWV 856          / NO. 11 IN F MAJOR, BWV 856         2:08 
12 NR. 12 F-MOLL (a 4 voci), BWV 857         / NO. 12 IN F MINOR, BWV 857         6:04 
13 NR. 13 FIS-DUR (a 3 voci), BWV 858        / NO. 13 IN F SHARP MAJOR, BWV 858   2:48 
14 Nr. 14 FIS-MOLL (a 4 voci), BWV 859       / NO. 14 IN SHARP MINOR, BWV 859     4:40 
15 NR. 15 G-DUR (a 3 voci), BWV 860          / NO. 15 IN G MAJOR, BWV 860         3:15 
16 NR. 16 G-MOLL (a 4 voci), BWV 861         / NO. 16 IN G MINOR, BWV 861         4:12 
17 NR. 17 AS-DUR (a 4 voci), BWV 862         / NO. 17 IN A FLAT MAJOR, BWV 862    3:35 
18 NR. 18 GIS-MOLL (a 4 voci), BWV 863       / NO. 18 IN G SHARP MINOR, BWV 863   4:45 
19 NR. 19 A-DUR (a 3 voci), BWV 864          / NO. 19 IN A MAJOR, BWV 864         3:38 

Total Time: 77:54 

CD 2

TEIL I / BOOK I 

01 NR. 20 A-MOLL (a 4 voci), BWV 865         / NO. 20 IN A MINOR, ßWV 865         5:41 
02 NR. 21 B-DUR (a 3 voci), BWV 866          / NO. 21 IN B FLAT MAJOR, BWV 866    2:28 
03 NR. 22 B-MOLL (a 5 voci), BWV 867         / NO. 22 IN B FLAT MINOR, BWV 867    6:36 
04 NR. 23 H-DUR (a 4 voci), BWV 868          / NO. 23 IN B MAJOR, BWV 868         3:47 
05 NR. 24 H-MOLL (a 4 voci), BWV 869         / NO. 24 IN B MINOR, BWV 869         9:01 

TEIL II / BOOK II 

06 NR. 1 C-DUR (a 3 voci), BWV 870           / NO. 1 IN C MAJOR, BWV 870          4:02 
07 NR. 2 C-MOLL (a 4 voci), BWV 871          / NO. 2 IN C MINOR, BWV 871          4:26 
08 NR. 3 CIS-DUR (a 3 voci), BWV 872         / NO. 3 IN C SHARP MAJOR, BWV 872    4:24 
09 NR. 4 CIS-MOLL (a 3 voci), BWV 873        / NO. 4 IN C SHARP MINOR, BWV 873    6:33 
10 NR. 5 D-DUR (a 4 voci), BVW 874           / NO. 5 IN D MAJOR, BVW 874          6:48 
11 NR. 6 D-MOLL (a 3 voci), BVW 875          / NO. 6 IN D MINOR, BVW 875          2:43 
12 NR.7 ES-DUR (a 4 voci) BVW 876            / NO. 7 IN E FLAT MAJOR, BVW 876     4:25 
13 NR. 8 DIS-MOLL (a 4 voci), BVW 877        / NO. 8 IN D SHARP MINOR, BVW 877    6:10 
14 NR.9 E-DUR (a 4 voci), BVW 878            / NO. 9 IN E MAJOR, BVW 878          7:07 
15 NR. 10 E-MOLL, BVW 879 (Präludium)        / NO. 10 IN E MINOR. BVW 879 (prelude) 3:16 

Total Time: 77:35 

CD 3

TEIL II / BOOK II 

01 NR. 10 E-MOLL (a 3 voci) BVW 879 (Fuge) I / NO. 10 IN E MINOR, BVW 879 (fugue) 2:45 
02 NR. 11 F-DUR (a 3 voci), BVW 880          / NO. 11 IN F MAJOR, BVW 880         4:18 
03 NR. 12 F-MOLL (a 3 voci), BVW 881         / NO. 12 IN F MINOR, BVW 881         4:41 
04 NR. 13 FIS-DUR (a 3 voci), BVW 882        / NO. 13 IN F SHARP MAJOR, BVW 882   5:44 
05 NR. 14 FIS-MOLL (a 3 voci), BVW 883       / NO. 14 IN F SHARP MINOR, BVW 883   6:56 
06 NR. 15 G-DUR (a 3 voci) BVW 884           / NO. 15 IN G MAJOR, BVW 884         3:27 
07 NR. 16 G-MOLL (a 4 voci) BVW 885          / NO. 16 IN G MINOR, BVW 885         5:45 
08 NR. 17 AS-DUR (a 4 voci) BVW 886          / NO. 17 IN A FLAT MAJOR, BVW 886    7:00 
09 NR. 18 GIS-MOLL (a 3 voci), BVW 887       / NO. 18 IN G SHARP MINOR, BVW 887   7:52 
10 NR. 19 A-DUR (a 3 voci), BVW 888          / NO. 19 IN A MAJOR, BVW 888         2:51 
11 NR. 20 A-MOLL (a 3 voci) BVW 889          / NO. 20 IN A MINOR, BVW 889         3:52 
12 NR. 21 B-DUR (a 3 voci), BVW 890          / NO. 21 IN B FLAT MAJOR, BVW 890    5:45 
13 NR. 22 B-MOLL (a 4 voci), BVW 891         / NO. 22 IN B FLAT MINOR, BVW 891    8:32 
14 NR. 23 H-DUR (a 4 voci), BVW 892          / NO. 23 IN B MAJOR, BVW 892         4:50 
15 NR. 24 H-MOLL (a 3 voci) BVW 893          / NO. 24 IN B MINOR, BVW 893         3:58 

Total Time: 78:25 


EDWIN FISCHER, Klavier / piano, aufg. / recorded in 1933-36 


CD 3 Track 7: Präludium und Fuge in g moll BWV 885


Robert Howlett: Isambard Kingdom Brunel (1857)


Robert Howlett: Isambard Kingdom Brunel, 1857
Moloch über der Themse

Die Great Eastern gilt als das größte Dampfschiff des 19. Jahrhunderts. Ein Stahl gewordener Traum von der Besiegbarkeit der Elemente. Erbauer des Schiffs mit dem ursprünglichen Namen Leviathan war der geniale Ingenieur Isambard Kingdom Brunel, dessen Porträt genau genommen Teil einer der ersten fotografischen Industriereportagen war.

Täuschen wir uns nicht: Der hohe Zylinder gehört durchaus noch zu den Standards der Bekleidung des britischen Gentleman. Der halblange Gehrock auch, die Weste, der Querbinder über einem Kragen, der noch keineswegs, wie heute üblich, umgeschlagen wird. Fast ließe sich von einem »Full dress« im Sinne abgestimmter und sich ergänzender Elemente sprechen, wären da nicht die betont lockere Haltung des Dargestellten, die auf geradezu schlampige Art Falten werfende Weste, bei der im korrekten Fall der untere, nicht der obere Knopf zu öffnen wäre, die in die bemerkenswert hoch angesetzten Hosentaschen gesteckten Hände und vor allem die unübersehbar verdreckten Schuhe und Hosenbeine.

Die kess aus dem rechten Mundwinkel ragenden Zigarre nicht zu vergessen, die unserem Protagonisten einen nachgerade dandyhaften Zug verleiht. Wenngleich daran erinnert werden muss, dass die von George Bryan Brummel bis Oskar Wilde stilbildend vorgetragene Geste des Arbiter elegantiarum das unbedingte Gegenteil von Lässigkeit und Nonchalance darstellt. Aber Dandy im Sinne selbstverliebter Eitelkeit war wohl auch nicht die Rolle, in der sich der hier porträtierte Isambard Kingdom Brunel wiedergefunden hätte. Obwohl er zweifellos beides war, selbstverliebt und eitel - nur dass sich der britische Baumeister, Architekt und Ingenieur nicht in erster Linie über seine Person, sondern die geschaffenen industriellen »Monumente« definierte, jene staunenswerten Hervorbringungen des kapitalistischen Zeitalters, mit denen die bürgerliche Welt quasi nahtlos an die Antike und ihre Weltwunder anzuknüpfen suchte. So gesehen wären die schmutzigen Stiefel und Hosen durchaus als Teil einer ganz der Idee des Schaffens und Kreierens verpflichteten Uniform zu werten, zu der auch das zusammengeklappte Augenglas und die an einer langen Kette getragene Uhr gehört - die Uhr auch und nicht zuletzt als Medium, durch das menschliche Arbeitsleistung messbar geworden ist.

Im November 1857 hat der junge Londoner Fotograf Robert Howlett Isambard Kingdom Brunel porträtiert. Er tat dies, ungewöhnlich genug, unter freiem Himmel. Und er exponierte - noch ungewöhnlicher für eine Zeit, in der antikisierende Dekors bürgerlichem Selbstbewusstsein so etwas wie einen im doppelten Wortsinn klassischen Hintergrund vermitteln sollten - vor der gewaltigen Ankerkette eines Schiffs, mit dem der Ingenieur alle bis dato gültigen Normen und Dimensionen im Schiffsbau sprengen sollte. Dem Bild, keine Frage, haftet etwas Babylonisches an. Der Mensch, klein von Statur, fragil neben dem wirkungsmächtig aufgerollten Eisen, weiß sich doch stolz in der Gewissheit, dies alles geschaffen zu haben. Das Foto, so sehr wie das gewaltige Schiff selbst, muss die Zeitgenossen verblüfft und in Staunen versetzt haben.

Robert Howlett: Bau der Great Eastern, Albuminabzug, 1857
Die Londoner Illustrated Times, die einen Bildbericht über die Fertigstellung des bezeichnenderweise Leviathan getauften schwimmenden Monsters brachte, bot Originalabzüge an, für die sich nicht wenige Käufer gefunden haben müssen. Wie sonst lässt sich die Tatsache erklären, dass uns eine vergleichsweise große Zahl von Vintage-Prints gerade dieser Aufnahme erreicht hat. Ein an den oberen Kanten vignettiertes Exemplar etwa befindet sich im Besitz des amerikanischen Privatsammlers Paul F. Walter. Die Gilman Paper Company nennt ein sehr schönes Exemplar ihr eigen, wie auch der Amsterdamer Sammler Manfred Heiting, dessen im Original 28,2 x 21,6 cm großen Abzug wir hier zur Reproduktion heranziehen durften. Hinzu kommen britische oder US-amerikanische Sammlungen und Archive, um nur einige wenige Fundstellen zu zitieren. Das Bild zählt also zu den bekannteren Inkunabeln früher britischer Fotografie, ein staunenswertes Porträt, das bis heute nichts von seiner suggestiven Wirkung verloren hat.

Genau genommen ist es Teil einer größeren Serie, heute würden wir sagen: Reportage, die Robert Howlett im Auftrag der Illustrated Times unmittelbar vor dem Stapellauf der Leviathan oder der, wie das Schiff schon bald im Volksmund hieß, Great Eastern angefertigt hat. Wohlgemerkt, die Fotografie als technisches Bildmittel ist erst seit anderthalb Jahrzehnten in Gebrauch. Mit dem 1851 durch Frederick Scott Archer gefundenen Nasskollodiumverfahren bekommt erstmals Glas als Schichtträger praktische Bedeutung. Das heißt, die Negative zeichnen schärfer als die vormals üblichen Kalotypie- sprich Papiernegative. Auch sinken die Belichtungszeiten. Andererseits erfordern die noch in nassem Zustand zu belichtenden Platten einen ungleich höheren technisch-logistischen Aufwand. Die Rede ist von nicht weniger als 18 Arbeitsschritten von der Sensibilisierung der Platte bis hin zur vollendeten Aufnahme. Dem selbstbewussten Ingenieur Isambard Kingdom Brunel dürfte folglich ein nicht minder selbstbewusster Fotograf gegenübergetreten sein. Auch Robert Howlett wird sich als Pionier, als Neuerer im industriellen Zeitalter gefühlt und verstanden haben, wenn auch auf dem ganz anderen Gebiet der Fototechnik und -ästhetik.

Robert Howlett: Bau der Great Eastern, Albuminabzug, 1857
Im rechten Bildteil unübersehbar ist die aufgewickelte Ankerkette, vor der
Isambard Kingdom Brunel für den Fotografen posierte.
Wenige, dafür eindrucksvolle Spuren hinterlassen

Vergleichsweise wenig wissen wir über Robert Howlett, was erstaunt, wenn wir uns die heutige Wertschätzung seiner Person und seines Werkes vor Augen halten. So nannte ihn Mark Haworth-Booth einen der »führenden Berufsfotografen seiner Zeit«. Und Waeston Neaf erkannte in ihm »einen der kühnsten Neuerer in der britischen Fotografie der 1850er Jahre«. Gleichwohl sind die Daten über Howlett spärlich. Dies mag zum einen der Tatsache geschuldet sein, dass die Fotografie des 19. Jahrhunderts noch immer allenfalls in Ansätzen erforscht ist; zum anderen dürfte es daran liegen, dass Howlett bereits mit 27 Jahren starb, also nur wenige, dafür umso eindrucksvollere Spuren hinterlassen hat. 1831 als Sohn eines norwegischen Geistlichen geboren, soll er eine Zeit lang Partner des Fotografen Joseph Cundall (1818-75) gewesen sein. Er hat unter dem Titel On the various methods of printing photographic pictures upon paper (1856) ein weit verbreitetes fotografisches Lehrbuch verfasst. Außerdem entwickelte er ein tragbares Dunkelkammerzelt, das ihm nicht zuletzt bei der Arbeit auf den Londoner Docks gute Dienste geleistet haben dürfte.

Vor allem aber hat sich Howlett auf die unterschiedlichsten Anwendungsformen des noch jungen Mediums eingelassen. Belegt sind Porträts von Krimkriegsveteranen, die der Kamerakünstler im Auftrag von Königin Victoria ausgeführt haben soll. Daneben sind Landschaften und Architekturstudien erhalten geblieben. Schließlich war Howlett auch noch tätig auf dem Gebiet der Kunstreproduktion und hat seinerseits Aufnahmen gefertigt, die bildenden Künstlern als Vorlage dienten. So soll der Maler William Powell Frith bei der Abfassung seines Gemäldes Derby Day (1858) auf Arbeiten von Howlett zurückgegriffen haben. Zu Recht am bekanntesten wurde freilich seine Bildserie rund um den Stapellauf der Great Eastern, entstanden übrigens genau ein Jahr bevor Robert Howlett im November 1858 überraschend starb, ob an Typhus oder, wie gelegentlich behauptet wird, durch sorglosen Umgang mit den nicht ungefährlichen Fotochemikalien jener frühen Jahre, sei einmal dahingestellt.

War Robert Howlett mit Isambard Kingdom Brunel befreundet? Es wird mitunter geschrieben und würde erklären, warum der Ingenieur auf fast jeder Aufnahme der Serie zu sehen ist. Wenngleich unterstrichen werden muss, dass Brunel zu seiner Zeit bereits so etwas wie ein Star in der Zunft der Ingenieure war, seine Präsenz im Bild also durchaus im Interesse einer auf Publikum zielenden Reportage lag. Brunel war wohl so etwas wie der Protagonist einer von ungebrochenem Fortschrittsglauben getriebenen Zeit, in der die Grenzen des Machbaren als ständige Herausforderung den Wettlauf bestimmten. Mit nachgerade atemberaubender Geschwindigkeit hatte sich seit dem 17. Jahrhundert der Wandel von einer primär agrarischen oder durch das Manufakturwesen bestimmten Erwerbsgesellschaft zu einer kapitalistischen Industriegesellschaft vollzogen, wobei England hier bekanntlich eine führende Rolle beanspruchen durfte. Neue Materialien (voran das Eisen), neue Energiequellen (voran Kohle bzw. Dampfkraft) und neue Technologien bestimmten den Rhythmus des Fortschritts und führten letztlich zu neuen Lebensformen, neuen Schichten und Klassen einschließlich der später von Karl Marx und Friedrich Engels beschriebenen Antagonismen.

Als purer Technokrat war Brunel, geboren 1806 und Sohn des als Ingenieur gleichfalls profilierten Mark Isambard Brunel, an den sozialen Implikationen seines Tuns allerdings wenig interessiert. Ingenieurskunst hieß für ihn die Eroberung der Elemente, wobei die Reise nicht weit genug gehen konnte. Entsprechend schrieb der Morning Chronicle, als Brunel am 15. September 1859 starb: »Die Geschichte der Erfindungen verzeichnet kein weiteres Beispiel, dass große Neuerungen von ein- und demselben Menschen so kühn erdacht und so erfolgreich ausgeführt wurden. Er war weniger erfolgreich, wenn er weniger kühn war ... Brunel konnte ein Ingenieur-Epos, aber kein Ingenieur-Sonett schaffen. Wenn er nicht gewaltig sein konnte, war er überhaupt nichts ...«

Robert Howlett: Bau der Great Eastern, Albuminabzug, 1857
Der bürgerliche Held im Zentrum des Interesses

Tunnels hat er gebaut, Hafenanlagen realisiert, sich im Eisenbahnwesen engagiert und nicht zuletzt Schiffe konzipiert, finanziert, realisiert. Der britische Historiker Francis D. Klingender lässt die Geschichte der Dampfschifffahrt mit Brunels Great Western (1838) beginnen. 1843 geht seine mit 3000 Tonnen für damalige Verhältnisse gewaltige Great Britain vom Stapel: Fast schon wieder bescheidene Dimensionen angesichts der Great Eastern, die ab 1852 auf den Schlammbänken der Themse allmählich Kontur gewinnen sollte. Die Literatur spricht von 27000 Tonnen Wasserverdrängung, einer Länge von 211 und einer Breite von 25 Metern. Für 4000 Fahrgäste soll das Schiff ausgelegt gewesen sein. Es besaß sechs Segelmasten und fünf Schlote. Eine Dampfmaschine mit 11000 PS setzte ein Schaufelrad von fast 18 Meter Durchmesser in Bewegung. Außerdem war an Bord Raum für etwa 15000 Tonnen Kohlen, was bedeutete, dass das Schiff den Atlantik überqueren konnte, ohne dass zwischendurch Brennstoff an Bord genommen werden musste. Zeitgenössische Berichterstatter sahen sich genötigt, den Londoner Stadtplan zu bemühen, um ihren Lesern eine Vorstellung von den Dimensionen des Schiffs zu geben: »Weder Grosvenor noch der Belgrave Square«, hieß es da, »würden die Great Eastern fassen; allenfalls der Berkely Square könnte sie der Länge nach aufnehmen.«

Das kaum Glaubliche zu belegen, ist von Anfang an Aufgabe der Fotografie gewesen. Das Mechanische, quasi Selbsttätige des Verfahrens verlieh fotografischen Bildern Beweiskraft, ungeachtet ästhetischer Forderungen, die von anderer Seite an das Medium herangetragen wurden. Obwohl Howletts im November 1856 realisierte Bildserie der im Bau befindlichen Great Eastern unbestritten ästhetische Qualität besitzt und in diesem Sinne zu den großen Leistungen früher Kamerakunst zu rechnen ist, ging es dem Fotografen doch in erster Linie um die Visualisierung eines Ereignisses. Momentaufnahmen waren aufgrund der Kompliziertheit des Verfahrens nicht möglich. Also stellte Howlett die Protagonisten, allen voran Isambard Kingdom Brunel, mitten hinein ins frappante Dekor des gewaltigen Schiffsneubaus, zweifellos versehen mit der Bitte, sich nicht zu bewegen. Wie viele Platten Howlett belichtet hat, wissen wir nicht.

Robert Howlett: Isambard Kingdom Brunel,
Albuminabzug, 1857
Der geniale Ingenieur hier in einer weniger
geläufigen Bildvariante
Die überlieferten Motive immerhin belegen sein Geschick, das Thema in Einzelaspekte aufzusplitten, um so, durchaus im Sinne unserer heutigen Auffassung von Reportage, eine Geschichte zu erzählen. Bilder von Heck und Bug belegen die gewaltige Architektur des Unternehmens. Immer wieder zeigt Howlett den Ingenieur vor imposanter Kulisse, mal close up, mal aus der Distanz, wodurch die Ausmaße des Schiffs unterstrichen werden. In der Sammlung des J. Paul Getty Museums, Malibu, befindet sich ein besonders eindrucksvolles, auf 1857 datiertes Gruppenporträt dunkel gekleideter Herren, vermutlich vor dem zu erwartenden Stapellauf. Howlett muss folglich das Wachsen des Schiffs über einen gewissen Zeitraum begleitet haben. Einen mit Aufnahmen von Howlett und Cundall illustrierten Bericht brachte die Illustrated Times in ihrer Ausgabe vom 16. Januar 1858. Da Halbtonvorlagen seinerzeit nicht gedruckt werden konnten, hatte man nach den Originalaufnahmen Holzstiche fertigen lassen. Ziemlich genau umgesetzt wurde dabei das Porträt Isambard Kingdom Brunels vor der großen Ankerkette. Allein der Schmutz an Hose und Schuhen ist dem korrigierenden Griffel des Holzstechers zum Opfer gefallen.

Speziell eine marxistische Kunstwissenschaft hat das Fehlen von Arbeitern in Howletts Bildfindungen bemängelt. Tatsächlich treten, wenn überhaupt, Arbeiter nur klein, im Hintergrund und meist verschwommen auf. Noch regiert das Konzept des Patriarchen, dem allein technisch-industrieller Fortschritt geschuldet ist. So gesehen entlarvt Robert Howletts Aufnahme des selbstsicheren Ingenieurs die Ideologie eines Jahrhunderts, die den bürgerlichen Helden ins Zentrum des Geschichtsinteresses rückt. Dass Brunel selbst die Jungfernfahrt seines Schiffs nicht mehr erleben durfte, gehört zu den tragischen Nebenaspekten eines Bildes, das quasi emblematisch für die Technikbegeisterung des frühen 19. Jahrhunderts stehen kann. 1867 stach die Great Estern in See: an Bord kein Geringerer als der Schriftsteller Jules Verne. Durch ihn haben die Utopien Isambard Kingdom Brunels ihre, wenn auch »nur« literarische Vollendung gefunden.

Quelle: Hans-Michael Koetzle: Photo Icons. Die Geschichte hinter den Bildern. (Band I:) 1827-1926. Taschen, Köln, (Jubiläumsausgabe) 2008, ISBN-978-3-8365-0801-8. Zitiert wurden Seite 52-61.


Robert Howlett

Geboren 1831. Im London der 1850er Jahre tätig als erfolgreicher Auftragsfotograf. Teilhaber der Firma Cundall and Downs. Hervorgetreten u. a. mit Porträts von Krimkriegsveteranen und Innenansichten des Buckingham Palastes.

1857-58 Bilder vom Stapellauf der Great Eastern. Porträts ihres Erbauers, Isambard Kingdom Brunel.

16. Januar 1858 Bildbericht in der Lononer Illustrated Times nach seinen Aufnahmen. Im selben Jahr verstorben. Aufnahmen in der Sammlung des Victoria and Albert Museum, London, und der Kollektion der Gilman Paper Company, USA.


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23. Juli 2013

Dmitri Schostakowitsch: 24 Präludien und Fugen, Op. 87

In den 25 Jahren seit seinem Tod hat der Ruf Dmitri Schostakowitschs als musikalischer Chronist der sowjetischen Ära derartige Kontroversen ausgelöst, dass fast jedes Werk auf seine tiefere oder versteckte Bedeutung untersucht worden ist. Wenn die 24 Präludien und Fugen in dieser Hinsicht eine Ausnahme darstellen, so ist dies jedoch kein Zufall: sie entstanden zu einem Zeitpunkt, als abstrakte Komposition in der Sowjetunion nicht nur unerwünscht, sondern auch gefährlich war.

Der berüchtigte Schdanow-Erlass von 1948 sorgte dafür, dass Schostakowitschs Instrumental- und Vokalkompositionen unaufführbar wurden. Die in den vier darauf folgenden Jahren geschriebenen Werke, darunter so bedeutende wie das 1. Violinkonzert, das 4. und 5. Streichquartett sowie der Liedzyklus Aus der Hebräischen Volkspoesie, entstanden mehr oder weniger für die Schublade. Filmmusik war zu dieser Zeit Schostakowitschs einzige zuverlässige Einnahmequelle.

Ironischerweise fiel das effektive Verbot seiner Musik in eine Zeit ausgedehnter Reisetätigkeit, u.a. im Juli 1950 nach Leipzig anlässlich der Feierlichkeiten zur 200. Wiederkehr von Johann Sebastian Bachs Todesjahr. Als Schostakowitsch dort kurzfristig einen Solopart in Bachs Konzert d-moll für drei Klaviere übernahm, beeindruckte die junge Pianistin Tatjana Nikolajewa ihn derart, dass sie der eigentliche Auslöser für seinen Zyklus der 24 Präludien und Fugen Op. 87 wurde, die zwischen dem 10. Oktober 1950 und dem 25. Februar 1951 entstanden.

Bereits 17 Jahre zuvor hatte Schostakowitsch sein Interesse an abstrakter Komposition signalisiert, und zwar mit den 24 Präludien, kurzen aber abwechslungsreichen Stücken, die sich fast wie von selbst zu einem Zyklus reihen. Die 24 Präludien und Fugen sind dagegen vielmehr das Ergebnis eines vorgezeichneten Plans: interessanterweise nicht wie bei Bachs Wohltemperiertem Klavier in der Folge von Halbtonschritten, sondern in Quintenzirkelfolge wie bei Chopins 24 Préludes. Ob sich aus dieser Wahl ein musikalischer Stammbaum ableiten lässt, bleibe dahingestellt; vielmehr gab der Zyklus dem Komponisten unschätzbare Möglichkeiten, seine Kreativität ungeachtet sozialer oder politischer Strömungen unter Beweis zu stellen.

Schostakowitsch ging selbst so weit, den Zyklus beim Komponistenverband einzureichen und ihn im Mai 1951 einem Gremium vorzuspielen. Dennoch wurde das Werk nicht gerade mit Wohlwollen aufgenommen. Doch immerhin durfte er während der folgenden 18 Monate Teile daraus öffentlich aufführen, wenn auch meist nur für ein »geladenes« Publikum aus Parteifunktionären und Mitgliedern der Streitkräfte. Im Sommer 1952 setzte sich Tatjana Nikolajewa mit Erfolg für eine öffentliche »Absegnung« und Veröffentlichung ein. Am 23. und 28. Dezember gab sie die Uraufführung des vollständigen Zyklus. Trotz ihrer Überzeugung, dass das Werk nur in seiner Gesamtheit beurteilt werden könne, wurden während der folgenden drei Jahrzehnte Teilaufführungen zur Norm. Swjatoslaw Richters Aufnahme ausgewählter Stücke von 1963 wurde davon am berühmtesten. Der Komponist selbst nahm nur 16 Stücke des Zyklus auf. Seit Mitte der achtziger Jahre jedoch spielen viele Pianisten - nach Nikolajewas Beispiel - wieder den vollständigen Zyklus, gewöhnlich an zwei Abenden, wo sich die Dimensionen des Werks am eindrucksvollsten offenbaren.

Tatjana Nikolajewa, 1955
Die 24 Präludien und Fugen sind paarweise nach Tonartenfolge angeordnet.

Nr. 1, C-Dur: Das Präludium ist ein nachdenklicher Choral im Sarabandenrhythmus, gefolgt von einer Fuge, die mit Bachscher Gewissheit innerhalb der Tonart verharrt.

Nr. 2, A-Moll: Das in raschen Sechzehnteln dahineilende Präludium geht einer leicht ironisierenden, frei modulierenden Fuge voraus.

Nr. 3, G-Dur: Ein ernstes Präludium, mit einem sanglichen Thema in Oktaven, bildet den Kontrast zum spielerischen Humor der Fuge.

Nr. 4, E-Moll: Das zarte Präludium verströmt eine an Tschaikowsky erinnernde Melancholie, während die Fuge auf einen kraftvollen Höhepunkt zusteuert.

Nr. 5, D-Dur: Leichte, arpeggierte Akkorde verleihen dem Präludium einen besonderen Reiz. Tonrepetitionen charakterisieren die Fuge.

Nr. 6, H-Moll: Die kernige Rhetorik des Präludiums wirkt gleich einer Folie für die besonnene Ruhe der Fuge.

Nr. 7, A-Dur: Ein elegant-klassisches Präludium geht einer zweistimmigen Fuge im Diskantregister des Klaviers voraus.

Nr. 8, Fis-Moll; Die gegenrhythmischen Figuren des Präludiums bilden den Kontrast zur seriösen Kontrapunktik der Fuge.

Nr. 9, E-Dur: Das neckische Frage-und Antwort-Spiel zwischen Bass und Diskant geht einer lebendigen, nahezu klassischen Fuge voraus.

Nr. 10, Cis-Moll: Das Präludium stellt wiederum einen Dialog zwischen linker und rechter Hand dar, diesmal in klassischer Eleganz. Die Fuge wirkt nachdenklich und zurückhaltend.

Nr. 11, H-dur: Ein herrlich spielerisches Präludium leitet fast ohne Pause in eine vorwärtstreibende Fuge über.

Nr. 12, Gis-Moll: Der ernste Gestus der Passacaglia des Präludiums geht einer eindrucksvollen Fuge voller emotionaler Tiefe und geballter Energie voraus. Hier ist deutlich erkennbar, dass der Mittelpunkt des Zyklus erreicht ist.

CD 1 Track 23: Präludium Nr. 12 in Gis-Moll


CD 1 Track 24: Fuge Nr. 12 in Gis-Moll


Nr. 13, Fis-Dur: Ein sanft wogendes Präludium geht einer gemessenen, nachdenklichen Fuge - der einzigen fünfstimmigen des Zyklus - voraus.

Nr. 14, Es-Moll: Die aufgeladene Atmosphäre und Sprunghaftigkeit des Präludiums sowie die zurückhaltende Reflektivität der Fuge haben die Wirkung einer dramatischen scena mit Postludium.

Nr. 15, Des-Dur: Die spöttische Ironie dcs Präludiums ist die ideale Einleitung zum frenetischen Ablauf der Fuge, wobei die instabile Tonalität optimal ausgenutzt wird.

Nr. 16, B-moll: Ein völliger Kontrast: das Präludium präsentiert sich als ein ruhiger, tonal statischer Variationensatz: die Fuge hingegen ist von ornamenthafter Textur und rhythmischer Souplesse.

Nr. 17, As-dur: Das erfrischende Präludium leitet ganz natürlich in eine keck-imaginative Fuge über.

Nr. 18, F-Moll: Ein scheu anmutendes Präludium geht einer gleichsam schweigsamen Fuge voraus.

Nr. 19, Es-Dur: Das Präludium, eines der kürzesten des Zyklus, lebt vom Kontrast zwischen Choral und Capriccio, während die Chromatik der Fuge eine absichtsvol1e Ruhe verströmt.

Nr. 20, C-Moll: Ein bizarres, an Mussorgsky gemahnendes Präludium, reich an modaler Akkordik, bildet die thematische Grundlage für die sich harmonisch und emotional langsam öffnende Fuge.

Nr. 21, B-Dur: Das Präludium ist ein rhythmisches moto perpetuo, während die Fuge mit synkopierten Tanzrhythmen aufwartet.

Nr. 22, G-Moll: Das Präludium kombiniert kreisende melodische Muster mit einer schreitenden Begleitung: Volksmusikelemente bestimmen die thematische Substanz der Fuge.

Nr. 23, F-Dur: Dem Präludium eignet eine an Bach erinnernde ruhige Ausgewogenheit, während die gedankentiefe Fuge einen bejahenden Schlusspunkt setzt.

Nr. 24, D-Moll: Hier wird die Summe des Zyklus gezogen: das Präludium, abwechselnd ernst und intim, bereitet die Fuge vor, die vom Temperament her so vielgestaltig ist wie der Form nach. Der triumphale Höhepunkt ist umso überzeugender, als er mit Mühe errungen wird.

CD 2 Track 23: Präludium Nr. 24 in D-Moll


CD 2 Track 24: Fuge Nr. 24 in D-Moll


Quelle : Richard Whitehouse (Deutsche Fassung: Bernd Delfs), im Booklet

TRACKLIST

Dmitri Schostakowitsch
(Dmitry Shostakovich)

24 Preludes and Fugues, Op. 87 

Konstantin Scherbakov, piano

CD 1                                            64:01

01. Prelude No. 1 in C major: Moderato
02. Fugue No. 1 in C major: Moderato
03. Prelude No. 2 in A minor: Allegro 
04. Fugue No. 2 in A minor: Allegretto
05. Prelude No. 3 in G major: Moderato non troppo
06. Fugue No. 3 in G major: Allegro molto      
07. Prelude No. 4 in E minor: Andante      
08. Fugue No. 4 in E minor: Adagio  
09. Prelude No. 5 in D major: Allegretto
10. Fugue No. 5 in D major: Allegretto
11. Prelude No. 6 in B minor: Allegretto
12. Fugue No. 6 in B minor: Moderato
13. Prelude No. 7 in A major: Allegro poco moderato
14. Fugue No. 7 in A major: Allegretto
15. Prelude No. 8 in F sharp minor: Allegretto
16. Fugue No. 8 in F sharp minor: Andante
17. Prelude No. 9 in E major: Moderato non troppo
18. Fugue No. 9 in E major: Allegro 
19. Prelude No. 10 in C sharp minor: Allegro
20. Fugue No. 10 in C sharp minor: Moderato
21. Prelude No. 11 in B major: Allegro 
22. Fugue No. 11 in B major: Allegro 
23. Prelude No. 12 in G sharp minor: Andante24. Fugue No. 12 in G sharp minor: Allegro

CD 2                                            77:49

01. Prelude No. 13 in F sharp major: Moderato con moto
02. Fugue No. 13 in F sharp major: Adagio
03. Prelude No. 14 in E flat minor: Adagio
04. Fugue No. 14 in E flat minor: Allegro non troppo
05. Prelude No. 15 in D flat major: Moderato non troppo
06. Fugue No. 15 in D flat major: Allegretto
07. Prelude No. 16 in B flat minor: Allegro molto
08. Fugue No. 16 in B flat minor: Andante
09. Prelude No. 17 in A flat major: Allegretto
10. Fugue No. 17 in A flat major: Allegretto
11. Prelude No. 18 in F minor: Moderato
12. Fugue No. 18 in F minor: Moderato con moto
13. Prelude No. 19 in E flat major: Allegretto
14. Fugue No. 19 in E flat major: Moderato con moto
15. Prelude No. 20 in C minor: Adagio
16. Fugue No. 20 in C minor: Moderato
17. Prelude No. 21 in B flat major: Allegro
18. Fugue No. 21 in B flat major: Allegro non troppo
19. Prelude No. 22 in G minor: Moderato non troppo
20. Fugue No. 22 in G minor: Moderato
21. Prelude No. 23 in F major: Adagio
22. Fugue No. 23 in F major: Moderato con moto
23. Prelude No. 24 in D minor: Andante24. Fugue No. 24 in D minor: Moderato

Playing Time:                                  141:50

This recording is dedicated to Nina, whose love, patience and everyday support
made possible this, and other works of mine. - Konstantin Scherbakov 

Recorded in St.Martin's Church, East Woodhay, Berkshire, UK
from 15th to 18th June, 1999
Producer: Andrew Walton - Engineer: Eleanor Thomason
Post-production: Arthur Ka Wai Jenkins, Andrew Walton
Cover Painting: Tim Smith: Once Upon a Red Sky
DDD (P) + (C) 2000 

Gustave Flaubert: Das Wörterbuch der Gemeinplätze

Ideal. Völlig unnütz. Ideologen. Alle Journalisten.

Ilias. Immer gefolgt von »und Odyssee«.

Illusionen. Man gebärde sich, als habe man viele gehabt; man bedauere, sie verloren zu haben.

Imbroglio. Die Grundlage aller Theaterstücke.

Imperialisten. Durch die Bank ehrliche, friedliche, höfliche, vornehme Leute.

Impfen. Man verkehre nur mit geimpften Personen. Import. Volkswirtschaftsschädling.

Impresario. Künstlerwort, das »Direktor« bedeutet. Immer »wendig«.

Industrie. Als Laufbahn nobler denn Handel (vgl. Handel).

Industrie, Handel. Gute Laufbahn. Bietet alle Möglichkeiten. - Z. B. Aristoteles: Er war Parfümhändler in Athen.

Infinitesimal. Man weiß nicht, was das ist; es hat aber irgendwas mit Homöopathie zu tun.

Ingenieur. Der schönste Titel, das muß der Neid lassen; aber es genügt ja auch schon, Brillen zu verkaufen, um sich »staatlich geprüfter Optiker« zu nennen. - Die beste Laufbahn für einen jungen Mann - was man von allen Berufen sagen kann. Kennt alle Wissenschaften. - »Dem Ingenieur ist nichts zu schwör.«

Inkognito. Reisekleidung von Fürsten.

Inquisition. Man hat ihre Verbrechen stark übertrieben.

Inspiration. Was sie hervorruft: die Natur, die Frauen, der Wein etc.

Instinkt. Wiegt Intelligenz auf.

Institut (de France). Die Mitglieder des Institut de France sind alle Greise und tragen Augenschirme aus grünem Taft. - Man witzele darüber.

Integrität. Ist vor allem den Richtern eigen.

Intrige. Einzige Möglichkeit hochzukommen. Alles weitere ergibt sich daraus.

Italien. Ziel aller Hochzeitsreisen. - Italiam! Italiam! Ziemlich enttäuschend: nicht so schön, wie man immer sagt. - In Anwesenheit von Damen sage man nie: »Sie zogen gen Italien.«

Italiener. Alles Musikanten, alles Verräter.

Ius primae noctis. Nicht daran glauben.

Jäger. Alle Jäger sind Aufschneider. - Wenn man sie »Nimrod« nennt, sind sie immer geschmeichelt, ohne zu wissen, warum; desgleichen »großer Jäger vor dem Herrn«. - Das ganze Brimborium. »Morgenstund ... « - Das Schuhwerk ist besonders schwer und unbequem, da man ja viel gehen muß. - Gebärdet sich bäuerisch.

Jagd. Edles Waidwerk. Ausgezeichnet für die Gesundheit. - Man muß immer so tun, als sei man davon begeistert. - Ist Teil der Prachtentfaltung der Souveräne. - Hält die Gerichte in Atem.

Jagdhorn. Wirkt gut in den Wäldern (und abends auf dem Wasser). - »Trara, es tönt wie Jagdgesang.«

Jansenismus. Man weiß nicht, was das ist, aber es ist sehr chic, davon zu sprechen.

Japan. Dort ist alles aus Porzellan.

Jaspis. Alle Vasen aller Museen sind aus Jaspis.

Jesuiten. Söhne von Loyola. Haben bei allen Revolutionen die Hände im Spiel. Man ahnt ja nicht, wie viele es von ihnen gibt. - Kein Wort über die »Jesuitenschlacht«.

Jockey. Man bedaure die Gattung der Jockeys. Jockey-Club. Die Mitglieder sind alles leichtlebige, reiche junge Leute. Einfach »der Jockey« sagen, sehr chic, läßt denken, man gehöre dazu.

John Bull. Fällt einem der Name eines Engländers nicht ein, nenne man ihn so.

Jude. Sohn Israels. - Alle Juden handeln mit Opernguckern. - Dienten den Römern zur Zerstreuung.

Jugend. Schön ist die. - Kehrt nie zurück. - Schnell fertig mit dem Wort.

Junger Mann. Muß sich immer die Hörner abstoßen. Man wundere sich, wenn er es nicht tut. »Was! Sie als junger Mann ... « - Zu seinen Pflichten gehört: singen, tanzen, Schulden haben, allerdings nicht zu große.

Jungfrau. Immer »von Orleans«.

Junggesellen. Alles Egoisten und Wüstlinge, gehen mit ihren Dienstmädchen ins Bett. Man wettere dagegen. - Müßten eine Extrasteuer zahlen. - »Was für ein trauriges Leben die mal haben werden!«

Junggesellenbude. Immer schmutzig, verstaubt, unordentlich. Obszöne Bilder an den Wänden. Überall liegt Frauenkram herum. Abgestandener Zigarettenrauch. Und das Bett immer ungemacht. - Da käme allerhand zum Vorschein.

Kälte. Gesünder als Hitze.

Käse. Man zitiere den Aphorismus von Brillat-Savarin: »Ein Essen ohne Käse ist wie eine schöne Frau, der ein Auge fehlt.«

Kaffee. Nur gut, wenn er aus Le Havre kommt. - Verleiht Esprit. - Bei einem großen Diner im Stehen zu trinken. - Man trinke ihn ohne Zucker; sehr chic, erweckt den Eindruck, man habe im Orient gelebt.

Kahlköpfigkeit. Immer zu früh, verursacht durch jugendliche Ausschweifungen oder durch das Wälzen großer Gedanken.

Kaiserinnen. Alle schön.

Kaleidoskop. Man verwende das Wort nur im Zusammenhang mit Gemäldegalerien.

Kamel. Hat zwei Höcker und das Dromedar nur einen, oder: Das Kamel hat einen Höcker und das Dromedar zwei. Man vertut sich da leicht. - »Ausdauernd wie ein Kamel.«

Kamin. Qualmt immer. - Diskussionsgegenstand im Zusammenhang mit dem Heizen.

Kamm. Verursacht Haarausfall.

Kammerzofen. Oft hübscher als ihre Herrinnen. Kennen deren Geheimnisse und verraten sie. - Immer vom Sohn des Hauses entehrt.

Kaninchenfrikassee. Immer aus Katzenfleisch. Kanonade. Verändert das Wetter.- Man lege das Ohr auf die Erde, um eine weit entfernte zu hören.

Kanonenkugel. Der Luftzug einer vorbeifliegenden Kanonenkugel verschlägt einem den Atem. Macht blind.

Kartäuser. Verbringen ihre Zeit damit, Chartreuse herzustellen, ihr Grab zu schaufeln und zu sagen: »Bruder, es muß gestorben sein.«

Kastanie. Mutter der Kastagnette.

Kastell. Ist immer unter Philippe-Auguste belagert worden.

Katholizismus. Hat auf die Künste einen sehr günstigen Einfluß gehabt. - Man beweise das Gegenteil.

Katzen. Sind falsch. - Sie »Salontiger« nennen (chic). - Ihnen den Schwanz abschneiden, um die Drehkrankheit zu vermeiden. - Daher das Wort »katztrieren«.

Kauderwelsch. Sprechweise der Ausländer. - Man lache immer über den Ausländer, der schlecht Französisch spricht. - Mit Ausländern spreche man immer Kauderwelsch, egal aus welchem Land sie kommen; etwas anderes verstehen sie nicht. - Wird auch für Telegramme verwendet.

Kavallerie. Nobler als die Infanterie.

Keim. Keimende Ideen. - Schlummernde Keime wecken. - Aufkeimende Leidenschaft.

Kerker. Das Stroh darin ist immer feucht. - Immer »schaurig«. Ein heimeliger ist einem noch nie untergekommen.

Kiesel. Vom Strand immer welche mitbringen.

Kinder. Man schütze geradezu lyrische Zärtlichkeit für sie vor - wenn jemand dabei ist.

Kindsmord. Wird nur im einfachen Volk begangen.

Kiosk. Pavillon der Lustbarkeiten in einem Park.

Klarinette. Man wird arm und blind, wenn man sie spielt. Beweis: Alle blinden Bettler spielen Klarinette.

Klassiker. Sollte man kennen.

Klavier. Unerläßlich in einem Salon.

Knoblauch. Tötet Bauchwürmer ab und schafft Stimmung für Liebesgefechte. - Als Heinrich IV. zur Welt kam, rieb man ihm damit die Lippen ein.

Knoten, gordischer. Antike Form, die Krawatte zu binden.

Knüppel. Furchtbarer als das Schwert.

Knute. Wort, das die Russen ärgert.

Körper. Wenn wir wüßten, wie unser Körper gebaut ist, würden wir keine Bewegung wagen.

Körpersäfte. Sich freuen, wenn sie austreten, und sich wundern, daß der Körper derartige Mengen davon enthält.

Kollegium, Lyzeum. Feiner als »Internat«.

Kolonien (unsere). Betrübt dreinblicken, wenn davon die Rede ist.

Kometen. Man lache über die Leute, die sich davor fürchteten.

Komfort. Kostbare moderne Entdeckung.

Komisch. Bei jeder Gelegenheit verwenden. - »Nein, wie komisch!«

Kommunion. Die Erste Kommunion: der schönste Tag des Lebens.

Komödiant. Immer »Schmieren-« davorsetzen.

Komödie. Castigat ridendo mores. - Verskomödie: nicht mehr zeitgemäß. - Indessen muß man die große Komödie gelten lassen.

Kompilation. Kann jeder zusammenschustern.

Konditor. Alle Bewohner von Rouen sind Konditoren.

Konkurrenz. Belebt das Geschäft.

Konservativer. Politiker mit dickem Bauch. - »Sie Stockkonservativer!« - »Ja, mein Herr; der Stock hält mir die Kläffer vom Leibe.«

Kontra-Alt. Da klingelt gar nichts.

Kontur. Von jeder Statue, die man betrachtet, sagen: »Es fehlt ihr nicht an harmonischer Kontur.«

Konversation. Politik und Religion sind auszuklammern.

Konzert. Gesellschaftsfähiger Zeitvertreib.

Konzertreihe. Ein Konzertabonnement ist unerläßlich.

Konzession. Nie welche machen; sie haben Ludwig XVI. den Kopf gekostet.

Kopaivabalsam. So tun, als ob einen das nicht jucken könnte.

Kopfkissen. Man gebrauche nie eines, macht bucklig.

Kopulation/Koitus. Man vermeide diese Wörter. Man sage: »Sie hatten eine intime Beziehung ... «

Koran. Buch von Mohammed, in dem es nur um Frauen geht.

Korsett. Da kriegt man keine Kinder.

Kosaken. Fressen Kerzen.

Kranker. Um einen Kranken aufzuheitern, lache man über seine Erkrankungen und leugne seine Leiden.

Krebs. Krebse gehen rückwärts. - Reaktionären immer »Krebsgang« nachsagen.

Kreise. Man sollte »besseren« angehören.

Kreole. Lebt in einer Hängematte.

Kreuzzüge. Nur nützlich für den Handel Venedigs.

Krieg. Man wettere dagegen.

Kritiker. Literaturpapst. Großkritiker. - Soll alles kennen, alles wissen, alles gelesen, alles gesehen haben. - Wenn er einem mißfällt, nenne man ihn einen Beckmesser, Kritikaster oder Eunuchen (sie wissen wie, aber sie können nicht).

Kröte. Weibchen des Frosches. - Ihr Gift ist sehr gefährlich. - Lebt im Innern eines Steins.

Krokodil. Aussprache: nicht Kokodrill oder Korkidyll. - Ahmt Kindergeschrei nach, um Menschen anzulocken. - Seine Haut eignet sich vorzüglich für die Herstellung von Handschuhen. - Krokodilstränen.

Kruzifix. Macht sich gut überm Bett - und der Guillotine.

Küche. Im Restaurant: liegt immer schwer im Magen. - Bürgerliche: immer gesund. - Im Süden: zu stark gewürzt oder alles in Öl. - Der Eintopf schmeckt nur hausgemacht.

Künstler. Man muß über alles lachen, was sie sagen. Alles Faxenmacher. - Ihre Uneigennützigkeit rühmen (veraltet). - Sich wundern, daß sie angezogen sind wie jedermann (veraltet). - Eine Künstlerin ist sowieso ein Flittchen oder ein Blaustrumpf. - Verdienen ungeheure Summen, werfen sie aber zum Fenster raus. - Was die tun, kann man nicht arbeiten nennen. - Sind oft zum Essen eingeladen.

Kunst. Führt ins Armenhaus. - Völlig unnütz, da sie ohnehin durch Maschinen ersetzt wird, die auch noch »schneller und besser« sind. - Schöne Künste, Kunstgewerbe.

Kuppel. Architektonischer Kraftakt. - »Wie das bloß hält?« - Man nenne zwei Beispiele: die Kuppeln des Invalidendoms und der Peterskirche in Rom.

Kurtisanen. Man bezeichne sie als: Kreaturen, Hetären, Liebesdienerinnen, Schlampen. - Ein notwendiges Übel. - Schutz und Schirm unserer Töchter und Schwestern (solange es Junggesellen gibt). Oder: Die müßten unbarmherzig verjagt werden. Man kann ja mit seiner Frau nicht mehr ausgehen, die Boulevards wimmeln dermaßen von ihnen. - Es sind immer Mädchen aus dem Volk, die von reichen Bürgern verführt worden sind.

Kuß. Man sage Umarmung, das ist dezenter. - Ein Kuß wird »geraubt« oder appliziert auf die Stirn des Mädchens, die Wange der Mama, der Hand der schönen Frau, den Hals des Kindes, die Lippen der Geliebten.

Laboratorium. Auf dem Lande muß man einfach eines haben.

La Fontaine. Man betone, daß man seine Erzählungen nie gelesen habe. - Man nenne ihn: »der Gute« - »der unsterbliche Fabulist«.

Lagune. Stadt an der Adria.

Laken. Die genormten kommen alle aus Dinslaken.

Lakonismus. Tote Sprache.

Land. Die Leute vom Land: besser als die aus der Stadt; man beneide sie um ihr Los. - Auf dem Land ist alles erlaubt: Man muß es sich immer bequem machen, alte Klamotten, dröhnende Fröhlichkeit, derbe Scherze, man sitzt auf der Erde, raucht Pfeife.

Landjunker. Krautjunker. Man zeige für ihn tiefste Verachtung.

Landmann. Immer »fröhlich« und »wohlgemuth«.

Landschaften (von Malern). Immer »lauter Grünzeug«.

Landwirte. Alle wohlhabend.

Landwirtschaft. Eine der Zitzen des Staates (der Staat ist männlichen Geschlechts, macht aber nichts). Sollte gefördert werden. - Es fehlt ihr an Arbeitskräften. - Aktuelles Gesprächsthema.

Languste. Weibchen des Hummers.

Latein. Natürliche Sprache des Menschen. - Verdirbt den Stil. - Ist nur nützlich, um die Inschriften an öffentlichen Brunnen zu lesen. - Aufgepaßt bei lateinischen Zitaten, sie bergen immer irgend etwas Schlüpfriges. Cum grano salis sollte man einige Zitate beherrschen.

Leder. Immer russisch.

Legalität. Legalität würde uns umbringen; strikte Gesetzestreue macht jedes Regieren unmöglich.

Lehrer. Nichts ist hehrer als ein Lehrer.

Lehrerinnen. Müssen immer sehr häßlich sein. Tragen alle dunkle Brillen.

Leibesübung. Stählt die Gesundheit. - Bewahrt vor allen Krankheiten. - Kann man nie genug machen.

Lethargie. Man hat welche gesehen, die Jahre dauerten.

Libertinage. Gibt es nur in Großstädten.

Licht. Man sage immer Fiat lux!, wenn man eine Kerze anzündet.

Linkshänder. Furchtbarer Gegner beim Fechten. Geschickter als Rechtshänder.

Literatur. Beschäftigung für Müßiggänger.

Littré. Man lache höhnisch, wenn man seinen Namen hört: »Dieser Herr, der sagt, wir stammten von den Affen ab!«

Löwe. Gut gebrüllt, Löwe! - Brüllt, wenn er nicht schweigt. - »Und wenn man bedenkt, daß Löwen und Tiger Katzen sind!« - Großmütiger als der Tiger. - Spielt immer mit einem Ball. - Gefährlich ist's, ihn zu wecken.

Lorbeeren. Sind kein gutes Ruhekissen.

Lord. Reicher Engländer.

Lorgnon. Hochmütig und vornehm.

Luchs. Tier, berühmt für seine Augen.

Ludwig XVI. Man sage immer: »Dieser glücklose Monarch«.

Lüneburger Heide. Da wächst kein Gras.

Luft. Vor Zugluft soll man immer auf der Hut sein. Die Luft steht im Grunde unweigerlich im Widerspruch zur Temperatur: wenn diese warm ist, ist jene kalt, und umgekehrt.

Gustave Flaubert (1821-1880)
Nachwort von Julian Barnes

Na, hat Ihnen gefallen, was sie gerade gelesen haben? Haben Sie es verstanden? Hat es Ihnen vielleicht gefallen, ohne daß Sie es verstanden haben, oder haben Sie es verstanden, ohne daß es Ihnen gefallen hat? Beides wären ehrenwerte Reaktionen, denn das Wörterbuch ist ein eigenartiges und schwer faßbares ... Werk. Beinahe hätte ich »Buch« gesagt, doch nach normalen Kriterien kann es sich kaum als Buch ausweisen. Zunächst einmal ist es nur Teil eines Buches; oder, um genauer zu sein, Teil eines Teils eines Buches, denn letztendlich sollte es einen Abschnitt der 'Copie', des zweiten Bandes von Bouvard et Pécuchet bilden. Es sollte eine gewaltige Materialsammlung sonderbarer und beispielhafter Dummheiten werden, welche die beiden Schreiber sich herauskopieren, nachdem sie den Versuch, die Welt zu verstehen, aufgegeben haben. Und diese Materialien wollte Flaubert mit einem Pokerface hinblättern.

Fernerhin liegt uns dieses Fragment auch nicht in einer fertigen Gestalt vor. Es existieren zwei Manuskripte; nichts weist auf eine endgültige Fassung hin; und eine beträchtliche Anzahl der Definitionen existiert nicht einmal in Flauberts eigener Handschrift, sondern in der seines Freundes Edmond Laporte. (Der Status dieser Definitionen ist unklar: Hat Flaubert sie Laporte diktiert, hat Laporte sie geschrieben und dann Flaubert zur Absegnung oder Verbesserung unterbreitet, oder dokumentieren sie irgendeine Form von Zusammenarbeit?) Und schließlich werden einige der Flaubertschen Definitionen, die er im Manuskript eigenhändig gestrichen hat, in modernen Ausgaben des Wörterbuchs weiterhin gedruckt: so groß ist die Gier, die Liebe und die ungehorsame Neugier der Flaubertisten.

Warum also sollten wir uns für dieses vagabundierende Fragment mit wechselndem Manuskriptstatus interessieren? Erstens, weil das Wörterbuch nicht nur ein intellektuelles jeu d'esprit, sondern ein zentrales und sein ganzes Schriftstellerleben hin anhaltendes Anliegen des Autors war. Zweitens, weil kaum je ein Werk geschrieben worden ist, dessen Ironie so rein war: Die Welt kommt in Flauberts Olivenpresse und wird ausgequetscht, bis das reine Öl der Ironie herausrinnt. Drittens, weil es bei aller Kürze und Eingeschränktheit als ein Werk angesehen werden kann, in dem die Flaubertsche Methode in ihrer sarkastischen Fülle verwirklicht ist.

Maxime du Camp sagt, Flaubert habe ab seinem zwanzigsten Lebensjahr vom Wörterbuch-Projekt gesprochen; als es zum ersten Mal in der Korrespondenz auftaucht - 1850 in einem Brief aus Damaskus an Louis Bouilhet -, da ist die Idee zweifellos schon ausgereift: »Du tust gut daran, an das Dictionnaire des idées reçues zu denken. Dieses Buch, wenn man es vollständig macht und mit einem guten Vorwort versieht, in dem man angibt, das Werk sei in der Absicht geschaffen worden, die Leserschaft zurückzuführen zu Tradition, Ordnung und allgemeinen Konventionen; und wenn man das so einrichtet, daß der Leser nicht weiß, ob er verarscht wird oder nicht - das wäre vielleicht ein seltsames Werk und könnte auch noch Erfolg haben, denn es wäre ja absolut aktuell.« […]

Zwei Jahre nach dem Brief an Bouilhet beschreibt Flaubert Louise Colet das Projekt ausführlicher: »Mir ist ein alter Gedanke wieder in den Kopf gekommen, nämlich der zu meinem Dictionnaire des idées reçues (weißt du, was das ist?). Das Vorwort reizt mich ungemein, und so wie ich es konzipiert habe (es soll ein ganzes Buch werden), könnte mir kein Gesetz etwas anhaben, obwohl ich alles attackieren würde. Es wäre die historische Glorifizierung all dessen, was allgemein als richtig gilt. Ich würde demonstrieren, daß die Mehrheiten immer recht und die Minderheiten immer unrecht haben. Ich würde die großen Männer allen Dummköpfen opfern, die Märtyrer allen Henkern, und das in einem aufs äußerste, zu einem Feuerwerk gesteigerten Stil.« Nach dem Vorwort, »dieser Apologie der menschlichen Gemeinheit in all ihren Zügen, ironisch und brüllend von Anfang bis Ende«, käme dann das Wörterbuch selbst. Von den Beispielen, die Flaubert gibt, bleiben die Definitionen von »Languste«, »Erektion«, und »Negerin« über die nächsten dreißig Jahre unverändert. »Ich glaube«, fährt er fort, »das Ganze wäre von ungeheurem Schrot. Im ganzen Buch dürfte kein einziges auf meinem Mist gewachsenes Wort vorkommen, und nach der Lektüre dürfte man gar nicht mehr zu reden wagen vor Angst, aus Versehen einen der Sätze zu gebrauchen, die darin stehen.«

Gustave Flaubert (Statue von Léopold
 Bernhard Bernstamm, 1907, Rouen,
 Place des Carmes)
Wie begegnet der Schriftsteller der Dummheit seines Zeitalters? Das ist eine zentrale Frage, denn die himmelschreiende, sich blähende, selbstgefällige Dummheit der Welt kann keinem Schriftsteller - es sei denn einem unverzeihlich desinteressierten - entgehen. […] Aber wenn sie einem nicht entgangen ist, wie stellt man sich dann dazu? Wie begegnet man ihr einerseits ästhetisch, andererseits mit welcher persönlichen Haltung? Als vergnügte Optimistin wie George Sand? Als vorsichtige Melioristin wie George Eliot? Vielleicht als Satiriker? Wollen Sie der Welt Vernunft einbleuen, ihre Torheiten lächerlich machen, ihr ein gigantisches Furzkissen unter den dicken Hintern schieben? Wir plazieren die Satiriker gern am äußersten Rand des ästhetischen Spektrums: als Pessimisten, die die Verzweiflung mit schwarzem Humor in Schach alten, die am Galgen baumelnd darüber diskutieren, wo man ein billigeres und strapazierfähigeres Seil kaufen könnte. In der Satiregleichung ist jedoch ein Faktor automatisch mit drin: Die Welt, hielte sie inne und hörte auf den Satiriker, würde, könnte, möchte sich vielleicht gerade noch ändern; die Schlinge des Henkers würde sich in einen magischen Knoten verwandeln, der aufschlüpft, sobald er zugezogen wird. Somit steht der Satiriker doch nicht ganz am äußersten Rand des Spektrums. Sicher, er leuchtet in einem dramatischen Indigo. Aber es gibt eine Farbe jenseits von Indigo. Violett ist die Farbe des Ironikers. Ein Violett, das ins Ultraviolett übergeht - jenen Farbton, den die Welt nicht sehen kann. […]

Der Satiriker schiebt die Welt auf die Bühne, bewirft sie mit Sahnetorten, läßt ihr die Hosen runter und verhöhnt ihren Schmerbauch. Der Ironiker schiebt die Welt auf die Bühne, bietet ihr eine Quiche Lorraine an, lobt den modischen Schnitt ihrer Hosen und macht die Bemerkung, daß nur wirklich seriöse Leute große Bäuche haben. Der Satiriker ist ein Boxer, der versucht, seinen Gegner längelang vor sich auf die Bretter zu schicken; der Ironiker kann Judo und nutzt das Gewicht des anstürmenden Gegners, indem er ausweicht und ihm hinterrücks ein Bein stellt. Das ist Flauberts Methode im Wörterbuch. Was weiß die Welt über Spanien? Sie weiß, daß es dort dunkelhäutige Señoritas gibt, die Spitzenmantillas tragen, auf Balkonen sitzen und Kavalieren, die in engen Hosen unten im Staub die Mandoline zupfen, Blumen aus ihrem Haar zuwerfen. Stimmt, sagt Flaubert zur Welt, stimmt ganz genau; jeder, den ich von Spanien erzählen höre, sagt, daß es genau so ist, und deshalb muß es so sein. Paganini hat seine Geige nie gestimmt? Zuviel Schlaf verdickt das Blut? Hätte Napoleon sich nicht scheiden lassen, säße er noch immer auf dem Thron? Sie haben bestimmt recht, sagt Flaubert, tritt beiseite, winkt die wohlbeleibte Idee zur Verbeugung nach vorn und bleibt wie ein dezenter Theaterdirektor im Hintergrund.

Im Hintergrund bleiben: Die Idee der Unsichtbarkeit des Autors ist zentral in Flauberts Ästhetik. (»Es wäre recht angenehm für mich, meine Meinung zu sagen und Herrn Gustave Flauberts Gefühlen durch solche Äußerungen Luft zu verschaffen; jedoch was soll uns dieser Herr?«) Im Wörterbuch erreicht Flaubert das Maximum an Unsichtbarkeit. Seine Abwesenheit als Autor ist so total, daß man fast sagen könnte, das Wörterbuch sei die Arbeit von anderen. Er hat bloß den Stimmen der rechtdenkenden Leute gelauscht und aufgeschrieben, was sie sagten; er hat ihre Äußerungen weder geändert noch übertrieben, sondern sie bloß mit der Pinzette (keine Fingerabdrücke!) aufgesammelt und für uns in einem Sammelalbum alphabetisch geordnet. Sie möchten wissen, was Flaubert gedacht hat? Was er »wirklich« gedacht hat? Das ist nirgendwo sichtbar und überall gegenwärtig.

»Der arme große Mann, die Ironie weicht ihm nicht von der Seite«, schrieb Flaubert 1878, als er erfuhr, daß die Feierlichkeiten anläßlich von Voltaires hundertstem Todestag von einer Schokoladenfirma organisiert wurden. Erwartete er, daß er selbst von der Ironie verschont bleiben würde? Der Eintrag im Wörterbuch für DREIZEHN lautet: »Man vermeide es, dreizehn bei Tisch zu sein, das bringt Unglück. Freigeister dürfen keinesfalls zu witzeln versäumen: 'Was soll's, dann eß ich halt für zwei'; oder, wenn Damen anwesend sind, zu fragen, ob eine von ihnen schwanger sei.« Nach Flauberts Beerdigung setzte sich eine Gruppe trauernder Schriftsteller in Rouen zu Tisch. Als der Dichter Théodore de Banville bemerkte, daß sie dreizehn waren, bestand er als rechtdenkender Mensch darauf, einen weiteren Gast zu finden. Man durchkämmte die Straßen, und schließlich ließ sich ein Soldat auf Urlaub überreden, am Leichenschmaus teilzunehmen. Der Soldat hatte nie von Flaubert gehört, war aber ganz wild darauf, den Dichter François Coppée kennenzulernen.

Quelle: Gustave Flaubert: Das Wörterbuch der Gemeinplätze. (Übersetzt von Gisbert Haefs, Irene Riesen, Thomas Bodmer, Gerd Haffmans. Nachwort übersetzt von Michael Walter.) Haffmans, Zürich, 1987, ISBN 3 251 20307 X

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