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2. Juni 2014

Sigismondo d’India: Primo Libro de Madrigali

Das erste Madrigalbuch war für den italienischen Komponisten des 16. und 17. Jahrhunderts von größter Bedeutung, war es doch das Medium schlechthin mittels dessen er sich der Gesellschaft, der Welt, präsentierte, seine Visitenkarte gewissermaßen.

Wenn wir unsere Aufmerksamkeit einigen der wichtigsten Vertreter der sogenannten seconda pratica zuwenden, können wir hinsichtlich der jeweiligen Widmungen der Komponisten bzw. ihrer Beziehungen zum Adel etwa feststellen: Luca Marenzio widmete sein 1580 erschienenes Erstes Madrigalbuch für fünf Stimmen dem Kardinal Luigi d'Este, sein fürstlicher Mäzen; Luzzasco Luzzaschi, der damals schon den Posten des Kammermusikmeisters am Hofe der Adelsfamilie Este innehatte, schrieb 1571 eine Widmung an Lucrezia d'Este, Prinzessin von Urbino, in jenem Jahr also, in dem das Concerto delle Dame von Ferrara seinen Anfang nahm; Monteverdi schrieb 1587, vielleicht in der Hoffnung auf eine ehrbare und lohnende Anstellung, das Erste Madrigalbuch für fünf Stimmen an den Veroner Grafen Marco Verità.

Carlo Gesualdo, der Prinz von Venosa, der aufgrund seiner adligen Herkunft nicht als Komponist seines eigenen Ersten Buches in Erscheinung treten konnte, gab auf seiner Reise nach Ferrara, wo er sich 1594 mit Eleonora d'Este zu vermählen hatte, eine Widmung an Scipione Stella in Auftrag, der, nicht ohne um Verständnis für sein eigenmächtig gewagtes Vorgehen zu bitten, den Entschluss fasste, die Werke des Prinzen dem Verleger zu übergeben, damit sie der Welt nicht länger verborgen blieben; Pomponio Nenna schließlich, ein Komponist, der dem Zirkel um Gesualdo in Neapel angehörte, widmete 1582 sein Erstes Buch für fünf Stimmen dem Herzog Fabrizio Carafa, kein anderer Carafa als der Liebhaber Maria d’Avalos‘, der Gemahlin Gesualdos, mit der er in flagranti überrascht wurde, wofür beide, dem typischen Vorgehen des Prinzen von Venosa und seines Gefolges gemäß, mit dem Leben bezahlten.

Im Unterschied zu Motetten und Messen verfügte der Komponist beim Schreiben von Madrigalen über einen beachtlichen schöpferischen Freiraum, wozu nieht zuletzt auch gehörte, dass er wählen konnte aus einer großen Bandbreite von Dichtern und unterschiedlichen Formen poetischen Ausdrucks. Neue Dichter waren in den Vordergrund getreten, und die Werke eines Tasso, Marino oder Guarini waren an die Stelle der Verse Petrarcas getreten, der mittlerweile als etwas veraltet eingeschätzt wurde, nachdem er noch in den vorangehenden Jahrzehnten so sehr verehrt worden war. Ein polemischer Streit bezüglich des Komponierens polyphoner Madrigale war ausgebrochen. Monteverdi hatte mit seinem Stil einen neuen Weg eingeschlagen; die Musik hatte jetzt mit gewagten Harmonien das Wort zu stützen, ihm zu dienen, um so die menschlichen Gefühle und Leidenschaften zum Ausdruck zu bringen, was nicht selten in Konflikt geriet zu den »guten Regeln« der klassischen Komposition. Kaum ein Jahr nach der Herausgabe des Ersten Buches Sigismondos sollte Monteverdi seinen Orfeo veröffentlichen, womit dem modernen Melodram die Türen geöffnet waren.

Caravaggio: Der Lautenspieler, c. 1600, Öl auf Leinwand, 100 x 126,5 cm,
Metropolitan Museum of Art, New York (Leihgabe)
Gerade im Norden angekommen, wo er sein Glück und insbesondere auch einen Lehrmeister suchte, widmete Sigismondo d'India 1606 sein Erstes Madrigalbuch für fünf Stimmen Vincenzo Gonzaga. Die Veröffentlichungsdaten der hier erwähnten Bücher scheinen Sigismondo am Ende einer langen Liste von mehr oder weniger berühmten, zur musikalischen Elite zählenden, Persönlichkeiten der Epoche anzusiedeln, als in der Musikwelt jenes Jahrhundertbeginns schon so viel in Bewegung geraten war. Jedoch auch im neuen Jahrhundert sollte es zu weiteren musikalischen Errungenschaften kommen, wozu etwa die Monodie gehört, jener Kompositionsstil, bei dem die Stimme nur von einem linearen Generalbass begleitet wurde (eine Praxis, deren Weiterentwicklung auf direktem Wege in der Entstehung der Oper münden sollte).

In diesem Umfeld macht Sigismondo gerade mit der Veröffentlichung seines Ersten Madrigalbuches auf sich aufmerksam, ein von äußerst günstigem Geschick begleitetes Werk, kam es doch schon 1607, ein Jahr nach Ersterscheinen, und 1610 zu weiteren Auflagen. In seinem Werk bewies d'India mit außergewöhnlichem Talent, dass die neapolitanische Schule sich durchaus messen konnte mit anderen Höfen wie Ferrara, Cremona, Mantua, Venedig oder Florenz, deren Musik wohl in höherem Ansehen stand. (Es scheint gesichert, dass Sigismondo seine musikalischen Kenntnisse in Neapel erworben hatte, auch wenn er selbst mit Nobile Palermitano unterschrieb, und seine musikalische Ausbildung darf, ohne dass dies durch erhaltene Dokumente zu belegen wäre, in der Tradition von De Macque und Gesualdo gesehen werden.)

Während er die italienische Halbinsel, von Süden nach Norden auf der Suche nach einem Lehrmeister und gesichertem Einkommen durchreiste, hatte Sigismondo Gelegenheit sich mit Musikerpersönlichkeiten wie Giulio Caccini und Vittoria Archilei zu messen, die er 1609 in Florenz kennenlernte, und die seine Kompositionen lobten und ihm zusprachen »weiter auf diese Weise zu komponieren, ist doch kein anderer Stil von solcher Kraft bekannt, der die Konzepte mit solcher Vielfalt an Akkorden und harmonischer Varietät ausdrückt«. Nicht unwahrscheinlich traf er auch mit Monteverdi zusammen, als beide sich 1607 zur gleichen Zeit in Mantua aufhielten.

Antiveduto Gramatica: Theorbenspieler, c. 1615, Öl auf
 Leinwand, 119 x 85 cm, Galleria Sabauda, Turin
Sigismondo, der dem neuen monodischen Stil keineswegs gleichgültig gegenüberstand, sollte nicht lange brauchen bis er 1609 sein Werki »nur für eine Stimme« erschaffen hatte. Le Musiche da cantar solo waren Stücke, die er seinen eigenen Worten zufolge »komponieren konnte nach wirklicher Art und Weise, mit nicht gewöhnlichen Intervallen, im neuesten Stile von einer Konsonanz zur nächsten übergehend, wie dies der Bedeutungsvielfalt des Textes entsprach, ein Medium, das der gesungenen Musik einen intensiveren Sinn und den Gefühlen der Seele größere Ausdruckskraft verleiht«.

In Le Musiche da cantar solo präsentierte Sigismondo mit Intenerite voi und Cruda Amarilli Texte und Melodien, die auch schon in seinem Ersten Buch für fünf Stimmen vertreten waren. In diesem Ersten Buch ist auch festzustellen, wie Sigismondo einige Madrigale bearbeitet, die schon bei anderen Komponisten aufgetreten waren, und zwar im neuen monodischen Stil: Luzzaschi hatte Ch'io non t‘ami cor mio und Cor mio deh non languire in die berühmten Madrigale für 1, 2, 3 Soprane von 1601 aufgenommen. Das zweite der genannten Madrigale Luzzaschis war als beispielhaft im Vorwort des bekannten Werkes Nuove Musiche von Giulio Caccini zitiert worden. Weiter stoßen wir auf Fiume ch‘a l’onde / Ahi, tu me'l nieghi, eindeutig eine Hommage an Luca Marenzio und sein 1599 veröffentlichtes Neuntes Buch, während Parlo, miser, o taccio, sehr chromatisch mit in Spannung gehaltenen Sätzen, eine würdige Vorwegnahme der Kompositionen Monteverdis in dessen 1619 veröffentlichtem Siebten Buch ist.

Die Wertschätzung die Sigismondo für die Madrigale und den Stil Monteverdis empfand ist insbesondere spürbar in Pur venisti cor mio und Ma con chi parlo. Der junge Komponist erschafft die Madrigale auf eine von Monteverdi und der Schule Paduas insgesamt sehr geschätzte Weise, wobei die drei höchsten Stimmen beginnen und die Themen vorstellen, was etwa auch für das Vierte und Fünfte Buch Monteverdis charakteristisch ist. Nicht zufällig treffen wir hier auch auf ein Che non t'ami cor mio, das schon von Monteverdi im Dritten Buch für fünf Stimmen von 1592 bearbeitet worden war, und insbesondere auch Cruda Amarilli, ein von Monteverdi 1605 in seinem Fünften Buch veröffentlichtes Madrigal, das aber schon 1598 von Artusi als Beispiel für den »Regeln« zuwiderlaufende Komposition zitiert worden war. Die Version Sigismondos stellte, was die Harmonie betrifft, eine »Herausforderung« gar an die Kompositionsweise Monteverdis dar, die von Artusi als »schroff für das Gehör und wenig angenehm« kritisiert worden war. D'India erreicht schließlich, dass die Harmonien und die Auflösungen der Kadenzen noch »grausamer« anmuteten und dem Werk einen Manierismus verliehen, der einem David oder einer Entführten Proserpina, wie sie von Bernini aus dem Stein gehauen wurden, nicht nachstand. Bei allen Kompositionen dieses Buches lässt sich die besondere Aufmerksamkeit für den Text und das Wort beobachten, ein unverwechselbares Zeichen für den tiefen Einfluss, den die seconda pratica und die Lehre Monteverdis auf den jungen Sigismondo hatten.

Quelle: Claudio Cavina [übersetzt von Bernd Neureuther], im Booklet

TRACKLIST

Sigismondo d'India (c.1582-c.1629) 
Primo Libro de Madrigali 

01 Intenerite voi, lagrime mie                2:54
   O ch'el mio vago scoglio (seconda parte)
02 Al partir del mio sole                     2:41
03 Parlo, miser, o taccio?                    3:18
04 Cruda Amarilli                             3:16
05 Ha di serpe il velen                       2:35
06 Felice chi vi mira                         2:51
   Ben che ebbe amica stella (seconda parte)
07 Fiume ch'a l'onde tue                      5:23 
   Ahi, tu me'l nieghi (seconda parte)
08 Quasi tra rose e gigli                     3:07 
   Che mentre ardito vola (seconda parte)
09 Cor mio, deh, non languire                 2:58
10 Ma con chi parl' ahi lassa                 1:56
11 Che non t'ami, cor mio?                    2:49
12 Pur venisti, cor mio                       2:08
13 Interdette speranze e van desio            7:06
   E se per me non val (seconda parte)
   Usin le stelle e'l ciel (terza parte)
14 Filli, mirando il cielo                    4:12
   Io mi distill'in pianto (seconda parte)

                          total playing time 49:11 

LA VENEXIANA 
directed by Claudio Cavina

Valentina Coladonato, soprano
Nadia Ragni, soprano
Lucia Sciannimanico, mezzosoprano
Claudio Cavina, countertenor
Giuseppe Maletto, tenor
Sandro Naglia, tenor
Daniele Carnovich, bass

Recorded in Roletto (Chiesa della av al Colletto), Italy, in December 2000 
Engineered by Davide Ficco - Edited by Bertram Kornacher 
Produced by Sigrid Lee & La Venexiana 
Executive producer: Carlos Céster 

(P) 2001 (C) 2011 

Track 4: Cruda Amarilli (Giovanni Battista Guarini)


CRUDA AMARILLI (Giovanni Battista Guarini)
Cruda Amarilli,
che col nome ancora
d'amar, ahi lassa, amaramente insegni;
Amarilli, del candido ligustro
piu candida e più bella,
ma dell'aspido sordo
e più sorda e più fera e più fugace,
poi che col dir t'offendo,
i' mi morrò tacendo
Grausame Amarilli,
die du allein mit deinem Namen
so bitterlich, ach, lehrst zu lieben,
Amarilli, die du weißer und schöner
als der weiße Liguster bist,
doch auch tauber, wilder und flüchtiger
als die taube Viper,
da dich meine Rede kränkt,
will ich schweigend sterben.


Man Ray: Noire et blanche, 1926



Kiki mit der Maske

Man Ray: Noire et blanche, 1926
Maler, Zeichner, Schriftsteller, Objektkünstler: Der Amerikaner Man Ray oszillierte zeitlebens zwischen den Disziplinen. Bekannt wurde er gleichwohl vor allem als Fotograf, als Schöpfer eines facettenreichen Œuvres, in dem das Lichtbild weniger dazu dient, Realität abzubilden, als vielmehr surrealistisch inspirierten Bildideen, Phantasien, Träumen und Visionen Ausdruck zu verleihen.

Das Bild fehlt in keinem Katalog, keiner Ausstellung zu Man Ray. Es zählt - neben La Prière, Violon d'lngres, Les Larmes sowie einer Reihe mehr oder weniger experimenteller Porträts seiner Pariser Künstlerfreunde - zu seinen bekanntesten Fotografien. Schon im Katalog von 1934, Man Rays sozusagen erster programmatischer Bilanz in Buchform, hatte das Werk seinen Platz. Man Ray selbst rechnete das querformatige, in unterschiedlichen Ausschnitten überlieferte Bild folglich zum Kernbestand seines fotografischen Schaffens der 1920er und frühen 1930er Jahre. Ausstellungsmacher, Buchautoren, aber auch Kunsthändler und Galeristen sind dieser Auffassung bis heute gefolgt. Als Klaus Honnef 1992 sein Pantheon der Photographie im XX. Jahrhundert einrichtete, war Man Ray hier wie selbstverständlich mit Noire et blanche vertreten. Im Katalog zur großen, viel beachteten Man-Ray-Retrospektive 1998 im Pariser Grand Palais bildet Kiki mit der Maske quasi den Auftakt zu einer differenzierten Auseinandersetzung mit seinem fotokünstlerischen Œuvre.

Und was den internationalen Kunsthandel anbelangt: Hier tauchte Noire et blanche Mitte bis Ende der 1990er Jahre - im Rahmen von Auktionen - gleich dreimal auf und sorgte für Schlagzeilen. So erzielte ein vergleichsweise wenig beschnittener Abzug 1995 bei Christie's in New York beachtliche 206000 Dollar. Ebenfalls bei Christie's hatte im Jahr zuvor ein nicht genannter Käufer 320000 Dollar für Man Rays wohl prominenteste Aufnahme als Vintage Print geboten, und schließlich war ein Sammler 1998 - noch einmal bei Christie's - bereit, nicht weniger als 550000 Dollar für das als Diptychon überlieferte Motiv zu zahlen. Damit zählt Noire et blanche zu den begehrtesten Motiven des internationalen Fotohandels.

Über das Bild selbst bzw. seine Entstehung wissen wir wenig. Man Ray, 1890 als Emmanuel Radnitzky in Philadelphia geboren, gehörte keineswegs zu jenen, die ihre Arbeiten wortreich kommentieren. Selbst seine 1963 publizierte umfangreiche Autobiografie nimmt zu konkreten Werken selten Stellung. Sicher ist, dass das Bild Anfang 1926 in seinem Atelier in der Rue Campagne Première Nr. 31 entstand, das der zum erfolgreichen Porträtisten avancierte Wahl-Pariser seit 1922 unterhielt. Erstmals publiziert wurde die Aufnahme am 1. Mai 1926 in der französischen Vogue unter dem Titel Visage de nacre et masque d'ébène. Es folgte eine Veröffentlichung in der Nummer 3 der belgischen Surrealisten-Zeitschrift Variétés (15. Juli 1928), nunmehr als Noire et blanche, sowie im November desselben Jahres in Art et décoration mit einem Text von Pierre Migennes, der unter anderem schrieb: »Der gleiche Schlaf und der gleiche Traum, der gleiche geheimnisvolle Zauber scheint, über Zeit und Raum hinweg, diese beiden weiblichen Masken mit geschlossenen Augen zu verbinden: die eine irgendwann von einem afrikanischen Bildhauer in tiefschwarzem Ebenholz geschaffen, die andere nicht minder makellos und gestern in Paris geschminkt.«

Noire et blanche, 1926: Interessanterweise hat Man Ray den Negativdruck
 seiner Aufnahme gekontert.
Alles andere als ein Schnellfeuergewehr

Seinen fotografischen, aber auch allen anderen Bildschöpfungen klingende Titel beizufügen, hatte sich Man Ray angewöhnt, nachdem er 1913 die legendäre New Yorker Armory Show besucht und angesichts Marcel Duchamps Akt, eine Treppe hinabsteigend zu dem Schluss gekommen war, dass dieses Bild ohne den irritierenden Titel kaum die ihm von Presse und Publikum gezollte Aufmerksamkeit erhalten hätte. L'enigme d'lsidore Ducasse, Retour à la raison oder À l'heure de l'observatoire gehören in diesem Sinne zu den auffälligeren Titelfindungen Man Rays. Noire et blanche hingegen scheint auf den ersten Blick kaum mehr als eine simple Beschreibung, wenngleich - vor dem Hintergrund der in unserem Kulturkreis gängigen Leserichtung von links nach rechts - die korrekte Bezeichnung Blanche et noire lauten müsste, was übrigens auch für die negative (weil gekonterte) Variante gilt.

Man Ray, der 1914 als Autodidakt zu fotografieren begonnen hatte - zunächst ging es ihm lediglich darum, die eigene Malerei oder Objektkunst adäquat zu reproduzieren -, war ein behutsamer Fotograf, alles andere als ein »Schnellfeuergewehr«, wie Emmanuelle de l'Ecotais betont. Schon die von ihm gewählte Arbeitsweise mit einer 9 x 12 cm Plattenkamera erforderte ein überlegtes und kostenökonomisches Vorgehen, was nicht dagegen spricht, dass Man Ray als außerordentlich produktiver Fotograf zu gelten hat: 12000 Negative und Kontakte hat allein Man Rays letzte Frau Juliet 1994 dem französischen Staat übereignet. Darunter mehrere Varianten zu Kiki mit der Maske, Bilder, die belegen, dass sich Man Ray in diesem Fall der gültigen Ausformulierung seiner Bildidee zunächst keineswegs sicher war und er über mehrere Stationen um die Komposition gerungen hat.

Nicht zum ersten Mal weist Man Ray bei Noire et blanche westafrikanischer Kunst eine bildbestimmende Rolle zu. Bereits 1924 hatte er im Zusammenhang mit seiner Aufnahme La lune brille sur l'île de Nias mehrmals eine nicht identifizierte junge Frau neben einer Plastik aus Schwarzafrika porträtiert, ohne freilich zu einer über das Abbildhafte hinaus überzeugenden Bildformel zu gelangen. Zwei Jahre später bestätigt Noire et blanche sein anhaltendes Interesse an der Kunst der Primitiven, die ja gerade auf die Avantgarde nach 1900 (Expressionisten, Fauvisten, Kubisten) einen kaum zu überschätzenden Einfluss gehabt hatte. Ray selbst war erstmals nach 1910 in Alfred Stieglitz' New Yorker Galerie 291 afrikanischer Kunst begegnet, die in seiner Autobiografie bezeichnenderweise in einem Atemzug mit den künstlerischen Äußerungen Paul Cezannes, Pablo Picassos und Constantin Brancusis Erwähnung findet. Bei der hier verwendeten Maske handelt es sich übrigens um ein Stück im Baule-Stil, vermutlich eine jener billigen Repliken, wie sie schon damals allenthalben feilgeboten wurden.

Im Studio, vor neutralem Hintergrund, realisiert Man Ray seinen Dialog zwischen »Weiß« und »Schwarz«, leblosem Objekt und vermeintlich schlafendem weiblichem Modell, als das hier - einmal mehr - Kiki, eigentlich Alice Prin, posiert. Nicht lange nach seiner Übersiedlung von New York nach Paris im Jahre 1921 hatte er die in Künstlerkreisen als Aktmodell beliebte junge Frau kennen gelernt, deren aufmüpfiger Charme auch und gerade auf Man Ray seine Wirkung nicht verfehlt. Ausführlich beschreibt der Fotograf in seinen Memoiren seine erste Begegnung mit »Kiki de Montparnasse«. »Eines Tages«, so Man Ray, »saß ich in einem Cafe […]. Bald erschien der Kellner, um unsere Bestellung entgegenzunehmen. Er wandte sich dann dem Tisch der Mädchen zu, weigerte sich aber, sie zu bedienen: sie trügen keine Hüte. Es entbrannte ein heftiges Wortgefecht. Kiki schrie einige Worte in Argot, die ich nicht verstand, die aber ziemlich beleidigend gewesen sein müssen, und setzte dann hinzu, ein Cafe sei schließlich keine Kirche, und im Übrigen kämen die amerikanischen Weiber auch alle ohne Hut. […] Dann kletterte sie auf den Stuhl, von dort auf den Tisch und sprang mit der Anmut einer Gazelle hinunter auf den Boden. Marie lud sie und ihre Freundin ein, sich zu uns zu setzen; ich rief den Kellner und bestellte für die Mädchen mit Nachdruck in der Stimme etwas zu trinken.«

Visage de nacre et masque d'ébène: Unter diesem Titel erschien
Man Rays Aufnahme erstmals im Mai 1926 in der französischen Vogue.
Erste Geliebte seiner frühen Pariser Jahre

Nicht lange und Kiki wird zur ersten Geliebten seiner frühen Pariser Jahre. Sie steht ihm Modell, ist Quelle der Inspiration, aber auch Widerpart in turbulenten Szenen. In immer neuen Bildnissen und Aktaufnahmen gelingt es Man Ray ab 1922, etwas vom widerborstigen Geist der legendären Künstlermuse einzufangen. Vielleicht am bekanntesten ist ein Porträt von 1926, das am selben Tag wie Noire et blanche entstanden sein könnte. Der blasse Teint, die deutlich konturierten Lippen und das pomadige, streng zurückgekämmte, kurze Haar legen die Vermutung nahe.

Kiki hält sich die Maske an die Wange, mit beiden Händen stützt sie das Objekt, der versonnene Blick zielt seitlich auf das Kunstwerk: Eine Aufnahme im Hochformat, die freilich den Künstler ebenso wenig befriedigt haben dürfte wie die symmetrisch angelegte, ausgesprochen statische Version, bei der Kiki - sozusagen spiegelbildlich - Kinn gegen Kinn setzt. Auch lenken hier zahlreiche Details - Kleidung, Schmuck, Kikis entblößter Oberkörper - von der eigentlichen Absicht ab. Erst die Einbeziehung des Tisches als stabile, raumgreifende Horizontale führt im Verein mit einem engeren Ausschnitt zu einer formal überzeugenden Lösung. Nun steht - unübersehbar - horizontal gegen vertikal, Schwarz gegen Weiß, belebt gegen unbelebt, europäische gegen schwarzafrikanische Kultur, wobei die Gleichheit der Kulturen durch den Negativdruck unterstrichen wird. Darüber hinaus überzeugt die subtile Lichtregie, die das streng Geometrische der Komposition betont.

Als Titelbild der von Francis Picabia redigierten Zeitschrift 391 hatte Man Ray bereits 1924 ein Foto mit dem Titel Black and White veröffentlicht. Kontrastierte damals eine antike Statuette mit einer afrikanischen Plastik, so setzt Man Ray nun, quasi in Weiterentwicklung seines Konzepts, ein menschliches Gesicht gegen eine »primitive« Maske. Auch hatte er seinerzeit bei der Wahl des englischen Titels das Geschlecht unbestimmt gelassen. Noire et blanche lässt sprachlich hingegen keinen Zweifel. Ein, wenn man so will, rein femininer Dialog, der - in bester surrealistischer Tradition - ein Stück Geheimnis zu bewahren weiß. Ganz sicher ist Noire et blanche mehr als nur eine formale Spielerei. Zumindest, so Emmanuelle de l'Ecotais, stehe das Werk beispielhaft für eine der fundamentalen Forderungen Man Rays: »provoquer la réflexion«.

Quelle: Hans-Michael Koetzle: Photo Icons. Die Geschichte hinter den Bildern. (Band I:) 1827-1926. Taschen, Köln, (Jubiläumsausgabe) 2008, ISBN-978-3-8365-0801-8. Zitiert wurden Seite 178-184.


Noire et blanche: Eine selten reproduzierte und dadurch
 wenig bekannte Variante aus dem Zyklus

Man Ray

Als Emmanuel Radnitzky 1890 in Philadelphia/Pennsylvania geboren.
1911 Wechsel nach New York. Bekanntschaft mit Stieglitz und Duchamp. Erste fotografische Reproduktionen seiner Kunstwerke.
1916 erste Porträts.
1921 Übersiedlung nach Paris.
1922 Eröffnung eines Studios am Montparnasse. Erste Rayografien.
1929 erste Solarisationen.
1934 Buchveröffentlichung Man Ray: Photographies.
1935-44 Modeaufnahmen für Harper's Bazaar.
1940 Rückkehr in die USA. Nachlassendes Interesse an der Fotografie.
Ab 1951 wieder in Paris.
1966 Kulturpreis der DGPh.
1976 in Paris verstorben

CD Info and Scans (Tracklist, Covers, Booklet, Music Samples, Pictures) 38 MB
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Reposted on January, 21th, 2016

24. März 2014

Luca Marenzio: Nono libro de madrigali a cinque voci


Das Nono libro de madrigali a cinque voci (Angelo Gardano, Venedig 1599) umfasst die letzte zu Lebzeiten des Autors veröffentlichte Sammlung von Luca Marenzio. Der Komponist unterschrieb die Widmung in Rom am 10. Mai 1599; dreieinhalb Monate später, am 22. August, starb er frühzeitig (selbst für seine Zeit, denn er wurde ca. 45 Jahre alt), und - wie man annimmt - plötzlich. Marenzio war vielleicht erst kürzlich von seinem polnischen Abenteuer als Musiker in der königlichen Kapelle von Sigmund III. zurückgekommen, einem Amt, das er seit Ende 1595 ausübte. Sein Aufenthalt dauerte wahrscheinlich bis Frühling oder Sommer 1598. In jedem Fall war er im Herbst wiederum in Italien: Am 20. Oktober unterschrieb Marenzio nämlich in Venedig die Widmung seines Ottavo libro de madrigali a chique voci.

Biographische und berufliche Angaben in Bezug auf Marenzio sind in dieser letzten Phase seines Lebens nur bruchstückhaft und ungewiss. Diese Tatsache ist zum Teil einem Umstand zu verdanken, der bis heute von seinen Biographen noch nicht gewürdigt worden ist: Mitte der 90er Jahre genoss der Musiker die Protektion von Cinzio Passeri Aldobrandini, der im September 1593 zum Kardinal vorgeschlagen wurde und dessen Mutter die Schwester von Ippolito Aldobrandini war, der wiederum von 1592 bis 1605 Papst unter dem Namen Clemens VIII. war. Als Neffe des Papstes und als Kardinal schien Cinzio dazu bestimmt zu sein, eine Rolle zu spielen, die für Marenzio ohne Zweifel nützlich gewesen wäre. Aber den familiären Gepflogenheiten gemäss, die traditionellerweise den männlichen Zweig bevorzugten, fiel das Amt des cardinal nipote an den Cousin Pietro, Sohn des Bruders des Papstes, der die Kardinalswürde während desselben Kirchenrates im September 1593 bekleidete.

Schließlich war Marenzio als Teil der verfehlten Entourage immer weniger bedeutend und schon seit 1595 auf dem Wege, zu einer Randfigur zu werden. Der Dienst in Polen, von Ansehen zwar, jedoch an peripherem Hofe, kann von dieser Perspektive her betrachtet werden, und wir sprechen hier noch nicht von der Unruhe des Komponisten bei seiner Rückkehr: Wenn diese tatsächlich 1598 stattgefunden hat, ereignete sie sich zu einer Zeit, in der der Rivale seines Gönners am erfolgreichsten war und sich der definitive Niedergang des Cinzio Passeri Aldobrandini abspielte. Nach dem Aussterben des Hauses Este, aufgrund fehlender legitimer Nachfolger, wurde der Kardinal Pietro Aldobrandini beauftragt, das Amt und das Herzogtum Ferrara zu übernehmen, im Namen des Papstes und in Opposition zu einem Prätendenten, den die Kirche nicht anerkennen wollte.

Nachdem er die Situation energisch gelöst hatte, erhielt der Kardinal weitere Gunstbezeigungen des Pontifex, der mit seinem gesamten Hof einige Monate von Mai his Novemher 1598 in die ehemalige herzogliche Hauptstadt zog. Dieser Situation muss noch eine andere hinzugefügt werden: Marenzio war während langer und glücklicher Jahre zu Diensten des verstorbenen Bruders des Herzogs Alfonso II., der Kardinal Luigi d'Este (von 1578 bis 1586, Todesjahr des Geistlichen). Obwohl sich seine musikalischen Aktivitäten fast immer in den Palästen der Estes in Rom oder Tivoli entwickelten, hatte Marenzio seinen Herrn 1580-1581 auf eine Reise in das nördliche Italien begleitet, die ihn auch mehrere Monate in Ferrara verweilen ließ. Dem in Ungnade gefallenen letzten Mäzen Marenzios müssen also auch das Begräbnis seiner alten Patrone und der Verlust der möglichen Anstellung am hochmusikalischen Hof von Este hinzugefügt werden.

Wir können nur wenige zuverlässige Tatsachen für das letzte Lebensjahr Marenzios angeben. Vor allem die Annäherung an die Gonzagas wurde durch die Widmungen im Ottavo libro (1598) und besonders im Nono libro de madrigali a cinque voci (1599), die sich an den Graf von Guastalla, Ferrante II. Gonzaga, beziehungsweise an den Herzog von Mantua, Vincenzo Gonzaga, richteten, klar. Die Hoffnungen des Komponisten erscheinen deutlich im letzten seiner zwei Briefe:

Luca Marenzio, um 1560. (Archiv des Grafen
Heinrich Marenzi, Wien und Feldkirchen)
»Ich ersuche Sie, dieses Buch nicht nur als Zeichen meines Gehorsams und meiner Zuneigung anzunehmen. Dieser Wunsch einmal erfüllt, so wie ich von Ihrer besonderen Güte erhoffe, kann mein schwacher Geist, angeregt durch Ihre Gnade, vielleicht danach Ihrer durchlauchtigsten Hoheit würdigere Werke hervorbringen.«

Als 1589 Marenzio anfing, Bücher, die gänzlich seinen Originalwerken gewidmet waren, zu veröffentlichen, bildeten die Reihe der Madrigale für fünf und sechs Stimmen und die Villanelle für drei Stimmen langsam den größten Teil seines Katalogs. Im Moment seiner polnischen Parenthese unterbrochen, knüpfte er mit seiner Rückkehr bei der Erstellung der Madrigalbücher mit den Kompositionen für fünf Stimmen wieder an. Ohne die Quantität der vorangegangenen Dekade zu erreichen, als er auf dem Buchmarkt debütierte, blieb die Erstellung der während der 90er Jahre veröffentlichten Madrigale auf hohem Niveau, das so das Interesse der Mäzene, Buchdrucker und der Musiker (sowohl Professionelle als auch Amateure) widerspiegelte. An diesem Punkt angekommen, schien der Komponist sich auf die Suche nach einem neuen Auftrag zu begeben, und für seine neue und neunte Sammlung wählte Marenzio Dichter und Gedichte aus, die wenig gewohnte Kriterien aufwiesen.

Auf der Liste sind zeitgenössische Dichter selten, lediglich vertreten durch den Pater Angelo Grillo (Livio Celiano mit Namen, wenn er weltliche Werke unterzeichnete), Antonio Ongaro und Battista Guarini und jeder von ihnen mit einer kleinen Anzahl von Gedichten. Statt dessen überwiegt Petrarca, der die Hälfte des Buches heansprucht, während Dante nur im Eröffnungsmadrigal vorkommt, allerdings gebieterisch programmatisch. Marenzio bereicherte so die spärliche Serie der Musikwerke, die zu Texten von Dante während des 16. Jahrhunderts komponiert wurden: Kaum mehr als ein Dutzend Kompositionen wurde zwischen den 70er und 80er Jahren und allgemein zu den Versen aus der Commedia verfasst.

Ein Erfolg, der dem Petrarcas entgegengesetzt war: Omnipräsent im 16. Jahrhundert zwischen 1540 und 1590, um 1570 seinen Gipfel erreichend, begann der Niedergang der petrarcistischen Verse am Ende der 90er Jahre, als sich der Geschmack der Musiker und der begeisterten Amateure auf die Gedichte Guarinis und Torquato Tassos richtete. Mit dem Rekurs auf die petrarcistischen Verse in großer Anzahl in seinem Buch von 1599 offenbarte Marenzio ganz offensichtlich die Absicht, nicht der herrschenden Mode zu folgen. Dazu kommt, dass die Entscheidung, die Sammlung mit Dante zu beginnen, einem Dichter, der praktisch vollständig von den Musikern des 16. Jahrhunderts ignoriert wurde und bis dahin auch von Marenzio (wie, allerdings, auch von den meisten Literaten), bestätigt den einzigartigen Charakter der poetischen Orientierung dieses Nono libro de madrigali.

Mit der Auswahl dieses alten poetischen Parnass, stimmen die metrische Gravitas und die gesuchten Formen überein: Vorherrschaft des elfsilbigen Verses und Übergewicht von Bauformen, die schon zum klassischen Kanon gehörten (das Lied, das Sonett, die Sestine), im Vergleich zu den weniger formalisierten und strengen Zügen des modernen Madrigals (vier insgesamt). Ein gehobener und dichter Stil, vereint mit Themen, die die Grenze des Gewöhnlichen überschreiten.

Cinzio Passeri Aldobrandini (1551-1610),
 Kardinal und Kardinalnepot, Eigentümer
 der Aldobrandinischen Hochzeit, und
Mäzen des Madrigalisten Luca Marenzio
Eine schmerzensreiche Liebeserfahrung eröffnet thematisch die Sammlung, und entsprechende Leiden versucht der Dichter, in traurigen moralischen Überlegungen in den Terzetten des Triumphus Cupidinis oder in den vier einzelnen Strophen der doppelten Sestine Mia benigna fortuna e'l viver lieto zu sublimieren: Diese gehören bedeutsamerweise zu den Abschnitten des Canzoniere von Petrarca, die die sogenannten Reime in morte beinhalten. Sicherlich nicht traurig, aber dennoch nicht weniger intensiv, erscheint die hochberühmte lyrische Meditation von Solo e pensoso i più deserti campi, während das andere petrarcistische Sonett L'aura che'l verde Lauro… eine andere Funktion erfüllt: Es führt uns von einer ununterbrochenen Reihe von schroffen Texten, spitz und schmerzensreich oder von fast spiritueller Verklärung, zu einem Bereich pathetischer Dichte, aber - von wenigen Ausnahmen abgesehen - mit weniger stilistischer Spannung, der eine gewisse Anmut nicht ausschließt.

Wir finden elegische pastorale Szenen (Il vago e bello Armillo, Fiume ch'a l'onde tue ninfe e pastori), modische Galanterien (Vivo in guerra mendico e son dolente), Spitzfindigkeiten und paradoxe Liebeleien, nach der neuesten glänzenden Mode in Verse gebracht (die drei Texte von Guarini). Demnach folgt einem ersten Teil, der von einer melancholischen Schwere geprägt ist, ein zweiter in weniger düsteren Farben. Das Buch nimmt im allgemeinen einen Platz in jener lyrischen Liebesthematik ein, die, lebendig und glühend, ein entscheidender Punkt der Attraktion dieses musikalischen Madrigals der 80er und 90er Jahre war (Wert, Ingegneri, Pallavicino, Luzzaschi, Gesualdo und auch der junge Monteverdi).

Das metalinguistische Element der Sammlung, das der Komponist ganz ausdrücklich als eines seiner Ziele benennt, verdient einige besondere Ausführungen. Indem er die Dulcedo und die Suavitas im Eröffnungsmadrigal verlässt, erklärt Marenzio sich programmatisch zu »einem schroffen Sprechen« hinzuwenden, scharfsinnig und widerspenstig, und einer »größeren Härte und einer grausameren Natur«. Das Thema des Wechsels tritt hier und da zutage. Eine parallele Verwandlung der expressiven Mittel stimmt in Chiaro segno Amor pose alle mie rime mit dem Wechsel der Zielrichtung des Dichters (von den »schönen Augen« der verstorbenen Geliebten bis zum »Weinen« wegen ihres Todes) überein: »… mit dem Kummer ändere ich den Stil« (IV).

Der »veränderte Stil«, Ergebnis dieser sublimierten Änderung, wird jedoch von demjenigen erkannt werden, der schon in einer höheren Dimension lebt (Se si alto pon gir mie stanche rime). Ungefähr zehn Jahre früher hatte Marenzio schon einen Band angefertigt (Madrigali a quatro, cinque et sei voci, Venedig, Giacomo Vincenzi, 1588), der mit Absicht aus Werken bestand, die schon »auf eine Weise zusammengestellt waren, dass sie, durch die Imitation der Worte und der Eigenart des Stils, von denen der Vergangenheit abwichen. Diese Eigenheit erstreckt sich (um es so zu nennen) auf eine melancholische Schwere, die vielleicht von den edlen Kennern und ihresgleichen und vom virtuosen literarischen Kreis hochgeschätzt wird«, wie der Widmung zu entnehmen ist, die an den Graf Mario Bevilacqua gerichtet ist und in dessen Palast in Verona sich informell und zum reinen Vergnügen einige edlen Musiker trafen.

Auch wenn wir nicht die Legitimität dieser Aussage diskutieren, handelte es sich jedenfalls um interne Absichten zur kompositorischen Entwicklung, die durch die eigene Auswahl (dasselbe Tempus imperfectus diminutum, das noch einmal im vorletzten Stück des Nono libro auftaucht) hervorgehoben werden. Diese werden erst a posteriori und im para-textuellen (einführenden) Rahmen des Werks erklärt. Im Falle des Nono libro bilden diese Absichten hingegen ein wahrhaftiges und eigenes Textfragment, das dank seiner Eröffnungsposition mit offensichtlichen einführenden Vorsätzen eine besondere Bedeutung erhält. Im Hinblick auf den Aufbau der Sammlung bezüglich des Inhalts und des Literarischen (die programmatische Präambel und in der zweiten Hälfte des Buches die Erleichterung der Atmosphäre der Traurigkeit, die in den Eröffnungsteil durchdringt), wird eine enge Verbindung mit den musikalischen Lösungen behalten.

Von einer literarischen Stellungnahme aus, kann man nicht von einem Liederbuch im eigentlichen Sinne des Wortes sprechen, sondern vielmehr von Optionen, die Ebenen kohärenter Homogenität erschaffen, von einem Text eingeführt, der von Aussageabsicht beladen ist. Trotzdem kann man, von einer musikalischen Perspektive aus gesehen, eine analoge Aufstellung von homogenen Fragmenten feststellen, die in einer Vorrede geboren werden und dann - auf eine entschiedene Weise - bis zu einem sehr technisch konnotierten Epilog geführt werden.

Track 1: Così nel mio parlar (Dante Alighieri, Rime


COSÌ NEL MIO PARLAR (Dante Alighieri, Rime)

Così nel mio parlar voglio esser aspro
come ne gl'atti questa bella pietra,
la qual ogn'hor impetra
maggior durezza e più natura cruda,
e veste sua persona d'un diaspro
tal che per lui e perché ella s'arretra,
non esce di faretra
saetta che giamai la colga ignuda.
Et ella ancide e non val e'huom si chiuda
né si dilunghi da i colpi mortali
che, come havesser ali,
giungon'altrui e spezzan ciascun'arme
perch'io non so da lei né poss'aitarme.

Es macht wenig Sinn, nach den Gründen des Paters Giovanni Maria Artusi zu fragen, der in seiner Polemik gegen die - nach seinem Dafürhalten - schlechten kompositorischen Gewohnheiten einiger Moderner seine Pfeile gegen Monteverdi richtete, und dabei dieses Nono libro von Marenzio vergaß, das ihn möglicherweise genauso, wenn nicht noch mehr, dazu bewegt hätte. Es erscheint im Gegenteil außergewöhnlicb bedeutend, dass der Komponist von Brescia und sein Nono libro von einem dilettantischen Komponisten mit Namen Ottuso zitiert wurde, der sich in einem Brief beeilte, Monteverdi 1599 zu verteidigen (Artusi hielt sich noch Ende 1598 in Ferrara auf; nachdem er die neuen Madrigale von Monteverdi gehört hatte, entschloss er sich, öffentlich technische Richtungen, die in seinen Augen zu vermeiden sein sollten, zu kritisieren).

Einige Passagen einzelner Madrigale (I, III, XI) des Nono libro von Marenzio wurden im zweiten Brief von Ottuso zitiert, um die Argumente von Artusi aufzuheben. Einige Jahre später wird auch Pietro Cerone in seinem Traktat El melopeo y maestro (Neapel 1613), einige rhythmische und melodisch-harmonische Methoden, die Marenzio in seinem Nona libro verwandte, als zu überzogen betrachten, auch wenn er die Eigenheiten des Ausgangstextes berücksichtigte. Zusammenfassend ist festzustellen, dass die Zeitgenossen schon in diesem Nono libro einige kompositorische Schritte bemerkten, die es zu den hochfeinen und freiwillig abseits der Norm stehenden madrigalistischen Produkten stellte, die in den kleinen begrenzten höfischen Kreisen der Herzöge Vincenzo Gonzaga und Alfonso d'Este in Mantua und Ferrara, neben den Werken von Wert, Pallavicino, Monteverdi, Luzzaschi und den Büchern Terzo (1595) und Quarto (1596) von Gesualdo, hoch geschätzt wurden.

Dieser Tatsache eingedenk, können die übermäßigen rituellen Kniefälle, die Marenzio in seiner Widmung zum Nono libro ausführte, von einer anderen Perspektive aus betrachtet werden. Die fürstliche Protektion war in der Tat für Werke mit »tadelswertem Charakter«, den der Autor bewusst übernahm, notwendig. Auf der anderen Seite wusste der Autor beim Komponieren genau, dass seine Werke nur für den Geschmack einer extremen Elite bestimmt waren und für den exklusiven Geschmack jener Kenner, die nicht zu sehr an den gewöhnlichen Regeln hingen: »… Ich glaube, dass die Früchte meines kleinen Ingeniums, die vielleicht im Ganzen nicht so gering zu schätzen sind, da sie von einem Prinzen belohnt wurden, erhaben in Position und Intellekt wie Ihre Hoheit, und davon ermutigt, hat meine arme Muse, einzig um Ihnen meine Verehrung zu zeigen, einige Noten geschrieben. Diese sind demütig, nichtsdestotrotz verherrlicht durch den Ruhm Ihres durchlauchtigsten Namens, und werden deshalb nicht fürchten ins Licht zu treten, im Beisein von jedermann, wenn sie vor Ihrem hohen Urteil bestanden haben, und werden dann die Sicherheit haben, dass keiner es wagen wird, sie bösartig zu kritisieren.«

Quelle: Paolo Fabbri, übersetzt von Isabelle Lingens, im Booklet

Track 3: Dura legge d'Amor (Francesco Petrarca, Triumphus Cupidinis


DURA LEGGE D'AMOR (Francesco Petrarca, Triumphus Cupidinis)

Dura legge d’Amor, ma benché obliqua
servar conviensi, però ch'ella aggiunge
di cielo in terra, universale, antiqua.
Har so come da sé il cor si disgiunge,
e come sa far pace, guerra e tregua,
e coprir suo dolor, quand' altri il punge.
E so come in un punto si dilegua,
e poi si sparge per le guancie il sangue,
se paura o vergogna avien che'l segua.
So come sta tra fiori ascoso l'angue,
come sempre fra due si vegghia e dorme,
come senza languir si more e langue.

TRACKLIST

LUCA MARENZIO (c. 1553-1599) 

Nono Libro dei Madrigali

01. Così nel mio parlar voglio esser aspro    [05:34]
    Et ella ancide (seconda parte)
    Dante Alighieri
    
02. Amor, i'ho molti et molti anni pianto     [03:06]
    Francesco Petrarca
    
03. Dura legge d'Amor, ma benché obliqua      [06:37]
    E so come in un punto (seconda parte)
    Francesco Petrarca
    
04. Chiaro segna Amor pose alle mie rime      [02:59]
    Francesco Petrarca

05. Se si alto pon gir mie stanche rime       [03:06]
    Francesco Petrarca

06. L'aura che'l verde Lauro e l'aureo crine  [05:48]
    Si ch'io non veggia (seconda parte)
    Francesco Petrarca
    
07. Il vago e bell' Armillo                   [04:51]
    E dicea: "O beate onde" (seconda parte)
    Livio Celiano / Angelo Grillo
    
08. Solo e pensoso i più deserti campi        [06:10]
    Si ch'io mi cred'homai (seconda parte)
    Francesco Petrarca
    
09. Vivo in guerra mendico e son dolente      [06:01]
    E gl'occhi al cielo e a lei (seconda parte)
    Antonio Ongaro
    
10. Fume ch'a l'onde tue ninfe e pastori      [05:18]
    Ahi tu mel nieghi (seconda parte)
    Antonio Ongaro
    
11. Parto o non parto?                        [02:52]
    Battista Guarini
    
12. Credete voi chi'i' viva                   [02:38]
    Battista Guarini
    
13. Crudele, acerba, inesorabil morte         [03:29]
    Francesco Petrarca

14. La bella man vi stringo                   [02:44]
    Battista Guarini

                           total playing time [62:35]

LA VENEXIANA 

CLAUDIO CAVINA, director 

ROSSANA BERTINI, soprano
MARINA OE LISO, mezzosoprano 
CLAUDIO CAVINA, countertenor 
SANDRO NAGLIA, tenor 
GIUSEPPE MALETTO, tenor
DANIELE CARNOVICH, bass 

GABRIELE PALOMBA, lute 
FRANCO PAVAN, lute 
FABIO BONIZZONI, harpsichord 

Recorded in Roletto (Chiesa della BV al Colletto), Italy, in April 1999 
Engineered by Davide Ficco - Produced by Sigrid Lee and La Venexiana 
Executive producer: Carlos Céster 

(C) 2008

Albert Camus: Die Wüste


für Jean Grenier

Pisa, Piazza del Duomo (Piazza dei Miracoli), 20. April 2012 [Autor]
Leben ist sicher so ziemlich das Gegenteil von Gestalten. Haben die großen toskanischen Meister recht, so bedeutet es dreimal Zeugnis ablegen - schweigend, brennend und regungslos.

Es braucht viel Zeit, bis man begreift, dass man die Personen auf ihren Bildern alle Tage in den Straßen von Florenz und Pisa trifft. Aber wir haben ohnehin verlernt, die wirklichen Gesichter der Leute in unserer Umgebung zu sehen. Wir sehen uns unsere Zeitgenossen nicht mehr an, sondern nur noch das an ihnen, was uns nützt und unser Verhalten bestimmt. Wir ziehen dem Gesicht selber seine »Poesie« vor, und sei sie noch so vulgär. Giotto oder Piero della Francesca hingegen wissen, wie wenig an der Empfindsamkeit eines Menschen liegt. Und ein Herz kann schließlich jeder haben. Aber die großen, einfachen und ewigen Gefühle: Lebenslust, Hass und Liebe mit ihrem Jubel und ihren Tränen kommen aus der Tiefe des Menschen und formen das Antlitz seines Schicksals - wie in der Grablegung des Giottino den Schmerz der Maria, die mit zusammengebissenen Zähnen duldet. Auf den gewaltigen Bildern der »thronenden Gottesmutter« in den toskanischen Kirchen sehe ich zwar eine Menge von Engeln mit immer den gleichen Gesichtern; und doch verrät jedes dieser stummen, leidenschaftlichen Gesichter mir seine Einsamkeit.

Es handelt sich wirklich um Pittoreskes, Episodisches, um Nuance und Rührung. Es handelt sich wirklich eher um »Poesie«. Was zählt, ist die Wahrheit; und Wahrheit nenne ich alles, was dauert. Der Gedanke, dass in dieser Hinsicht nur die Maler unsern Hunger sättigen können, enthält eine versteckte Lehre. Die Maler haben das Vorrecht, auf ihre Weise den Roman des Körpers zu schreiben. Sie arbeiten in jenem herrlichen und vergänglichen Stoff, der »Gegenwart« heißt. Gegenwart aber stellt sich stets in einer Geste dar. Sie malen nicht ein Lächeln noch eine flüchtige Schamröte, ein Bedauern oder eine Erwartung, sondern ein Gesicht, seinen Knochenbau und sein Blut. Aus diesen, in ewigen Linien erstarrten Gesichtern haben sie für alle Zeit den Fluch des Geistes vertrieben: um den Preis der Hoffnung. Denn der Körper weiß nichts von Hoffnung. Er kennt nur den Pulsschlag seines Blutes. Seine Ewigkeit besteht aus Gleichgültigkeit.

Wie auf jener Geißelung von Piero della Francesca, wo auf einem frisch gesäuberten Hof der gemarterte Christus und der grobschlächtige Henker in ihrer Haltung dieselbe Gelassenheit verraten; schon weil diese Marter ohnehin keine Folgen hat und weil ihre Lehre am Rahmen des Bildes aufhört. Wozu Erschütterung fühlen für etwas, was seine Gegenwart nicht überlebt? Diese Gelassenheit und Größe des Menschen, der ohne Hoffnung ist, diese ewige Gegenwart - grade das haben erfahrene Theologen »Hölle« genannt. »Hölle« ist aber auch, wie jeder weiß, das leidende Fleisch. Bei diesem Fleisch verweilen die Toskaner und nicht bei seinem Schicksal. Es gibt keine prophetischen Bilder. Und Gründe für eine Hoffnung muss man nicht in den Museen suchen.

Die Unsterblichkeit der Seele beschäftigt in der Tat viele gute Leute. Wovon aber diese Leute von vornherein nichts wissen wollen, ist jene einzige Wahrheit, deren Besitz ihnen gegönnt ist: ihr Körper. Denn der Körper stellt sie nicht vor Probleme; und tut er's doch, so kennen sie auch die einzige Lösung, die er ihnen vorschlägt: Es handelt sich um die Wahrheit, die verwesen muss, was ihr jenen bitteren Adel verleiht, dem sie nicht ins Gesicht zu sehen wagen. Die guten Leute halten sich lieber an die »Poesie«, die »zur Seele spricht«. Man sieht, ich spiele mit Worten. Man versteht aber auch, dass ich nur um der Wahrheit willen eine höhere Poesie rechtfertigen will: jene schwarze Flamme, die von Cimabue bis Francesca in den Landschaften der italienischen Maler glüht als der klarsichtige Widerspruch des in eine Welt geworfenen Menschen, deren Glanz und Herrlichkeit unermüdlich einen Gott verkünden, den es nicht gibt.

Piero della Francesca: Geißelung Christi, nach 1444, Öl auf Holz, 59 x 82 cm,
 Galleria Nazionale delle Marche, Urbino
Es kommt vor, dass ein Gesicht durch seine Gleichgültigkeit und Härte die steinerne Größe einer Landschaft hat. Wie gewisse spanische Bauern schließlich ihren Ölbäumen ähnlich werden, so werden Giottos Gesichter frei von den lächerlichen Schatten, in denen die Seele sich bekundet, schließlich zu Verkündern jener einzigen Lehre, die Toskana uns allerorten vorhält: Leidenschaft statt Gefühlswallungen; eine Mischung von Askese und Genuss; ein Zusammenklingen des Menschen und der Erde, was beide, den Menschen wie die Erde, in die Mitte zwischen Leiden und Liebe stellt. Es gibt nicht allzu viele Wahrheiten, die das Herz überzeugen. Und diese Wahrheit wurde mir klar an einem Abend, als sich die Schatten einer tiefen stummen Trauer auf die florentinischen Weinberge und Ölbäume senkten. Aber die Trauer dieses Landes ist immer nur die Kehrseite seiner Schönheit. Und als ich den Zug durch den Abend fahren sah, fühlte ich, wie mein innerer Krampf sich löste. Kann ich heute daran zweifeln, dass dieser Augenblick der Trauer dennoch ein Augenblick des Glücks gewesen ist?

Italien, das diese Lehre durch seine Menschen bekräftigt, bestätigt sie auch durch seine Landschaft. Aber nur zu leicht versäumt man das Glück, da es immer unverdient ist. Das gilt auch für Italien, dessen Zauber uns oft plötzlich, aber nicht immer unmittelbar berührt. Mehr als jedes andere Land fordert Italien dazu auf, eine Erfahrung, die es uns gleich beim ersten Mal in ihrer ganzen Fülle zu schenken scheint, zu wiederholen und zu vertiefen. Denn es verschwendet zunächst all seine Poesie, um desto sicherer seine Wahrheit für sich zu behalten. Die ersten Verzauberungen vergessen sich bald: die blühenden Oleanderbüsche von Monaco, Genuas Blumenfülle, sein Fischgeruch und die blauen Abende der ligurischen Küste. Dann endlich Pisa, wo Italien sich von den ein wenig ordinären Reizen der Riviera befreit. Aber es verführt immer noch mühelos; und warum sich seiner sinnlichen Grazie nicht vorübergehend hingeben?

Was mich betrifft, so bin ich frei von all den Bindungen, aber freilich auch ohne die Freuden des gehetzten Reisenden; denn ein billiges Ferienbillett zwingt mich, eine gewisse Zeit in der Stadt »meiner Wahl« zu verweilen. Mein geduldiges Verlangen: zu lieben und zu verstehen ist unerschöpflich an diesem ersten Abend, an dem ich müde und hungrig in Pisa ankomme und auf der Bahnhofstraße von einem Dutzend donnernder Lautsprecher empfangen werde, die eine fast nur aus jungen Menschen bestehende Menge mit einer Flut von Romanzen überschütten. Ich weiß bereits, worauf ich warte. Nach diesem Trubel kommt jener kostbare Augenblick, wo die Cafes schließen und plötzlich wieder Stille herrscht und ich mich durch die kurzen dunklen Straßen dem Zentrum der Stadt nähere. Der schwarz vergoldete Arno, die gelbgrünen Denkmäler, die leere Stadt - wie soll man diesen geschickten Vorwand, diese plötzliche Ausflucht beschreiben, wodurch Pisa sich um zehn Uhr abends in einen geheimnisvollen Schauplatz aus Stille, Wasser und Steinen verwandelt. »In solcher Nacht wie diese, Jessica!« Auf dieser einzigartigen Szene erscheinen die Götter mit der Stimme von Shakespeares Liebenden ...

Giottino (Tommaso di Stefano): Pietà von San
Remigio, ca. 1365, Tempera auf Holz,
 195 x 134 cm, Galleria degli Uffizi, Florenz
Man muss dem Traum willfahren, wenn er uns willfahren will. Der innere Gesang, den man hier zu hören hofft, verrät mir bereits seine ersten Töne im Dunkel dieser italienischen Nacht. Morgen, erst morgen, wird das Land sich im Frühling enthüllen. Heute Abend aber bin ich ein Gott unter Göttern und rufe mit Lorenzos Stimme nach Jessica, die mit den »heftigen Schritten der Liebe« flieht. Aber Jessica ist nur ein Vorwand; und dieser Liebesüberschwang will mehr als sie. Denn ich weiß: Lorenzo liebt sie nicht so sehr, als er ihr dankbar ist, sie lieben zu dürfen. Aber warum an diesem Abend an Venedigs Liebende denken und Veronas Liebende vergessen, da hier ohnehin nichts an unglückliche Liebende erinnert? Nichts Törichteres auf der Welt, als für eine Liebe zu sterben. Leben sollte man für sie! Und der lebende Lorenzo ist besser als Romeo in der Erde, trotz seines Rosenstrauchs. Soll man nicht tanzen auf diesem Fest der lebendigen Liebe? Und nachmittags schlafen auf dem kurzen Gras der Piazza del Duomo mitten unter den Denkmälern, die man immer noch besichtigen kann, und trinken an den Brunnen der Stadt, deren Wasser ein wenig lau ist, aber so klar, und noch einmal das Gesicht jener Frau wiedersehen, ihre schmale Nase und ihren stolzen Mund, der lachte.

Nur muss man begreifen, dass diese Weihen uns für höhere Erleuchtungen vorbereiten: auf jene glitzernden Festzüge der eleusinischen Dionysosanbeter. Der Mensch lernt in der Freude; und auf dem höchsten Gipfel der Trunkenheit wird der Leib bewusst und feiert die heilig-geheimnisvolle Vereinigung, deren Symbol das schwarze Blut ist. Sich selber zu vergessen in dieser rauschhaften Schönheit Italiens, die uns von der Hoffnung befreit und unsere Geschichte vergessen lässt. Zweifache Wahrheit des Leibes und des Augenblicks, Schauspiel der Schönheit, an die man sich klammert wie an das erwartete Glück, das uns verzaubert und zugleich zugrunde geht.

Der abstoßendste Materialismus ist nicht etwa jener, den alle Welt so beurteilt, sondern vielmehr jener andere, der uns tote Ideen als lebende Wirklichkeiten einreden will und unser hartnäckiges, hellsichtiges Interesse an dem, was für immer mit uns sterben muss, ablenken will, auf unfruchtbare Mythen. Ich erinnere mich, dass ich in Florenz in der Santissima Annunziata mich im Kreuzgang der Toten hinreißen ließ durch etwas, das ich für Niedergeschlagenheit hielt, während es nur Zorn war. Es regnete. Ich las die Inschriften auf den Grabsteinen und den Weihetafeln. Hier war einer ein zärtlicher Vater und treuer Gatte gewesen; dort ein anderer ein tüchtiger Kaufmann und zugleich der edelste Gemahl. Eine junge Frau, die alle Tugenden besaß, sprach außerdem französisch si come il nativo. Ein junges Mädchen war die ganze Hoffnung ihrer Angehörigen, ma, la gioia e pellegrina sulla terra. All das ließ mich kühl. Fast alle hatten sich, nach den Inschriften, ergeben ins Sterben geschickt, wie sie zweifellos auch ihre anderen Pflichten erfüllt hatten.

Heute waren die Kinder ins Kloster gedrungen und spielten Bockspringen auf den Steinplatten, die die Vorzüge jener Toten verewigen sollten. Es wurde Abend, und ich setzte mich, an eine Säule gelehnt, auf den Boden. Ein Priester hatte mir im Vorbeigehen zugelächelt. In der Kirche spielte leise die Orgel; ihre warmen Töne drangen hin und wieder durch das Geschrei der Kinder. Allein an der Säule war mir zumute wie einem, den man an der Kehle packt und der mit einem letzten Schrei seinen Glauben bekennt. Alles in mir begehrte auf gegen eine solche Schicksalsergebenheit. »Du musst«, sagen die Inschriften. »Nein«, sagte ich, und mein Widerspruch hatte recht. Schritt für Schritt musste ich dieser Freude folgen, die gleichgültig und traumverloren wie ein Pilger über die Erde ging. Zu allem anderen sagte ich Nein - mit all meiner Kraft. Die Grabtafeln lehrten mich, es wäre zwecklos, und das Leben wäre »col sol levante col sol cadente«. Aber auch heute noch sehe ich nicht ein, was die Zwecklosigkeit meinem Widerspruch anhaben könnte; wohl aber fühle ich, um was sie ihn bereichert.

Cimabue (Cenni di Pepo): Maestà di Santa
Trinita (Thronende Madonna mit Engeln),
 um 1272, Tempera auf Holz, 385 x 223
 cm, Galleria degli Uffizi, Florenz
Übrigens wollte ich das gar nicht sagen. Ich möchte eine Wahrheit genauer aussprechen, die ich damals als die Seele meines Widerspruchs empfand, den sie hervorgerufen hatte - eine Wahrheit, die jene kleinen späten Rosen im Kreuzgang von Santa Maria Novella wie jene sonntäglichen Florentinerinnen, ihre freien, von leichtem Stoff bedeckten Brüste und ihre feuchten Lippen einbegriff. An jeder Kirchenecke standen an diesem Sonntagmorgen Tische voll üppiger, frisch besprengter Blumen. Ich empfand dankbar die »Naivität« der Dinge. Blumen und Frauen trugen unbefangen ihr Glück zur Schau; und es schien mir keinen großen Unterschied zu machen, ob man reinen Herzens diese oder jene begehrte. Es geschieht selten, dass ein Mann sich eines reinen Herzens bewusst ist. Er hat in einem solchen Augenblick die Pflicht, das, was ihn so seltsam geläutert hat, Wahrheit zu nennen - auch dann, wenn eben diese Wahrheit andere vielleicht blasphemisch dünken sollte, wie beispielsweise das, was ich an jenem Tage dachte.

Ich war nach Fiesole gefahren und hatte meinen Morgen in einem lorbeerduftenden Franziskaner-Kloster zugebracht. Lange Zeit blieb ich in einem kleinen Hof voll roter Blumen, voll Sonne und voll schwarz-gelber Bienen. In einer Ecke stand eine grüne Gießkanne. Ich hatte zuvor die Zellen der Mönche besucht und hatte ihre kleinen, mit einem Totenkopf geschmückten Tische gesehen. Jetzt sprach dieser Garten mir von ihrem Denken und Fühlen. Ich war dann hügelab nach Florenz zurückgekehrt, das mich mit allen seinen Zypressen im Tal erwartete. Diese irdische Pracht, diese Frauen und Blumen schienen mir jene Mönche zu rechtfertigen - vielleicht sogar alle Menschen, die wissen, dass die äußerste Armut stets mit dem Überfluss und Reichtum der Weh wetteifert. Ich empfand das tiefe Gemeinsame in dem Leben dieser von Säulen und Blumen eingeschlossenen Franziskaner und in dem Leben jener jungen Menschen am Padovanistrand in Algier, die das ganze Jahr in der Sonne zubringen.

Wenn sie verzichten, so tun sie es für ein größeres, nicht für ein »anderes« Leben. Das scheint mir auch der einzig gültige Sinn von »sich entblößen« zu sein. Bloß und nackt zu sein, bedeutet stets eine körperliche Freiheit und erinnert an jenen Einklang zwischen Hand und Blumen, an jenes verliebte Einvernehmen zwischen der Erde und dem von seinem »Menschturn« befreiten Menschen - und wie gern würde ich mich zu dieser Religion bekennen, wenn sie nicht schon die meine wäre. Nein, dies Bekenntnis ist keine Blasphemie, so wenig wie meine Behauptung, dass das innerliche Lächeln des heiligen Franziskus auf Giottos Bildern diejenigen rechtfertigt, die das Glück lieben. Denn Mythen bedeuten für die Religion dasselbe, was die Poesie für die Wahrheit bedeutet: Es sind lächerliche Masken, hinter denen die Leidenschaft, leben zu wollen, sich versteckt.

Florenz, Basilica della Santissima Annunziata, 17. September 2013 [Autor]
Soll ich noch weiter gehen? Dieselben Menschen, die in Fiesole angesichts jener roten Blumen leben, haben in ihrer Zelle den Schädel vor sich, der ihre Meditationen beschäftigt. Florenz vorm Fenster, und auf dem Tisch den Tod. Eine gewisse Beharrlichkeit im Verzweifeln kann Freude erzeugen. Und bei einer gewissen Lebenstemperatur gehen Seele und Blut durcheinander, leben behaglich in Widersprüchen und drehen der Pflicht wie dem Glauben den Rücken. Infolgedessen wundert es mich auch nicht mehr, dass eine muntere Hand in Pisa auf einer Mauer ihren eigenartigen Ehrbegriff in dem Satz zusammengefasst hat: Alberto fa l'amore con la mia sorella. Ebenso wenig wundert es mich, dass Italien das Land der Inzeste ist oder vielmehr und bezeichnenderweise: der eingestandenen Inzeste. Denn der Weg, der von der Schönheit zur Sittenlosigkeit führt, ist voller Windungen, aber seines Ziels gewiss. Die von der Schönheit überwältigte Intelligenz sättigt sich am Nichts. Vor dieser Landschaft, deren Größe einem die Kehle zuschnürt, streicht der Mensch sich selber mit jedem Gedanken aus, sodass er, verneint und überwältigt von so viel niederschmetternden Überzeugungen, im Angesicht dieser Erde zu guter Letzt nichts weiter ist als ein formloser Fleck, der nur eine passive Wahrheit kennt, beziehungsweise nur seine Farbe oder seine Sonne.

Eine Landschaft von solcher Reinheit dörrt die Seele aus, die ihre Schönheit nicht erträgt. Dieses Evangelium aus Stein, Himmel und Wasser verkündet, dass nichts aufersteht. Von nun an und mit dieser grandiosen Wüste im Herzen beginnt für die Menschen dieses Landes die Versuchung. Wen kann es wundern, wenn Geister, die im Angesicht des adligsten Schauspiels und in der verdünnten Luft der Schönheit erzogen sind, sich nicht überzeugen lassen, dass Größe und Güte zusammenwirken können? Eine Intelligenz ohne einen Gott, der sie vollendet, sucht einen Gott in allem, was sie verneint. Borgia ruft beim Betreten des Vatikans: »Jetzt, da Gott uns die päpstliche Würde verliehen hat, müssen wir uns eilen, sie zu genießen.« Und er tut, was er sagt. »Sich eilen« ist das richtige Wort. Und man fühlt in ihm bereits jene Verzweiflung, die so bezeichnend ist für die Lieblinge des Glücks.

Vielleicht irre ich mich. Denn schließlich war ich in Florenz glücklich und viele andere vor mir. Aber was ist das Glück anderes als jener einfache Einklang eines Geschöpfes mit seiner Existenz? Und welcher Einklang von Mensch und Leben wäre lauterer als das zwiefache Bewusstsein: dauern zu wollen und sterben zu müssen? Wenigstens lehrt er uns, sich auf nichts zu verlassen und in der Gegenwart die einzige Wahrheit zu erblicken, die uns als »Zulage« gegönnt ist. Ich begreife wohl, dass man mir sagt: »Italien, das Mittelmeer: antiker Boden, wo alles sich in menschlichen Maßen hält.« Aber wo denn? Und zeigt mir den Weg! Lasst mich die Augen öffnen, um mein Maß und mein Glück zu finden! Aber ich sehe schon: Fiesole, Djemila und die sonnigen Häfen. Menschliche Maße? Das Schweigen und die toten Steine. Der Rest gehört der Geschichte.

Man sollte aber dennoch nicht hier stehen bleiben; denn es ist nicht gesagt, dass Glück und Optimismus untrennbar zusammengehören. Glück und Liebe gehören zusammen - was nicht dasselbe ist. Und ich kenne Zeiten und Orte, wo das Glück so bitter erscheinen kann, dass man ihm seine Versprechungen vorzieht. Aber das kommt daher, dass ich in jenen Zeiten oder an jenen Orten nicht genügend Herz hatte zu lieben, will sagen, nicht zu verzichten. Wovon ich hier reden will, das ist die Aufnahme des Menschen in die Feier der Erde und der Schönheit. Denn in diesem Augenblick wirft er, wie der Neophyt seine letzten Schleier, vor seinem Gott die kleine Münze seiner Persönlichkeit fort. Ja, es gibt ein höheres Glück, wo das Glück eitel zu sein scheint.

Giotto di Bondone: Die Legende des Hl. Franziskus: Der Hl. Franziskus
schenkt einem Armen seinen Mantel, um 1296, Basilika von Assisi:
In Florenz stieg ich die Boboligärten hinauf bis zu einer Terrasse, von der man den Monte Oliveto und die Hügel der Stadt bis zum Horizont vor sich liegen sah. Auf allen Hügeln waren die Ölbäume bleich wie kleine Rauchwolken; und in dem leichten Nebel, den sie bildeten, zeichneten sich die härteren hohen Zypressen ab: grün in der Nähe und schwarz in der Ferne. Der Himmel, in dessen tiefes Blau man hineinsah, war von mächtigen Wolken unterbrochen. Als der Nachmittag zu Ende ging, verbreitete sich ein silbernes Licht, das alles in Stille verwandelte. Der höchste Hügel war anfangs in den Wolken. Aber ein Wind hatte sich erhoben, und ich fühlte seinen Atem auf meinem Gesicht. Vor ihm traten die Wolken über den Hügeln auseinander wie ein sich öffnender Vorhang. Im gleichen Augenblick schien es, als wüchsen die Zypressen auf den Gipfeln plötzlich höher hinein ins befreite Blau. Die ganze Hügelwelt mit ihren Steinen und Ölbäumen hob sich langsam ihnen nach. Andere Wolken kamen. Der Vorhang schloss sich, und die Hügel mit ihren Zypressen und Häusern senkten sich aufs Neue. Dann zog der gleiche Wind, der hier die dichten Wolkenfalten öffnete, die über den anderen, sich in der Ferne verlierenden Hügeln wieder zusammen. Dies mächtige Ein- und Ausatmen der Erde vollzog sich im Rhythmus weniger Sekunden und wiederholte in immer weiteren Fernen das strenge aus Stein und Luft gefügte Thema einer weltgewaltigen Fuge. Jedes Mal sank das Thema um einen Ton; und je ferner ich es verfolgte, umso ruhiger wurde ich. Und als mein Herz ans Ende dieser Fernsicht angelangt war, umfasste es mit einem Blick die sämtlichen ins Weite fliehenden Hügelketten und erhob sich aufatmend mit ihnen in einem einzigen Lobgesang der ganzen Erde.

Ich wusste: Millionen Augen haben diese Landschaft gesehen; für mich war sie wie das erste Lächeln des Himmels. Sie brachte mich, in der wahren Bedeutung des Wortes, außer mir. Sie machte mir zur Gewissheit, dass ohne meine Liebe und ohne diesen steinernen Lobgesang alles Übrige sinnlos war. Die Welt ist schön, und außer ihr ist kein Heil. Die große Wahrheit, in der sie mich geduldig unterwies, verkündet, dass der Geist und auch und sogar das Herz nichts sind. Und dass das von der Sonne erhitzte Gestein oder die Zypresse, die der blaue Himmel vergrößert, die einzige Welt eingrenzen, wo »recht haben« einen Sinn hat: die Natur ohne Menschen. Und diese Welt vernichtet mich. Sie trägt mich bis ans Ende. Sie verneint mich ohne Zorn. An diesem Abend, der sich auf das florentinische Land senkte, machte ich mich auf den Weg zu einer Weisheit, wo alles bereits erobert war - wenn mir nicht Tränen in die Augen gestiegen wären und wenn nicht die Poesie mich, den Schluchzenden, die Wahrheit der Welt hätte vergessen lassen.

Man sollte verweilen bei diesem einzigartigen Augenblick, in welchem sich die Dinge die Waage halten, das Empfinden die Moral zurückweist, das Glück aus Hoffnungslosigkeit entspringt und der Geist sich auf den Leib beruft. Wenn es wahr ist, dass jede Wahrheit ihre Bitterkeit kennt, so ist es nicht weniger wahr, dass jedes »Nein« auch sein »Ja« enthält. Jenes Lied hoffnungsloser Liebe, das die Kontemplation anstimmt, kann auch aufs Wirksamste zu Taten aufrufen. Der dem Grab entsteigende Christus des Piero della Francesca hat nicht den Blick eines Menschen. In seinem Gesicht ist nichts von Glück zu sehen - nur eine grimmige, seelenlose Größe, die ich fast wider Willen als einen Entschluss »zu leben« empfinde. Der Weise wie der Tor sagen wenig. Diese Wiederkehr entzückt mich.

Piero della Francesca: Auferstehung Christi, 1463, Fresko und
 Tempera, 225 x 220, Museo Civico, Sansepolcro
Verdanke ich diese Einsicht Italien oder meinem Herzen? Sie ist mir zweifellos dort unten zuteilgeworden. Denn Italien, wie andere bevorzugte Länder, bietet mir ein Schauspiel der Schönheit, in welchem die Menschen trotzdem sterben. Selbst hier muss die Wahrheit verwesen; und was könnte erhebender sein? Selbst wenn es mich nach einer unverweslichen Wahrheit verlangen sollte - was soll ich mit ihr anfangen? Sie passt nicht zu mir. Sie zu lieben wäre unaufrichtig. Wenige begreifen, dass ein Mensch das, was sein Leben ausmacht, niemals aus Verzweiflung aufgibt. Die Entschlüsse hoffnungsloser Verzweiflung öffnen neue Wege ins Leben und bezeugen lediglich eine bebende Anhänglichkeit an die Lehren dieser Erde. Indessen kann es geschehen, dass ein Mensch, dessen Einsicht einen gewissen Grad von Klarheit erreicht hat, fühlt, wie sein Herz sich verschließt, sodass er ohne Auflehnung und ohne Zurückforderungen dem vermeintlichen Inhalt seines bisherigen Lebens, ich meine seiner gärenden Unruhe, den Rücken kehrt.

Wenn Rimbaud in Abessinien sein Leben zu Ende lebt, ohne eine einzige Zeile zu schreiben, ist daran weder die Lust an Abenteuern noch der Verzicht aufs Schreiben schuld. »Es ist einmal so«: Das ist der eigentliche Grund; denn bei einer gewissen Bewusstseinsschärfe gibt man schließlich das zu, was wir alle mit aller Kraft, jeder nach seiner Weise, nicht einsehen wollen. Man wird verstehen, dass es sich hier um den Versuch handelt, die Geografie einer gewissen Wüste zu schildern. Aber diese sonderbare Wüste ist nur denjenigen bekannt, die in ihr zu leben vermögen, ohne jemals ihren Durst zu betrügen. Für sie, und nur für sie, sprudeln in ihr die lebendigen Quellwasser des Glücks.

In den Boboligärten hingen riesige goldene Kakifrüchte in Reichweite meiner Hand. Ein zäher Sirup sinterte aus ihrem aufgebrochenen Fleisch. Die sanften Hügel und die saftquellenden Früchte; die brüderlich-geheime Verbundenheit mit der Erde und der Hunger, der mich nach den Goldfrüchten über mir greifen ließ - ich empfand das schwanke Gleichgewicht dieser Dinge, das gewisse Menschen von der Askese zum Genuss und von der Entsagung zur hemmungslosen Wollust treibt. Ich bewunderte und bewundere auch heute dieses Bündnis von Mensch und Erde, diese doppelte Wechselwirkung, in die mein Herz eingreifen und sein Glück diktieren darf bis zu jener genau bestimmten Grenze, wo die Erde es vollenden oder zerstören kann. Florenz! Einer der wenigen Orte in Europa, wo ich begriff, dass im innersten Kern meiner Auflehnung ein Einverständnis schlief. Unter seinem aus Tränen und Sonne gemischten Himmel lernte ich, Ja zur Erde zu sagen und in der düstern Flamme ihrer Lebensfeier zu verbrennen. Ich ertrug ... aber was? Welches Wort? Welches Übermaß? Ich ertrug die Erde! In diesem großen Tempel, aus dem die Götter geflohen sind, haben all meine Idole tönerne Füße.

Quelle: Albert Camus: Hochzeit des Lichts. Heimkehr nach Tipasa. Impressionen am Rande der Wüste. (Übersetzt von Peter Gan). Arche Literatur Verlag, Hamburg-Zürich, 2013. ISBN 978-3-7160-2706-6, Seite 48 bis 65. Das Original des hier vollständig präsentierten Essays wurde 1938 veröffentlicht in "Noces", Editions Gallimard, Paris

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28. Januar 2014

Giaches de Wert: La Gerusalemme Liberata – Il Pastor Fido (La Venexiana)

1581 erscheint die erste Ausgabe von Torquato Tassos Befreitem Jerusalem, die dem Herzog Alfonso II d'Este gewidmet ist. Lange und schwierig ist das Zustandekommen dieses Werkes, das im weit zurückliegenden Jahr 1559 (Tasso war damals erst 15 Jahre alt) unter dem Titel Goffredo begonnen worden war. Wiederholt unterbrochen und stets neu in Angriff genommen, wird es erst 1575 zu einem vorläufigen Abschluss gebracht. In den folgenden Jahren kommt es dann immer wieder zu Korrekturen und neuen Entwürfen, einhergehend mit das Gedicht betreffenden polemischen Auseinandersetzungen. Tasso selbst verfasst eine Apologie zur Verteidigung des Befreiten Jerusalem. Gleichermaßen geliebt und gehasst erlangt das Gedicht unverzüglich Berühmtheit in den literarischen Zirkeln der Epoche, und so sind schon vor Veröffentlichung des Buches zahlreiche Kopien in Umlauf.

Zu jener Zeit pflegt Tasso bereits seit langem Kontakt zu den Höfen in Ferrara (die Widmung im Befreiten Jerusalem belegt dies) und Mantua (Scipione Gonzaga ist einer der wichtigsten Gönner Tassos und Herzog Vincenzo, der seinen Vater Guglielmo an der Spitze des Herzogtums ablöst, vermittelt um die Befreiung des eingekerkerten Dichters zu erreichen). Unzweifelhaft gehören Ferrara und Mantua zu den prächtigsten Höfen Norditaliens, und ihre Herzöge, vorzügliche Mäzene, fördern die kreativen Künste jeglicher Natur.

Wir haben bereits darauf verwiesen, dass von 1575 an »handgeschriebene« Kopien des Befreiten Jerusalem in Umlauf sind, was erklärt, dass schon 1581 einer der Musiker des Hofes von Mantua, Giaches de Wert, in seinem Siebten Madrigalbuch, Giunto alla tomba, ein aus zwei Stanzen bestehendes Gedicht aus dem 12. Cantus des Befreiten Jerusalem, veröffentlichen konnte.

Petrarca ist in der Regel der von den Madrigalisten am häufigsten benutzte Dichter, und auch Ariost rückt mit dem Erfolg seines Orlando furioso ins Zentrum der Aufmerksamkeit, doch es ist Tasso mit seiner Dichtkunst, der innerhalb weniger Jahre jenen Wechsel anstößt, der schließlich das Aufkommen und die allgemeine Anerkennung der Seconda pratica bewirkt, zu deren Fahnenträger Guarini und Tasso selbst gekürt werden.

Noch Jüngling bricht Giaches de Wert von Flandern Richtung Italien auf, um als Sänger in den Hof von Maria de Cardona in Avellino einzutreten, bevor er dann beim Grafen Alfonso Gonzaga in Novellara in Stellung kommt. Später treffen wir ihn in Parma wieder als Mitglied der Kapelle von Farnese, deren Kapellmeister zu jener Zeit Cipriano de Rore ist. Ende 1564 kommt Wert nach Mantua, wo er das Amt des Kapellmeisters der Santa Barbara Kirche übernimmt, deren von Guglielmo Gonzaga beschlossene Errichtung gerade zu ihrem Abschluss gekommen war. Es gab wohl wenige Ernennungen, die derart zahlreiche Feindseligkeiten nach sich zogen: Von Beginn seiner Amtsübernahme an werden dem armen Flamen Hindernisse in den Weg gelegt, Früchte nicht enden wollender Eifersüchteleien und Anspruchsforderungen, die einige Jahre später auch damit zu tun hatten, dass Werts Gemahlin ihn mit Agostino Bonvicino, ein Mitglied der Hofkapelle, betrügen sollte.

Trotz dieses Zwischenfalles, der das Exil der Gattin aus Mantua zur Folge hat, bleibt Giaches de Wert als Kapellmeister im Amt. Zu dieser Zeit kommt er auch in Kontakt zur Musikwelt in Ferrara, vielleicht die modernste und erneuerungsfreudigste der Epoche. Der zweifelsohne vorzügliche und gebildete Herzog Guglielmo Gonzaga hat demgegenüber einen eher altmodischen Geschmack; ein Konservativismus, dem Mantua bis 1587 verhaften bleibt, als Guglielmo von Vincenzo abgelöst wird. Ferrara jedoch befindet sich auf einem kulturellen Höhepunkt und sein Konzert der Damen ruft allseits Neid und Bewunderung hervor.

Diese beiden Höfe stehen in intensivem Austausch von Musikern und Literaten miteinander. Vincenzo Giustiniani schreibt etwa in seiner Abhandlung über die Musik: »So kommt es, dass jeder Komponist den anderen bei der Komposition der mehrstimmigen Musik zu überwinden trachtet, was besonders auf Giaches de Wert in Mantua und Luzzasco in Ferrara zutrifft. Beide sind die Leitfiguren aller Musik dieser Herzogtümer und groß ist auch die Rivalität zwischen den Damen aus Mantua und jenen aus Ferrara, die miteinander konkurrieren, nicht nur, was Klangfarbe und Qualität der Stimmen angeht, sondern auch bezüglich der Ornamentierung vortrefflicher Passagen.«

Wert fühlt sich auf Anhieb wohl in diesem stimulierenden Ambiente, und viele seiner Kompositionen finden ihre Inspiration bei dem berühmten Frauentrio aus Ferrara. Das Verhältnis zwischen Wert und dem Hof D'Este, das schon in den sechziger Jahren des Jahrhunderts begonnen hatte und von den Herzögen Mantuas und Ferraras gefördert wurde, erreicht seinen Höhepunkt in der Liebschaft des Komponisten mit Tarquinia Molza, Ehrendame von Margherita Gonzaga und Mitglied des berühmten Konzertes der Damen. Dieses geheime Verhältnis, das mitnichten einer Edeldame wie Tarquinia Molza entspricht, gerät ans Licht der Öffentlichkeit und muss einige Jahre später auf Anordnung von Alfonso II aufgelöst werden.

Anonym: Porträt von Vincenzo Gonzaga von Mantua.
 Galleria Palatina, Florenz
Giaches de Werts Madrigale

Die Madrigale Werts entwickeln sich über mehrere Jahrzehnte hinweg und seine zwölf zwischen 1558 und 1595 komponierten Bücher - das Zwölfte Buch ist eine posthume Ausgabe von 1608 - lassen einen Komponisten erkennen, der aufmerksam die »neuen« italienischen Tendenzen verfolgt, der jedoch auch immer der flämischen Musiktradition verbunden bleibt, die sich mit den Jahren in ihm eher noch mehr verfestigt.

Das wesentliche Charakteristikum der Wert'schen Komposition ist das homorhythmische Rezitativ. Dieser Kompositionsstil sollte bald auch von einem anderen Komponisten des Hofes von Mantua verwendet werden, der rasch zum unbestreitbaren Meister avanziert, Monteverdi. Dieser ist bald auch Vorbild eines adligen Jüngling aus Palermo, den die Suche nach seinem Glück Richtung Norden führt, Sigismondo d'India. Im musikalischen Vortrag Werts stößt man auf ein »gesprochenes« (parlato) Element, das dem sich bald von diesem Vorbild aus entwickelnden gesungenen Vortrag (recitar cantando) schon sehr nahe steht. Dieses Werkzeug musikalischen Ausdrucks sollte dann von dem flämischen Komponisten sehr umfassend eingesetzt werden, wodurch der chromatische, bedachtere Stil mehr in den Hintergrund tritt.

Im Siebten Buch von 1581 verwendet Wert erstmalig ein Fragment des Befreiten Jerusalem, das Klagelied Tancredis über dem Grabe Clorindas. Dem folgt einige Jahre später ein ganzer, diesem dichterischen Werk gewidmeter, Zyklus, der jetzt in das Achte Buch, Herzog A1fonso II gewidmet, integriert ist. Hier bringt Wert nun die Schicksalsschläge der beiden Protagonistinnen, Erminia und Armida, zum Ausdruck in einer letzten Hommage an Margherita d'Este uud ihr Konzert der Damen. Zweifelsohne stehen die epischen Wechselfälle im Befreiten Jerusalem in bestem Einklang zu dem deklamatorischen Stil der flämischen Komponisten, und aller Wahrscheinlichkeit nach steht Tasso dieser besonderen Aufmerksamkeit sehr dankbar gegenüber, belegt doch ein Zeitdokument, dass er Wert eine Ode widmet:

Diese meine, verstreuten Reime,
in süßen Rhythmen,
du hast sie aufgesammelt auf deinem Notenpapier
und in deiner süßen Art
tilgst du alle Unreinheit,
und manchmal wird so mein Stil,
in deiner und andrer Stimmen geehrt,
mehr noch, wenn du feierst,
des schönen Vincenzo herausragende Verdienste,
erklingt der Gesang der glorreichen Vögel.

(T. Tasso: Einem Musiker, der zu einigen Madrigalen Musik komponierte)

Der Name Werts wird von Tasso außerdem in den Dialogo La Cavalletta aufgenommen, um zu veranschaulichen, worin seine wahren Vorstellungen hinsichtlich moderner Musik hestehen: »Wenden wir uns also ab von dieser Musik, die immer mehr entartete und verweichlicht und weibisch wurde, und bitten wir so vorzügliche Meister vorzüglicher Musik wie Striggio, Iacches, Luzzasco und den ein oder anderen mehr, sie wieder zu jener ernsthaften Schwere zurückzuführen, von der sie sich so weit entfernte, bis sie sie gänzlich aus den Augen verlor.«

Das Achte Buch Werts ist zusammen mit Monteverdis Drittem Buch, das einige Jahre später erscheint, die bedeutendste Musikschöpfung zu Ehren des Befreiten Jerusalem. Das Werk Werts enthält sieben Strophen des 16. Cantus, die, wie Carol McClintock in ihrem Buch über den Komponisten schreibt, »eine Sequenz darstellen, welche man als eine einheitliche dramatische Handlung verstehen kann«. Monteverdi schließlich huldigt mit den beiden Terzetten Vattene pur crudel und Vivrò fra i miei tormenti sowohl Tassos Werk als auch dem Kompositionsstil Werts.

Aus dem Briefwechsel zwischen Herzog Vincenzo und Giaches de Wert lässt sich schließen, dass ein Teil dieses Achten Buches schon zwei Jahre vor seiner Veröffentlichung entstanden ist: »Giaches de Wert. Mein Liebster und Teuerster, tut mir den großen Gefallen, mir so bald wie möglich eine Kopie zu senden von jener Musik, die Ihr über die Strophen Tassos komponiertet und die beginnnen mit 'Qual musico gentil ch'al canto snodi', auch über jedes weitere Eurer Madrigale, solltet Ihr wieder welche haben, würde ich mich sehr freuen, und umso mehr Eurer Kompositionen Ihr mir sendet, umso mehr werde ich in Eurer Schuld stehen, Euch bei nächster Gelegenheit einen Beweis dieser Dankbarkeit zu geben. Bis dahin, bleiben Sie gesund. Poggio, 6. November, 1584. Zu Ihrem Vergnügen. Der Prinz von Mantua."

Etwa zehn Tage später sendet Wert sein Antwortschreiben: »Ich schicke Eurer Hoheit die Strophen Tassos zusammen mit einigen anderen meiner Kompositionen, so wie Eure Hoheit sich die Ehre gab, dies zu wünschen, und da es mich so sehr begünstigt, dass Sie sich meiner Werke bedienen wollen, werde ich sie Eurer Hoheit stets unverzüglich zusenden« (15. November 1584).

Schon im Siebten Buch ist der Einfluss offenkundig, den die Damen aus Ferrara teils mehr teils weniger ungewollt auf die Kompositionen Werts ausüben. So ist recht augenfällig, dass in diesen Madrigalen den Duos oder Trios für hohe Stimmen eine deutlich größere Bedeutung zukommt als den Männerstimmen, und wie neben dem von Wert so sehr geschätzten deklamatorischen Stil allmählich auch Lieblicheres und für den Stil Ferraras charakteristische Ausschmückungen in Erscheinung treten. Giunto alla tomba ist hierfür ein typisches Beispiel, das sich klar abhebt von den anderen Madrigalen der Sammlung. (Wenige Jahre nach der Veröffentlichung Werts komponiert auch Luca Marenzio ein Madrigal über den gleichen Text, das in seinem Vierten Buch von 1584 erscheint.)

Das Achte Buch ist, worauf schon die Widmung unzweideutig verweist, durch und dureh Ferrara verpflichtet und ganz dem Stil der Damen nachempfunden. Auch hier hebt sich das hohe Duo bzw. Trio ab von den anderen Harmoniestimmen. Bei Usciva omai und Vezzosi augelli handelt es sich um deskriptive Pastoralstücke, komponiert mit Ausschmückungen und Variationen, die ganz dem Stil der drei Damen entsprechen. Sovente allor verweist mit seinen über den Worten E in rileggendo poi le propie note vorgetragenen Figuren und der Chromatik über den sich verstreut auf das Leid beziehenden Worten schon auf Piagne e sospira aus Monteverdis Viertem Buch. (Im Gegensatz zu Wert geht Monteverdi bei seinen Kompositionen vom Text des Eroberten Jerusalem aus.)

Die fünf Strophen von Qual musico gentil (Jerusalem, XVI, 43-47) geht dem Terzett Monteverdis Vattene pur crudel (Jerusalem, XVI, 59-63) einige Jahre voraus. Beide Gedichte erzählen von den Schicksalsschlägen der von Rinaldo verlassenen Armida, und »damit man den Text besser verstehe« entscheiden sie sich für den homophonen Vortrag. Das kurze doch intensive Madrigal Forsennata gridava, das den Schrei der Armida musikalisch ausdrückt, beendet die Reihe der Stücke, die über Texten Tassos komponiert wurden. Misera non credea berichtet vom Klagen der Erminia angesichts des toten Tancredi und trägt deutlich dramatische Züge, was durch die unverkennbar theatralische Darstellung unterstrichen wird.

Battista Guarini: Il Pastor Fido

Guarini schlägt den von Tasso bereits geebneten Weg ein, und innerhalb weniger Jahre setzt er sich als von den Komponisten der Epoche bevorzugter Dichter durch. Seine Kontakte zu dem Hof von Ferrara, die er in den letzten Monaten des Jahres 1580 zu knüpfen begonnen hatte, als der Herzog das Amt des Botschafters innehatte, intensivieren sich, als seine Tochter Anna als Sängerin und Lautenspielerin festes Mitglied des berühmten Trios der Damen wird. Giaches de Wert passt seine Madrigale diesem neuen Dichtungsstil an. Pastor fido, nach dessen musikalischer Darstellung es Herzog Vincenzo so sehr verlangte, dient den zukünftigen Büchern Werts als Vorbild und Grundlage. Sein Elftes Madrigalbuch vereinigt eine Sammlung von Texten Guarinis. Wert komponiert diese Stücke wahrscheinlich anlässlich der drei Jahre vorher geplanten doch dann leider nicht zustande gekommenen Aufführung des Pastor fido in Mantua.

Vincenzo Gonzaga interessiert sich schon für die Bühnendarstellung des Pastor fido, als Guarini das Werk noch nicht beendet hatte. So bittet er etwa um eine Kopie des Werkes, um es im Rahmen seiner eigenen Vermählung mit Leonora de Médicis 1584 im Theater aufführen zu lassen. Dieser Versuch schlägt fehl, doch wird das Werk im folgenden Jahr anlässlich der Feierlichkeiten der Hochzeit von Carlo Emanuele von Savoyen aufgeführt. Vincenzo Gonzaga setzt alles daran, dieses Hirtendrama an den Hof zu holen. Bekannt ist etwa sein Versuch von 1592, als er Francesco Rovigo beauftragt, die Musik zu den Zwischenspielen zu komponieren. Ein weiteres Mal scheitert der Versuch, und man muss warten bis 1598, das Jahr der Uraufführung in Mantua.

Das Eröffnungsmadrigal des Elften Buches von Giaches de Wert, Ah dolente partita, ein Gedicht, das ebenfalls ein Jahr später von Marenzio musikalisch bearbeitet wird, wird auch von Monteverdi zur Einführung seines Vierten Buches von 1603 eingesetzt, was eine offenkundige Huldigung an den flämischen Künstler ist. (Dieses und andere Madrigale werden bereits 1595 interpretiert und sind u.a. Gegenstand des berühmten Streites zwischen Artusi und Monteverdi.) O Primavera, ein den Damen wie auch Luzzaschi wichtiger Text - er erscheint als Solostimme in den Musiche a 1, 2,3 soprani - wurde schon 1592 in das Dritte Madrigalbuch des jungen Monteverdi aufgenommen, der gerade am Hof in Anstellung gekommen war.

Die Komposition Werts stellt Variationen über ein Thema dar, die den sehr verbreiteten Stücken Partite sopra i bassi de Ruggiero oder Romanesca nicht unähnlich sind, und in Konzeption und Stil kündigt es bereits Monteverdis Quintett Ecco Silvio aus dem Fünften Madrigalbuch von 1607 an, das durchweg über Texte aus dem Pastor fido komponiert ist. O dolcezze amarissime und Udite lagrimosi spirti erscheinen auch in dem zeitgleich veröffentlichten Siebten Buch Luca Marenzios. Cruda Amarilli, dessen chromatischer Abstieg über den Worten I mi morrò auf beispielhafte Weise dem stilistischen Vorgehen entspricht, wie es für die Seconda pratica charakteristisch ist, wird wenig später von Monteverdi als Eröffnung des Fünften Madrigalbuches eingesetzt, um seinen eigenen kompositorischen Weg zu unterstreichen, der gänzlich dieser Seconda pratica gewidmet ist. Außergewöhlich sind die Stationen des Madrigals, und das Suchen und Finden von Übereinstimmungen zwischen verschiedenen über den gleichen Text von verschieden Komponisten geschaffenen Madrigalen ist packend und stimulierend.

Tintoretto: Merkur und die drei Grazien. 146 x 155 cm.
Palazzo Ducale, Venedig
Kommentar zur Aufnahme

Die Reihenfolge der Madrigale auf dieser Aufnahme trägt der Abfolge im Befreiten Jerusalem und im Pastor fido Rechnung. Wir haben die Originalversionen aus dem Achten und Elften Madrigalbuch von Giaches de Wert verwendet und sie in Notenschrift übertragen. Auffällig sind insbesondere die langen Notenwerte, wie sie im Original notiert sind, die sich deutlich unterscheiden von den kurzen heutzutage üblicherweise gebrauchten Notenwerten. Die Tatsache, dass wir bei unserer Bearbeitung diese langen Notenwerte übernommen haben, ermöglicht dem modernen Interpreten eine vollkommen neue Sichtweise der Musik und gibt ihm neue Möglichkeiten der Phrasierung. Eine optische Darstellungsform der Eröffnung, die eine Interpretation bedingt, die deutlich von dem abweicht, was die Achtel- und Sechzehntelnoten zunächst nahezulegen scheinen.

Etwas Vergleichbares kann im Museum beobachtet werden: Einige wollen alle ausgestellten Werke sehen und versuchen dies möglichst schnell vor Torschluss zu bewerkstelligen, andere jedoch widmen ihre ganze Zeit einem einzigen Saal, konzentrieren sich auf wenige Bilder, verweilen bei Einzelheiten und kümmern sich nicht um verstreichende Zeit oder Öffnungszeiten. Also Geduld, wir müssen nicht alles beim ersten Besuch erkennen… Besonderer Dank geht an Glenn Watkins, Anthony Newcomb und Iain Fenlon für ihre wertvolle Unterstützung.

Quelle: Claudio Cavina, im Booklet

Track 1: Sovente, allor che su gli estivi ardori


SOVENTE, ALLOR CHE SU GLI ESTIVI ARDORI (Erminia, VII, 19)
Sovente, allor che su gli estivi ardori
giacean le pecorelle a l'ombra assise,
ne la scorza de' faggi e de gli allori
segnò l'amato nome in mille guise,
e de' suoi strani ed infelici amori
gli aspri successi in mille piante incise,
e in rileggendo poi le proprie note
rigò di belle lagrime le gote.

Indi dicea piangendo: -In voi serbate
questa dolente istoria, amiche piante;
perché se fia ch'a le vostr'ombre grate
giamai soggiorni alcun fedele amante,
senta svegliarsi al cor dolce pietate
de le sventure mie sì varie e tante,
e dica: "Ah troppo ingiusta empia mercede
die Fortuna ed Amore a sì gran fede!"
Oft, zur Stunde der sommerlichen Glut
ruhten die Schäfchen, vom Schatten geschützt,
in die Rinde der Lorbeerbäume und der Buchen
ritzte auf tausend Weisen er den geliebten Namen ein,
und von seinen seltsamen und unglücklichen Liebschaften
schrieb er in tausend Pflanzen ein die rauhen Geschehnisse,
und als er wieder dann las die eignen Worte
vergoss er schöne Tränen auf seine Wangen.

Und ohne Zögern sagte er weinend: "Für euch behaltet
diese schmerzensvolle Geschichte ihr Pflanzen, ihr Freundinnen,
damit unter eurem angenehmen Schatten
nie mehr ein treu Liebender Ruhe finde,
ohne zu fühlen, wie in seinem Herzen erwacht ein süßes Erbarmen
für meine Schicksalsschläge,
und er sage: O, zu ungerecht und grausam
vergolten Fortuna und Amor einen so großen Glauben!"

TRACKLIST

Giaches de Wert (1535-1596) 

I. La Gerusalemme Liberata (Torquato Tasso)  

01 Sovente, allor che su gli estivi ardori (VIII Libro)    6:31
02 Giunto alla tomba, ove al suo spirto vivo (VII Libro)   5:39 
03 Usciva omai dal molle e freseo grembo (VIII Libro)      2:03
04 Vezzosi augelli infra le verdi fronde (VIII Libro)      2:33
05 Forsennata gridava: - O tu che porte (VIII Libro)       1:41
06 Qual musico gentil, prima che chiara (VIII Libro)      11:48
07 Misera non credea ch'a gli occhi miei (VIII Libro)      4:16
08 Giunto alla tomba (instrumental version)                4:50

II. Il Pastor Fido (Battista Guarini) 

09 Cruda Amarilli (XI Libro)                               9:28
10 O primavera gioventù dell'anno (XI Libro)               2:26
11 Ah, dolente partita (XI Libro)                          2:50
12 Udite lagrimosi spirti d'averno (XI Libro)              4:28

TIME TOTAL:                                               58:33

La Venexiana 
Claudio Cavina, director 
ROSSANA BERTINI soprano - VALENTINA COLADONATO soprano - NADIA RAGNI soprano 
CLAUDIO CAVINA countertenor - GIUSEPPE MALETTO tenor - SANDRO NAGLIA tenor 
DANIELE CARNOVICH bass - GABRIELE PALOMBA lute - FRANCO PAVAN lute 

Recorded at Chiesa della B.V. Maria del Monte Carmelo al Colletto, Roletto, Italy, in April 2002 
Engineered by Davide Ficco - Edited by Sigrid Lee 
Produced by Sigrid Lee & La Venexiana - Executive producer: Carlos Céster 
On the cover: Tintoretto (1518-1594), Mercurio e le grazie (detail), Palazzo Ducale, Venezia 
P + C 2003 Glossa Music, S. L. 
Glossa GCD 920911

Edeltrödel


Neues zu der Leonardo da Vinci oder seinem Umkreis zugeschriebenen „Flora“ des Bode-Museums in Berlin

Abb. 1 Wachsbüste der »Flora«, Bode-Museum, Berlin
1909, vor fast hundert Jahren, hat Wilhelm von Bode die berühmt gewordene, weil von ihm für ein Meisterwerk Leonardo da Vincis gehaltene Wachsbüste einer Flora für die Berliner Museen erworben; wir bezeichnen diese in der Folge kurz als »Berlinerin« (Abb. 1) Bis der Londoner Kunsthandel sie zu einem Werk Leonardos empor stilisierte, war sie im Besitz des englischen Restaurators und Wachsbossierers Richard Cockle Lucas gewesen und später für einen Spottpreis als Trödel gehandelt worden. Bode hat hierfür dann den für die damalige Zeit exorbitanten Preis von 185.000 (nach anderer Lesart 160.000) Goldmark bezahlt. Die Büste steht heute im 2006 neu eröffneten Bode-Museum. Sie ist offensichtlich stark beschädigt, restauriert und dabei auch grundlegend verändert worden. Der hier Schreibende hält sie für ein von Lucas aus den Trümmern einer älteren Wachsbüste zusammengesetztes Pasticcio des 19. Jahrhunderts, das in Anlehnung an ein Flora-Gemälde der Leonardo-Schule in der Komposition verändert und »leonardisiert« worden ist.

Am 3. April 2008 wurde in einer Versteigerung des Stuttgarter Auktionshauses Nagel eine Wachsbüste aufgerufen, die zweifellos die wesentlich besser erhaltene und unverfälscht überlieferte Zwillingsschwester der Berliner Flora darstellt (Abb. 2). Sie trägt die rückseitig eingravierte Inschrift »Pozetto, Romae 1779, C. Domenico«. Wegen dieser Angabe des Entstehungsorts benennen wir diese Büste in der Folge kurz als »Römerin«. Im Auktionskatalog, auf den der Berichterstatter vom scharf- und umsichtigen Dr. Roland Krischel vom Kölner Wallraf-Richartz-Museum aufmerksam gemacht wurde, war die Büste als „Venus“ bezeichnet. Der Zusammenhang mit der Berlinerin war nicht erkannt und der Schätzpreis war mit bescheidenen 1800 Euro angesetzt worden. Die Römerin fand keinen Bieter. Das vom hier Schreibenden telefonisch aufmerksam gemachte Bode-Museum erklärte, für einen Ankauf der Römerin keine finanziellen Mittel zur Verfügung zu haben und so wurde die Büste im Nachverkauf von einem privaten Sammler erworben.

Ihre passende Aufstellung hätte die Römerin allerdings neben der Berlinerin gefunden, denn dies hätte endlich jene Hauptfrage beantworten können, ob letztere - wie Bode annahm - auf Leonardo oder wenigstens das 16. Jahrhundert zurückgeht. Aus der Frage nach der „Echtheit“ der Berlinerin ist der nun neunundneunzig Jahre andauernde Flora-Streit erwachsen, der wegen seines Umfangs und wegen der Erbitterung, mit der er ausgetragen wurde, wohl einmalig in der Kunstgeschichte ist. Insofern stellen die wächsernen Zwillingsschwestern gleichsam ein Doppeldenkmal fast hundertjähriger Wissenschaftsgeschichte dar: Probleme der normativen Ästhetik, des Qualitätsurteils, der Stilkritik sowie der inneren Mechanik der Kunstwissenschaft und des Museumswesens werden hier sichtbar. Von der Berlinerin hieß es noch 1980 in einer Berliner Museumspublikation »Umkreis des Leonardo da Vinci«, ferner: »…inzwischen gilt die Flora wieder einhellig als authentische Arbeit«.

1984, nach einem Dreivierteljahrhundert des Flora-Streits, war dann der hier Schreibende der irrigen Meinung gewesen, daß er die Auseinandersetzung um die »Echtheit« der Berlinerin mit einer Publikation beenden könne, in der er neben antiquarischen, typologischen und stilkritischen Argumenten auch materielle und naturwissenschaftliche Ergebnisse anführte: demnach konnte das vom Pottwal stammende Walwachs (Cetaceum), woraus die Berlinerin besteht, zur Zeit Leonardos nicht, oder jedenfalls nicht in ausreichender Menge zur Verfügung gestanden haben. Zudem zeigte eine Altersbestimmung mit der Radiocarbonmethode (C-14), daß das Wachs etwa zweihundert Jahre alt war, nicht aber bis in die Renaissance zurückdatiert werden konnte. Schließlich wurde 1986 in der Berlinerin auch noch Stearin nachgewiesen, damit ein erstmals im Jahre 1818 synthetisiertes künstliches Wachs.

Doch ungeachtet der 1984 vorgetragenen Argumente hat sich die eine halbes Jahrhundert zuvor ausgesprochene Prophezeiung Gustav Paulis erfüllt, daß solange die Büste in den Berliner Museen stände, sie immer als ein Werk des 16. Jahrhunderts und Leonardos gelten würde. Und so hat Ursula Schlegel in einer 1989 erschienenen Publikation zu den italienischen Skulpturen der Berliner Sammlungen die angeblich »zu Unrecht immer wieder neu von Skandalen umwitterte Flora-Büste« wieder mit »Leonardo da Vinci und Mitarbeiter« etikettiert. 1994 hat dann Josef Riederer, Direktor des Berliner Rathgen-Labors und weltweit anerkannter Spezialist für naturwissenschaftliche Altersbestimmungen von Kunstwerken, bestätigt, »daß die Flora nicht zur Zeit der Renaissance entstanden ist«, aber dennoch »auch heute noch mit der falschen Bezeichnung in Berlin im Museum steht«. Gleichwohl hat Miklós Boskovits in einem soeben im Jahre 2007 erschienenen Sammelband der Berliner Museen, dort mit einem Aufsatz über »Wilhelm von Bode als Kunstkenner«, die inzwischen im neueröffneten Bode-Museum präsentierte Berlinerin mit dem Untertitel »Künstler aus dem Umkreis Leonardos« abgebildet und zudem behauptet: »heute überwiegt die Meinung, daß die Büste tatsächlich aus der Renaissance stamme…« Daß solche Meinung »überwiege«, gilt freilich bestenfalls in den Museen und wird anderwärts eher mit sanfter Ironie quittiert. Schon 1961 war im Katalog einer im Britischen Museum gezeigten Fälschungsausstellung zu lesen: »Every director has a bust of Flora waiting for him at the end of the corridor.«

Abb. 2 Wachsbüste »Pozetto, Romae 1779, C. Domenico«
Sammlung Pontow, Mannheim (Foto Auktionskatalog Nagel)
Die in säkularer Auseinandersetzung durchgehaltene Berliner Beharrlichkeit hat letzten Endes ihren Ursprung in dem, was Ulrike Wolff-Thomsen am Beispiel des Flora-Streits als das »System Wilhelm Bode« bezeichnet hat, wobei sie Bodes Motive und Strategien kultureller Machtpolitik zur Beeinflussung von wissenschaftlicher und öffentlicher Meinung vorzüglich analysiert hat. Wie Wolff-Thomsen u.a. an 730 Zeitungsartikeln nachweist, hat Bode zugunsten seiner Zuschreibung und d.h. zugunsten seines Prestiges eine in solcher Sache nie da gewesene Pressekampagne entfacht. Der heute wieder zu einer mythischen Gestalt des Museumswesens empor stilisierte Generaldirektor der Preussischen Museen schreckte nicht einmal davor zurück, Kollegen direkt zur Unterstützung seiner Zuschreibung aufzufordern, wenn sie ihre Karriere nicht aufs Spiel setzen wollten. Dabei ist unübersehbar, dass im Vorfeld des Ersten Weltkrieges und erst recht in dessen Folge auch im Museum Machtpolitik an die Stelle von Wissenschaft getreten war: Das missgünstige England, so hieß es, wolle Deutschland diese aus dem Londoner Kunsthandel bezogene großartige Erwerbung nicht gönnen. Die Mehrheit des preußischen Abgeordnetenhauses entschied mit dem Politikern eigenen Kunstverstand, daß die Büste von Leonardo herstamme und Bode wurde vom Kaiser geadelt.

Im Studiensaal des Bode-Museums steht die Berlinerin heute in einer Vitrine, neben ihr liegt das völlig gestaltloses Bruchstück einer abgefallenen Hand. Gerade diese wächserne Hand unterstreicht den Reliquiencharakter, indem sie an die amorphen Reste von christlichen Heiligen in alten Reliquiaren erinnert. Leonardo - so wird vorstellbar - hat diese in Jahrhunderten verrottete Hand einst berührt, der Aura des Kunstwerks wird die Aura des Peudoreligiösen hinzugefügt. Insgesamt erinnert die Inszenierung des Museums an die wächsernen Heiligen, die noch heute in den Glassärgen alter Kirchen zu besichtigen sind. Den Museumsbesucher überfällt der Schauer des Mysteriösen und Numinosen, was sich bestens beim Publikum vermarkten lässt. Das Nachrichtenmagazin Der Spiegel berichtet im Januar 2008, bei Führungen werde »die barbusige Lächlerin als große Geheimnisvolle beschrieben. Ihr Ursprung sei auf ‚rätselhafte‘ Weise mit einem Genie der Renaissance verbunden: ‚Ob sie aus dem Umkreis von Leonardo da Vinci stammt, ist die spannende Frage, die heute immer noch unbeantwortet bleibt‘.“ Hiermit allerdings - so Der Spiegel - würden die Museumsbesucher »getäuscht – sogar mit Vorsatz… Schiere Augenwischerei. In Wahrheit ist der Fall Flora längst geklärt. Er gehört zu den verrücktesten Schwindeleien, die je den Kunstbetrieb erschütterten.«

Wie solche Museumsführungen so verweist auch die nach Neueröffnung des Bode-Museums im Oktober 2006 unter der Berlinerin angebrachte Beschriftung auf ein großes Mysterium; dort heißt es: »England ?, 19. Jh. ? Sowohl Leonardo da Vinci bzw. seinem Umkreis zugeschrieben als auch als Fälschung des 19. Jahrhunderts betrachtet.«. Solch diffuse und das Publikum mit mehreren Fragezeichen vor unlösbare Rätsel stellende Auskunft dient umso weniger der Aufklärung des Publikums, als diese Büste noch jüngst, d.h. 2007 in einer Publikation der Staatlichen Museen Berlin, wiederum als nach angeblich einhelliger Meinung aus der Renaissance und dem »Umkreis Leonardos« stammend präsentiert wird. Die Aura des Kunstwerks und des Pseudoreligiösen erfährt zusätzliche Legitimation durch die Aura der Wissenschaft.

Für Aufklärung sorgen kann die jetzt bekannt gewordene, gemäß Beischrift 1779 in Rom entstandene wächserne Zwillingsschwester der Berlinerin. Neue kunsthistorische, vor allem aber vergleichende technologische Untersuchungen der beiden Büsten sind möglich und werden mit den nachfolgenden vorläufigen Hinweisen angeregt.

Abb. 3 Photographie nach der Berliner Flora,
 um 1860 (nach Ost)
Beide Büsten sind im Schwenkgußverfahren in einer Gussform hergestellt; bei beiden zeigen dies die schichtenweisen Abplatzungen des jeweils in mehreren übereinanderliegenden Wachsschichten entstandenen Gusses. Auf einen übereinstimmenden Produktionsvorgang weisen vor allem die vergleichbaren Schäden, d.h. die abgebrochenen Arme mit ihren Dübellöchern, in denen ursprünglich wohl metallene Stützen steckten, ferner die fast identischen Altersrisse über Busen und Brustbein, was auf einen ähnlichen technischen Aufbau der Büsten und etwa gleiche Materialdicken zurückgehen dürfte. Beide Büsten sind auch auf ähnliche Weise farbig bemalt. Wer auch immer die Berlinerin oder die jetzt neu bekannt gewordene Römerin erstellt hat, ihm muß die jeweilige Zwillingsschwester bekannt gewesen sein. Vor allem aber können mehrere auffällige Unterschiede zwischen den beiden Wachsbüsten Auskunft über deren Entstehung und gegenseitiges Verhältnis geben.

Die Römerin ist wesentlich besser erhalten. Dies ist auch der Grund, warum allein diese rückseitig auf dem Sockel die genannte Signatur und die Datierung auf 1779 trägt, denn bei der Berlinerin ist das ganze untere Drittel der Rückseite abgebrochen und verloren. Zwar sind bei der Römerin, ebenso wie bei der Berlinerin, die Unterarme an denselben, offensichtlich technisch vorgegebenen Schwachstellen abgebrochen, aber sonst sind bei der Römerin nur die Wachsschichten an der Außenseite des rechten Oberarms abgeplatzt. Vor allem ist der Kopf der Römerin in seiner original erhaltenen, d.h. geneigten Stellung organisch mit der Hals- und Schulterpartie verbunden. Der nach vorn unten, zugleich zur Seite geneigte und leicht aus der Frontalansicht herausgedrehte Kopf ist durch eine relativ kurze Halspartie mit dem Rumpf verbunden, womit die Gesamtform geschlossen und schlüssig komponiert erscheint und die Gestalt den Eindruck einer in sich gekehrten, freundlich Nachsinnenden erweckt. Insgesamt ist die Pose dieser Figur eleganter und entspricht damit völlig dem Stil des Rokoko, in dessen Zeit sie mit 1779 ja auch inschriftlich datiert ist und wofür sich stilistische Analogien aus der italienischen Skulptur anführen lassen.

Bisher konnten die auf der Rückseite der Römerin eingravierten Namen »Pozetto« und »C. Domenico« nicht näher bestimmt werden. Vermutlich handelt es sich um die Namen des Wachsgießers und des entwerfenden Künstlers. In dem einschlägigen Biographical Dictionary of Wax Modellers von E.J. Pykes und in anderen Nachschlagewerken ließen sich diese Namen bisher nicht auffinden. Die Namen dürften mit einer römischen Wachsfabrik in Zusammenhang stehen, in der die damals massenhaft produzierten und heute noch vielfach erhaltenen Wachsvotive, ferner Porträts und dekorative Arbeiten wie die in Frage stehende Büste entstanden. Diese konnten u.a. an die notorischen reisenden Engländer des 18. Jahrhundert verkauft werden, womit dann auch die Berlinerin ihren Weg nach London gefunden hätte. Von noch ausstehenden Nachforschungen zu den lokalrömischen Wachsmanufakturen in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts ist weiterer Aufschluß zu erhoffen. Vermutlich hat es viel mehr als die beiden mit der Römerin und Berlinerin erhaltenen Güsse gegeben; sie dürften wegen des fragilen Materials verloren sein.

Der bei der Römerin organische Zusammenhang von Rumpf, Hals und Kopf fehlt der Berlinerin. Bei dieser hatte Pauli schon 1910 auf das Flaue und Unorganische hingewiesen und Bildhauer wie Max Klinger und August Gaul haben diese Ansicht geteilt, wobei Gaul die Büste sogar für die Arbeit eines Dilettanten hielt.

Immer unbestritten war auch, daß die Berlinerin schon im 19. Jahrhundert schwer beschädigt und starken restauratorischen Eingriffen ausgesetzt gewesen sein muß. Ihr Kopf ist aufgerichtet und auf einen langen, trommelförmigen Hals gesetzt. Der Mangel an organischem und kompositorischem Zusammenhang wird gerade im Vergleich mit der Römerin deutlich und noch deutlicher wird dies, wenn man den Zustand der Berlinerin nach dem alten von etwa 1860 stammenden und im Atelier des Lucas aufgenommen Foto vergleicht: aus der seltsam mit Lappen drapierten Gestalt ragt Floras Hals wie eine separat aufgesetzte Trommel über dem Rumpf und hierauf ist wiederum der Kopf wie ein selbständiges Element aufgesetzt (Abb. 3).

Abb. 4 Bernardino Luini - Werkstatt, Flora, Gemälde
Sammlung Morrison, Basildon Park (nach Ost)
Offenbar war der Kopf der Berlinerin völlig vom Rumpf gebrochen und der Restaurator Lucas war in der Verlegenheit, eine ihm unbekannte Kopfstellung zu rekonstruieren. Folgt man den in der Literatur zum Flora-Streit breit diskutierten englischen Quellen und Zeugnissen, wonach Lucas die Büste in besonderem Auftrag nach einer gemalten Flora aus der Schule Leonardos gefertigt hat (Abb. 4), wozu ihm der Besitzer des Gemäldes den Auftrag gegeben hatte, so würde dies die Halsverlängerung und Aufrichtung der Kopfpartie bei der Berlinerin erklären. Demnach hätte Lucas die Flora nicht gänzlich neu geschaffen, sondern die ihm zur Verfügung stehenden Trümmerbruchstücke einer älteren Wachsbüste, wie diese in der Römerin weitgehend unversehrt erhalten ist, zu einem an der leonardesken Gemäldekomposition orientierten Neufassung zusammengefügt. Diese Umarbeitung, für die neues Wachsmaterial nötig war, würde auch erklären, warum im Wachs der Berlinerin Anteile von dem erst 1818 synthetisierten Stearin nachgewiesen werden konnten. Bei letztlich römischer Herkunft beider Büsten erklären sich schließlich die im Wachs der Berlinerin gefundenen Reste von italienischen Pflanzen, die Bode seinerzeit als Gegenbeweis für eine Erstellung der Büste in England durch den Restaurator Lucas und als Beweis für die Herkunft aus Italien und damit für die Autorschaft Leonardos angeführt hatte.

Ob die von Lucas für die Berlinerin verwendeten Trümmerbruchstücke aber von einem zerbrochenen Wachsguß stammen, der auch der Größe nach der inschriftlich auf 1779 datierten Römerin entspricht, wäre erst durch genaue technologische Untersuchungen festzustellen. Hierbei wäre vor allem das Problem der Maße zu berücksichtigen: Die Höhe der Römerin beträgt etwa 45 cm, die der Berlinerin 67,5 cm, womit letztere um 22,5 cm höher ist. Ob diese Vergrösserung allein auf die offensichtlich von Lucas eingefügte lange Halstrommel und auf die veränderte, d.h. nun aufrechtere Kopfneigung zurückgeht, kann nur durch genaue Vermessung, von Höhen,Breiten und Volumina überprüft werden. Denkbar ist immerhin, daß die in einer Wachsmanufaktur entstandene Römerin in verschiedenen Größen gefertigt wurde, so wie dies bei heutigem Memorialnippes, d.h. bei den immer noch massenhaft gefertigten Büsten von Beethoven, Napoleon oder Goethe geläufig ist.

Die Berlinerin ist, und dies geschah vermutlich doch erst um die Mitte des 19. Jahrhunderts durch den Restaurator Lucas, nicht nur zusammengestückelt, sondern mit dem Ziel einer »Leonardisierung« in manchen Details stark überarbeitet worden. Daß vor allem der Kopf mit dem heissen Eisen geglättet wurde, war im Flora-Streit auch immer unbestritten. Zu den Überarbeitungen gehört vermutlich auch die Haarpartie, die in Analogie zu dem für Lucas vorbildlichen Flora-Gemälde der Leonardo-Schule feiner und fleißiger durchziseliert wurde, als dies in der eher summarischem Haarpartie der Römerin der Fall ist: die Berlinerin wurde im wörtlichen Sinne auf Leonardo hin frisiert. Als Kunstwerk macht jedoch die Römerin einen kompositionell und ausdrucksmäßig geschlosseneren und damit harmonischeren Eindruck als der von dem Restaurator Lucas materiell und stilistisch zusammengestückelte »Edeltrödel« in Berlin.

Absicht des hier vorgelegten Berichts ist es, eine weitere Abklärung der mit dem Bekanntwerden der Römerin neu entstandenen Fragen zu bewirken. Diese Aufgabe kann nicht der Kunsthistoriker, sondern muß zunächst der Kunsttechnologe übernehmen: er müsste prüfen, welche verschiedenen Wachsarten (Cetaceum, Stearin) an welchen Partien ( Rumpf, Hals, Kopf ) der Berlinerin zur Anwendung kamen. Bei der Römerin sollte er feststellen, ob dort dasselbe Walwachs Verwendung fand wie bei der Berlinerin. Einen Hinweis auf etwa gleiches Alter der beiden Büsten gibt dabei schon der Umstand, daß die 1984 vorgenommene C-14- Analyse des Wachses der Berlinerin eine Entstehung vor rund zweihundert Jahren, d.h. um 1784 nahegelegt hat; die Römerin ist inschriftlich nur fünf Jahre früher auf 1779 datiert. Daß diese Datierung zutrifft, könnte eine nun auch bei der Römerin durchzuführende C-14-Analyse bestätigen, was dann auch Auskunft über die Authentizität der gesamten Inschrift gibt. Ferner sollte eine vergleichende Untersuchung und Datierung der Pigmente durchgeführt werden, mit denen die beiden Büsten bemalt sind. Und endlich sollten Radiographien und Computertomographien Aufschluß über den inneren Aufbau der beiden Büsten geben.

Solche technologischen Untersuchungen werden dann auch den Kunsthistoriker daran erinnern, daß ein über ein Kunstwerk abgegebenes bloßes Qualitätsurteil - auch wenn dieses von Wilhelm von Bode stammt und ein Jahrhundert lang verteidigt wurde - auf schwankendem Boden steht

Hans Ost: Edeltrödel. Neueres zu der Leonardo da Vinci oder seinem Umkreis zugeschriebenen »Flora« des Bode-Museums in Berlin

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