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29. Oktober 2019

Beethoven: Bagetellen, Sonaten und Trio (Glenn Gould, 1952/54)

Glenn Gould hätte das Internet geliebt. Er, der in der intimen und unmittelbaren Atmosphäre des Radios aufgewachsen war, nahm das Fernsehen begeistert an, experimentierte mit der Technologie, verbrachte Stunden am Telefon und gab ein Vermögen dafür aus und schuf ein einzigartiges Dasein im Aufnahmestudio. Obwohl sein vorzeitiger Tod ihn der Web-Erfahrung beraubte, war er Zeuge einiger erstaunlicher musikalischer, technologischer und sozialer Entwicklungen und trug selbst zu diesen bei.

Als die kanadischen Rundfunk- und Fernsehanstalten 1936 mit Radioübertragungen begannen, war der junge Glenn Gould Teil einer Zuhörerschaft, die bald zu seinem Ideal wurde — eine Zuhörerschaft, die weder zu sehen noch zu hören war. Als die erste Übertragung des achtzehnjährigen Pianisten 1950 live gesendet wurde, war es nicht so sehr die Idee einer weitverstreuten und doch vereinten Zuhörerschaft, die Gould ansprach, sondern vielmehr, daß er mit der Musik allein sein konnte.

Ohne Ablenkung durch Husten, Bonbonpapier und Unterhaltung. Gould freute sich, mit seiner lebenslangen Mission zu beginnen, dem Publikum und den Künstlern den Gedanken abzugewöhnen, daß Musik ein Zuschauersport ist. Wie er später in seinem gepriesenen High Fidelity Artikel mit dem Titel Let‘s Ban Applause (Laßt uns Applaus verbieten) schrieb, “…Ich glaube, daß die Rechtfertigung von Kunst das innere Feuer ist, das sie in den Herzen der Menschen entzündet, und nicht ihre oberflächlichen, veräußerlichten Manifestationen. Der Zweck der Kunst ist nicht die Freigabe eines momentanen Adrenalinstoßes, sondern vielmehr der allmähliche, lebenslange Aufbau eines Zustands des Staunens und der Gelassenheit.”

Die Verlockung des Mikrophons erwies sich als unwiderstehlich, und als die Zeit verging und die Technologie sich verbesserte, wurde Gould immer unzufriedener mit Live-Übertragungen und —Konzerten. Je mehr Zeit er im Aufnahmestudio verbrachte, desto mehr wuchs seine Abneigung gegen die Unmöglichkeit einer zweiten Aufnahme. “Es handelt sich um eine streng klösterlich behütete Umwelt, diese Welt des Aufnahmestudios, darum liebe ich sie so”, schrieb Gould. “Schließlich handelt es sich um einen Ort, wo der ersten Aufnahme sehr gut die sechzehnte für das Endprodukt vorausgehen kann und wo beide vielleicht durch Jahre später aufgenommene Einfügungen verbunden werden.”

Seine Abwendung vom Konzertleben begann kurioserweise mit den CBC-Live- Übertragungen Anfang der 50er Jahre und endete am 10. April 1964, knapp neun Jahre nach seinem New Yorker Debüt. Es gab kein großes Trara bei seinem Ausscheiden, keine große Publicity, keine sentimentalen Andenken an sein Abschiedsprogramm mit Bach, Beethoven und Hindemith in Los Angeles, weil niemand wußte, daß Glenn Gould seinen Konzertfrack für immer an den Nagel hängen würde. Er hatte sich jahrelang mit dem Gedanken getragen, aber ob Gould selbst wußte, daß diese Vorführung seine letzte öffentliche Vorführung sein würde, darüber lassen sich viele Vermutungen anstellen.

Glenn Gould im Tonstudio
Aber irgendetwas war im Gange, denn der Mann, der „die Idee des Nordens” liebte, zog sich in das winterfest gemachte Wochenendhäuschen der Familie in Uptergrove, Ontario, am Simcoe-See zurück, neunzig Meilen nördlich von Toronto. In dieser Abgeschiedenheit konnte er herausfinden, was er tun mußte, um sein schöpferisches Leben weiterzuführen. Er kehrte natürlich nie wieder zur Konzertbühne zurück und tat, was selbst führende Leute in der Musikbranche nicht für möglich hielten, nämlich seine gefeierte Karriere fortsetzen, ohne jemals wieder in einer Konzerthalle aufzutreten.

Uptergrove hatte zu einem früheren wesentlichen Zeitpunkt in Goulds Laufbahn eine wichtige Rolle gespielt. Im Jahre 1952 entschied der 19jährige Pianist, daß es an der Zeit war, seinen Lehrer, Alberto Guerrero, den chilenisch-kanadischen Pianisten und Komponisten, der nicht nur Gould, sondern auch eine Reihe anderer distinguierter Komponisten zu seinen Schülern zählte, zu verlassen. Es war eine schwierige Entscheidung und obwohl Gould eine beeindruckende Liste von Konzertauftritten hinter sich hatte, war er hin und her gerissen zwischen Spielen und Komponieren. Zusammen mit seinen Büchern, einem Kassettenrekorder und seinem Hund ließ sich Gould häuslich in dem Wochenendhäuschen an seinem geliebten Chickering-Klavier nieder, um herauszufinden, ob er es wirklich in sich hatte, ein Pianist von Wert zu werden. Diese Zeit der Introspektion dauerte über zwei Jahre und erlaubte ihm wenige öffentliche Auftritte.

Im Herbst 1952, kurz nach seinem Geburtstag, spielte er jedoch für Distinguished Artists, eine Radioserie der CBC, die selbst so distinguiert war, daß sie über 25 Jahre lief. In den drei Übertragungen im Herbst spielte Gould Musik von Beethoven, einem Komponisten, für den Gould sein ganzes Leben lang zweideutige Gefühle hegte. In einem Magazinartikel des Jahres 1972, in dem Glenn Gould sich selbst über Beethoven interviewte, wurde die Appassionata und die Fünfte Sinfonie zugunsten der Achten Sinfonie, des Quartetts op. 95 und der Mondscheinsonate beiseite gefegt. Er zog “sparsame”, “ausgeglichene” Werke vor, die eher einem “Übergangsbeethoven” und nicht so sehr dem “Schlachtroß” Beethoven entsprachen. Von den hier eingeschlossenen Werken fürs Klavier wurden als einzige die charmanten sechs Bagatellen op. 126, jemals kommerziell von Gould aufgenommen.

Glenn Gould im Tonstudio
Im Sommer 1954 führten die Stratford Festspiele eine außergewöhnliche Inszenierung von Strawinskis Die Geschichte vom Soldaten auf, mit Marcel Marceau in seinem nordamerikanischen Debüt und Alexander Schneider als dem wandernden Geigenspieler. Gould begleitete Schneider in einem Konzert von Bach, Brahms und Beethoven und sein musikalisches Können machte einen unauslöschlichen Eindruck auf den Violinisten. Die kanadische Cellistin Zara Nelsova wurde die Dritte für Trios, ein Ereignis, an das sie sich gern erinnert. “Er war so jung und so aufs Spielen erpicht. Er hatte einige seltsame Vorstellungen über Beethoven, aber die meisten davon haben wir ihm ausgeredet”, sagt sie mit leisem Lachen. Frau Nelsova erinnert sich ebenfalls an Goulds Liebe zum Lesen. “Morgens erschien er, das Gesicht gelb von einer durchlesenen Nacht — Tolstoi und die großen Schriftsteller.” Trotz seines exzentrischen Wesens und seiner Hartnäckigkeit erwies Gould sich als liebenswürdiger und aufmerksamer Kammerpartner, ein Ruf, den er während seiner ganzen Laufbahn beibehielt.

Ihr Beethovens Allegretto in B-Dur und das Geistertrio in Stratford wurde auf drei Kanälen des neuen CBC-Fernsehsendenetzes übertragen (Toronto‚ Ottawa und Montreal). Wie die Klaviersonaten von 1952 wurden auch diese Beethoventrios nie kommerziell von Gould aufgenommen.

Quelle: Cynthia Dann-Beardsley, im Booklet

Technische Anmerkungen von Peter Cook

Das gesamte Material auf dieser CD stammt von bei der Programmausstrahlung gemachten Archivaufnahmen. Die ursprünglichen Aufnahmen wurden von CBC-Technikern auf l6—Zoll Azetatplatten gespielt, die jetzt im Staatsarchiv [National Archives] in Ottawa aufbewahrt werden (Bagatellen und die Sonate op. 49). Gould hatte in kommerziellen Studios für seinen eigenen Gebrauch Kopien seiner Aufnahmen anfertigen lassen. Wo die CBC-Studioaufnahmen nicht überlebt haben (wie zum Beispiel im Falle der Trios und der Sonaten, op. 101 und op. 7) wurden Goulds eigene Platten als Quelle für diese CD benutzt. Diese 33,3er und 78er sind jetzt Teil der Glenn Gould Sammlung in der kanadischen Staatsbibliothek [National Library of Canada] in Ottawa. Obwohl die Tonqualität der ursprünglichen Platten nicht immer den professionellen Normen entspricht, sind die Aufnahmen von künstlerischem und historischem Wert.


TRACKLIST

Ludwig van Beethoven
(1770-1827)

Original CBC broadcasts


Six Bagatelles for Piano, Op. 125                               15:04
01 No. 1 in G Major: Andante con moto                            2:11
02 No. 2 in G minor: Allegro                                     1:47
03 No. 3 in E Flat Major: Andante                                2:57
04 No. 4 in B minor: Presto                                      3:18
05 No. 5 in G Major: Quasi allegretto                            1:15
06 No. 6 in E Flat Major: Presto - Andante amabile e con monto   3:20
(Broadcast on: Distinguished Artists, Sept. 28, 1952

Piano Sonata No. 28 in A Major, Op. 101 (1816)                  16:16
07 I.  Allegretto ma non troppo                                  3:39
08 II. Vivace alla marcia                                        3:45
09     Adagio, ma non troppo, con affetto                        8:42
(Broadcast on: Distinguished Artists, Oct. 12, 1952

Piano Sonata No. 4 in e Flat Major, Op. 7 (1797/98) (excerpt)    9:31
10 II. Largo, con gran espressione
(Broadcast on: Distinguished Artists, Oct. 12, 1952

Piano Sonata No. 19 in G minor, Op. 49, no. 1 (1797)             6:25
11 I.  Andante                                                   3:30
12 II. Rondo, Allegro                                            2:55
(Broadcast on: Distinguished Artists, Oct. 5, 1952

* Allegretto in B Flat Major, WoO 39                             3:29
13 Allegretto
(Broadcast on: Summer Festival July 18, 1954)

* Piano Trio in D Major, Op. 70, No. 1 "Ghost"                  22:49
14 I.   Allegro vivace e con brio                                6:41
15 II.  Largo assai ed espressivo                               10:00
16 III. Presto                                                   5:55
(Broadcast on: Summer Festival July 18, 1954)

                                                         Total: 74:02
Glenn Gould, piano
* Alexander Schneider, violin
* Zara Nelsova, violoncello

Music compilation: Neil Crory
Analogue to digital transfers: Gilles Saint-Laurent and Peter Cook
Digital reconstruction and remastering: Peter Cook

Les disques SRC / CBC Records
(P) 1997 


NINFA FIORENTINA


Abb. 1. Domenico Ghirlandaio: Die Geburt Johannes des Täufers, um 1490,
Cappella Tornabuoni, Santa Maria Novella, Florenz.

André Jolles: Ein Brief vom 23.11.1900


Lieber Freund

Erinnerst du dich unseres Gespräches vor ungefähr einem Jahr in jener Mondnacht auf der Terrasse deiner Villa in San Domenico. […]

Wir hatten natürlich über Kunst geredet. Ich mit dem epicuraeischen Uebermut eines Knaben der, erst vor kurzem freigekommen von den strammenden Fesseln der universitairen Studien, jetzt zum ersten Mal schwelgt an dem Fest der Florentiner Vor-Renaissance. Du mit der mehr bedächtigen Würdigkeit eines Gastes, der sich zwar noch nicht ganz satt gegessen hat, dessen erster Hunger aber gestillt ist. Wir wurden nicht einig. Ich schalt dich in meinem Herzen einen Pedanten, du mich wahrscheinlich einen paradoxellen Freibeuter. […]

Und jetzt komm ich wieder. Aber der übermüthige Kämpfer von damals ist ein demüthiger Bittsteller geworden; der Verächter aller offiziellen Wissenschaft und ihrer Dogmen, der keine andere Autorität als die des Künstlerauges anerkannte, der es wagte, dein heiliges Archiv als muffig und dumm zu beschimpfen und durch die Kunst hüpfen wollte so wie die Ziegen auf dem Berge Gilead, tritt in gebückter Haltung mit einem trübselig winkenden Palmzweig zu deinem Altar und bittet dich unterthänigst den Geist aus ihm zu bannen, der ihm keine Ruhe lässt und ihn wie von Furien gepeitscht‚ durch eine Unterwelt von wilden Phantasien jagt.

Was ist geschehen? Cherchez la femme, mein Lieber. Es ist eine Dame im Spiel, die grausam mit mir kokettiert. Ich hab einen geistigen flirt angefangen und werde dessen Opfer. Verfolge ich sie, oder verfolgt sie mich? Ich weiss es wahrhaftig nicht mehr. Aber lass mich meine Leidensgeschichte dir der Reihe nach erzählen.

Ich machte ihre Bekanntschaft bei einem Wochenbesuch in einer Kirche . . . und jetzt wirst du sie wahrscheinlich schon kennen. Sie wohnt in dem Chor von Sa Maria Novella, linke Wand, zweite Reihe von Unten, auf dem Bild rechts vom Zuschauer.

Der kleine Johannes ist glücklich zur Welt gekommen und Elisabeth empfängt Besuch auf ihrem langen, feierlichen Staatsbett. (Abb. 1) Sie sieht noch etwas angegriffen aus (bei ihrem Alter ist solche Affäre keine Kleinigkeit) und der Arzt hat stärkende Mittel verschrieben, die ein Dienstmädchen ihr auf einem Präsentirteller anbietet. Vor dem Bett sitzen auf niedrigen Schemeln: die Amme, die dem kleinen Bengel grade zu trinken giebt und eine Wärterin die ihm ›Mantjes‹ vormacht.

Detail aus Abb. 1
Der Gesammteindruck der heiligen Vorstellung ist ziemlich nüchtern. Es fehlt eine Pointe. Das Gold der Nimben von Johannes und Elisabeth ist verblichen und mit diesem Strahlenkranz auch ihre biblische Glorie. Es sind einfach sogar ziemlich bürgerliche Personen. Aber wenn der Wert der erbauenden Erinnerungen verloren ist, wird er doch reichlich ausgeglichen durch eine prahlende Gegenwart. Niemand geringeres als eine reiche florentinische Edelfrau macht hier ihren Besuch. Nicht so sehr bei der Wöchnerin, die sie selbst nicht ansieht, eben so wenig bei der heiligen Mutter, die vor kurzem ein Kind geboren hat, dessen mächtige Stimme später die Wasser des Jordan erbeben macht, sondern sie macht so im allgemeinen einen Besuch. Die aristocratischen Hände über dem etwas gewölbtem Bauchi gefaltet, das Haupt mit hochherziger Arglosigkeit auf dem schlanken Hals getragen schreitet sie fort, während ihr vorsichtiger Schritt kaum die starren Falten ihres schwer brocatenen Gewandes verschiebt. Sie ist von einer etwas oberflächlichen Stattlichkeit, nicht sehr characteristisch aber sehr distinguirt: eine Weltdame mit unübertreffbarer Gratie und hochnobelen Manieren aber ohne viel Geist.

Hinter ihr spazieren zwei gleichgültige alte Personen: ihre Mutter und ihre Tante. Und hinter diesen grade bei der geöffneten Thür läuft, nein fliegt, nein schwebt der Gegenstand meiner Träume, der allmählich die Proportionen eines anmutigen Alpdruckes anzunehmen beginnt. Eine fantastische Figur, nein ein Dienstmädchen, nein eine klassische Nymphe kommt, auf ihrem Kopfe eine Schüssel mit herrlichen Südfrüchten tragend, mit weit wehendem Schleier ins Zimmer hinein. Aber, der Teufel, das ist doch keine Manier, ein Krankenzimmer zu betreten, selbst nicht wenn man gratulieren will. Diese lebendig leichte aber so höchst bewegte Weise zu gehen; diese energische Unaufhaltsamkeit, diese Länge vom Schritt, während alle andern Figuren etwas Unantastbares haben, was soll dies Alles?!

Abb. 2. Domenico Ghirlandaio: Gastmahl des Herodes (Tanz der Salomé),
um 1490, Cappella Tornabuoni, Santa Maria Novella, Florenz.
Aber was meint vor Allem dieser plötzliche Unterschied im Fussboden, wo alle andern fest stehen oder gehen auf einem harten florentiner Fliesengrund, scheint dieser unter den Füssen meiner Geliebten seine natürliche Eigenschaft von Unbeweglichkeit zu verlieren; er scheint sich die wiegende Elastizität einer sonnenbeschienenen Frühlingswiese anzueignen, er wippt wie die dicken Mooskissen auf einem grünschattigen Waldpfad, ja, manchmal kommt es mir vor als ob er etwas Überirdisches hat, als ob das dienende Mägdlein, anstatt auf den gangbaren Wegen zu laufen, wie eine Göttin auf zarttreibenden Wolken fortgleitet, als ob sie mit beflügelten Füssen den hellen Aether durchschnellt, oder auf den langsam schaukelnden Wellen, auf den wie Delphinrücken sich krümmenden Rundungen, halb sich treiben lässt, halb sich fort bewegt, zu gleicher Zeit, mit der Gratie eines grossen Vogels, der in breitem Flug, auf gestrecktem Flügel schwebt, und der eines ranken Schiffes, das mit geblähtem Segel, rythmisch das mächtige Wasser spaltet. (Abb. 1 Detail)

Vielleicht mach ich sie poetischer als wie sie wirklich ist — welcher Liebhaber thut das nicht — aber ich hatte den ersten Moment als ich sie sah, das sonderbare Gefühl, das uns manchmal beim Sehen einer düstern Berglandschaft, beim Lesen eines grossen Dichters, oder auch wenn wir verliebt sind, überkommt: das Gefühl von »wo hab ich dich mehr gesehen«. […]

Lieber Freund, man verliebt sich eigentlich nur einmal. Wenn man denkt es öfters zu thun, sieht man immer nur andre Fläche desselben Prismas. Die Objekte wechseln, die Verliebtheit bleibt eins und untheilbar. Und so entdeckte ich denn, in vielem was ich in der Kunst geliebt hatte, etwas von meiner jetzigen Nymphe.

Mein Zustand schwankte zwischen einem bösen Traum und einem Kindermärchen. Wenn ich meine Wunderlampe in die Hand nahm, und das Zauberwort sprach, erschienen zwar keine fünfzig Cirkassische Sklaven, die Goldschalen auf dem Haupt trugen gefüllt mit Blumen aus puren Edelsteinen […]. Aber diesmal erschien immer nur das laufende Dienstmädchen mit ihrem Schleier.

Bald war es Salome, wie sie mit todbringendem Reiz vor dem geilen Tetrarch angetanzt kommt (Abb. 2); bald war es Judith, die stolz und triumfirend, mit lustigem Schritt, das Haupt des ermordeten Feldherrn zur Stadt bringt; dann schien sie sich unter der knabenhaften Gratie des kleinen Tobias versteckt zu haben, so wie er mit Mut und Leichtherzigkeit zu seiner gespenstischen Braut marchiert. Manchmal sah ich sie in einem Seraphin, der in Anbetung zu Gott geflogen kommt, und dann wieder in Gabriel wie er die frohe Botschaft verkündet. Ich sah sie als Brautjungfer bei dem Sposalizio in unschuldiger Freude, ich fand sie als fliehende Mutter bei dem Kindermord mit Todesschrecken im Gesicht.

Ich versuchte sie wieder zu sehen, wie ich sie das erste Mal getroffen hatte im Chor der Dominicanerkirche, aber sie hatte sich verzehnfacht. — Ich verlor meinen Verstand. Immer war sie es die Leben und Bewegung brachte in sonst ruhige Vorstellungen. Ja, sie schien die verkörperte Bewegung ... aber es ist sehr unangenehm die zur Geliebten zu haben.

Detail aus Abb. 2
Und so komm ich wie gesagt zum Priester der offiziellen Wissenschaft, der das Allerheiligste des Quattrocento kennt oder wenigstens zu kennen hat, um mich nach ihrem Namen, Stand und ihrer Adresse zu erkundigen. Wer ist sie, woher kommt sie, hab ich sie schon früher, ich meine schon anderthalb Jahrtausend früher getroffen, ist sie von Alt-griechischem Adel und hatte ihre Urgrossmutter ein Verhältnis mit Leuten aus Klein-Asien, Egypten oder Mesopotamien, aber vor allem, kommen Briefe an »Die laufende Nymphe. P. R.« zu recht.

Im Ernst was ist das mit dem Mädchen
Heut und immer dein


Aby Warburg: Eine Antwort


Nein, mein Freund, so ohne Weiteres kann ich dich nicht mit dem Mädchen bekannt machen; ohne irgendwie introduzirt zu sein, stürmst Du auf das abwehrend geschlossene Gehege einer florentinischen Patrizierfamilie los, selbst gerade so ungestüm wie Dein leichtfüßiges Fräulein. So husarenmäßig kann man denn doch nicht gleich die intime Bekanntschaft von jemand machen wollen, der zum Haushalte der Tornabuoni, wenn auch nur als dienstbarer Geist, gehört.

Aber ich merke schon, Du weisst garnicht recht, was hinter diesen Bildern vorgeht Laß uns leise im Chorgestühl niedersitzen, damit sie sich nicht stören lassen: die Tornabuoni führen hier nämlich ein geistliches Schauspiel auf, zu Ehren der Jungfrau Maria und Johannes des Täufers. Giovanni Tornabuoni ist es glücklich gelungen, das Patronat des Chores und das Recht zur bildlichen Ausschmückung zu erwerben und nun dürfen seine Angehörigen als Figuren der heiligen Legende persönlich auftreten; von dieser Erlaubnis machen sie ruhig und würdevoll Gebrauch: patrizische Kirchgänger, denen tadellose Manieren im Blut liegen. Daß nun in diese schwerwandelnde Respektabilität ihrer christlichen Gedämpftheit Dein heidnisches Windspiel hinein wirbeln darf, das zeigt mir die Tornabuoni von der rätselhaft unlogischen Seite primitivster Menschlichkeit, die mich mindestens ebenso sehr anzieht, wie Dich der pläsirliche Leichtsinn Deiner Unbekannten. Es lockt Dich, ihr wie einer geflügelten Idee durch alle Sphären im platonischen Liebesrausche zu folgen, mich zwingt sie, den philologischen Blick auf den Boden zu richten, dem sie entstieg und staunend zu fragen: wurzelt denn dieses seltsam zierliche Gewächs wirklich in dem nüchternen florentinischen Erdboden? […]

Abb. 3. Domenico Ghirlandaio: Die Verkündigung des Zacharias, um 1490,
Cappella Tornabuoni, Santa Maria Novella, Florenz.
Vergiß nicht, der Chor von Santa Maria Novella war die feierlichste Grabstätte, welche streitbare Dominikanermönche zu vergeben hatten; wie unbeschränkt und gewaltsam ihr Eifer hier herrschte, beweist ihr siegreich durchgeführter Streit mit Francesco Sassetti, dem unmittelbar vor Giovanni Tornabuoni anerkannten Patronatsherrn des Chores. […] Sassetti hatte am 22. Febr. 1470 von den Mönchen von Santa Maria Novella durch notariellen Akt sein von alters her seiner Familie zustehendes Recht zur Ausschmückung des Altarbilds und des Hauptchores bestätigt und verbrieft erhalten. Trotz dieses Kontraktes und obgleich Sassetti die Kirche bereits mit kostbaren Paramenten beschenkt hatte, treiben die Mönche nicht allein ihren Patronatsherren, weil er andere bildliche Darstellungen an den Wänden sehen wollte als ihnen genehm war, zur Kirche hinaus und zwingen ihn, die geplanten Malereien des Ghirlandajo in einer Capelle von San Trinità anbringen zu lassen, sie entfernen auch noch widerrechtlich das Grabmal seines Vaters Tommaso von seinem angestammten Platze. […]

Hatte etwa Francesco den Jüngern des hl. Dominicus zugemutet die Legenden des Concurrenzheiligen S. Francesco, die er ja in S. Trinità hat darstellen lassen, weil er sein Namenspatron war, vor Augen zu haben? Wie sehr ihm die Verehrung seines Namenspatrons am Herzen lag, geht aus der ausdrücklich einzigen Bedingung hervor, die er 1487 an eine extra Donation an S. Trinità schloß, daß am Tage des hl. Francesco eine große und feierliche Seelenmesse in seiner geschmückten Capelle gelesen werden müsse. […]

Francesco Sassetti, der Compagnon der Medici in ihrer Lyoner Filiale, war ein sehr reicher und angesehener Mann, Giovanni Tornabuoni außerdem noch der leibliche Onkel des Lorenzo Magnifico und dessen erfolgreicher diplomatischer Vertreter bei der römischen Curie; dort hatte er mit Pfaffen umzugehen gelernt. Dem blinden mönchischen Eifer setzte er Anfangs scheinbare Nachgiebigkeit und freundl. Versprechungen entgegen, und stellte sie aber schließlich, als sie nichts mehr daran ändern konnten, einfach vor die vollendete Thatsache seiner erfüllten ikonographischen Wünsche.

In dem Contract den Giovanni Tornabuoni mit Domenico Ghirlandajo abschloß am 1. Sept. 1485 sind die Gegenstände der Fresken genau vorgeschrieben. Da die Verleihung des Patronatsrechtes an die Familie Tornaquinci (von der die Tornabuoni nur ein Zweig waren) von Seiten der Mönche erst am 13. Oct. 1486 geschah, so stand die Urkunde den Mönchen vorher zur Einsicht offen.

Darum gelingt ihm nur fünf Jahre später mit demselben Maler, woran Sassetti gescheitert war.

Detail aus Abb. 3.
Die Ausführung entspricht nun diesen notariellen Urkunden durchaus nicht. Auf der linken Seite oben war statt des Kindermords: die Verkündigung, statt der Vertreibung des Joachim: Jesus unter den Schriftgelehrten vorzusehen. Auf der rechten Wand sollte die »Heimsuchung« dorthin kommen, wo sich jetzt die Geburt des Johannes befindet, die dann ein Stockwerk höher gerückt wäre, so daß Du Dein bewegliches Fräulein nicht so bequem betrachten könntest; unten sollte eigentlich neben der Verkündigung an Zacharias die »Taufe Christi« dargestellt werden, darüber die »Predigt des Johannes« an Stelle der Namensgebung, die ursprünglich garnicht in Aussicht genommen war, sondern »Johannes wie er in die Wüste geht«! Ganz ignorirt wurden die kontraktlich für die schmalen Fresken neben dem Chorfenster ausbedungenen Dominikaner-Heiligen Thomas d’Aquino, der hl. Antoninus, Vincenzo und die hl. Catharina; statt ihrer erblickt man in der Mitte die Verkündigung an Maria, und St. Johannes in die Wüste gehend und unten nehmen ihre Stellen die knienden Stifter selbst ein: Giovanni Tornabuoni und seine Frau Francesca Pitti: das zeigt Herkunft und Richtung der ganzen kontraktwidrigen Veränderung: keine dogmatische Illustration zum großen Ruhm des hl. Dominicus sondern ein Weihgeschenk zu Ehren der hl. Jungfrau und Sankt Johannes sollte zur Schau gestellt werden, ein bildliches Dankopfer für das bestehende Familienglück und ein Gebet in effigie um Fürbitte zu weiterer gedeihlicher Fruchtbarkeit. Darum sind offenbar die beiden Wochenstubenbilder, das Opfer des kinderlosen Joachim, die Begegnung der Elisabeth und die Verheißung des Sohnes Johannes an Zacharias an die sichtbarsten Stellen gerückt und darum tragen gerade hier die Personen der Legende die Züge ganz bestimmter Personen der Familie Tornabuoni. In der Wochenstube der hl. Elisabeth wird das kirchlich dogmatische Element gänzlich eliminirt: der repräsentationsfreudige Kaufmann und der geschmackvoll ornamentale Künstler trafen auf Kosten der Mönche einen harmonischen Ausgleich: Verlangte nun aber auch einmal die heilige Legende ihr gutes Recht wie auf dem Opfer des Zacharias, so zerlegen sich die drei (K) Kirche, Kaufmann, Künstler in ihre natürlichen Bestandteile, Verratend, daß sie keine organische Verbindung fanden, sondern nur einer willkürlichen Mischung ihre malerische Existenz verdanken. […]

Die Worte des Evangeliums erfüllen den Raum mit zwei grandiosen Silhouetten, der ehrwürdige, in der andächtigen Erfüllung des Räucheropfers aufgestörte Hohepriester und vor ihm der hereinstrahlende Engel, der ihm die unerwartete Sohnesverheißung kündet; nur das leise Gemurmel des betenden Volkes im Vorhofe gesellt sich noch hinzu, wie Rauschen im Aehrenfeld, das dumpf ergeben im Wehen des göttlichen Windes mitwogt, der anonymen Masse Oberton.

Was macht nun die Consorteria Tornaquinci aus diesem religiösen Drama? ein kirchliches Ausstattungsstück, in dem die Statisten anscheinend zu Hauptacteuren werden.

Da man die meisten der auftretenden Personen mit einiger Sicherheit identifiziren kann, so überreiche ich Dir anbei ein bühnenmäßiges Personenverzeichnis zur Erklärung der Scene. (Abb. 3)

Abb 4. Domenico Ghirlandaio: Vertreibung Joachims aus dem Tempel,
um 1490, Cappella Tornabuoni, Santa Maria Novella, Florenz.
Bei unserem Versuche, eine Zeit nachzuerleben, wo festlich spielender Gestaltungstrieb und künstlerisch spiegelnde Kraft »noch (um sich Jean Pauls Worte zu erinnern) auf einem Stamm geimpfet blühen«, ist dieser Theaterzettel kein gewaltsam herangezogener pikanter Vergleich, vielmehr eine wesensgleiche Metapher.[…]

Die Verheißung des Sohnes Johannes

Ein Opferspiel aufgeführt in der Grabcapelle der Consorteria Tornaquinci

Handelnde Personen:
Zacharias, Hohepriester in Jerusalem     } im Allerheiligsten
der Engel des Herrn                             }

Stumme Personen:

Chor der neun Familienhäupter innerhalb der Opferstätte
1. Giovanni Tornabuoni                        } die 4 ältesten
2. Bartolommeo Nicolai Pieri Popoleschi  } Stammhalter auf
3. Hieronymus Adoradi Giacchinotti       } einer Stufe links
4. Leonardo Tornabuoni                        } vom Altar

5. Giovanni Tornaquinci                        } die fünf
6. Girolamo Tornabuoni Domherr           } jüngeren
7. Gianfrancesco Tornabuoni                 } Stammhalter
8. Simone Tornabuoni                          } links vom
9. Hieronymo di Scarabotto                   } Altar

Chor des außenstehenden Volkes, vorgestellt von andern Verwandten u. zeitgenössischen Celebritäten u. Honoratioren

Abb. 5. Domenico Ghirlandaio: Die Geburt Marias, um 1490, Cappella Tornabuoni, Santa Maria Novella, Florenz.
links

10. Benedetto Dei, Chronikenschreiber
11. Baccio Ugolini, Musiker u. Priester an S. Lorenzo
12. Tieri di Tornaquinci, Verwandter
13. Luigi Tornabuoni, Praeceptor u. Commendatore an S. Jacopo in Campo Corboli sowie Malteser Ritter
14. Giovanni Batista Tornabuoni? Ridolfi?
15. Gentile Becchi, Bischof v. Fiesole (Erzieher)
16. Cristoforo Landino     } Kenner des Alterthums /
17. Angelo Poliziano        } Gelehrte und
18. Marsiglio Ficino         } führende Geister

rechts:
19/22  4 junge Frauen der Familie
23/     Federigo Sassetti, apostolischer     } befreundet [/]
          Protonotar                                   } junge Leute
24      Andrea de Medici, der häßliche       } der Gesell-
          Leibgardist des Lorenzo Magnifico   } schaft
25      Gianfrancesco Ridolfi                     } 

Die Handlung geht in der Nische eines römischen Triumphbogens aus dem Zeitalter Constantin d. Großen vor sich, der mit Reliefs aus dem Leben d. Trajan verziert ist.

Zeit der Handlung: 1490

Ueber dem Thorweg rechts folgende Inschrifttafel mit den lateinischen Worten:

AN. MCCCCLXXXX. Quo. pulcherrima. civitas. opibus. Victoriis. artibus. aedificiisque. nobilis. copia. salubritate. pace. perfruebatur.

Im Jahre 1490, als unsere schönste Stadt, durch Schätze, Siege, Künste, Bauwerke geadelt, Reichthum‚ Gesundheit und Frieden genoß.

Würde ein kunsthistorisch unbefangener Zuschauer, ohne ausdrücklichen Hinweis auf den Zusammenhang den biblischen Kern in dieser weltlichen Schale erkennen? Kaum; sie würden etwa denken: hier gibt eine vornehme Renaissancefamilie Gesellschaft vor ihrer Loggia und in einer Nische im Hintergrunde an dem antiken Buffet ist ein alter Haushofmeister damit beschäftigt, das Festgetränk zu bereiten, zu dem ihm ein junger Diener die längst erwartete Citrone bringt.

Detail aus Abb. 5.
Mit dem diskreten Lächeln innerer Ueberlegenheit wendet sich der müde Kulturmensch auf seiner italienischen Erholungsreise von so viel banalem Realismus ab: ihn zieht Ruskins Machtgebot hinaus auf den Klosterhof, zu einem mittelmäßigen Giottesken Fresko, wo er in den lieben, unverdorbenen einfachen Trecentisten sein eigenes Gemüt wieder zu finden hat. Ghirlandajo ist eben keine ländlich murmelnde Erfrischungsquelle für Praeraffaeliten aber auch kein romantischer Wasserfall dessen tolle Cascaden dem andern Reisetypus, dem Uebermenschen in den Osterferien, mit Zarathustra in der Tasche seines Lodenmantels, neuen Lebensmut einrauscht, zum Kampf ums Dasein, selbst gegen die Obrigkeit.

Und doch! Laß uns verweilen und laß nur die andern Schönheitsbedürftigen Ferienreisenden neidlos vorübereilen zu den lieblicheren oder erhabenen Objekten ihres Kunstgenusses.


Aby Warburg: Florentinische Wirklichkeit und antikisirender Idealismus


[…] (Abb. 1) Auf einem der Fresken die Ghirlandajo für Giovanni Tornabuoni in Santa Maria Novella etwa 1490 malte, ist die Geburt des heiligen Johannes, des Schutzpatrons des Tornabuoni, allerdings sehr weltlich florentinisch dargestellt. Für Maler und Auftraggeber war es ein willkommener Vorwand, eine Staats-Visite zu schildern, wo die Damen aus dem Hause Tornabuoni eine vornehme Dame zur Geburt ihres Kindes beglückwünschen. Von beiden Seiten her, geht es würdevoll gelassen zu; die Mutter ruht auf dem schön verzierten Paradebett würdig wie eine etruskische Matrone auf ihrem Sarkophag. Eine Magd im Hintergründe bringt ihr Erfrischungen‚ im Vordergrunde ist die Amme mit der Ernährung des neugeborenen Kindes beschäftigt, während eine andere Dienerin die Hände ungeduldig ausstreckt, um das Kind zum Bade in Empfang zu nehmen. Die drei stattlichen Frauen, die der heiligen Elisabeth die Ehre ihres Besuches erweisen, sind offenbar nicht gerade freudig aufgeregt, wenigstens wissen sie ihre Gefühle unter dem schweren Faltenwurf der Brokatgewänder und der würdevoll drapirten Tuchmäntel wirksam zu verbergen. Lebhafte Beweglichkeit, die den pompös einherwandelnden Damen vom Hause Tornabuoni nicht ziemt, kommt dann aber um so explosiver in der Früchte tragenden Dienerin heraus, die vergeblich versucht, ihre unvorschriftsmässige antike Vergangenheit durch die stürmische Entfaltung häuslicher Tugenden zu verdecken, ihre heidnisch römische Abkunft verräth sich in dem gebauschten Gewand, in dem stilisirten Faltenwurf, an den sogar mit Sandalen bekleideten Füssen.

Abb. 6. Domenico Ghirlandaio: Marias Tempelgang, um 1490,
Cappella Tornabuoni, Santa Maria Novella, Florenz.
All zu durchsichtig schimmert durch die Maske der eilig schreitenden Dienerin die römische Siegesgöttin hindurch, gewohnt im stürmischen Fluge luftige Räume zu durchmessen. Was Ghirlandajo wohl zu einem modernen individuellen Maler sagen würde, der kollegial besorgt um Domenicos Originalität, angesichts dieser eilenden Dienerin ihn schonend aber nicht ohne leisen Tadel darauf aufmerksam machen würde, dass ihm in diesem Falle doch wohl eine Figur der Antike vorgeschwebt habe. »Altro chè [und ob],« meint man ihn verächtlich hinwerfen zu hören! Das ist ja gerade unser Stolz, dass die »Nymphen der Antike« wieder zu uns zurückgekehrt sind.

(Abb. 4) Domenico, weit entfernt davon, sich etwa einer Anlehnung an die Antike zu schämen, setzt ja auf dem Fresko direkt darunter auf dem Opfer des Joachim in Graumalerei Architektur links oben das Vorbild seiner Nymphe hin: Es ist die getreu copirte Siegesgöttin aus dem Triumphbogen des Constantins in Rom, die den siegreichen Kaiser bekrönt. Keine mythische Figur der antiken Sage hat bekanntlich im künstlerischen Abbilde dem Christenthum so verzweifelt Widerstand geleistet, wie das Standbild einer Siegesgöttin in der römischen Kurie, die erst zur Zeit Constantins als offizielles Kultbild der Unerbittlichkeit des heiligen Ambrosius zum Opfer fiel. Aus dem Relief im Innern des Triumphbogens hat sie aber der fromme kirchenväterliche Eifer bis auf den heutigen Tag nicht vertreiben, ja selbst ihr Fortleben in kirchlicher Kunst nicht verhindern können, denn anscheinend als gut biblische Figur, als tanzende Salome, als Erzengel, der den Tobias begleitet‚ als eilende Dienerin bei der Geburt der Maria oder Johannes, schreitet sie leichtfüssig durch die Kunst der Frührenaissance.

Das stolze Flügelrauschen hat sie sich freilich abgewöhnen müssen, aber in der unmotivirt flatternden Beweglichkeit der Gewänder weht noch ein Hauch aus jenen höheren Regionen, in denen sie als heidnische Siegesgöttin schwebte. Aber kaum irgendwann hat in der florentinischen Kunst die toskanische Nymphe, die eilende Jungfrau des täglichen Lebens, sich mit solcher Unbefangenheit den Idealgestalten der Vergangenheit gleichgesetzt, wie hier auf dem Fresko des Ghirlandajo. […]

Quelle: Aby Warburg: Werke in einem Band. Suhrkamp, Berlin, 2018. Suhrkamp Taschenbuch Wissenschaft 2242 . ISBN 978-3-518-29842-8. Ausgezogen wurde aus den Seiten 198-209 und 226-227.


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14. Oktober 2016

Beethoven: Die Streichquartette (Gewandhaus-Quartett, 1996-2003). Ein 10 CD Set.

»Das Gewandhaus-Quartett zählt mit Recht zu den führenden Quartett-Ensembles der Welt“, urteilt das Fachmagazin „Klassik heute“ über die seit 1993 bestehende aktuelle Besetzung. Diese formiert sich traditionell aus den Konzertmeistern, dem Solobratscher und dem Solocellisten des Leipziger Gewandhausorchesters.

Frank-Michael Erben, Conrad Suske, Volker Metz und Jürnjakob Timm setzen seither den ausgezeichneten Ruf des Ensembles konsequent fort. Die Aufnahmen der hier präsentierten „ersten Gesamteinspielung der Beethovenschen Streichquartette durch das Gewandhaus-Quartett“ (Frank-Michael Erben, im Vorwort) stammen aus den Jahren 1996 bis 1998 bzw. 2002 bis 2003.

Im Laufe seiner Geschichte musizierte das Gewandhaus-Quartett mit so herausragenden Musikern wie Clara Schumann, Johannes Brahms, Edward Grieg und Arthur Nikisch. Felix Mendelssohn Bartholdy wirkte allein über fünfzig Male als Gast in den Konzerten des Quartetts mit, am Klavier und an der Viola. Diese Tradition ist mit Kammermusikpartnern wie Yo Yo Ma, Sabine Meyer oder Elisabeth Leonskaja bis heute erhalten geblieben.

Von Anfang an setzte sich das Gewandhaus-Quartett für zeitgenössische Musik ein. In der Vergangenheit wurden Werke von Mendelssohn, Schumann, Dvorák und Reger uraufgeführt. Musik braucht, um Gehör zu finden, ein Triumvirat: einen genialen Komponisten, einen verstehenden Interpreten und einen intelligenten Vermittler, der den Komponisten und seinen Interpreten mit dem Publikum zusammenzubringen vermag.

Was heute mangels charismatischer Vermittlerfiguren selten genut gelingt, ist in Leipzig dank eines vielseitigen Publizisten geglückt: Angeregt und befördert durch Johann Friedrich Rochlitz (1769-1842) sind Ludwig van Beethoven, Gewandhaus und beider Publikum eine Liaison eingegangen, die mittlerweile über zwei Jahrhunderte besteht. Ohne Übertreibung kann gesagt werden: In keiner anderen Stadt der Welt gibt es einen seit mehr als 200 Jahren ununterbrochen laufenden, institutionellen Beethoven-Zyklus. Weder in Wien noch in London noch in Paris wird man einen solchen nachweisen können, einzig in Leipzig, wo in jeder Gewandhaus-Saison mehrere Werke Beethovens auf dem Programm standen und heute nach wie vor stehen.

Einen wesentlichen Beitrag, dass dieser Zyklus keine Unterbrechung erfuhr und dass er nicht allein die großen Orchesterwerke umfasst, liefert eine Kammermusikvereinigung, die sich im Herbst des Jahres 1808 zusammenfand und seitdem ebenfalls ununterbrochen besteht, selbstredend mit wechselnden Protagonisten: das Gewandhaus-Quartett.

Quelle: Renate Herklotz / Claudius Böhm, im Booklet


TRACKLIST

Ludwig van Beethoven:
Die Streichquartette- The String Quartets - Les Quatuors à cordes
10 CD Set

Gewandhaus-Quartett:
Frank-Michael Erben, 1. Violine
Conrad Suske, 2. Violine
Volker Metz, Viola
Jürnjakob Timm, Violoncello

CD 1                                                  51:08 

Streichquartett F-Dur Op. 18 Nr. 1 
String Quartet in F Major Op. 18 No. 1 
Quatuor à Cordes en Fa Majeur Op. 18 N° 1 
[01] Allegro Con Brio                                  8:45 
[02] Adagio affettuoso ed appassionato                 9:29 
[03] Scherzo: Allegro molto                            3:27 
[04] Allegro                                           6:22 

Streichquartett G-Dur Op. 18 Nr. 2 
String Quartet in G Major Op. 18 No. 2 
Quatuor à Cordes en Sol Majeur Op. 18 N° 2 
[05] Allegro                                           7:40 
[06] Adagio cantabile                                  5:31
[07] Scherzo: Allegro                                  4:28 
[08] Allegro molto, quasi Presto                       5:16 

Aufgenommen / Recorded / Enregistré : Juni/Juli 2003, Markkleeberg, Rathaussaal 
Produzent / Producer / Producteur: Klaus Feldmann 
Musikregie / Recording producer / Réalisateur : Eberhard Geiger 
Toningenieur / Recording engineer / Prise de son : Michael Glaser 
Digitalschnitt / Digital editing / Montage numérique : Michael Glaser 

CD 2                                                  49:23 

Streichquartett D-Dur Opo 18 Nr. 3 
String Quartet in D Major Op. 18 No. 3 
Quatuor à Cordes en Re Majeur Op. 18 N° 3 
[01] Allegro                                           8:05 
[02] Andante con moto                                  7:16 
[03] Allegro                                           3:41 
[04] Presto                                            6:50 

Streichquartett C-Moll Op. 18 Nr. 4 
String Quartet in C Minor Op. 18 No. 4 
Quatuor à Cordes en Ut Mineur Op. 18 N° 4 
[05] Allegro ma non tanto                              8:24 
[06] Scherzo: Andante scherzoso quasi Allegretto       6:52 
[07] Menuetto: Allegretto                              3:49 
[08] Allegro                                           4:14 

Aufgenommen / Recorded / Enregistré : April/Mai 2003, Markkleeberg, Rathaussaal 
Produzent / Producer / Producteur: Klaus Feldmann 
Musikregie / Recording producer / Réalisateur : Eberhard Geiger 
Toningenieur / Recording engineer / Prise de son : Michael Glaser 
Digitalschnitt / Digital editing / Montage numérique : Michael Glaser 

CD 3                                                  57:56 

Streichquartett A-Dur Op. 18 Nr. 5
String Quartet in A Major Op. 18 No. 5 
Quatuor à Cordes en La Majeur Op. 18 N° 5 
[01] Allegro                                           9:51 
[02] Menuetto                                          5:13 
[03] Andante cantabile                                 8:39 
[04] Allegro                                           6:45 

Streichquartett B-Dur Op. 18 Nr. 6 
String Quartet in B Flat Major Op. 18 No. 6 
Quatuor à Cordes en Si Bemol Majeur Oo. 18 N° 6 
[05] Allegro con brio                                  9:07 
[06] Adagio, ma non troppo                             6:56 
[07] Scherzo: Allegro                                  3:23 
[08] La Malinconia: Adagio - Allegretto quasi Allegro  7:52 

Aufgenommen / Recorded / Enregistré : Juli/August 2003, Markkleeberg, Rathaussaal 
Produzent / Producer / Producteur: Klaus Feldmann 
Musikregie / Recording producer / Réalisateur : Eberhard Geiger 
Toningenieur / Recording engineer / Prise de son : Michael Glaser 
Digitalschnitt / Digital editing / Montage numérique : Michael Glaser 

CD 4                                                  37:27 

Streichquartett F-Dur Op. 59 Nr. 1 
String Quartet in F Major Op. 59 No. 1 
Quatuor à Cordes en Fa Majeur Op. 59 N° 1 
[01] Allegro                                           9:30 
[02] Allegretto vivace e sempre scherzando             8:32 
[03] Adagio molto e mesto                             11:14 
[04] Finale (Thème russe): Allegro                     8:10 

Aufgenommen / Recorded / Enregistré : Juni 2002, Markkleeberg, Rathaussaal 
Produzent / Producer / Producteur: Klaus Feldmann 
Musikregie / Recording producer / Réalisateur : Eberhard Geiger 
Toningenieur / Recording engineer / Prise de son : Michael Glaser 
Digitalschnitt / Digital editing / Montage numérique : Michael Glaser 

CD 5                                                  71:02 

Streichquartett E-Moll Op. 59 Nr. 2 
String Quartet in E Minor Op. 59 No. 2 
Quatuor à Cordes en Mi Mineur Op, 59 N° 2 
[01] Allegro                                          14:22 
[02] Molto Adagio                                     12:42 
[03] Allegretto                                        7:14 
[04] Finale: Presto                                    5:37 

Streichquartett Es-Dur Op. 74 ("Harfenquartett") 
String Quartet in E Flat Major Op. 74 ('Charp Quartet') 
Quatuor à Cordes en Mi Be Mol Majeur Op. 74 («Les Harpes») 
[05] Poco Adagio - Allegro                             9:32 
[06] Adagio ma non troppo                              9:46 
[07] Presto                                            5:06 
[08] Allegretto con Variazioni                         6:33 

Aufgenommen / Recorded / Enregistré : Februar 2002, Markkleeberg, Rathaussaal 
Produzent / Producer / Producteur: Klaus Feldmann 
Musikregie / Recording producer / Réalisateur : Eberhard Geiger 
Toningenieur / Recording engineer / Prise de son : Michael Glaser 
Digitalschnitt / Digital editing / Montage numérique : Michael Glaser 

CD 6                                                  52:09

Streichquartett C-Dur Op. 59 Nr. 3 
String Quartet in C Major Op. 59 No. 3 
Quatuor à Cordes en Ut Majeur Op. 59 N° 3 
[01] Introduzione: Andante con moto - Allegro vivace  10:43 
[02] Andante con moto quasi Allegretto                 9:45 
[03] Menuetto: Grazioso                                5:01 
[04] Allegro molto                                     6:09 

Streichquartett F-Moll Op. 95 
String Quartet in F Minor Op. 95 
Quatuor à Cordes en Fa Mineur Op. 95 
[05] Allegro con brio                                  4:15 
[06] Allegretto, ma non troppo                         6:31 
[07] Allegro assai vivace. ma serioso                  4:40 
[08] Larghetto espressivo - Allegretto agitato         4:54 

Aufgenommen / Recorded / Enregistré : Januar/Oktober 2002, Markkleeberg, Rathaussaal 
Produzent / Producer / Producteur: Klaus Feldmann 
Musikregie / Recording producer / Réalisateur : Eberhard Geiger 
Toningenieur / Recording engineer / Prise de son : Michael Glaser 
Digitalschnitt / Digital editing / Montage numérique : Michael Glaser 


CD 7                                                  75:55 

Streichquartett Es-Dur Op. 127 
String Quartet in E Flat Major Op. 127 
Quatuor à Cordes en Mi Bemol Majeur Op. 127 
[01] Maestoso - Allegro                                6:17 
[02] Adagio, ma non troppo e molto cantabile          15:59 
[03] Scherzando vivace                                 7:36 
[04] Finale                                            7:34 

Streichquartett Cis-Moll Op. 131 
String Quartet in C Sharp Minor Op. 131 
Quatuor à Cordes en Ut Dièse Mineur Op. 131 
[05] Adagio ma non troppo e molto espressivo           6:23 
[06] Allegro molto vivace                              3:00 
[07] Allegro moderato                                  0:49 
[08] Andante ma non troppo e molto cantabile          13:50 
[09] Presto                                            5:56 
[10] Adagio quasi un poco andante                      1:53 
[11] Allegro                                           6:25 

Aufgenommen / Recorded / Enregistré : Mai 1996/Januar 1997, Leipzig, Paul-Gerhardt-Kirche 
Produzent / Producer / Producteur: Klaus Feldmann 
Musikregie / Recording producer / Réalisateur: Maria Suschke
Toningenieur / Recording engineer / Prise de son: Christian Ulrich

CD 8                                                  52:08 

Streichquartett B-Dur Op. 130 
String Quartet in B Flat Major Op. 130 
Quatuor à Cordes en Si Bemol Majeur Op. 130 
[01] Adagio ma non troppo - Allegro                    8:56 
[02] Presto                                            2:01 
[03] Andante con moto, ma non troppo                   6:38 
[04] Alla danza tedesca: Allegro assai                 3:27 
[05] Cavatina: Adagio molto espressivo                 6:40 
[06] Finale: Allegro                                   8:14 

[07] Grosse Fuge B-Dur Op. 133 
Great Fugue in B Flat Major Op. 133 
Grande Fugue en Si Bemol Majeur Op. 133               16:04 

Aufgenommen / Recorded / Enregistré: November 1997, Bertin-Wannsee, Andreaskirche
Produzent / Producer / Producteur: Klaus Feldmann 
Musikregie / Recording producer / Réalisateur: Maria Suschke
Toningenieur / Recording engineer / Prise de son: Caroline Siegers 

CD 9                                                  66:40 

Streichquartett A-Moll Op. 132 
String Quartet in A Minor Op. 132 
Quatuor à Cordes en La Mineur Op. 132 
[01] Assai sostenuto - Allegro                         9:18 
[02] Allegro ma non tanto                              9:17 
[03] Molto adagio ("Heiliger Dankgesang eines Genesenen 
     an die Gottheit, in der lydischen Tonart")       16:21 
[04] Alla Marcia, assai vivace                         2:12 
[05] Più allegro - Allegro appassionato                6:51 

Streichquartett F-Dur Op. 135 
String Quartet in F Major Op. 135 
Quatuor à Cordes en Fa Majeur Op. 135 
[06] Allegretto                                        6:06 
[07] Vivace                                            3:21 
[08] Lento ossai, cantante e tranquillo                6:34 
[09] "Der schwer gefaßte Entschluß"                    6:31 
     Grave: Muß es sein? 
     Allegro: Es muß sein! - Es muß sein! 
     Grave, ma non troppo tratto 
     Allegro 

Aufgenommen / Recorded / Enregistré: Februar 1998, Berlin-Wannsee, Andreaskirche
Produzent / Producer / Producteur: Klaus Feldmann 
Musikregie / Recording producer / Réalisateur: Maria Suschke
Toningenieur / Recording engineer / Prise de son: Caroline Siegers 

CD 10                                                 55:36 

Ehemalige Mitglieder des Gewandhaus-Quartetts im Gespräch mit Martin Hoffmeister 
Former Members of the Gewandhaus-Quartett in Conversation with Martin Hoffmeister 
Anciens Membres du Gewandhaus-Quartett en Entretien avec Martin Hoffmeister 

Streichquartett Cis-Moll Op. 131 
String Quartet in C Sharp Minor Op. 131 
Quatuor à Cordes en Ut Dièse Mineur Op. 131 
[01] Andante ma non troppo e molto cantabile 
    (Auszug / Excerpt / Extrait)                       4:03 
[02] Andante ma non troppo e molto cantabile - Presto 
    (Auszug/ Excerpt/ Extrait)                         3:59 
Gewandhaus-Quartett (E. Wollgandt, K. Wolschke, C. Herrmann, J. Klengel) 
Aufgenommen / Recorded / Enregistré: 1916 
[03] Prof. Gerhard Bosse (Primarius 1955-1977)         1:38 

Streichquartett Es-Dur Op. 74 
String Quartet In E Flat Major Op. 74 
Quatuor à Cordes en Mi Bemol Majeur Op. 74 
[04] Poco Adagio - Allegro 
    (Auszug / Excerpt / Extrait)                       2:31 
Gewandhaus-Quartett (G. Bosse. G. Glass. D. Hallmann. F. Erben) 
Aufgenommen / Recorded / Enregistrè: 1968 
[05] Prof. Gerhard Bosse                               4:22 

Streichquartett Es-Dur Op. 74 
String Quartet In E Flat Major Op. 74 
Quatuor à Cordes en Mi Bemol Majeur Op. 74 
[06] Presto (Auszug / Excerpt / Extrait)               3:36 
Gewandhaus-Quartett (G. Bosse. G. Glass. D. Hallmann. F. Erben) 
Aufgenommen / Recorded / Enregistre: 1968 
[07] Prof. Dietmar Hallmann (Viola 1959-1993)          3:20 

Streichquartett Es-Dur Op. 74 
String Quartet In E Flat Major Op. 74 
Quatuor à Cordes en Mi Bemol Majeur Op. 74 
[08] Allegretto con Variazioni 
    (Auszug / Excerpt / Extrait)                       2:12 
Gewandhaus-Quartett (G. Bosse. G. Glass. D. Hallmann. F. Erben) 
Aufgenommen / Recorded / Enregistre: 1968 
[09] Prof. Dietmar Hallmann                            4:06 

Streichquartett Cis-Moll Op. 131 
String Quartet in C Sharp Minor Op. 131 
Quatuor à Cordes en Ut Dièse Mineur Op. 131 
[10] Allegro moderato - Andante ma non troppo 
     e molto cantabile (Auszug / Excerpt / Extrait)    8:04 
Gewandhaus-Quartett (K. Suske. G. Kröhner. D. Hallmann. J. Timm) 
Konzertmitschnitt / Live concert recording / Pris sur le vif: 1985 
[11] Prof. Karl Suske (Primarius 1977-1993)            3:59 

Streichquartett F-Dur nach der Klaviersonate E-Dur Op. 14 Nr. 1 
String Quartet in F Major after the Piano Sonata in E Major Op. 14 No. 1 
Quatuor à Cordes en Fa Majeur d'apres la Sonate pour Piano Op. 14 N° 1 en Mi Majeur 
[12] Allegro moderato                                  6:21 
[13] Allegretto                                        3:40 
[14] Allegro                                           3:45 
Gewandhaus-Quartett (F.-M. Erben. C. Suske. V. Metz. J. Timm) 

Aufgenommen / Recorded / Enregistré: Januar 1997, Leipzig, Paul-Gerhardt-Kirche
Produzent / Producer / Producteur: Klaus Feldmann 
Musikregie / Recording producer / Réalisateur: Maria Suschke
Toningenieur / Recording engineer / Prise de son: Christian Ulrich 


Marc Chagall: Krieg und Revolution in Rußland



1914 - 1923

Marc Chagall: Selbstbildnis mit weißem Kragen, 1914. Öl auf
 Karton, 30 x 26,5 cm, Philadelphia, Philadelphia Museum of Art
»Witebsk ist eine Welt für sich; eine einzigartige Stadt, eine unglückselige, eine langweilige Stadt.« Gemessen an dem allerdings, was Chagall in den kommenden Jahren erleben wird, trifft sein Verdikt der Langweiligkeit eher auf Paris als auf seine Heimatstadt zu. Der Aufenthalt in Frankreich war geprägt von kontinuierlicher Arbeit und ereignislosem Treiben in den elitären Zirkeln der Boheme. Weniger die Auseinandersetzung mit der Realität der Großstadt war deswegen Grundlage seines Pariser CEuvres als die Selbstreflexion, die Spurensicherung an der eigenen Vitalität. Krieg und Revolution werden nun Chagalls Leben und auch Werk bestimmen, ihn in Situationen existentieller Bedrängnis bringen.

Alle großspurige Attitüde ist aus dem Selbstbildnis, das bald nach der Rückkehr entsteht, gewichen. Geläutert gibt sich der Künstler nun, verglichen mit der ähnlichen Version von 1909, skeptisch, fast etwas geheimnisvoll lugt er hinter den Blättern der Pflanze hervor, bereit, sich jeden Moment dahinter zu verbergen. Chagall betont die weichen und femininen Züge seines Gesichts, ist ganz der Junge, der Rouge auf seine Wangen legt, so wie er sich früher gefallen hatte. Gewiß mag er mit dieser Darstellung der Erwartungshaltung seiner Familie entsprochen haben und bestätigte so das Bild, das von ihm lebendig geblieben war. Doch mehr noch dokumentiert das Porträt Chagalls Angst vor der Rekrutierung für die Armee des Zaren. Eindringlich vermeidet Chagall hier jeden Eindruck von Männlichkeit und Stärke, die ihn prädestiniert hätten zum Kanonenfutter für den Krieg, für das gerade Juden oft genug hatten herhalten müssen.

Marc Chagall: Die Smolensker Zeitung, 1914. Öl auf Papier auf Leinwand,
 38 x 50,5 cm Philadelphia, Philadelphia Museum of Art
»Woina«, Krieg, ist auch das einzige Wort, das entzifferbar ist auf dem Titelblatt der »Smolensker Zeitung«. Zwei Männer haben das Journal vor sich auf dem Tisch liegen, und ihre Unterhaltung scheint sich ausschließlich um das Morden zu drehen, das Europa bevorsteht. Der alte Jude hat nachdenklich seine Arme aufgestützt, er denkt an die Zwangsverpflichtungen, die seinem Volk vom Zarenregime von alters her auferlegt waren. Gar nicht begeistert zeigt sich auch sein Gegenüber, durch Anzug und Melone als Bürger gekennzeichnet; verwirrt wischt er sich über die Stirn. Paul Cézannes berühmte »Kartenspieler« standen für die Darstellung Pate, doch nach dem harmlosen Spielchen, das der Altmeister inszeniert hatte, ist Chagall nicht zumute. Beklemmung und Bestürzung sprechen aus dem Bild; das laute »Hurra«, mit dem viele seiner Künstlerkollegen in den Krieg gezogen waren, Apollinaire beispielsweise, bringt er nicht über die Lippen.

«Habt ihr den betenden Alten gesehen? Das ist er. Schön war es, wenn man so in Ruhe arbeiten konnte. Manchmal stand eine Gestalt vor mir, ein Mann, so tragisch und so alt, daß er schon wie ein Engel aussah. Aber ich konnte es nicht länger als eine halbe Stunde mit ihm aushalten. Er stank zu sehr.« Liebevoll-spöttisch, mit der wissenden Nonchalance des Weltmanns, nähert sich Chagall nun der kleinen Welt, aus der er herausgewachsen ist. Bilder wie «Betender Jude« und »Festtag« verlassen sich gern auf den unmittelbaren Charme ihres Motivs, die zeitlose Würde, die diese alten, veralteten Diener ihres Glaubens ausstrahlen. Gleichzeitig aber wird Chagalls Kritik an ihrer Verstrickung in die Idylle spürbar, die der Künstler nicht mehr nachvollziehen kann. Ikonen einer verspäteten Welt sind diese Bilder.

Marc Chagall: Betender Jude (Der Rabbiner aus Witebsk), 1914.
Öl auf Leinwand, 104 x 84 cm Venedig, Museo d'Arte Moderna
Am 25. Juli 1915 heiratet Chagall seine lange Jahre nur von Ferne geliebte Bella. Etliche Schwierigkeiten hatten die beiden zu überwinden, vor allem die Ressentiments von Bellas Eltern, die sich einen Jungen aus besserem Hause als Schwiegersohn gewünscht hätten. Spätestens die Geburt der kleinen Ida, ziemlich genau neun Monate später, wird aber dann alle Bedenken zerstreuen. In wirren Zeiten schweben die beiden im siebten Himmel, trefflich dokumentiert im Bild »Der Geburtstag«. Minuziös hat Chagall das Muster seines Diwankissens abgemalt, den Dekor der Tischdecke, überhaupt gibt er sich Mühe, die Einrichtung des Zimmers exakt wiederzugeben. Die Liebe, die das Bild beschwört, hat eine konkrete Umgebung, existiert in Wirklichkeit, nicht als Vision der Geliebten wie einst in Paris.

»Ich öffnete nur mein Zimmerfenster«, schreibt Chagall, »und schon strömten Himmelblau, Liebe und Blumen mit ihr herein. Ganz weiß gekleidet oder ganz in Schwarz geistert sie schon lange durch meine Bilder, als Leitbild meiner Kunst.« Voll dichterischer Hingabe gebraucht Chagall Wörter wie »strömen«, »geistern« oder »schweben«, um sein Glück mit Bella, seine Beschwingtheit sprachlich zu fassen. Die taumelnde Schwerelosigkeit, die das Liebespaar der Darstellung auszeichnet, ist eigentlich nur die visuelle Umsetzung der Metapher, die bedeutungstreue Umformulierung des sprachliche Bildes in ein gemaltes. Das Etikett »Poesie«, mit dem Chagalls Werk immer wieder bedacht wird, hat in dieser Identifizierung von gesprochener und visueller Sprache seine Rechtfertigung.

Marc Chagall: Der Geburtstag, 1915. Öl auf Karton, 80,5 x 99,5 cm,
New York, Museum of Modern Art
Die heitere Unbeschwertheit des Lebens auf dem Lande erträumt sich der Maler mit seiner Braut, den Kopf im Gras, wird der pittoreske Gedanke im Bild lebendig: »Der liegende Dichter« hat sich ganz lang gestreckt, um sich dem Maß der Bildunterkante anzupassen. Über ihm nun, in der Schwebe lassend, ob es Vision des Poeten oder gemalte Wirklichkeit ist, breitet sich die ländliche Idylle aus: »Endlich allein auf dem Lande. Wald, Tannen, Einsamkeit. Der Mond hinterm Wald. Das Schwein im Stall, das Pferd hinterm Fenster auf den Äckern. Der Himmel lila«, erinnert sich Chagall in »Mein Leben«. Ganz wie bei der Figur des Dichters im Gemälde läßt er auch in seiner Autobiographie offen, ob seine Schilderung einem tatsächlichen Erlebnis folgt oder ob sie nur das Bild beschreibt. Poesie, als hoch bewußtes Spiel mit Unschärfe und Mehrdeutigkeit, hält sich, genau wie Chagall es hier praktiziert, immer auch durch das Angebot der Vertauschung von Fiktion und Wirklichkeit am Leben. Doch bei aller Koketterie mit der dichterischen Begabung sind diese Bilder auch Beschwörungsformeln einer heilen Welt, Medien der Flucht aus der rauhen Realität der Kriegsjahre.

Bald aber holt ihn diese Realität ein. Der Kriegsdienst ist unumgänglich. Um wenigstens der Verschickung an die Front und damit dem sicheren Schaden an Leib und Seele zu entgehen, arbeitet er im Büro von Jakow Rosenfeld, seinem Schwager. In der Hauptstadt hat dieses Büro kriegswichtige Aufgaben zu erledigen, die Tätigkeit dort ist dem Fronteinsatz gleichgestellt. Mit stupidem Stempeln irgendwelcher Papiere fristet Chagall seine Tage in St. Petersburg, zum Malen ist ihm die Lust vergangen.

Marc Chagall: Der liegende Dichter, 1915. Öl auf Karton, 77 x 77,5 cm,
London, Tate Gallery
Von der aktuellen Kunstproduktion Rußlands, von dem imponierenden Weg seiner Avantgarde aus regionaler Beschränktheit zu Weltgeltung, hatte Chagall in Paris, wo sich künstlerisch selbst genug ereignete, wenig mitbekommen. Nun, in St. Petersburg, erhielt er Gelegenheit zur Auseinandersetzung mit den neuen Tendenzen. 1912 hatte er sich an der Ausstellung »Eselsschwanz« beteiligt, sie von Paris aus mit dem Bild »Der Tote« beschickt. Die hier proklamierte Bildauffassung war der seinen nicht unähnlich. So greift Chagall verspätet, 1916, den damaligen »Primitivismus« von Natalija Gontscharowa und Michail Larionow auf, besonders augenscheinlich geworden im Bild »Das Laubhüttenfest«.

Bewußt ungelenk wirkende Figuren bewegen sich eckig durch den Bildraum, scheinen appliziert auf einen Untergrund, zu dem sie keine Beziehung haben. Die totalisierende Perspektive eines Kindes hat sie geprägt, entweder vollständig im Profil oder ganz frontal bieten sie sich dar, Zwischentöne und Nuancen unterbleiben, sie passen nicht zu der robusten Einfachheit der Szenerie. Einzig bei der Gestaltung des Daches der Laubhütte, die leise kubistische Reminiszenzen anklingen läßt, demonstriert Chagall, daß der rüde Duktus Manier ist und nicht Unvermögen. Eingesperrt in die kahle Enge der Büros der Kriegswirtschaft kann sich der Künst1er nicht zu der beschwingten Choreographie des Pinsels hinreißen lassen, wie sie die von Bella inspirierten Bilder auszeichnet. Die markige Hand des »Laubhüttenfestes« entspricht Chagalls Gefühlswelt.

Marc Chagall: Das Laubhüttenfest, 1916. Gouache, 33 x 41 cm,
Luzern, Galerie Rosengart
Das nach eigener Aussage wichtigste Ereignis in seinem Leben wird nicht nur Chagall über Jahre hinaus in Atem halten. Mitten im Zentrum, in der Hauptstadt, erlebte er, wie die Fanale zum Kampf gegen das Zarenregime und seine hoffnungslose Antiquiertheit in die Revolution einmündeten. Binnen jener zehn Tage, die die Welt erschütterten, war St. Petersburg in roter Hand. »So spricht Gott der Herr: Ich öffne eure Gräber und hole euch, mein Volk, aus euren Gräbern in das Land Israel.« Diese Worte aus der Vision des Ezechiel stehen in hebräischen Lettern über der Durchfahrt des »Friedhofstores«, das Chagall genau zu der Zeit gemalt hatte. Eine große Aufbruchsstimmung hatte das ganze Land erfaßt, und so erscheint Chagalls Projektion der alttestamentarischen Prophetie in eine zukunftsfrohe Gegenwart keineswegs blasphemisch. Die Bolschewiken hatten den Krieg beendet, die Juden erfuhren endlich die staatsbürgerliche Gleichstellung mit den Russen. Die Frühzeit der Revolution war geprägt von ungetrübtem Optimismus.

Anatoli Lunatscharski war von Lenin zum Leiter des Kulturministeriums bestimmt worden. Chagall hatte Lunatscharski in Paris kennengelernt, der Emigrant verdingte sich dort als Journalist für russischsprachige Blätter. Diese Bekanntschaft brachte Chagall im September 1918 einen offiziellen Posten ein, er übernahm das Amt des Kommissars für die bildenden Künste in Witebsk. In den Kindertagen der Revolution stand die Kunst hoch im Kurs, Ästhetik und Politik sollten einander inspirieren bei ihrem Einsatz für eine menschlichere Zukunft. Kunst und Staatsräson, die der Kommunismus in bewußter Opposition zur bürgerlichen Auffassung stets als einander bedingend erachtete, leisteten sich noch die Option zur Verbesserung der Welt, beide wollten noch progressiv, avantgardistisch sein. Der alte Traum der in die Autonomie entlassenen Kunst sollte hier in die Wirklichkeit umgesetzt werden.

Marc Chagall: Bella mit weißem
Kragen, 1917. Öl auf Leinwand,
149 x 72 cm.
Im Besitz der Erben des Künstlers
Voller Eifer stürzte sich Chagall auf sein neues Engagement als Berufsästhetiker, organisierte Ausstellungen, eröffnete Museen und setzte den Lehrbetrieb an der Kunstakademie in Witebsk wieder in Gang. Und der eingeschworene Individualist, der resolute Verfechter des Ungewöhnlichen begann auf die anonyme Macht der Gleichheit zu schwören: »Glaubt mir, das verwandelte Arbeitervolk wird bereit sein, den Gipfel der Kunst und der Kultur zu erklimmen.« Chagall bekannte sich uneingeschränkt zum Kommunismus.

Zum Jahrestag der Revolution sollte, nach Chagalls Entwürfen, Witebsk mit einer farbenprächtigen Jubeldekoration überzogen werden. Obwohl sich Chagall in Bildern wie »Krieg den Palästen« weitgehend an die verordnete Ideologie hielt, war die Reaktion der orthodoxen Genossen einmütig: »Warum ist die Kuh grün, und warum fliegt das Pferd in den Himmel?«, schildert Chagall ihr Unverständnis. »Was hat das mit Marx und Lenin zu tun?« Kaum hatte der Maler begonnen, sich mit der neuen Sache zu identifizieren, schlug ihm schon der sture Anspruch nach politischer Verwertbarkeit seiner Kunst ins Gesicht. »Der Maler: An den Mond«, von Chagall auf 1917 datiert, aber wohl erst 1919 entstanden, reagiert darauf mit der trotzigen Behauptung künstlerischer Inspiration. Die vertraute Figur es sinnenden, sich seinen Träumen hingebenden Malers schwebt durch das Bild, abgehoben von der Welt in einer Sphäre imaginärer, gleichsam himmlischer Entrücktheit. Mit dem Lorbeer ist sein Haupt bekränzt, das alte Ruhmeszeichen des Dichters soll den Willen des Malers, eigene Wirklichkeiten zu schaffen, sinnreich dokumentieren.

Marc Chagall: Die Tore des Friedhofs, 1917.
Öl auf Leinwand, 87 x 68,6 cm, Privatbesitz
Nicht zuletzt weil Witebsk von den bald grassierenden Hungersnöten recht und schlecht verschont geblieben war, konnte die dortige Kunstakademie unter ihrem Direktor Chagall bald eine eindrucksvolle Liste an berühmten Lehrern aufweisen. Die Creme der russischen Avantgarde zog nach und nach in die Provinz, erlauchte Namen wie El Lissitzky und Kasimir Malewitsch brachten den Ruch der Boheme in die Stadt. Bald beginnen die Richtungskämpfe um die wahre Kunst der Zukunft Chagall in Atem zu halten. 1915 hatte Malewitsch mit seinem »Schwarzen Rechteck auf weißem Grund« für großes Aufsehen gesorgt, war weltweit zu einem der führenden Köpfe der Malerei avanciert. Das vergeistigte Gleichgewicht abstrakter Farbfelder, das Malewitsch als »reine Malerei« propagierte, sein Postulat, die Kunst müsse jeden Bezugspunkt in der äußeren Wirklichkeit aufgeben, waren Chagall ein Dorn im Auge. Während einer Moskaureise Chagalls fand die Palastrevolution statt. Er wurde abgesetzt, die freie Akademie zur »suprematistischen« erklärt. Nach seiner Rückkehr fand er sich zwar bald wieder in Amt und Würden, doch tiefes Mißtrauen in die Revolution und die von ihr vertretene Kunstauffassung hatte sich in ihm festgesetzt. Im Mai 1920 verließ Chagall mit seiner Familie Witebsk, um sich in Moskau niederzulassen.

Ganz allerdings hatte auch er sich nicht Malewitschs Einfluß entziehen können. Besonders »Das bäuerliche Leben«, 1917 datiert, 1919 noch in Witebsk entstanden, baut auf die meditative Balance monochromer geometrischer Formen, die Malewitsch programmatisch entworfen hatte. Dieses abstrakte Gerüst bevölkert Chagall aber dann mit seinem Standardpersonal, interpretiert die Farbflächen um zu Bereichen von Wirklichkeit, in denen archetypisch der Mann mit der Peitsche und die Frau mit dem Tier sich gegenüberstehen. Die ruhige Ordnung der Geometrie, die auch für Malewitsch Metapher war für Innenwelt, konkretisiert Chagall zum Grundmuster, zum Minimalbestand an Motiven für die Ausarbeitung einer Genreszene.

Marc Chagall: Der Maler: An den Mond, 1917. Gouache und
Aquarell auf Papier, 32 x 30 cm. Basel, Sammlung Marcus Diener
In äußerster Armut fristet die Familie in der neuen Hauptstadt ihr Dasein. Seiner Vorliebe für die Bühne folgend ließ sich Chagall vom »Jüdischen Theater« Moskaus für Ausstattungsarbeiten engagieren, mehr als die allernötigsten Lebensmittel bekam er dafür nicht. Für Foyer und Theaterraum schuf er monumentale Wandbilder, Allegorien auf die Hauptelemente der Dramatik. »Der grüne Geiger« von 1923/24 ist eine Replik des Wandbildes »Musik«, die exakte Verkleinerung des Originals im Moskauer Theater. Die vertraute Gestalt des Geigers hat für Chagall nichts von ihrer Suggestionskraft verloren, ist wieder Beschwörungsformel in einer Zeit tiefer Depression.

Die Unterstützung, die der Staat den Künstlern zukommen ließ, war abgestuft nach der politischen Brauchbarkeit des jeweiligen Werks. Chagall landete in der Stipendienhierarchie ziemlich weit unten, war doch niemand anderer als Malewitsch verantwortlich für die Klassifizierung der Künstler. Und Malewitsch hielt nicht viel von seinem Kollegen. »Ich denke, die Revolution könnte eine große Sache sein, wenn sie die Achtung vor dem anderen bewahrte«, schrieb Chagall damals in »Mein Leben«, dessen Manuskript vor der Vollendung stand. Genau diesen Respekt vor seiner Neigung zum Außergewöhnlichen vermißte er am neuen Status quo, die totalitäre Tendenz zur Gleichschaltung hatte nicht haltgemacht vor seinen Appellen an die Macht der Phantasie. Kein Geld, kein Erfolg, keine Perspektive - nichts hielt Chagall mehr in dem Staat, der nun Sowjetunion hieß. Lunatscharski besorgte der Familie den Paß für die Ausreise.

Chagall erinnerte sich an den Berliner Galeristen Walden und an den Erfolg, der ihm lange Jahre verwehrt geblieben war. In Berlin wollte er nun an die Aufbruchszeit anknüpfen und mit dem Erlös seiner Bilder seine Karriere finanziell absichern. Als er im Sommer 1922 in Berlin eintraf, galt sein Name tatsächlich einiges im Westen. Walden hatte die von Chagall in Berlin zurückgelassenen Bilder auch verkauft und das Geld auf ein Konto eingezahlt. Mittlerweile aber wütete die Inflation in Deutschland, und das Geld war wertlos geworden. Chagall stand nun gleichsam vor dem Nichts - ohne Geld und ohne Bilder. Vor Gericht klagte er und erhielt als Entschädigung schließlich einige wenige Bilder, die man rasch zurückkaufte. Er mußte buchstäblich von vorn beginnen.

Quelle: Ingo F. Walther und Rainer Metzger: Marc Chagall. 1887-1985. Malerei als Poesie. Benedikt Taschen Verlag, Köln 1987, ISBN 3-8228-0250-6. Seiten 34 bis 49

Marc Chagall: Das bäuerliche Leben (Der Stall; Nacht; Mann mit Peitsche),
1917. Öl auf Karton, 21 x 21,5 cm,
New York, Solomon R. Guggenheim Museum


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4. Oktober 2016

Beethoven: Missa Solemnis op. 123, Karl Böhm, 1975 – Messe C-Dur op. 86, Karl Richter, 1970

„Mein größtes Werk ist eine große Messe“

Beethovens „solenne“ Messe steht neben Bachs Messe in h-moll und Mozarts Fragment gebliebener c-moll-Messe als Monolith in jener weiten kirchenmusikalischen Landschaft, die durch die Legion der Vertonungen des Mess-Ordinariums seit Guillaume de Machauts Messe de Nostre Dame geformt wurde. Ähnlich wie Bachs Missa, so sprengt auch Beethovens „größtes Werk“ den liturgischen Rahmen und ist für eine gottesdienstliche Verwendung kaum nutzbar.

Folgt man E.T.A. Hoffmanns Einschätzung in seinem Aufsatz „Alte und neue Kirchenmusik“, so ist das im Grunde auch überhaupt nicht nötig, denn „diese Musik ist ja der Kultus selbst, und daher eine Missa im Konzert, eine Predigt im Theater.“

Doch was ist das Thema der Predigt? Liest man die von Sven Hiemke gründlich aufgearbeiteten Zeugnisse, so ist die Missa nicht als Beethovensches Bekenntnis zum Katholizismus zu verstehen, denn zwar war Beethoven seit der Kindheit mit den katholischen Konventionen aufs engste vertraut, der erwachsene Komponist jedoch machte seiner Abneigung gegen den institutionalisierten katholischen Glauben keinen Hehl: „Ein Kirchgänger war Beethoven nie. Keine organisierte Religion. Kaum noch der bloßen Form genügen.“ (Hiemke, 21) Doch war er auch mitnichten ein, wie Haydn einmal bissig bemerkte, „Atheist“, denn die „Existenz Gottes als solche zu hinterfragen war Beethovens Sache nicht.“ (Hiemke, 22)

Vielmehr war auch Beethovens Glaubensverständnis vom freiheitlichen Denken der Aufklärung bestimmt. Besonders die „Betrachtungen über die Werke Gottes im Reiche der Natur und der Vorsehung auf alle Tage des Jahres“ aus der Feder des protestantischen Theologen Christoph Christian Sturm hatten es Beethoven angetan, deren wesentliche These es ist, dass es „für ein unmittelbares Verhältnis zwischen Mensch und Gott durchaus keiner Intervention von Klerus bedurfte.“ (Hiemke, 24). So erklärt sich beispielsweise auch die Einfügung des emphatischen „o“ im Abschnitt Qui tollis peccata mundi, miserere nobis, denn dieses entspricht nicht mehr dem ritualisierten Text, es geht über ihn hinaus und lässt ihn zu einem individuellen Flehen werden. Der rein institutionelle Charakter des Ordinarium Missae löst sich auf, das Individuum tritt aus dem Ritus heraus und kommuniziert direkt mit dem Göttlichen.

Karl Böhm
Doch worauf zielt das Flehen des sich nun in der Messe selbst wahrnehmenden Individuums?

Man geht zum einen davon aus, dass wir es hier bis zu einem gewissen Grad mit dem Flehen des Individuums Beethoven zu tun haben, ein Flehen das Ausduck seiner Suche nach Gott zu sein scheint:

„Dem aber standen Phasen einer verstärkten Suche nach Gott gegenüber. Religiöse Fragen beschäftigten Beethoven, je älter er wurde, mit zunehmender Intensität. [...] Menschliches Leid – der Verlust des Gehörs, wirtschaftliche Nöte, die aufreibende Auseinandersetzung um die Vormundschaft für den Neffen, die Beethoven nach der Entsagung von der ‚unsterblichen Geliebten’ fast zwanghaft als Kampf um eine zwischenmenschliche Beziehung betrieb: all das gehört zum biographischen Hintergrund dieser Jahre.“ (Reiber, 14)

Hinzu tritt aber auch eine überpersönliche Komponente:

„Auch in Beethovens Umfeld trat damals eine Phase der Neuorientierung ein: Die Umwälzungen der Französischen Revolution und der Befreiungskriege hatten das aufklärerische Menschenbild bedenklich ins Wanken gebracht. Wo war die idealistische Emphase der Emanzipation geblieben? Wohin hatte der ‚Ausgang des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit’, den das 18. Jahrhundert so siegessicher proklamierte, tatsächlich geführt? In der Gestalt Napoleons trat dem zu Ende gehenden Zeitalter das Zerrbild seiner hochgesteckten Ideale entgegen: eine Figur, die den Anspruch auf menschliche Autonomie erschreckend in Hybris verkeht hatte. Orientierung tat not.“ (Reiber, 14)

Lück sieht vor diesem Hintergrund in der Missa solemnis im Wesentlichen den Appell an den Menschen, das Göttliche im Diesseits durch die aktive Gestaltung einer menschlichen Welt zu verwirklichen.

„Wo die Neunte Sinfonie ein musikalisches Weltbild entwirft und ihren großen Appell ‚Alle Menschen werden Brüder ... Diesen Kuss der ganzen Welt’ formuliert, da äußert Beethoven in seiner Missa solemnis den einzig subjektiv bestimmten Glauben, den persönlichen, direkten Bezug zu einem wie auch immer vorgestellten himmlischen Vater, dem Lob, Preis und Verehrung gebührt, aber immer aus der Situation heraus, in einer gebrechlichen, bedrohten Welt zu leben, deren Verhältnisse erheblicher Anstrengungen bedürfen, um menschenwürdig zu werden. Diese Anstrengung ist gleichsam die inhärente Bedingung des Glaubens: Gott wird verehrt, wenn er für ein menschenwürdiges Dasein im Diesseits steht. [...] Man gewinnt in einzelnen Passagen der Missa solemnis den Eindruck, dass Beethoven um diesen Glauben immer wieder kämpft, dass er in den Wiederholungen von Worten oder musikalischen Figuren gleichsam gegen seine eigenen Zweifel ankomponiert, sich selbst überredet; zwar formuliert er in den überlieferten, standardisierten Worten Kyrie eleison (‚Herr, erbarme Dich unser’) oder Gloria in excelsis Deo (‚Ehre sei Gott in der Höhe’) die innige Bitte um das Erbarmen ebenso wie die hymnische Preisung, aber seine Musik gewinnt erst ihre richtige expressive Tiefe, wenn es um die Situation auf der Erde selbst geht, um das Leben der Menschen [...].“ (Lück, 63)

Doch das Leben der Menschen ist ein angstvolles, von innerem und äußeren Unfrieden geprägtes. Darum auch der Verweis darauf, dass das Dona nobis als eine „Bitte um inneren und äußeren Frieden“ zu verstehen sei, darum die Militärmusik, die die Unmöglichkeit der Erreichung dieses Zustandes zum gegenwärtigen Zeitpunkt betont, es sei denn – und mir scheint, dass man hier die Widmung „Von Herzen – möge es zu Herzen gehen“ mitdenken muss –, der Mensch erkennt mit Beethoven über das Gefühl die unbedingte Notwendigkeit einer Auflösung des von Augustinus formulierten Gegensatzes von civitas dei und civitas terrana: Die Welt muss gereinigt werden von der Tyrannei der weltlichen Ordung zugunsten der Erschaffung einer gottgefälligen, ja göttlichen Welt voller freier Menschen und freier Geister.

Quelle: Agravain: „Mein größtes Werk ist eine große Messe“, Betrag zum Capriccio Kulturforum vom 5. Juni 2010

Weitere Kommentare zur Missa Solemnis findet man hier und hier.

Karl Richter
Eine humanistische Messe?

"Was haben Sie denn da wieder gemacht?" war der Kommentar des Auftraggebers, Fürst Esterhazy, nach der Aufführung der C-Dur Messe op. 86 im Jahre 1807. Und es ist ja nicht ganz unberechtigt, fällt doch diese Messe in Tonfall und Ausdruck schon aus dem Rahmen dessen, was man auf Esterhazy von Haydn bis dato gewohnt war an geistlichen Klängen. […]

Zauberhaft schon der Anfang des Kyrie: über dem tiefen C der Bässe steigt der Chor ganz zart auf, eine wunderbare Stelle, die sich am Ende des Agnus Dei zu den Worten "Dona nobis pacem" wiederholt. Auffällig das Maß an motivischer Arbeit, das diesen feierlichen Satz durchdringt: neben blockhaften Deklamationen des "Christe" durch das Solistenquartett gibt es immer wieder polyphone Bildungen, geht es durch viele Stimmungen bis ins Forte mit Posaunen, aber niemals hört man das Pauken-gestärkte Auftrumpfen, das man von Mozart und Haydn doch gewöhnt ist.

Auf den ersten Blick konventionell kommt das dann im Gloria. Und klingt doch anders: das a der Soprane "in excelsis" klingt fast hysterisch, umso menschlicher, sanfter der Chor "et in terra pax" - es fällt mir schwer, zu beschreiben, was eigentlich hier so anders klingt, die altvertrauten Worte wie aus einer anderen Perspektive gesungen.

Sicherlich an Haydn geschult das Wechselspiel zwischen Tenorsolo und Chor: "Gratias", bis mit "Domine Deus" der Chor ganz übernimmt. "Qui Tollis" gehört dann Altsolo in anderem Rhythmus (ich höre einen 3er-takt), in den die anderen Solostimmen einstimmen, bis mit "Qui Sedes" der Chor erst laut Unisono, dann flehend unter Bläserseufzern übernimmt, in leisem "miserere" ins Dur leitet und den wieder im 4erTakt Unisono herausposaunten Chor "Quoniam", der sich zu einer veritablen Fuge auswächst, ins "cum sancto spirito" übergehend. Diese Fuge läßt schon in ihrer von homophonen Abschnitten durchbrochenen Form die späten Fugen der "Missa Solemnis" ahnen.

Das Credo setzt in diesem Ton fort, in schnellem 3/4-Takt fängt es leise an, steigert sich immer wieder zu, nun ja, auf mich hysterisch wirkenden Ausbrüchen. Auffällig die immer wieder auftretenden Unisoni - teils im Wechsel von Frauen und Männern - "Deus de Deo" - "lumen de Lumine" - ist es dieser dramatische Stil, der dem Herrn Esterhazy unpassend vorkam? und der heute noch so modern, so menschlich, so wenig geistlich anmutet? Im steten Wechsel von lautem "descendit" und leisem "per nostram salutem" geht es ins "et incarnatus est" des Solistenquartetts, das dramatische Tenorsolo "et homo factus est", der Chor "Cruzifixus", "Passus" der Solostimmen, dramatischer, ernster, opernhafter auch, als von Mozart und Haydn gewohnt, aber schon im "sepultus est" tröstlich gewendet.

Ich will nicht weiter im Detail verfolgen, wie Beethoven irgendwie ernster, strenger am Text entlang als seine Vorgänger seine ausdrucksvolle Musik gestaltet. Das nacheinander von ariosen und symphonischen Partien erinnert an manche Salzburger Messe Mozarts, aber erheblich dramatisiert, auch in Bewegung und Klang durchbrochener.

Einer meiner Lieblingssätze seit sehr langem ist das Sanctus, von Bläserakkorden eingeleitet, die dann vom Chor wiederholt ihre ganze deklamatorische Kraft entfalten, aber, und das ist auch ein Charakteristikum dieses Werks für mich, im Piano. Das Stammeln des Chores, immer wieder aufgefangen in den warmen Farben der Klarinetten, leitet direkt in das "Pleni sunt coeli" und "Osanna".

Mit dem Benedictus kann ich persönlich nicht so viel anfangen, für mich stehen sich die 4 Solostimmen allzuoft gegenseitig im Wege, trotz vieler ausdrucksvoller Wendungen. Schön durchaus der Wechsel von Chor und Soli in der Mitte. Typisch Beethoven für mich, daß es nie "in sich ruhend" klingt, sondern natürlich in eine Steigerung mit Pauken und Trompeten führen muss. Typisch für dieses Werk die auch hier wieder auftretenden Bläsergänge hinter relativ ruhenden Chorakkorden, die einen Teil der charakteristischen Klangfarbe ausmachen.

Im schnellen 6/4(?)Takt mit klopfenden Pauken und Bläsern hebt das Agnus Dei an, für mich eindrucksvoll sprechend die Deklamation - das ist für mich wirklich eine neue Qualität von Menschlichkeit in geistlicher Musik. Die in dieser Messe so präsenten Klarinetten rufen den Chor wach zum optimistischen "dona nobis pacem", natürlich nochmal unterbrochen vom diesmal dramatisch deklamierten "Miserere", bevor die Klarinetten wieder ins Dur leiten. Es klingt schon nach Schluß, dann kommt noch einmal der Aufstieg aus dem Kyrie, endet das Werk mit zarten Rufen von Fagott und Flöte vor den letzten Piano-Akkorden. […]

Quelle: Philmus: „Eine humanistische Messe?“, Beitrag zum Capriccio Kulturforum vom 25. Juli 2014

Weitere Kommentare zur C-Dur Messe findet man hier und hier.


TRACKLIST

LUDWIG VAN BEETHOVEN
(1770-1827)


CD 1

Missa solemnis op.123 
für 4 Solostimmen, Chor, Orchester und Orgel 

(1) 1. Kyrie: Assai sostenuto (Mit Andacht)           12:18      
(2) 2. Gloria: Allegro vivace                         18:36 
(3) 3. Credo: Allegro ma non troppo                   21:44 
(4) 4. Sanctus: Adagio (Mit Andacht) -                18:17 
    Praeludium: Sostenuto ma non troppo - 
    Benedictus: Andante molto cantabile e non troppo mosso 

CD 2

(1) 5. Agnus Dei: Adagio                              17:18

Margaret Price, Sopran 
Christa Ludwig, Alt 
Wieslaw Ochman, Tenor 
Martti Talvela, Bass 
Konzertvereinigung Wiener Staatsopernchor 
Peter Planyavsky, Orgel 
Gerhart Hetzel, Solovioline (Benedictus) 
Wiener Philharmoniker 
Karl Böhm 
® 1975 


Messe C-dur op.86 

(2) 1. Kyrie: Andante con moto assai vivace,           4:15 
    quasi Allegretto, ma non troppo 
(3) 2. Gloria: Allegro con brio - Andante mosso -     10:29
    Allegro, ma non troppo 
(4) 3. Credo: Allegro con brio - Adagio -             10:59
    Allegro, ma non troppo - Vivace 
(5) 4. Sanctus: Adagio - Allegro -                    12:12 
    Allegretto, ma non troppo - Allegro 
(6) 5. Agnus Dei: Poco Andante - Allegro ma non        8:13 
    troppo - Andante con moto 

Gundula Janowitz, Sopran 
Julia Hamari, Alt 
Horst R. Laubenthal, Tenor 
Ernst Gerold Schramm, Bass 
Elmar Schloter, Orgel 
Münchener Bach-Chor 
Münchener Bach-Orchester 
Karl Richter 
® 1970 

Gesamtspielzeit: 134:21 


Nachschrift zum »Namen der Rose«


Natürlich, das Mittelalter

Ich habe einen Roman geschrieben, weil ich Lust dazu hatte. Ich halte das für einen hinreichenden Grund, sich ans Erzählen zu machen. Der Mensch ist von Natur aus ein animal fabulator. Begonnen habe ich im März 1978, getrieben von einer vagen Idee: Ich hatte den Drang, einen Mönch zu vergiften. Ich glaube, Romane entstehen aus solchen Ideen-Keimen, der Rest ist Fruchtfleisch, das man nach und nach ansetzt. Es muß eine alte Idee gewesen sein: Ich fand später ein Notizheft aus dem Jahr 1975, in welchem ich mir eine Liste von Mönchen eines unbestimmten Klosters angelegt hatte. Nichts weiter. Als erstes machte ich mich daran, den Traité des poisons von Orfila zu studieren - den ich zwanzig Jahre zuvor bei einem Bouquinisten am Seineufer erstanden hatte, aus reiner Treue zu Huysmans (Là-bas). Da keins der behandelten Gifte mich befriedigte, bat ich einen befreundeten Biologen, mir ein Pharmakon mit bestimmten Eigenschaften (Absorbierbarkeit über die Haut bei Berührung von zweckmäßig präparierten Gegenständen) zu empfehlen. Seinen Antwortbrief, in dem er mir schrieb, er kenne leider kein Gift, das meinen Wünschen entspreche, habe ich unverzüglich vernichtet: Schriftstücke solcher Art bringen ihren Besitzer, liest man sie in einem anderen Kontext, leicht an den Galgen.

Ursprünglich sollten meine Mönche in einem zeitgenössischen Kloster leben (ich dachte an einen Mönchs-Detektiv, der Il Manifesto las). Aber da Klöster oder Abteien noch immer von allerlei mittelalterlichen Erinnerungen zehren, stöberte ich in meinen Archiven aus mediävistischen Studientagen (1956 ein Buch über die mittelalterliche Ästhetik, 1959 weitere hundert Seiten zum Thema, ein paar Aufsätze hier und da, 1962 erneute Rückkehr zur mittelalterlichen Tradition für meine Arbeiten über Joyce, 1972 dann eine längere Studie über die Apokalypse und über die Miniaturen des Kommentars von Beatus Liébanensis - ich war also nie ganz aus der Übung gekommen). Mir fiel ein breitgefächertes. Material in die Hände: Textauszüge, Fotokopien, Notizen, die sich seit 1952 angesammelt hatten, um anderen gänzlich vagen Zwecken zu dienen - einer Geschichte der Monster, einer Studie über die mittelalterlichen Enzyklopädien, einer Theorie der Aufzählung ...

Nach einer Weile sagte ich mir, wenn das Mittelalter ohnehin mein tägliches Imaginarium ist, könnte ich ebensogut auch einen Roman schreiben, der unmittelbar in jener Epoche spielt. Denn wie ich einmal in einem Interview sagte, die Gegenwart kenne ich nur aus dem Fernsehen, über das Mittelalter habe ich Kenntnis aus erster Hand. Bei einem Familienausflug, als wir einmal ein Feuer im Freien machten, warf meine Frau mir vor, ich hätte gar keinen Blick für die Funken, die zwischen den Bäumen aufflogen und als Leuchtstreifen durch die Abendluft segelten. Als sie dann das Kapitel über den Brand der Abtei las, rief sie erstaunt: »Also hast du doch die Funken gesehen!« Worauf ich erwiderte: »Nein, aber ich wußte, wie ein mittelalterlicher Mönch sie gesehen hätte.«

Vor zehn Jahren, in einem Brief an den Verleger Franco Maria Ricci, geschrieben als Nachwort zu meinem Kommentar über den Apokalypsenkommentar des Abtes Beatus von Liébana, gestand ich: »Wie man's auch dreht und wendet, ich gelangte zur Forschung, indem ich symbolische Wälder durchstreifte, darinnen es Greife und Einhörner gab, indem ich die spitzzinnigen und quadratischen Bauformen der Kathedralen mit den exegetischen Spitzfindigkeiten in den Vierkantformeln der Summulae verglich, indem ich zwischen Notre Dame und zisterziensischen Kirchen vagabundierte, freundlich plaudernd mit gebildeten und gespreizten Cluniazensermönchen, beargwöhnt von einem schwerfälligen und rationalistischen Aquinaten, in Versuchung geführt von Honorius Augustoduniensis mit seinen phantastischen Geographien, aus denen man nicht nur erfährt, quare in pueritia coitus non contingat, sondern auch, wie man zur Verlorenen Insel gelangt und wie man einen Basilisken fängt, ausgerüstet nur mit einem Taschenspiegel und einem unerschütterlichen Glauben an das Bestiarium ...

Templum apertum - Ubi bestia descendet de abisso:
Das Tier aus dem Abgrund, darüber der Tempel mit der
Bundeslade(Apokalypse 11, 7 und 19) -
»Das Tier geht um in der Abtei ... Das große Tier, das aus
dem Meer steigt ..., der Antichrist ... Er wird bald kommen.
Das Jahrtausend ist um, wir erwarten ihn ... « (Alinardus
von Grottaferrata in »Der Name der Rose«, S. 200-202) .
Illustration zum Apokalypsenkommentar des Beatus von
Liébana, angefertigt um 1047 von dem Miniaturenmaler
Facundus, Blatt 184 v. der Beatus-Handschrift
San Isidoro de León, jetzt Madrid, Bibl. Nat. Vitr. 14-2
Diese Vorlieben und Leidenschaften haben mich nie verlassen, auch nicht, als ich später aus geistigen und materiellen Gründen andere Wege beschritt (wer Mediävistik betreiben will, muß oft beträchtliche Mittel aufwenden, um in ferne Bibliotheken reisen und seltene Handschriften mikrofilmen zu können). So ist das Mittelalter zwar nicht mein Beruf, wohl aber mein Hobby geblieben - und meine stete Versuchung, denn ich sehe es überall durchscheinen in den Dingen, mit denen ich mich beschäftige, die nicht mittelalterlich erscheinen und es doch sind ... Heimliche Ferien unter den Säulen und Rundbögen von Autun, wo heute der Abt Grivot Manuale über den Teufel schreibt mit schwefelgetränktem Einband, sommerliche Ekstasen vor den Portalen von Conques und Moissac, betört von den vierundzwanzig Greisen der Apokalypse oder von Teufeln, welche die armen verdammten Seelen in kochende Kessel pferchen; zugleich Regenerationen des Geistes durch Lektüre des Aufklärer-Mönches Beda, Tröstungen der Vernunft durch das Studium Ockhams, um die Geheimnisse der Zeichen auch dort zu verstehen, wo Saussure noch dunkel geblieben ist. Und so weiter, mit fortdauernder Nostalgie nach der Peregrinatio Sancti Brendani, mit Überprüfungen unseres Denkens am altirischen Book of Kells, mit Borges, wiedergefunden in den keltischen Kenningar, mit Kontrolluntersuchungen zum Verhältnis von überredeten Massen und Macht anhand der Tagebücher des Abt-Bischofs Suger ...«

Die Maske

In Wahrheit beschloß ich nicht nur, vom Mittelalter zu erzählen, sondern im Mittelalter, nämlich durch den Mund eines mittelalterlichen Chronisten. Ich war als Erzähler Debütant, ich hatte bisher die Erzähler stets nur von außen betrachtet, von der anderen Seite der Barrikade. Ich schämte mich zu erzählen. Ich kam mir vor wie ein Theaterkritiker, der sich plötzlich im Rampenlicht exponiert, auf offener Bühne vor den Augen all derer, mit denen er bisher komplizenhaft im Parkett gehockt hatte.

Kann einer, der erzählen will, heute noch sagen: »Es war ein klarer spätherbstlicher Morgen gegen Ende November«, ohne sich dabei wie Snoopy zu fühlen? Was aber, wenn ich Snoopy das sagen ließe? Wenn also die Worte »Es war ein klarer spätherbstlicher Morgen ...« jemand sagte, der dazu berechtigt war, weil man zu seiner Zeit noch so anheben konnte? Eine Maske, das war's, was ich brauchte.

Ich setzte mich also hin und las (erneut) die mittelalterlichen Chronisten, um mir den Rhythmus und die Unschuld ihrer Erzählweise anzueignen. Sie sollten für mich sprechen, dann war ich frei von jedem Verdacht. Von jedem Verdacht, aber nicht vom Gewicht der Vergangenheit, von den Echos der Intertextualität. Denn nun entdeckte ich, was die Dichter seit jeher wußten (und schon so oft gesagt haben): Alle Bücher sprechen immer von anderen Büchern, und jede Geschichte erzählt eine längst schon erzählte Geschichte. Das wußte Homer, das wußte Ariost, zu schweigen von Rabelais und Cervantes ... Ergo konnte meine Geschichte nur mit der wiedergefundenen Handschrift beginnen, und auch das wäre dann (natürlich) nur ein Zitat. So schrieb ich zunächst das Vorwort, indem ich meine Erzählung, verpackt in drei andere Erzählungen, in den vierten Grad der Verpuppung setzte: Ich sage, daß Vallet sagte, daß Mabillon sagte, daß Adson sagte ...

Nun war ich von allen Ängsten frei. Und an diesem Punkt hörte ich wieder auf zu schreiben. Ich hörte auf für ein ganzes Jahr, weil ich noch etwas anderes entdeckte, was ich zwar schon wußte (alle wußten es), aber erst beim Arbeiten richtig verstand.

Ich entdeckte nämlich, daß ein Roman zunächst einmal gar nichts mit Worten und Sprache zu tun hat. Das »Schreiben« eines Romans ist ein kosmologischer Akt - wie der, von welchem die Genesis handelt (irgendein Vorbild muß man sich schließlich nehmen, sagte Woody Allen).

»Auf dem Tisch neben dem glimmenden Fäßchen lag aufgeschlagen ein
großes farbig bemaltes Buch. Ich trat näher und entdeckte vier Streifen
von verschiedener Farbe: gelb, zinnober, türkis und hellbraun. Darauf
ein schrecklich anzusehendes Untier, ein Drache mit zehn Köpfen, der mit
dem Schweif die Sterne am Himmel erfaßte und niederwarf auf die Erde.
Und plötzlich vervielfachte sich der Drache ...« (Adson von Melk in
»Der Name der Rose«, S. 221).
Illustration zu Apokalypse 12,1-6 (Das sonnenbekleidete Weib und der
Drache) nach Beatus von Liébana, Doppelblatt 186 v. bis 187
der gen. Handschrift San Isidoro de León
Der Roman als kosmologischer Akt

Wer erzählen will, muß sich zunächst eine Welt erschaffen, eine möglichst reich ausstaffierte bis hin zu den letzten Details. Angenommen, ich schaffe mir einen Fluß, zwei Ufer, auf deren linkes ich einen Angler setze, ausgestattet mit einem jähzornigen Charakter und einem nicht nicht ganz sauberen Strafregister, so könnte ich schon zu schreiben beginnen, indem ich in Worte fasse, was unvermeidlich geschehen muß. Was tut ein Angler? Er angelt (schon habe ich eine Reihe von mehr oder minder unausweichlichen Begriffen, Gesten, Bewegungen). Und was geschieht dann? Entweder gibt es in meinem fluß Fische, die anbeißen, oder es gibt keine. Gibt es welche, so wird sie der Angler angeln und zufrieden nach Hause gehen. Gibt es keine, so wird er, jähzornig wie er ist, vielleicht wütend werden und seine Angelrute zerbrechen. Nicht eben viel, aber schon ein Ansatz.

Nun gibt es jedoch ein indianisches Sprichwort, das heißt: »Setz dich ans Ufer des Flusses und warte, bald wird deines Feindes Leiche vorbeischwimmen.« Was, wenn nun eine Leiche den Fluß heruntergeschwommen käme (ist doch die Möglichkeit einer Wasserleiche dem intertextuellen Bezugsfeld des Flusses prinzipiell inhärent)? Vergessen wir nicht, daß mein Angler ein nicht ganz sauberes Strafregister hat. Wird er die Polizei holen und riskieren, daß er Ärger bekommt? Wird er davonlaufen? Wird er so tun, als ob er die Leiche nicht sieht? Wird er vor Angst vergehen, weil die Leiche am Ende tatsächlich die seines Feindes ist? Wird er vor lauter Wut platzen, weil er die langersehnte Rache nun nicht mehr vollziehen kann? Wie man sieht, genügt es, die eigene Welt mit wenigem auszustaffieren, und schon hat man den Ansatz zu einer Geschichte. Auch schon den Ansatz zu einem Stil, denn ein Angler, der angelt, verlangt von meiner Erzählung einen ruhigen, fließenden Rhythmus, skandiert nach dem Muster seiner Erwartung, die geduldig sein muß, aber auch nach dem Muster seiner jähen Wutausbrüche. Das Problem ist, die Welt zu errichten, die Worte kommen dann fast wie von selbst. Rem tene, verba sequentur. Das Gegenteil dessen, was, glaube ich, in der Lyrik geschieht: Verba fene, res sequentur.

Das erste Jahr der Arbeit an meinem Roman verging mit dem Aufbau der Welt. Lange Listen der Bücher, die in einer mittelalterlichen Bibliothek stehen konnten. Namen- und Datenregister für viele Personen, viele mehr, als am Ende in die Geschichte hineinkamen. Denn ich mußte ja schließlich auch wissen, wer die anderen Mönche waren, die nicht im Buch auftreten; es war nicht nötig, daß der Leser ihre Bekanntschaft machte, aber ich mußte sie kennen. Wer hat gesagt, die Epik müsse dem Einwohnermeldeamt Konkurrenz machen? Aber vielleicht muß sie auch dem Bauamt Konkurrenz machen. Also ausgedehnte architektonische Studien, anhand von Bildern, Fotos und Grundrissen in der Enzyklopädie der Architektur, um den Plan der Abtei festzulegen, die Entfernungen, ja selbst die Anzahl der Stufen einer Wendeltreppe. Marco Ferreri hat mir später gesagt, daß meine Dialoge filmgerecht seien, da sie die richtige Länge hätten. Kein Wunder: Wenn zwei meiner Personen miteinander redeten, während sie vom Refektorium zum Kapitelsaal gingen, schrieb ich mit dem Plan der Abtei vor Augen, und wenn sie angelangt waren, hörten sie auf zu reden.

Um frei erfinden zu können, muß man sich Beschränkungen auferlegen. In der Lyrik kann die Beschränkung durch das Versmaß gegeben sein, durch den Reim oder auch durch das, was Zeitgenossen den Atem nach dem Gehör genannt haben. In der Epik wird die Beschränkung durch die zugrundeliegende Welt gegeben. Das ist keine Frage des Realismus (obwohl es sogar den Realismus erklärt): Man kann sich auch eine ganz irreale Welt errichten, in der die Esel fliegen und die Prinzessinnen durch einen Kuß geweckt werden, aber auch diese rein phantastische und »bloß mögliche« Welt muß nach Regeln existieren, die vorher festgelegt worden sind (zum Beispiel muß man wissen, ob es eine Welt ist, in der Prinzessinnen nur durch den Kuß von Prinzen geweckt werden können oder auch durch den Kuß einer Hexe, und ob der Kuß einer Prinzessin nur Kröten in Prinzen zurückverwandelt oder auch, sagen wir, Gürteltiere).

Zu meiner Welt gehörte auch die Realgeschichte, und darum studierte ich so viele Chroniken der Epoche; und während ich sie studierte, wurde mir klar, daß in meinen Roman auch Dinge eingehen mußten, an die ich anfangs nicht einmal im Traum gedacht hätte, wie der Armutsstreit oder die Verfolgung der Fratizellen.

Ubi mons magnus ardens missus est in mare:
»Und der andere Engel posaunte: und es fuhr wie ein großer Berg mit
Feuer brennend ins Meer; und der dritte Teil des Meeres ward Blut.«
(Apokalypse 8, 8) - »Starb nicht der zweite Junge in einem Meer
von Blut; Paß auf, wenn die dritte Posaune ertönt! «
(Alinardus von Grottaferrata in »Der Name der Rose«, S. 202).
Illustration zu Apokalypse 8,8-9, Blatt 166 der gen. Hs.
Ein Beispiel: Wie sind die Fratizellen des 14. Jahrhunderts in mein Buch gekommen? Eigentlich hätte ich, wenn ich nun schon eine mittelalterliche Geschichte erzählen sollte, sie lieber im 13. oder 12. Jahrhundert angesiedelt, wo ich viel besser zu Hause war. Aber ich brauchte einen Detektiv, nach Möglichkeit einen Engländer (intertextuelles Zitat), der eine gute Beobachtungsgabe und einen ausgeprägten Sinn für die Interpretation von Indizien haben mußte. Und diese Eigenschaften fanden sich, wenn überhaupt, nur im Umkreis der Franziskaner nach Roger Bacon; außerdem gab es eine entwickelte Zeichentheorie erst bei den Ockhamisten, beziehungsweise es gab sie auch vorher schon, aber vor Ockham wurden die Zeichen entweder symbolisch gedeutet, oder man sah in ihnen vorwiegend die Ideen und Universalien. Erst zwischen Bacon und Ockham wurden die Zeichen als Mittel zur Erkenntnis der Individuen benutzt. Folglich mußte ich meine Geschichte ins 14. Jahrhundert verlegen, zu meiner großen Irritation, weil ich mich dort viel schlechter auskannte. Also erneute Studien - und die Entdeckung, daß ein Franziskaner im 14. Jahrhundert, auch ein englischer, unmöglich den Armutsstreit ignorieren konnte, zumal wenn er ein Freund oder Anhänger oder Kenner Ockhams war (nebenbei: ursprünglich sollte Ockham selber mein Detektiv sein, aber dann habe ich darauf verzichtet, denn als Mensch ist mir der Inceptor Venerabilis nicht besonders sympathisch).

Warum spielt nun das Ganze ausgerechnet Ende November 1327? Weil im Dezember Michael von Cesena bereits in Avignon ist (und dies eben heißt in einem historischen Roman eine Welt ausstaffieren: einige Elemente, wie die Anzahl der Stufen, beruhen auf einer Entscheidung des Autors; andere, wie die Bewegungen Michaels von Cesena, sind abhängig von der wirklichen Welt, die in dieser Art von Romanen zufällig mit der möglichen Welt der Erzählung koinzidiert) .

November war aber eigentlich noch zu früh. Denn ich mußte ja auch ein Schwein schlachten. Warum? Ganz einfach: um eine Leiche kopfüber in einen Schweineblutbottich stürzen zu können. Und warum das? Weil die zweite Posaune der Apokalypse verkündet ... Und die Apokalypse konnte ich schließlich nicht ändern, sie gehörte zu meiner Welt. Nun trifft es sich aber (ich habe mich informiert), daß Schweine erst bei Kälte geschlachtet werden, und dafür konnte November noch zu früh sein, jedenfalls in Italien. Es sei denn, ich versetzte meine Abtei in die Berge, um so bereits ersten Schnee zu haben ... Andernfalls hätte sich meine Geschichte durchaus in der Ebene abspielen können, in Pomposa oder in Congues.

Wie es dann weitergeht, sagt uns die einmal geschaffene Welt. Alle fragen mich immer, warum mein Jorge in seinem Namen an Borges erinnert und warum denn Borges so böse ist. Ich weiß es nicht. Ich wollte einen Blinden als Hüter der Bibliothek (das hielt ich für eine gute erzählerische Idee), und Bibliothek plus Blinder ergibt eben zwangsläufig Borges, auch weil die Schulden bezahlt werden müssen. Außerdem waren es spanische Kommentare und Miniaturen, durch welche die Apokalypse das ganze Mittelalter beeinflußt hatte. Doch als ich Jorge in die Bibliothek setzte, wußte ich noch nicht, daß er der Mörder war. Er hat das Ganze sozusagen auf eigene Faust getan. Und man halte das nicht für einen »Idealismus« wie die Behauptung, Romanpersonen hätten ein Eigenleben und der Autor lasse sich, wie in Trance, ihr Handeln von ihnen eingeben. Dummheiten für Abituraufsatzthemen. Nein, die Personen sind gezwungen, nach den Gesetzen der Welt zu handeln, in der sie leben. Anders gesagt, der Erzähler ist der Gefangene seiner eigenen Prämissen.

Eine andere schöne Geschichte war auch die Sache mit dem Labyrinth. Sämtliche Labyrlnthe, die ich kannte (und ich hatte die schöne Untersuchung von Santarcangeli durchgesehen), waren Labyrinthe im Freien. Sie konnten sehr kompliziert sein, voller verschlungener Windungen. Aber ich brauchte ein geschlossenes Labyrinth (hat man je eine Bibliothek im Freien gesehen?), und wenn es zu kompliziert wurde, mit zu vielen Gängen und Innenräumen, hätte es Schwierigkeiten mit der Belüftung gegeben. Eine gute Belüftung war aber nötig, um den Brand zu entfachen (und dieser Punkt, daß mein Aedificium am Ende in Flammen aufgehen mußte, war mir von Anfang an klar gewesen, aber auch diesmal aus kosmologisch-historischen Gründen, denn im Mittelalter brannten Kathedralen und Klöster wie Zunder ab, und eine mittelalterliche Geschichte ohne Feuersbrunst wäre geradezu wie ein Kriegsfilm aus dem Pazifik ohne brennend vom Himmel stürzende Flugzeuge). So bastelte ich denn zwei bis drei Monate lang an der Konstruktion eines passenden Labyrinths, und am Ende mußte ich es mit Mauerschlitzen versehen, sonst wäre noch immer zu wenig Luftzug gewesen.

Hec locustae ubi angelus perdictionis super eas
imperat - Ubi locustae ledunt homines:

Die fünfte Posaune ertönt, und aus dem Brunnen des
Abgrunds kommen Heuschrecken, »und die Heu-
schrecken sind gleich den Rossen, die zum Kriege
bereitet sind ... und hatten Schwänze gleich den
Skorpionen, und es waren Stachel an ihren Schwänzen;
und ihre Macht war, zu beschädigen die Menschen
fünf Monate lang ...« (Apokalypse 9, 1-11) -
»Er hatte mich gewarnt ... es hatte wirklich ... die Kraft
von tausend Skorpionen ...« (Malachias von
Hildesheim in »Der Name der Rose«, S. 527).
Illustration zu Apokalypse 9,7-12,
Blatt 171 v. der gen. Hs.
Die Paralipse

Ich hätte die ganze Geschichte in einem Mittelalter ansiedeln können, in welchem alle Beteiligten immer wußten, wovon die Rede war. Wie in einer Geschichte von heute: Wenn in einer Geschichte von heute jemand sagt, daß der Vatikan seine Scheidung nicht billigen würde, braucht er nicht groß zu erklären, was der Vatikan ist und warum er die Scheidung nicht billigt. In einem historischen Roman, also einer Geschichte aus ferner Vergangenheit, kann man so nicht verfahren, denn man erzählt sie ja auch, um uns Heutigen besser begreiflich zu machen, was damals geschehen ist und inwiefern das damals Geschehene uns noch heute betrifft.

Die Gefahr ist dabei der »Salgarismus«: Salgaris Personen fliehen, gehetzt von Feinden, in einen tropischen Urwald, stolpern über eine Baobabwurzel - und schon suspendiert der Autor die Handlung, um uns einen Vortrag über Affenbrotbäume zu halten. Heute ist diese Methode zum Stereotyp geworden, liebenswert wie die Schwächen derer, die wir sehr lieben, aber kaum nachahmenswert.

Ich habe Hunderte von Seiten umgeschrieben, um dieser Gefahr zu entgehen, aber ich kann mich nicht entsinnen, mir jemals beim Schreiben bewußt geworden zu sein, wie ich das Problem im Einzelfall löste. Erst zwei Jahre später bin ich darauf gekommen, und zwar genau als ich mir zu erklären versuchte, warum das Buch auch von Leuten gelesen wird, die eigentlich derart »anspruchsvolle« Bücher kaum mögen können. Adsons Erzählstil beruht unter anderem auf jener Denkfigur, die in der Rhetorik Paralipse oder Präterition (»Auslassung«) genannt wird. Illustres Beispiel: »Ich schweige davon, daß Cäsar an allen Gestaden ...« Man sagt, man wolle von etwas nicht weiter sprechen, und tut es dann doch (wodurch es sich um so besser einprägt). Dies ungefahr ist Adsons Methode, wenn er auf Personen oder Ereignisse anspielt, als ob sie dem Leser bestens bekannt wären, und sie dennoch erklärt. Anderes, was seinem Leser (als einem Deutschen am Ende des 14. Jahrhunderts) nicht so bekannt sein konnte, weil es zu Anfang des Jahrhunderts in Italien geschehen ist, erklärt er dagegen ungehemmt, und zwar in belehrendem Ton, denn dies war der Stil des mittelalterlichen Chronisten, der enzyklopädische Kenntnisse einbringen wollte, wann immer er etwas benannte.

Nach der Lektüre des Buches sagte mir eine Freundin, sie hätte sich über den »journalistischen« Ton der Erzählung gewundert, der weniger einem Roman entspreche als einer Reportage, einem Espresso-Artikel. Ich war zunächst betroffen, dann ging mir allmählich auf, was sie erfaßt hatte, ohne es zu begreifen: So nämlich erzählten die Chronisten jener Epoche, und daß wir heute bei Reportagen noch gern von Chroniken sprechen, liegt daran, daß man damals so viele Chroniken schrieb.

Der Atem

Die langen erläuternden Einschübe hatten indessen noch einen anderen Grund. Nach der Lektüre des Manuskriptes meinten die Freunde im Verlag, ich sollte die ersten hundert Seiten ein wenig kürzen, sie seien zu anspruchsvoll und ermüdend. Ich hatte keinerlei Zweifel, ich lehnte ab mit dem Argument: Wer die Abtei betreten und darin sieben Tage verbringen will, muß ihren Rhythmus akzeptieren. Wenn ihm das nicht gelingt, wird er niemals imstande sein, das Buch bis zu Ende zu lesen. Die ersten hundert Seiten haben daher die Funktion einer Abbuße oder Initiation, und wer sie nicht mag, hat Pech gehabt und bleibt draußen, zu Füßen des Berges.

Der Eintritt in einen Roman ist wie der Aufbruch zu einer Bergtour: Man muß sich an einen Atem gewöhnen, an eine bestimmte Gangart, sonst kommt man bald aus der Puste und bleibt zurück. Das gleiche geschieht in der Poesie. Man denke nur an die Unerträglichkeit jener Gedichtvorträge von Schauspielern, die, um zu »interpretieren«, das Metrum mißachten, mit rezitativen enjambements die Versenden überspringen, als ob sie Prosa vortrügen, und den Inhalt wichtiger nehmen als den Rhythmus. Wer ein Gedicht in elfsilbigen Terzinen vortragen will, muß den singenden Rhythmus annehmen, den der Dichter gewollt hat. Lieber Dante aufsagen, als ob es Kinderreime von Annodazumal wären, als auf Biegen und Brechen hinter dem Sinn herlaufen.

»So höre nun, was die Stimme sagt, bevor der siebente Engel posaunt:
›Versiegle, was die sieben Donner gesprochen haben, schreib es nicht auf!
Nimm das Buch und verschling es, es wird dich im Bauche grimmen,
aber in deinem Munde wird's süß sein wie Honig!‹ Siehst du,
William? Ich versiegle, was dem Willen des Herrn zufolge nicht
aufgeschrieben werden sollte, ich begrabe es in dem Grab,
das ich werde!« (Jorge von Burgos in »Der Name der Rose«, S. 611).
Illustration zu Apokalypse 10,8-11 (Johannes verschlingt das
Buch; man beachte die zweifache Darstellung, wie in einem
Comic: erst ist es ihm süß im Munde, dann grimmt's ihn im Bauch),
Prachthandschrift der Königin Eleonore, um 1240 angefertigt,
heute im Trinity College, Cambridge, Blatt 10 v.
In Prosaerzählungen wird der Atem nicht den Satzgliedern anvertraut, sondern größeren Einheiten, Szenen oder Ereignissequenzen. Manche Romane atmen wie Gazellen, andere wie Wale oder Elefanten. Die Harmonie liegt nicht in der Länge der Atemzüge, sondern in ihrem Gleichmaß; auch weil und damit dann - wenn der Atem an einem bestimmten Punkt (aber nicht zu oft) stockt und ein Abschnitt oder Kapitel endet, bevor ganz »ausgeatmet« worden ist - dies eine wichtige Rolle in der Ökonomie des Erzählens gewinnen, einen Abbruch oder Szenenwechsel markieren kann. So jedenfalls sehen wir es bei den Großen: Ein Satz wie »la sventurata rispose« - Punkt und Neubeginn - hat nicht den gleichen Rhythmus wie ein »Addio monti«, aber wenn er kommt, ist es, als würde der schöne lombardische Himmel blutrot. Ein großer Roman ist einer, in dem der Autor stets weiß, wann er beschleunigen und wann er bremsen muß und wie er diese Pedaltritte bei konstantem Grundrhythmus zu dosieren hat. Auch in der Musik gibt es solche Pedaltritte, man kann die Tempi »raffen« (rubare), doch wer zuviel rafft, wird einer von jenen schlechten Pianisten, die meinen, um Chopin zu spielen, genüge ein exzessives Rubato. Ich spreche hier nicht davon, wie ich meine Probleme gelöst habe, sondern wie ich sie mir gestellt habe. Und wenn ich sagen würde, ich hätte sie mir bewußt gestellt, wäre das eine Lüge. Es gibt ein kompositorisches Denken, das auch durch den Rhythmus der Finger auf den Tasten der Schreibmaschine denkt.

Ein Beispiel mag zeigen, wie das Erzählen ein Denken mit den Fingern sein kann. Es ist klar, daß die Szene mit Adsons Liebeserlebnis in der nächtlichen Küche aus lauter religiösen Zitaten zusammenmontiert ist, vom Lied der Lieder bis zu Bernhard von Clairvaux, Jean de Fecamp und Hildegard von Bingen. Auch wer keine Erfahrung mit hochmittelalterlicher Mystik hat, aber ein bißchen Ohr, wird das gemerkt haben. Doch wenn ich heute gefragt werde, von wem die Zitate im einzelnen sind und wo das eine aufhört und das andere beginnt, kann ich es nicht mehr sagen.

Ich hatte mir nämlich Dutzende von Zetteln mit Auszügen aus allen möglichen Texten, mehrere Bücher und einen Haufen Fotokopien bereitgelegt, viel mehr als ich dann wirklich benutzte. Aber als ich ans Schreiben ging, schrieb ich die Szene in einem Zug nieder (erst später habe ich sie gefeilt und gleichsam mit einer Glasur überzogen, um die Nahtstellen noch etwas besser zu tarnen). Und während ich schrieb, die Texte kunterbunt um mich her, fuhr ich mit den Augen ständig von einem zum anderen, holte mir da ein Zitat und dort ein Zitat und verschweißte jedes sofort mit dem nächsten. Kein anderes Kapitel des Buches habe ich in der ersten Fassung so rasch heruntergeschrieben wie dieses. Später begriff ich, daß ich versucht hatte, mit den Fingern dem Rhythmus des Liebesaktes zu folgen, weshalb ich nicht anhalten konnte, um mir das »richtige« Zitat herauszusuchen. Was ein Zitat an einer gegebenen Stelle richtig machte, war der Rhythmus, in dem ich es einmontierte, ich schied mit den Augen aus, was den Rhythmus der Finger gestört hätte ...

Es wäre zuviel gesagt, wenn ich behaupten würde, daß die Niederschrift des Geschehens nicht länger gedauert hatte als das Geschehen selbst (obwohl es ja Liebesakte von beträchtlicher Dauer gibt), aber ich war bestrebt, die Differenz zwischen der Dauer des Aktes und der des Schreibens so weit wie möglich zu verringern. Und ich meine hier nicht das Schreiben im Barthesschen Sinne der écriture, sondern im praktischen Sinne dessen, der tippt, ich spreche vom Schreiben als einem materiellen, physischen Akt. Und ich spreche von Rhythmen des Körpers, nicht von Emotionen. Die Emotion, längst gefiltert, war vorher gewesen, in der Entscheidung zur Assimilation von mystischer und erotischer Ekstase, als ich die zu benutzenden Texte gelesen und ausgewählt hatte. Danach war keinerlei Emotion mehr im Spiel, Adson war es, der Liebe machte, nicht ich, und mir blieb nur noch die Aufgabe, seine Emotion in ein Augen- und Fingerspiel umzusetzen, als wollte ich eine Liebesgeschichte nicht mit Worten auf dem Papier erzählen, sondern mit Schlägen auf einer Trommel.

Quelle: Umberto Eco: Nachschrift zum »Namen der Rose«. Deutscher Taschenbuch Verlag, München 1986, ISBN 3-446-14037-9, Seite 21-37 und 44-52


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