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29. Januar 2018

Verdi: Requiem – Cherubini: Requiem (Riccardo Muti, 1979/80)

Als Rossini im November 1868 in Paris verstarb, fiel ganz Italien in tiefe Trauer. Anläßlich der Wiederkehr seines Todestages organisierte man in seinem Geburtsort Pesaro eine aufwendige Gedenkfeier. In Bologna, wo Rossini aufgewachsen war, machte Italiens führender Komponist Giuseppe Verdi einen etwas ungewöhnlicheren Vorschlag: die Komposition einer Totenmesse, zu der die anerkanntesten Komponisten seiner Zeit jeweils einen Satz beitragen sollten. Die Obrigkeit unterstützte diesen Plan mit großem Eifer, und man stellte schnell ein Komitee zusammen, das die Auswahl der Beitragleistenden und die Verteilung der Sätze in die Hand nehmen sollte.

Wie zu erwarten, wurde der älteren Generation der Vortritt gelassen: daher wurden Boito, Faccio und Ponchielli nicht berücksichtigt, aber es tauchten die Namen von Coccia und Mabellini auf, die sich zu der Zeit recht großer Popularität erfreuten. Verdi selbst äußerte eine Vorliebe für die Vertonung des Libera me, denn er hatte diese Worte immer bewundert, als er noch regelmäßig Orgel in der Kirche spielte. Das Komitee willigte zunächst ein, änderte dann allerdings seine Meinung und wies Verdi das Dies irae zu; schließlich kehrte man jedoch zu der ursprünglichen Entscheidung zurück. Obwohl der eigentliche Plan abgeändert werden mußte (Mercadante war inzwischen zu alt und unsicher, um eine solche Aufgabe anzugehen, und Petrella lehnte ab), wurde die Messe rechtzeitig fertig, doch die Aufführung fand nie statt.

Der Direktor der Oper in Bologna lehnte es ab, seinem Orchester die nötige Probenzeit zu bewilligen, da dadurch die Einnahmen der Opernsaison zu sehr gemindert würden und er schließlich eine Frau und mehrere Kinder zu ernähren habe. Es wurde daraufhin der Vorschlag gemacht, das Requiem in Mailand aufzuführen, doch Verdi, unnachgiebig wie immer, wollte von dieser Idee nichts wissen; das ganze Projekt, so sagte er, würde damit völlig seinen ursprünglichen Zweck verfehlen. Die Messe müsse in Bologna gegeben werden oder überhaupt nicht. So schickte man die meisten der Autographen an die Komponisten zurück, und die schön leserlichen Kopien blieben in den Archiven des Verlags Ricordi, wo sie auch heute noch liegen.

Zwei Jahre später pries Mazzucato, der Mitglied des Komitees gewesen war, das Libera me in einem Brief an Verdi in den höchsten Tönen. Verdi antwortete darauf, daß ein solches Urteil von so einem verehrten Kollegen ihn fast in Versuchung führe, später einmal die ganze Messe zu schreiben, “um so mehr als ich, bei einigerer ausführlicherer Entwicklung das Requiem und das Dies irae schon fertig hätte, deren letzter Nachhall ja in dem bereits komponierten Libera me zu finden ist".

Der junge Guiseppe Verdi
 [Quelle: Internationale Giuseppe Verdi Stiftung]
Eine etwas überraschende, jedoch wahre Tatsache: die Originalfassung enthält in der Tat recht lange Reminiszensen an das Dies irae, die jedoch zu dem Zeitpunkt noch gar keine Reminiszensen waren, denn Bazzini hatte das Stück ja völlig anders gesetzt. Der Abschnitt, um den es hier geht, ist kürzer als in der Fassung des Requiems, die uns heute geläufig ist, und verwendet einen neuen musikalischen Einfall für die einleitenden Worte „Dies irae, dies illa“. Geändert wurde auch die Sopranpartie, die in der ersten Fassung tiefer liegt. Diese war der Sopranistin Antonia Fricci zugedacht gewesen, deren stimmlicher Umfang begrenzter war als der von Teresa Stolz, für welche die Endfassung konzipiert wurde. Es ist wohl wahr, daß Verdi im großen und ganzen der musikalischen Bedeutung eines Rossini-Requiems keine allzu große Bedeutung beimaß. Es wäre eine Geste gewesen, ein monumento storico; doch einmal gehört, wäre die Musik erst einmal für hundert Jahre in der Versenkung verschwunden.

In der Zwischenzeit protestierte Verdi Mazzucato gegenüber, daß es schon genug Requien gäbe und daß noch eines recht überflüssig sei, und er hasse überflüssige Dinge. Doch der Same fiel auf fruchtbaren Boden und ging nach Manzonis Tod im Jahre 1873 auf. Manzonis berühmter Roman I promesi sposi war schon zu Verdis Jugendzeit ein Klassiker. Man bezeichnete ihn sogar als den ‘italienischen Walter Scott’, doch es gibt einen wichtigen Unterschied: Manzonis Arbeit ist von einer tiefen Religiosität durchzogen, einem tief empfundenen und freien katholischen Glauben, und davon fühlte sich Verdis Generation stark angesprochen.

Verdi selbst erachtete den Roman als eine der genialsten Arbeiten eines menschlichen Geistes und seinen Autor als eine Art Heiligen seiner Zeit. (Er hatte es sogar schon einmal in Erwägung gezogen, La notte dell’Innominato — die Nacht, in der ein Räuberbaron bekehrt wird — als dramatische Szene zu vertonen.) Allerdings finden wir hier ein Paradox vor, denn Verdi war in seinen Ansichten nicht nur anti-kirchlich, sondern stritt auch jede religiöse Regung ab, was denjenigen, die ihm nahestanden, oftmals Kummer bereitete. Doch das Paradox erstreckt sich auch auf seine Musik, die enorme geistliche Höhen erreicht, jedoch jegliche konventionelle Frömmigkeit vermeidet.

Die Premiere, die am 22. Mai 1874 in Mailand in der Kirche von San Marco stattfand, war ein Ereignis von nationaler Bedeutung. (Der deutsche Dirigent Hans von Bülow äußerte sich damals spöttisch — ja, das ist zwar wahr —, doch wurden ihm diese Worte sein Leben lang vorgeworfen, und er bat den Komponisten später unterwürfig um Verzeihung.) Dies war jedoch noch nicht die endgültige Fassung, denn einige Wochen nach der Premiere entschied Verdi sich, das als Fuge gesetzte Liber scriptus als Solo für seinen Mezzosopran Maria Waldmann umzuschreiben. Es erklang zum ersten Mal am 12. Mai 1875 bei einer Aufführung in der neuerbauten Royal Albert Hall in London. Verdi hätte es ebensogut in der kürzlich vorangegangenen Pariser Aufführung vorstellen können, doch vielleicht, so schrieb er an die Sängerin, würde es dem Publikum mißfallen, und die Franzosen würden es kritisieren. Die unmusikalischen Engländer würden das vermutlich nicht tun.

Der junge Luigi Cherubini.
 [Bilder des alten/toten Luigi Cherubini sind hier]
Verdis Requiem und Beethovens Missa solemnis gelten als die beiden herausragendsten Leistungen auf dem Gebiet der liturgischen Musik des 19. Jh. Allerdings gibt es auch keine große Konkurrenz. Die Messe stellt einen Akt kollektiver Hingabe dar. Die Romantik war ein Zeitalter, in dem individuelle Gefühle sich auf geistlicher Ebene äußerten: das allgemein öffentliche Gefühl war dagegen mehr auf die Nation ausgerichtet und stellte natürlich das Bild des Individuums dar. In ganz Europa verlor die traditionelle Sprache der geistlichen Musik ihre Vitalität; in Italien herrschten trockene, schulmeisterliche Versuche auf dem Gebiet der Chormusik vor und in den Solonummern eine Mischung aus Sentimentalität und Virtuosität.

Verdi, dem es ohnehin immer um den musikalischen Gesamtausdruck ging, gelang es, dieses Dilemma völlig zu vermeiden. Sein Kontrapunkt ist lebhaft und frisch und hat nichts Schulmeisterliches an sich (Sanctus, Libera me); an anderer Stelle scheut er sich nicht, auf Mittel zurückzugreifen, die sich in seinen Opern bestens bewährt hatten: der harmonische Seitensprung im Domine Jesu (Rigoletto), die Fanfaren von verschiedenen Orten im Tuba mirum (Aida) und die spannungsgeladenen Harmonien im Requiem aeternam (Macbeth, zweite Fassung).

Das Lacrymosa hat einen direkten Bezug zur Oper, denn es war ursprünglich ein Duett für Tenor, Baß und Chor, das Verdi 1866-67 für die erste Fassung seines Don Carlos geschrieben hatte, dann aber wieder verwarf. Merkmale wie diese, in Verbindung mit der unerschrockenen Theatralik von Nummern wie dem Dies irae, schreckten manche ab, für die ein Requiem eine Angelegenheit ernsthafter Trauer und Strenge zu sein hatte. Der Großteil der Zuhörer fühlte sich jedoch schon immer von der Pracht, der Dramatik und der eindeutigen Aufrichtigkeit von Verdis großartiger Schöpfung angesprochen; denn Musik von solcher ehrfurchtgebietender Kraft hätte nicht von einem Komponisten geschrieben werden können, der nicht wirklich von den Texten berührt war, die er vertonte — Texte, die letztendlich für jede lebendige Seele genauso viel Drama haben, wie die Librettos von Aida oder Don Carlos, die Opern, an denen Verdi zur gleichen Zeit arbeitete.

Quelle: Julian Budden [Übersetzung: Martina Parkes], im Booklet


Cherubini: Requiem c-moll

Luigi Cherubini wurde 1760 in Florenz geboren. Vier Jahre jünger als Mozart, überlebte er diesen um mehr als ein halbes Jahrhundert. Auf Drängen seines Landsmannes, des Komponisten Giovanni Battista Viotti, hatte Cherubini sich 1787 in Paris niedergelassen. Während der Großen Revolution gehörte er zu den berühmtesten Musikern Frankreichs und wurde 1795 als einer von fünf Professoren an das neugegründete „Conservatoire de Musique“ berufen, dem er von 1822 bis 1842 als Direktor vorstand.

1816 komponierte er sein Requiem in c-moll für vierstimmigen gemischten Chor und Orchester im Auftrag Louis XVIII. Dem c-moll Requiem ließ Cherubini 1836 ein weiteres in d-moll, für Männerchor und großes Orchester, folgen, das für seine eigene Totenfeier bestimmt war.


CD 1, Track 10: Verdi: Messa da Requiem. II. Dies irae - Ingemisco


TRACKLIST

Compact Disc 1                    65.24

Giuseppe Verdi 
1813-1901

Messa da Requiem

   No.1 - Requiem e Kyrie
01 Requiem aeternam                5.14
02 Kyrie eleison                   3.52

   No.2 - Dies irae
03 Dies irae                       2.04
04 Tuba mirum                      1.54
05 Mors stupebit                   1.24
06 Liber scriptus                  5.02
07 Quid sum miser                  3.59
08 Rex tremendae majestatis        3.52
09 Recordare                       4.21
10 Ingemisco                       3.41
11 Confutatis maledictis           5.11
12 Lacrymosa dies illa             6.42

   No.3 - Offertorio
13 Domine Jesu Christe            10.09

14 No.4 - Sanctus                  2.26

15 No.5 - Agnus Dei                5.25

Compact Disc 2                    69.56

01 No.6 - Lux aeterna              6.49

02 No.7 - Libera me               13.54

Renata Scotto soprano/Sopran 
Agnes Baltsa mezzo-soprano/Mezzosopran
Veriano Luchetti Tenor/ténor 
Evgeny Nesterenko bass/Baß/basse

Recorded/Aufgenommen/Enregistre: VI.1979, Kingsway Hall, London
Balance Engineers/Tonmeister/Ingénieurs du son: Neville Boyling & Peter Bown

Luigi Cherubini 
1760-1842

Requiem
in C minor/c-moll/ut mineur

03 Introitus et Kyrie              7.18
04 Graduale                        1.42
05 Dies irae                      10.08
06 Offertorium                    16.33
07 Sanctus                         1.20
08 Pie Jesu                        3.49
09 Agnus Dei                       7.50

Recorded/Aufgenommen/Enregistre: VII.1980 Kingsway Hall, London
Balance Engineers/Tonmeister/Ingénieurs du son: Peter Bown

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Ambrosian chorus
Chorus Master/Chorleitung/Chef des choeurs: John McCarthy

Philharmonia Orchestra
conducted by/Dirigent/direction
Riccardo Muti

Producer/Produzent/Directeur artistique: John Mordler
(P) 2004 


CD 2, Track 8: Cherubini: Requiem in C minor. VI. Pie Jesu


Räderuhren und Gangunterschiede


Eine Erfindung ohne Erfinder

Heinrich Seuse erscheint die göttliche Milde in Gestalt einer kunstvollen Uhr.
Illustration aus "Horologium Sapientiae", Meister von Jean Rolin II, um 1455.
An [den Vorstellungen von Zeit und Zahl] änderte auch die Erfindung der mechanischen Räderuhr wenig, deren revolutionierende Wirkung von der modernen Forschung gern überschätzt wird. Freilich war die Uhr die früheste Maschine zur Zeitmessung; indem sie das Zählen an das Messen band, kehrte sie die alte Rangordnung um, wie es schon Hermann der Lahme gefordert hatte. Sie kombinierte die Prinzipien von Abacus und Astrolab, ein ›digitales‹, ruckweise zählendes Laufwerk und eine ›analoge‹, stetig messende Anzeige. Daß sie dennoch nicht schlagartig das Bewußtsein von Zeit und Zahl umstülpte, erweist sich daran, daß die Erfindung nur vage in die Jahrzehnte zwischen 1300 und 1350 zu datieren ist und kein Zeitgenosse uns den Erfinder nennt.

Viel Staub konnte er nicht aufwirbeln, solange die Erfindung der Hemmung lediglich den Vorschlag des Robertus Anglicus von 1271 realisierte, auch ihn bloß zur Hälfte. Die neue Maschine sollte durchaus nicht die alte Zeitordnung umstürzen. Es war Fortschritt genug, wenn man das Astrolab, nach Art einer Wasseruhr mechanisiert, nur einmal morgens, einmal abends neu einstellte; dann zeigte es so gut wie bisher die ›krummen‹ Temporalstunden des folgenden Tags und der nächsten Nacht, die das Leben noch immer beherrschten und auf Astrolabien an den Kurven der Einlegescheibe abzulesen waren. Bei Tag und Nacht mußten Fachleute nicht mehr für jede Zeitansage umständliche Messungen anstellen, und Laien brauchten nicht mehr die Hände, um die Stunde zu erfahren, nur die Augen, nachts sogar bloß die Ohren. Daß die neue Maschine ein Schlagwerk erhielt, also zusätzlich die Funktion einer Glocke übernahm, veränderte das Zeitgefühl nicht von Grund auf. Wenn jetzt kleinere Zeitmaße als die sieben Stundengebete und die zwölf Temporalstunden vom Turm verkündet wurden, war es zunächst noch immer der Glöckner, der sie von Hand läutete, sobald ihn das Schlagwerk weckte.

Trotzdem setzte sich der Kerngedanke des Robertus Anglicus durch, weil die Maschine beinahe automatisch den gleichförmigen Äquinoktialstunden einen Vorrang verschaffte. Wer die Uhr nicht zweimal täglich justieren mochte, hatte nur noch das Räderwerk von Fall zu Fall aufzuziehen, sobald er Zeiger und Schlagwerk auf die ›geraden‹ 24 Stunden umstellte, die dem Vollkreis am Außenrand des Astrolabs entsprachen. Sie wurden von den Fachleuten als ›natürliche‹ Stunden favorisiert; die Laien lasen sie leicht ab, von einenm Zifferblatt. Alle technischen und gelehrten Vorteile hätten freilich wenig bewirkt, wäre die Umstellung nicht zugleich der Mentalität von Stadtbürgern entgegengekommen. Ihre Tagesarbeit, immer öfter durch Werkzeuge terminiert und durch Geldzahlung entlohnt, sollte innerhalb der Stadtmauern kalkulierbar und kontrollierbar, mithin gleichförmig sein; so mußte es die gemeinsame Uhr für Arbeitgeber und Arbeitnehmer ebenfalls sein.

Älteste Darstellung der Sanduhr, in der Hand der Temperantia,
Gemälde von Ambrogio Lorenzetti (Ausschnitt) im Friedenssaal
des Palazzo Communale von Siena 1338.
Aus diesen Gründen ersetzten die gleichlangen Uhrstunden allmählich die Tagzeiten des Stundengebets als Zeitangabe; was Beda empfohlen hatte, bürgerte sich nun ein. Das deutsche Wort Uhr wurde noch im 14.Jahrhundert vom lateinischen hora, näherhin vom italienischen ora entlehnt. Vor 1383 brachten die Nürnberger am Turm der Sebaldskirche eine Stundenglocke an, die der Türmer von Hand bediente; als sie 1396 ersetzt werden mußte, hieß die Nachfolgerin Orglogck und wurde mit einer Räderuhr verbunden. Wie die Nürnberger verweisen wir auf das Meßinstrument, wenn wir sagen, es sei 18 Uhr.

Daß es sichtbar am Kirchturm hing und hörbar die Stunde schlug, vereinheitlichte die Zeit nur im Kirchturmshorizont. Man zählte die Tagesstunden von Ort zu Ort anders: kleine Uhr, große Uhr, ganze Uhr, und selten begann man um Mitternacht wie wir. Trotzdem erschütterte die Räderuhr das Zeitbewußtsein des Spätmittelalters dadurch, daß sie die Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen aufdeckte. Sie schuf nicht ›die Neuzeit‹ und schon gar keine ›Weltzeit‹‚ wie Fortschrittsgläubige schwärmen; sie blockierte Bacons Synthese und ermutigte wenigstens vier Zeitauffassungen mit beträchtlichen ›Gangunterschieden‹. Alle vier verstanden die Uhr als Sinnbild für gemessene Lebensgestaltung inmitten chaotischer Umstände; jedoch waren die Zeichen am Zifferblatt nur schneller lesbar, nicht leichter deutbar als die Lettern des Buchs, mit dem Gelehrte die Welt vorher verglichen hatten.

Die beiden nichtgelehrten Symbolisierungen predigten Demut. Für die erste, spiritualisierte Zeit der Mystik möge der deutsche Dominikaner Heinrich Seuse stehen, mit seinem ›Horologium sapientiae‹ von 1334. In einer Vision erschien ihm die göttliche Milde des Erlösers in Gestalt einer kunstvollen Uhr, deren wohlklingende Glocken alle 24 Stunden schlugen. Räderuhr und Glockenspiel wurden zum Spiegelbild der Seele. Sie ließ sich durch Betrachtung des leidenden Christus jederzeit, ein Leben lang, zur ewigen Weisheit auferwecken und sich im Augenblick, »im Nu«, über alle äußere Zeit hinwegheben. Die gottliebende Seele empfand diese innere Zeit ähnlich wie Augustin, teilte sie aber allein mit ihrem Herrn, weder mit der Kirchengemeinde noch mit der Stadtkommune.

Quadrant. Eine Seite aus "Tractatus quadrantis veteris"
 von Robertus Anglicus von Montpellier, [Quelle]
Eine zweite, personalisierte Zeitanschauung wurzelte im Handwerk und kreiste um die Sanduhr, die im selben 14.Jahrhundert wie die Räderuhr aufkam. Auf der frühesten Abbildung, von Ambrogio Lorenzetti 1338 im Rathaus zu Siena gemalt, hielt Temperantia eine Sanduhr hoch. Da man seit Isidor von Sevilla tempus mit dieser Tugend verband, eignete sich die Sanduhr besonders als Symbol für Mäßigung, Gleichmaß, Bescheidung im Augenblick. Dem Arbeitenden führte sie zerrinnende Momente vor Augen, lautlos und ohne Zahltakt. Jeder Tätige gliederte und füllte sie anders, der Gelehrte im Gehäuse, der Prediger auf der Kanzel, der Verteidiger vor Gericht, der Seemann auf Wache, die Hausfrau am Herd. Doch in der Hand des Knochenmannes erinnerte sie alle an ihr letztes Stündlein und hielt sie an, den Moment zu nutzen, solange noch Zeit war: »Deine letzte ist eine von diesen«.

Zwei gelehrte Theorien predigten Stolz. Eine dritte, atomisierte Zeitvorstellung nutzte die Bruchteile von Stunden, die man zuvor allenfalls hatte berechnen, nicht darstellen können. Jetzt schlug die Turmuhr auch die halben und die Viertelstunden, und schon dachte man in Minuten und Sekunden, die bislang nur von Astronomen gebraucht worden waren. Ließ sich jetzt nicht endlich, wie Firmicus Maternus verlangt hatte, die Einwirkung der Planeten auf das Menschenschicksal zuverlässig ermitteln? Der Oxforder Mathematiker Richard von Wallingford, inzwischen zum Abt von St. Albans befördert, baute um 1330 nicht nur eine planetarische Räderuhr; er stellte Kleinkindern der Königsfamilie auch persönliche Horoskope und legte ihnen damit die ganze Zukunft in die Wiege. Damit fand er zahlreiche Nachahmer.

Der Naturwissenschaftler Nicole Oresme kann den vierten, mechanisierten Zeitbegriff der Spätscholastik vertreten. Oresme beschrieb 1377 in seinem französischen ›Buch vom Himmel und von der Welt‹ das Universum als horloge, als regelmäßiges Uhrwerk, das weder vorgeht noch nachgeht noch stehenbleibt und im Sommer wie im Winter, bei Nacht wie bei Tag seinen Dienst tut. Dann verglich er die Bewegungen der Himmelskörper direkt mit einer Räderuhr, die alle Kräfte durch die Hemmung ausbalanciert. »Das ist so ähnlich, wie wenn ein Mensch ein horloge gemacht hat und in Gang setzt und es sich dann von selber bewegt.« Vor allem die planetarische Uhr wurde zum Abbild des Kosmos, mehr zum verbesserten Astrolab als zum exakten Zeitmesser; ihre Konstrukteure konnten sich mit dem Schöpfer der Weltmaschine vergleichen.

Turmwächteruhr aus St. Sebald in Nürnberg, frühes 15. Jh.,
 heute Germanisches Nationalmuseum Nürnberg,
 Inventarnummer WI999.
Ungewiß, ob mit der ältesten Uhr von 1386 identisch,
16-Stunden-Zifferblatt, ein kleiner Wecker für den
Türmer, der dann die Glocke von Hand anschlug.
Gegen die Astrologen wandte Oresme ein, was die Komputisten gelernt hatten, daß Planetenbewegungen miteinander inkommensurabel waren, sich also nie wieder zu identischen Konstellationen trafen. Zifferblatt und Zeigerlauf bestätigten indes augenfällig die aristotelische Definition, Zeit als Zahl der Bewegung vom Früheren zum Späteren. Wenn Oresme am Himmel eine Uhr zu sehen meinte, schwebte ihm schließlich die große Räderuhr vor, die sein weiser König Karl V. 1362 auf dem Palast hatte anbringen lassen. Nach ihrem ziemlich launischen Glockenschlag mußten sich seit 1370 alle Pariser Kirchturmsuhren richten; sie teilte den Städtern ihren Arbeitstag zu. Wie soziale Zeit ablaufen sollte, befahl der König, der Konstrukteur par excellence.

Das moderne Zeitsystem der von Menschen gemachten Symbole war also am Ende des 14. Jahrhunderts bereits fertig ausgebaut; aber Europa war weniger denn je geneigt, seine Erdentage durch einen gemeinsamen Nenner zu dividieren. Die Reformkonzilien des frühen 15. Jahrhunderts unternahmen einen neuen Anlauf dazu, nachdem die päpstlichen Ansätze im Schisma steckengeblieben waren. Hatte ein Konzil, das von Nicaea 325, die vergangene Zeitordnung grundgelegt, so mußte ein neues Konzil sie zurechtrücken und damit der kirchlichen Wiedervereinigung die Zukunft sichern. Darum wünschten diese Versammlungen aller geistlichen, politischen und gelehrten Häupter der Christenheit verbesserte Zeitrechnung aufgrund präziser Zeitmessung. Kardinal Pierre d’Ailly trug dem Konstanzer Konzil 1417 eine schon 1411 verfaßte ›Exhortatio super correctione calendarii‹ vor, mit dem zeitkritischen Wortspiel, früher hätten große Männer mehr Sorgfalt verwandt auf die calculatio der Tage und Momente als auf die computatio der Pfennige und Moneten. Trotzdem pries der Franzose die Fortschritte der griechischen und arabischen Astronomen zur praecisa veritas, zur exakten Zeitmessung; ihnen müsse sich das veraltete Wissen christlicher compotistae beugen.

Allerdings repetierte der modernistische Kardinal bloß die alten Vorschläge von Grosseteste und Bacon. Mit Bacons Worten räumte er ein, was seit den Alfonsinischen Tafeln nicht mehr ganz zutraf, »daß uns die wahre Dauer des Jahres noch nicht mit voller Sicherheit bekannt ist«, und empfahl wie einst Reiner von Paderborn, sich am althebräischen Kalender zu orientieren. Worin unterschied sich dann der Fortschritt zur Präzision vom Rückfall in die Tradition? Wenn die Astronomie noch immer keine exakten Daten liefern konnte, zogen es gewissenhafte Konzilsväter vor, das Reformprojekt zu vertagen. Anscheinend war die Wissenschaft mit ihren Messungen noch nicht so weit, und wissenschaftlich mußte die Reform nun einmal sein, wenn ihr die Christenheit vertrauen sollte.

Andere Ansicht der Sebalder Uhr (WI999)
Wissenschaft war unterdes kein Reservat der Lateinkundigen und der Geistlichen mehr. Der bedeutendste englische Dichter des Mittelalters, Geoffrey Chaucer, schrieb schon 1391 einen englischen Traktat über das Astrolab und lehrte seinen Sohn, die kirchliche Glockenzeit nachzumessen und nachzurechnen, to calcule, mit dem Calculer, dem ›Uhrzeiger‹ des Astrolabs. Allerdings strebte ein Laie nicht nach jener Genauigkeit, die ein Astrologien mit den Alfonsinischen Tafeln erreichte; Fachleuten überließ er auch die Berechnung der holy daies in the Kalender. Ein Geschäftsmann mußte sich nur zurechtfinden in Zeit und Raum, zu Wasser und zu Land, das derzeitige Datum des julianischen Sonnenjahres auf Tag und Stunde genau abzählen und durch Sternvermessung seinen Standort und die Himmelsrichtungen fixieren können. Für die Messung kurzer Zeiten entlehnte wohl einer von Chaucers Schülern das französische Substantiv compte aus dem ›Rosenroman‹. Ein anderer Nachahmer Chaucers, wahrscheinlich der Benediktiner John Lydgate, wandelte das Wort 1413 für die Berechnung des langfristigen Kalenders latinisierend zu compute ab; um 1420 führte Lydgate computacioun ein. Das hieß mitnichten, daß sich die Laien den Kopf über Komputistik zerbrachen; ihr Werktag drehte sich um näherliegende Sorgen und tiefergehende Einschnitte.

Nikolaus von Kues hatte dieses Achselzucken der Laien vor Augen, als er für das Baseler Konzil 1436 ›De correctione kalendarii‹ schrieb. Unbarmherzig hielt er fest, daß die pünktliche Wahrheit der Zeitverschiebungen, punctalis veritas, sogar mit den größten Instrumenten bisher nicht in unfehlbarem Versuch habe gemessen werden können. Auf Fortschritte der Wissenschaft sei nicht zu hoffen. Himmelsbewegung und Menschenverstand hätten gar kein gemeinsames Maß. Zwischen den Bahnen der Himmelslichter selbst bestehe ein Mißverhältnis, disproportio; aus früheren Regelmäßigkeiten dürfe man nicht auf künftige schließen. Die Astronomen seien seit Alfons dem Weisen in ihrer subtilen Art noch mehr auf Präzision versessen als die computistae vom Schlag Sacroboscos‚ und die hätten auf ihre grobe Weise, modo grosso, schon die gesamte Weltzeit in ein viel zu genaues Schema gezwängt, mit fixierten Ausgangstagen für die Frühlingsgleiche von Tag und Nacht und mit gleichmäßigen Zyklen für die Umdrehungen von Sonne und Mond.

Weitere Ansicht der Sebalder Uhr (WI999).
Um auf künftige Zeitschwankungen wendiger zu reagieren, möge das Konzil einmal, an Pfingsten 1439, zwischen Sonntag und Montag eine ganze Woche ausfallen lassen. »Weil es ein bewegliches Fest ist, überlegt die Allgemeinheit, vulgus, nicht, auf den wievielten Tag (des Monats) es fällt.« Ferner sollte der kombinierte Sonnen- und Mondzyklus der Lateiner durch den byzantinischen reinen Mondzyklus ersetzt und schließlich das Kalenderjahr je nach Bedarf, vorerst alle 304 Jahre, um einen Schalttag gekürzt werden. Zwei Einwänden begegnete Nikolaus: daß Astronomen, calculatores, die mit den Alfonsinischen Tafeln rechneten, verwirrt würden und daß Ökonomen zu Schaden kämen, die Termingelder und Zinszahlungen abgemacht hätten. Beiden Gruppen mutete der Cusaner Interimslösungen zu, angesichts einer religiösen Erneuerung, die Juden, Griechen und Lateiner zusammenführen und das Konzil von Basel als Stifter einer neuen Ära in ewigem Angedenken halten werde. Zum ersten Mal seit Augustus erschien eine neue Zeitrechnung als Beginn einer neuen Zeit. Wenn sich ›die Neuzeit‹ irgendwo ankündigte, dann hier. Es kam nicht dazu, weil das Konzil, ohnehin gespalten, keinen weiteren Anlaß zum Hader schaffen wollte und, nicht anders als der gemeine Mann, Experi- mente mit einer offenen Zukunft fürchtete.

Die Wiener Universitätslehrer Johannes von Gmunden und Johannes Regiomontanus entwarfen 1439 und 1474 lateinische Kalender, die alsbald ins Deutsche übersetzt und früh gedruckt wurden. Sie berechneten die derzeitigen Mondphasen für ein halbes Jahrhundert voraus und lieferten so der Zeitrechnung wichtige, von jedermann nachprüfbare Anhaltspunkte, machten aber keine generellen Reformvorschläge für den Kalender. Sie wollten dessen Termine bloß für überschaubare Zukunft festgelegt sehen. Das fünfte Laterankonzil von 1512-17 vertagte die Kalenderreform erneut, weil die Astronomen noch immer nicht die exakte Korrelation zwischen Sonnenjahr und Mondmonat angeben konnten. Von pünktlicher Zeitmessung erhofften sich die Gebildeten inzwischen mehr als von grober Zeitrechnung; aber noch am Ende wie am Anfang galt der Epoche des Computus Zeitbestimmung nicht als Selbstzweck. Das europäische Mittelalter wollte nicht beim antiken Kalender verharren, nicht in eine moderne Zukunft aufbrechen, nur seine Gegenwart einstweilen erträglich gestalten.

Quelle: Arno Borst: Computus. Zeit und Zahl in der Geschichte Europas. Kleine Kulturwissenschaftliche Bibliothek 28, Wagenbach, Berlin 1990. ISBN 3 8031 5128 7. Zitiert wurde Kapitel »Räderuhren und Gangunterschiede im 14. und 15. Jahrhundert«, Seite 77-83.

Im Infopaket befindet sich auch die wissenschaftliche Abhandlung "Die ältesten Räderuhren und modernen Sonnenuhren" von Ernst Zinner (Naturforschende Gesellschaft Bamberg).


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7. Dezember 2017

Songs of Carl Michael Bellmann (Martin Best)

Carl Michael Bellman - dieser Name besitzt für jeden Schweden Zauberkraft. „Mehr als einmal”, so berichtet der deutsche Dramatiker und Bellman-Verehrer Carl Zuckmayer, „habe ich das erlebt. Ich erinnere mich an solche Begegnungen an Bord eines Ozeandampfers und in einem Flugzeug, hoch über Europa, als ich zufällig eine Bellman-Melodie vor mich hin summte und plötzlich ein fremder Mensch ganz fasziniert auf mich zukam und sagte: ‚Ich bin Schwede - woher kennen Sie Bellman?” Kennt man ihn aber wirklich, so wird verständlich, warum er noch heute, hundertsiebzig Jahre nach seinem Tode, Gegenstand eines Kultes ist, der seine Anhänger und Diener, seine Zeremonien und Einrichtungen hat. Und wenn jedes Jahr am 26. Juli, dem Bellmans-Tage, Szenen aus Fredmans Episteln in Originalkostümen vorgeführt, wenn heute noch seine Texte und Melodien von jung und alt wie Volkslieder gesungen werden, dann begreift man den Vorschlag, den einst Oscar Levertin (1862 bis 1906), Bellmans Landsmann und Dichterkollege, unterbreitete: statt des legendären, aber langweiligen St. Erik Bellmans poetische Zentralgestalt, St. Fredman, zum Stadtheiligen Stockholms zu ernennen. Ganz ohne Zweifel aber würde sich Fredman, dieser urwüchsige Spielmann und Zecher, auf den Flaschenetiketten des Stockholmer St.-Erik-Pilsners besser ausnehmen als der jetzige Schutzheilige der Stadt am Mälar.

Bellman ist heute in deutschsprachigen Landen so wenig ein Begriff, daß selbst Literaturbeflissene kaum seinen Namen kennen, geschweige denn Fredmans Episteln, die Kunde geben von einem Dichterdasein, das gleichermaßen dem Augenblick wie dem Unvergänglichen gehört. Diese in der Weltliteratur so einzigartig originelle Dichtung, von der J. H. Kellgren im Vorwort zur Erstausgabe der Episteln (1790) überschwenglich schrieb, daß sie „ohne Vorbild war und ohne Nachfolge bleiben wird”, wirft — allein schon durch ihre Verwobenheit von Wort und Musik — so viele Fragen auf, daß der Leser zum Verstehen des Problemkreises um Bellmans Wirken und Wirkung in seiner Zeit einiger Erläuterungen nicht entraten kann.

Die Literatur der skandinavischen Länder gleicht, von außen gesehen, in hohem Maße einer Enklave. Nur wenigen Großen ist es gelungen, die durch Sprachgrenzen aufgerichtete Mauer zur Außenwelt zu durchbrechen, und das waren vorzugsweise Dramatiker wie Ibsen und Strindberg. Neben ihnen hätte vielleicht noch Carl Michael Bellman als dritter Nordländer die europäische literarische Entwicklung wirklich beeinflussen können, wenn er nicht Lyriker, und zwar schwer übersetzbarer Lyriker gewesen wäre. Seine Episteln, die Oscar Levertin „das teuerste und heiligste Werk der schwedischen Poesie” genannt hat, sind der Schlüssel zu vielen seelischen Geheimnissen des Landes. Bellman, dieser lachende Verkünder der Seligkeit leiblicher Wonnen und eines unlöschbaren Durstes, half durch seine Kunst mit der Vorstellung aufräumen, Schwedens Poesie sei von zu schwerem Ernst geprägt. […]

Bei der Beurteilung der Persönlichkeit des Dichters, insbesondere seiner Lebensweise, stößt der Interessierte in der Bellman-Literatur auf grobe Widersprüchlichkeiten. Ernst Moritz Arndt, der in Deutschland als erster die poetische Bedeutung des großen Schweden würdigte, nannte ihn einen „der außerordentlichsten Menschen, die jemals gelebt haben”. Für einige deutsche Literaturhistoriker des vorigen Jahrhunderts war er ein „Wüstling” (Johannes Scherr), und Carl Zuckmayer schrieb noch in jüngster Zeit: „Ja, er war ein Trinker, der Schwede Carl Michael, er hat vielleicht öfter im Rinnstein geschlafen als in einem braven und ordentlichen Bett, man behauptet sogar, er habe sich totgesoffen ...” Der Lyriker Oscar Levertin scheint das zu bestätigen, wenn er behauptet, der Dichter-Sänger sei ein nach Branntwein riechender Kneipenkunde gewesen, „der die von den Vätern ererbte Laute buchstäblich für Fusel verpfändet”.

Solchen Aussagen stehen andere diametral gegenüber. So schreibt beispielsweise P. D. A. Atterbom (1790-1855), Bellmans erster Biograph: „Es war schwer, mit ihm bekannt zu werden, ebenso schwer, ihn zu irgendeinem Gelage zu locken, und nur seinen intimsten Freunden gelang es, wenn sie es fein anstellten, ihn mit sich zu führen und ihn zum Trinken und Singen zu bewegen. Sein Wirtshausleben bestand darin, daß er bei einer Flasche Halbbier und einer Pfeife stundenlang in einer Ecke saß, das Gewimmel betrachtete und die Originale zu seinen Figuren studierte.” Offensichtlich hat die Legendenbildung um den „schwedischen Anakreon”, wie Bellman von seinem königlichen Gönner Gustav III. (1746-1792) genannt wurde, nicht zuletzt auch in solchen Widersprüchen ihre Grundlage.

Carl Michael Bellman ist 1740 in Stockholm geboren und 1795 hier gestorben. Ungewöhnlich sind bei ihm Leben und Dichtung, ungewöhnlich auch sind die Worte, mit denen seine Autobiographie beginnt, geschrieben in der Schuldhaft, kurz vor seinem Tode: „Wie ich sowohl von der moralischen als physischen Natur allgemein bekannt bin, wird man mir zugestehen, daß ich ein Herr von sehr geringem Tiefsinn bin und nicht danach frage, ob sich die Sonne bewegt oder die Erde um ihre Achse dreht.” Es scheint natürlich, daß ein Mann von solcher Wesensart dem fröhlichen Leichtsinn der Zeit mehr Verständnis entgegenbrachte als ihrem Ernst. Doch schließt dies einen Zug von Sensibilität in Bellmans Werk nicht aus, und die übermütigen‚ unbekümmerten Worte aus seinem Lebensbericht stehen in einem merkwürdigen Kontrast zu der Skepsis, die aus seinen Gesichtszügen spricht, so wie sie uns der Bildhauer J. T. Sergel, des Dichters Freund, in seiner Skizze Bellman studerar überliefert hat.

Södermalm ist der Stadtteil Stockholms, wo der Dichter, Sohn des Königlichen Sekretärs an der Schloßkanzlei und Enkel eines angesehenen Upsalaer Universitätsprofessors, im eigentlichen Sinne heimisch war. Hier wuchs er heran, hier empfing er auch seine entscheidenden Eindrücke vom Leben mit allen dazugehörigen grellen und verwirrenden Gegensätzen. In den Vorstädten des Südens, wo Bellman als Kind spielte, lebte, vom Elend und Alkohol gezeichnet, ein Großteil der arbeitslosen Bevölkerung Stockholms. Besonders Södermalm war Mitte des 18. Jahrhunderts ein Ort scharfer sozialer Kontraste. Zwischen den vornehmen Vorstadtbürgerhöfen mit ihren prächtigen Gartenanlagen standen die Holzhütten der Ärmsten sowie Schenken zweifelhaftester Sorte. Hier rückten wohl auch zuerst die Urbilder der Fredman-Figuren aus Stockholms heruntergekommener Kleinbürgerwelt in den Gesichtskreis des angehenden Dichters.

Irgendwelchen engeren persönlichen Umgang mit diesen Krugnymphen und Kneipenhelden, „Brüdern und Schwestern in Bacchi”, die ihm so recht die pittoreske und verwilderte Folie für seine orgiastischen Ausschreitungen lieferten, dürfte er kaum gehabt haben - abgesehen von der Liaison, die ihn mit Maria Christina Kiellström, dem Modell seiner Ulla Winblad, verbunden hat. Thematisch sind die Fredman-Dichtungen zumeist innerhalb der untersten Gesellschaftsschicht angesiedelt. Und Fredmans Kumpane, all diese zerlumpten Sonderlinge und überschwenglichen Lobredner des Lebensgenusses, die tanzen und singen, musizieren und Karten spielen, die saufen, huren und sich gegenseitig verprügeln, sind teilweise auch die Konsumenten dieser Kunst. Die dargestellte Lust ist oft niedrig, aber sie erniedrigt den Dichter nicht.

In vielen Episteln setzte er durch seine anspruchsvollen poetischen und musikalischen Intentionen Maßstäbe, denen nur ein ästhetisch gebildeter Zuhörerkreis aus dem Besitzbürgertum oder aus der Hofgesellschaft gerecht werden konnte. Im übrigen war er der Lebenssphäre dieser Kreise eng verhaftet. Höhere Regierungs- und Hofbeamte, vor allem aber namhafte Künstler, bildeten den Bekannten- und Freundeskreis des Poeten. Staatssekretär Elis Schröderheim zählte dazu, Stadtbaumeister Palmstedt, in dessen Haus — Svartmangatan 22 — sich regelmäßig der ganze gustavianische Künstlerkreis versammelte, ferner die Maler Hilleström und Martin, der Bildhauer Sergel, Uttini, Dirigent am Königlichen Theater, und auch der in Kunstfragen Tonangebende der Zeit, J. H. Kellgren, erster Präsident der von Gustav III. begründeten Schwedischen Akademie. […]

Mit dem Machtantritt Gustavs III. 1771 begann die äußerlich glücklichste Zeit in Bellmans Dasein. Er, der seit dem 18. Lebensjahr schon verschiedene Beamtenstellungen mehr schlecht als recht ausgefüllt und dabei stets Schulden und Verse gemacht hatte, gewann durch Vermittlung des Staatssekretärs Elis Schröderheim die Gunst des kunstsinnigen Monarchen, der ihm 1775 eine jährliche Pension, 1776 den Titel eines Hofsekretärs und als Sinekure ein Amt bei der Staatlichen Nummernlotterie gab. Diese wirtschaftliche Sicherstellung hatte entscheidenden Einfluß auf Bellmans poetische Produktion, so daß er 1790, zwei Jahre bevor sein hoher Gönner einer Adelsverschwörung zum Opfer fiel, sein Hauptwerk, Fredmans Episteln, in Buchform vorlegen konnte.

Rund zweieinhalb Jahrzehnte schöpferischen Bemühens verwandte der Dichter auf diesen Zyklus — „Episteln” genannt in spöttisch-scherzhafter Bezugnahme auf die Episteln des Apostel Paulus. Das Bibelparodistische ist in jenen Jahrzehnten in vielen Ländern Europas Ausdruck des aufklärerischen Zeitgeistes und besonders in der französischen Literatur und Publizistik stark ausgebildet. Voltaires Korrespondenz und Grimms „Journal” zeugen davon. In der tonangebenden schwedischen Gesellschaft, die […] ganz unter dem geistigen und kulturellen Einfluß Frankreichs stand, war die bibelparodierende und bibeltravestierende Dichtung weit verbreitet. Nicht zuletzt mag ihr Olof Dalin‚ Prinzenerzieher und Hofpoet unter der Voltairianerin Königin Louise-Ulrike — der Mutter Gustavs III. —‚ mit seinen Spottpredigten zum Durchbruch verholfen haben. Die Evangelien zu parodieren wurde offensichtlich auch bald in Bürger- und Kleinbürgerkreisen allgemeines Belustigungsmittel, denn in der Zeitung „Posten” klagt um jene Zeit wiederholt ein Sittenzensor, daß man schon so weit in der Unverfrorenheit gekommen sei, die Mahlzeitpsalmen durch „profane Lieder über Moses, Aron, Josef und viele große biblische Männer” zu ersetzen.

Indessen — Bellmans ursprüngliche Absicht, in enger Anlehnung an Apostel Paulus’ epistolare Wirksamkeit den Jüngern Fredmans durch diesen das Evangelium Bacchi predigen zu lassen, gelangte nicht zur Durchführung. Die Episteln sind von ihrem inneren Zusammenhang her keine Sammlung bibelparodierender Trinklieder, wodurch sie als Kunstwerk nicht verloren, sondern nur gewonnen haben. Bellmans Meisterschaft auf diesem Felde kann man vielmehr in der Gedichtsammlung nachspüren, die den Namen Fredmans Lieder trägt (Erstausgabe 1791). […] Zwar sind in einem Teil der Episteln, besonders denen älteren Datums, parodierende und travestierende Anklänge in der inneren Stimmung wie in der äußeren Einkleidung des Ganzen zu finden — doch im gesamten Zyklus überwiegen die episch-dramatisch-lyrischen Genrebilder mit Motiven aus dem zeitgenössischen Stockholm. Verknüpft ist das alles mit einer Fülle hinreißender Landschaftsschilderungen aus der Umgebung der Mälarstadt, eine Erscheinung, die nur vor dem Hintergrunde der eifrigen Naturbewunderung der Rousseau-Zeit verstanden werden kann. Eine besonders breite Ausmalung erfährt das Leben in den Schenken. Hier wird das Trinklied zur szenischen Vorstellung unter Regie des überall gegenwärtigen Fredman, der das Evangelium des Lebensrausches verkündet, in dem Wein, Weib und Gesang die Dominanten sind.

Bellmans Morgensuppe mit belegten Brötchen.
 Zeichnung von J. T. Sergel um 1790
In den Episteln, von denen viele schon vor Erscheinen in Buchform als Flugblätter gedruckt und verteilt waren, preist Bellman Stockholms Kleinbürgerboheme in teilweise deutlich identifizierbaren Vertretern. Aus der Wirklichkeit, aus der er den bacchanalischen Geschwisterkreis holte, haben sie alle ihre Gebrechen mitgebracht, moralische wie physische, aber auch das Adelszeichen der Lebensfreude. Da ist Fredman — Bellmans anderes Ich — vom Dichter vorgestellt als „bekannter Uhrmacher in Stockholm‚ ohne Uhr, Werkstatt und Geschäft”. Sein Tiefsinn und Elend bestehen darin, daß das Ticktack des Zeitmessers niemals in seinem Ohr verstummt. Und je heftiger die Zeit voranschreitet, an Alter und mögliches Siechtum mahnend, desto wilder werden sein Lebensdurst und sein Begehren, Herr der Zeit zu sein und nicht ihr Sklave. Um diesen Exponenten einer Genußphilosophie gruppiert der Spielleiter Bellman einen burlesken Zug von Stockholmer Originalen seines wirklichen und imaginären Umgangs: Wirtshausmädchen‚ Kneipiers, Musikanten, ausgediente Korporäle, heruntergekommene Handwerksgesellen und die große Schar der Straßen-Nymphen. Krone des bacchantischen Aufzuges und Lustquell all der eifrigen Trinker und unermüdlichen Liebhaber ist Ulla Winblad, Krugmamsell und sangeskundige Vortänzerin, der alle den Hof machen und für die jede Nacht eine Brautnacht ist. […]

Daß die Musik ein integrierender Bestandteil dieser Dichtung ist, hatte schon J. H. Kellgren in seiner Einleitung zur Erstausgabe der Episteln festgestellt: „Sicher kennt man nur die Hälfte vom Wert dieser Poeme, wenn man sie nur als Poeme kennt. Noch nie waren Dichtung und Tonkunst brüderlicher vereint. Es sind keine Verse, die zu dieser Musik gemacht wurden, es ist keine Musik, die zu diesen Versen geschrieben wurde — beide haben die gegenseitigen Vorzüge so angezogen, sie so zu einer einzigen Schönheit verschmolzen, da8 keine von beiden Seiten um ihrer Vollkommenheit willen die andere missen möchte ...” Der dänische Musikwissenschaftler Torben Krogh […] hat dargestellt, in welcher Weise Bellman seinen Episteln und Liedern in großem Ausmaß geliehene Melodien unterlegte und dabei durch die bewußt angewendete Kontrastwirkung zwischen Musik und Text jene parodistischen Effekte erzielte, die das Eigentümlich-Originelle dieser musikalischen Dichtung ausmachen. […]

Bellmans musikalische Anleihen reichen von Händel über Haydn bis zu Mozart, seine Melodien wurzeln in Opern und komischen Opern der Zeit, vor allem aber in den klassischen französischen Liedersammlungen des 18. Jahrhunderts (wie beispielsweise Nouveau recueil de chansons choisies, Paris 1735-1743). Frankreich, dessen Kultur, Sitten und Denkweisen von der gustavianischen Gesellschaft kopiert wurden, war in ausgeprägtem Maße ein Land des Liedes, des Chansons. Hier hatte die musikalische Parodie bereits in vielfachen Formen eine hohe Ausprägung erfahren, im Tisch- und Trinklied ebenso wie im satirischen, politischen und erotischen Chanson, besonders aber im Vaudeville, dem Liederspiel der „Forains”, der Schauspieler der Pariser Jahrmarktstheater. Und das „Theatre de la foire”, das mit seiner Vortragskunst die antiken Helden der steifen klassizistischen Operntragödien vom Sockel gestoßen hatte, lieferte vielfach auch die Menuette, Rigaudons, Kontretänze, Ritornelle und Pastoralen, auf die Fredmans Lieder und Episteln geschrieben sind. Aber ihr Verfasser entlehnte (zum Beispiel die Melodie zu Epistel 18 aus Gays The Beggar's Opera), transponierte, modifizierte und arrangierte in einer Weise, die es keineswegs ungebührlich macht, von typischen Bellmanschen Melodien zu sprechen und von einem zutiefst schwedischen Werk. […]

Carl Michael Bellman schuf zu seinem und unserem Vergnügen die Fredman-Gestalt. Er versah sie mit seinem ungestümen Temperament, mit seinem höchst verfeinerten Gefühl für eine musikalisch-literarische Vortragskunst, die auch noch den unbedeutendsten und niedrigsten Gegenstand poetisch zu sublimieren wußte. Die Fredman-Dichtungen versetzen uns in eine bacchantische und amouröse Welt, die ebenso der Derbheit wie der Grazie fähig ist, die der Wirklichkeit wie der Phantasie angehört. Mag diese poetische und wirkliche Welt auch einer ganz bestimmten Zeitepoche abgewonnen sein — im Gmnde ist sie alterslos, jung und strotzend vor Vitalität. Fern sind ihr die trällernden Verse fadenscheiniger Lebenslust, die als „Anakreontea” im Rokoko Auferstehung feierten. Zwar ist auch den Fredman-Figuren der Zierat des Rokokos nicht fremd, doch im wesentlichen hat sie ihr Schöpfer in der kräftigen Manier alter Holzschneider gezeichnet, und so kann ihre Poesie heute unverwelkt auf uns Nachfahren wirken.

Quelle: Hans Marquardt: Nachwort zu: Carl Michael Bellmann: Fredmans Episteln an diese und jene, aber hauptsächlich an Ulla Winblad. Reclam, Leipzig 1978. [Gekürzt]

100 Kronen, Schweden 2014: "Carl Michael Bellman"

TRACKLIST
 
 
SONGS OF

CARL MICHAEL BELLMAN
(1740-1795)

MARTIN BEST
tenor, cyster, guitar

01. Epistle 2   - So Screw up the fiddle                    [02:02]
02. Epistle 71  - Ulla, my Ulla, What sayest to my offer    [04:09]
03. Song 31     - Up Amaryllis! Sweetheart, goodmorning     [02:28]
04. Epistle 82  - Come now, ourselves reposing              [05:43]
05. Song 56     - When I'm sitting with my glass            [01:52]
06. Song 16     - Am I born, then I'll be living            [01:25]
07. Cradle Song - Sleep, sweet tiny Carl in peace           [02:15]
08. Song 64     - O'er the misty park of Haga               [02:45]
09. Song 14     - If 6000 Dalers they gave me               [03:07]
10. Epistle 52  - Movitz we are foresaken                   [03:16]
11. Epistle 80  - As festive a comely shepherdess           [04:29]
12. Song 32     - Come forth, O Lord of night               [04:44]
13. Song 38     - A Potiphar's wife in her beauteous way    [01:34]
14. Epistle 54  - Never an Iris upon these pallid fields    [05:12]

                                         Total playing time [45:01]

Recorded at Wyastone Leys, Monmouth, 14-15th June 1982
Cover: Portrait of Bellman by Per Krafft (The Elder), National Museum, Stockholm
(P) + (C) 1989 


Track 02. Epistle 71 - Ulla, my Ulla, What sayest to my offer

Fredmans Epistel Nr 71

an Ulla am Fenster der Fischerhütte,
um die Mittagszeit an einem Sommertag


Ulla, ach Ulla, was darf ich dir bringen?
Saftige Beeren in Milch und Wein?
Frische Karauschen, die zappeln und springen,
Oder ein sprudelndes Quellwässerlein?
Wind öffnet Türen, sie knarren und schwingen,
Blumen und Tannen, sie duften stark.
Sprühende Wolken dir Sonnenschein bringen,
Sei ohne Arg.

Sie ist einfach schön, die Fischerhütte, was?
So himmlisch anzuschauen, ja
Und der stramme Birkenstamm im grünen Gras,
Vom Tau so naß.
Aus der Bucht erheben
Sich zwei Hügel nah,
In der Ferne zwischen Gräben
Wiesen, ah!
Sind sie denn nicht göttlich, diese Auen da?
O göttlich, ja, o göttlich, ja!

Prosit und Wohlsein, du Schöne am Fenster,
Hörst du das Glockengetön der Stadt?
Sieh, wie der Staub sich auf Gras legt und Ginster,
Grau wird die Wiese vom Huf und vom Rad.
Reich aus dem Fenster, sieh ich entspanne
Schläfrig vom Ritte, den Hoglandwein.
Primo den Zwieback, sekundo die Kanne,
Laß mich rein!

Sie ist einfach schön, die Fischerhütte, was?
So himmlisch anzuschauen, ja
Und der stramme Birkenstamm im grünen Gras,
Vom Tau so naß.
Aus der Bucht erheben
Sich zwei Hügel nah,
In der Ferne zwischen Gräben
Wiesen, ah!
Sind sie denn nicht göttlich, diese Auen da?
O göttlich, ja, o göttlich, ja!

Ulla, komm, laß meinen Hengst an die Raufe,
Wiehernd und stampfend, noch scharf vom Lauf.
Noch aus der Stalltür hörst du sein Geschnaufe,
Schaut er zu dir dort am Fenster hinauf.
Alle Natur heizt du auf bis zur Flamme,
Mit deinen Augen verbrennst du Glut.
Prost schon am Zauntor, erhitze die Pfanne,
Kühl mein Blut!

Sie ist einfach schön, die Fischerhütte, was?
So himmlisch anzuschauen, ja
Und der stramme Birkenstamm im grünen Gras,
Vom Tau so naß.
Aus der Bucht erheben
Sich zwei Hügel nah,
In der Ferne zwischen Gräben
Wiesen, ah!
Sind sie denn nicht göttlich, diese Auen da?
O göttlich, ja, o göttlich, ja!


Track 04. Epistle 82 - Come now, ourselves reposing

Fredmans Epistel Nr. 82

über einen unvorbereiteten Abschied,
verkündet bei Ulla Winblads Frühstück
an einem Sommermorgen im Grünen


Raste an dieser Quelle,
Dein kleines Frühstück ich hinstelle,
Rotwein mit Pimpernelle
Und einen Fisch, den ich dir fang.
Prost, Ulla! hei wie sollen
Aus unserm Korbe bald die vollen
Flaschen geleeret rollen
Voll Duft hinab den Wiesenhang.

Der Mittagstrank
Er schäumt im Krug so helle,
So schimmernd blank.

Raste an dieser Quelle,
Hör meines Waldhorns Zauberklang,
Des Waldhorns Zauberklang.

Lustig ist anzuschauen
Der alte Eber bei den Sauen,
Hör nur die Katz miauen
Und wie vergnügt der Hofhund bellt.
Gockelhahn will mit Schreien
Uns schönen Abend prophezeien,
Rings tiriliert in Reihen
Die allerliebste Vogelwelt.

Wenns dir gefällt,
Jetzt den Kaffee zu brauen,
Topf aufgestellt!

Lustig sind anzuschauen
Die Tierlein all in Wald und Feld,
Die Tierlein in Wald und Feld.

Wie ist geschmückt die Runde.
Laubbäume stehn im Hintergrunde.
Anmutig zur Rotunde
Formieret sich der grüne Wald.
Südwind bewegt die Bäume
Und kräuselt niedlich ihre Säume,
Hell füllt und Grau die Räume,
Die kleinen Wolken weiß geballt.

Fest, Ulla, halt
Dein Glas in dieser Stunde.
Staub sind wir bald.

Wie ist geschmückt die Runde
Von bunter Blumen Wohlgestalt,
Von bunter Wohlgestalt.

Sehet, wie schön sie schreitet,
Wenn sie Oliven zubereitet,
Eier schön ausgebreitet
Auf einem rosgen Teller trägt,
Wenn sie den Löffel wendet
Und überm Napf den Rahm verschwendet,
Wenn sie ein Küßchen sendet,
Wenn sie den Mandelzopf vorlegt‚

Ein Hühnchen wägt,
Den Flügel seitab spreitet
Und ihn absägt.

Sehet, wie schön sie schreitet
Und schwitzt vergnüglich aufgeregt,
Vergnüglich aufgeregt.

Blaset, ihr Musikanten,
Bei Äols Wehn von Berg und Kanten,
Singet, trotz alter Tanten
Scheel-eifersüchtgem Haargerauf.
Brüder, ein Glas vor Tische
Und pro secundo dann zum Fische.
Krugwirt, der mörderische,
Bedenkt nur seinen Schnapsverkauf.

Ein Prosit auf
Ulla Winblads Amanten:
Euch allzuhauf!

Blaset‚ ihr Musikanten,
Und jeder seinen Klaren sauf,
Ja, seinen Klaren sauf.

Jetzo und ohne Klagen
Will ich den Abschied dir antragen,
Lebwohl gilt es zu sagen
Bei Instrumenten Jubellaut.
Ich fühl der Jahre Schwere,
Bin nicht so jung, wie ich gern wäre,
Klotho schon wetzt die Schere,
Der alte Charon Tabak kaut.

Komm, Venus traut,
Schlüpf, um nicht‘ zu verzagen,
In Bacchus’ Haut.

Jetzo und ohne Klagen
Zum letzten Male Fredmans Braut,
Zum letzten Male Braut.


Track 05. Song 56 - When I'm sitting with my glass

Fredmans Lied Nr. 56

enthaltend seine Nota bene

Wenn ich Geld hab, eins zu trinken,
Nota bene: Wein vom Rhein,
Und ein Weib, drin zu versinken,
Nota bene: ganz allein,
Bin ich voller Seligkeit,
Nota bene: kurze Zeit.

Unsre Zeiten sind gar herrlich,
Nota bene: bißchen schwer,
Die Ganoven sind begehrlich,
Die Verdienste gehen leer.
Mancher glaubt sich frei und stark -
Nota bene: alles Quark.

Brauchte mich den Teufel scheren,
Aber nota bene: nie
Soll das Elend mir zerstören
Deines Leibes Poesie.
Wein und Liebe in mir loht
Nota bene: bis zum Tod.



Track 06. Song 16 - Am I born, then I'll be living

Fredmans Lied Nr. 16

darinnen von Nektar, Busen
und anderen Herrlichkeiten die Rede ist


Ich bin da, und ich will leben,
Daß ich meine Zeit genieß,
Wie's der alte Adam eben
Tat im Paradies.

Will gebratne Sperlinge ins Maul,
Nektar trinken und auf Rosenbetten schlafen faul,
Einen Schatz, den ich am Busen kraul,
Lieder singen, Polka tanzen, torkeln wie ein Gaul.

Will beim Glas den Tag beenden
Und beim Mädchen wachen auf;
Nur Ermatttung in den Lenden
Bremset meinen Lauf.

Grinse, Fredman, wenn du eilig
Dieses Jammertal durchtrabst,
Venus sei dem Herzen heilig,
Bacchus Kehlen-Papst.

Tadel jemand meine Sauferein,
Wünsch ich ihm die glühnde Hölle in den Hals hinein,
Und mißfällt ihm Chloris’ weißes Bein,
Soll er ein verschrumpelter Kapaun für immer sein.

Feiert, Kerls, die Lebensfeier,
Brüllet vivat, hoch und hick,
Bis des Todes Nebelschleier
Trübet unsern Blick.


Track 11. Epistle 80 - As festive a comely shepherdess

Fredmans Epistel Nr. 80

betreffend Ulla Winblads Lustreise nach Första Torpet
vor dem Katzenschwanzzoll


Mit freiem Arm, schlank wie ein Reh,
Es war wohl ein Junitag,
Bekränzt mit Kamille und rotem Klee,
Und was sonst im Grase lag,
Wie eine Hirtin, freundlich zu schaun,
Fuhr Ulla Winblad über die Aun.
Saß kerzengrade im Geleit,
Die Haare, die flogen ihr weit.

Sie hat wohl die Zügel selbst geführt,
Der Grauschimmel, der war zahm,
Als sie, den Busen im Schleier verschnürt,
Zu Mollbergs Behausung kam.
Die Kate stand direkt vor dem Zoll,
Dort, wo man Krabbenfleisch rösten soll
Und wo die Wellenbucht so klar
Wie Ullas Spiegel war.

Dort fuhr Ulla durch das enge Tor,
Und Mollberg, der sah sie an.
Ihr Halstüchlein war aus hellblauem Flor,
Und Zephyr nestelte dran.
Die weiße Bluse schmiegte sich so,
Das Schnupftuch steckte ihr irgendwo,
Wo Ulla ihren Busen hat,
Der Mollberg, da sah er sich satt.

Nun merkt es euch: zwischen hohem Farn,
Und wo der Wacholder blüht,
Dort, wo der Ochse den hölzernen Karrn,
Der Weg seine Schleifen zieht,
Dort zwischen Kühen, Ziegen und Käs
Sprang Ulla aus der schaukelnden Chaise,
Erlöst und durstig, ihr war warm,
In Mollbergs behutsamen Arm.

Sie gingen hinein, es roch so frisch
Nach Kornblumen und nach Raps.
Dort stand schon ein Flaschenwald auf dem Tisch,
Mit Wein und mit scharfem Schnaps.
Ein Becher aus Holz war auch dabei,
Bis oben voll, ihr wurde so frei!
Sie trank, was ihre Augen sahn.
Im Kellerhaus krähte der Hahn.

Der Becher ging bald im Kreis herum,
Es dauerte gar nicht lang,
Da riß Ulla Winblad die Flaschen um,
Und Mollberg fiel von der Bank
Und schnarchte laut, ließ alles im Stich,
Und Ulla sahs und ärgerte sich.
Sie zog von den Füßen die Schuh
Und legte sich einfach dazu.

Und als der Schimmel durchs Fenster sah:
Die Bank und der Stuhl war leer,
Und was mit der schönen Ulla geschah -
Da hielt ihn kein Zaumzeug mehr.
Er scheute plötzlich und zerbrach
Die riesige Deichsel und das Rad,
Den Kutscherbock und den Perron
Und jagte brunstwiehernd davon.


Track 13. Song 38 - A Potiphar's wife in her beauteous way

Fredmans Lied Nr. 38

über eine einsame Rose im Bett der Frau Potiphar

Herrn Potiphars Ehweib, auf höfliche Weis
Will sie den Joseph beglücken:
Sei mein Gebieter, ich lieb dich so heiß,
O seis, o seis.

Es blüht unterm Betthimmel rot eine Ros,
Joseph, der darf sie sich p?ücken.
Doch dieser Lümmel, das herrlichste Los,
Er ?ohs, er ?ohs.

Ach, wenn ich Joseph bei ihr verträt,
Ach, wenn ich Joseph bei ihr verträt,
Ich wüßt, was ich tät.

Der Joseph, der Trampel, zur Tür hinaus fuhr,
Ließ sie schön bitten und winken.
Kein zweites Mannsbild so närrisch und stur
Schuf die Natur.

Da konnte er tanzen auf fremdem Parkett.
Potiphars Keller leertrinken,
Und kein Rivale mit Dolch und Stilett
Unter dem Bett.

Potiphars Frau soll gerühmet sein,
Potiphars Frau soll gerühmet sein,
Sie schläft noch allein.

Der Fehler war der, unser Joseph er war
Trocken, verbiestert und schlimmer
Und für ein Weib leider keine Gefahr,
So ein Barbar.

Und Potiphar war bloß ein schlechter Offizier,
Abends da gähnen die immer,
In der Kaserne so schlapp wie bei ihr
Hing sein Rapier.

Potiphars Ehweib - die Fahnen senkt,
Potiphars Ehweib - die Fahnen senkt,
Wenn ihr ihrer denkt.



Quelle: Carl Michael Bellmann: Fredmans Episteln an diese und jene, aber hauptsächlich an Ulla Winblad. Reclam, Leipzig 1978

Die Nachdichtungen sind von: Hartmut Lange (Epistel Nr. 80), Heinz Kahlau (Epistel Nr. 71), Peter Hacks (Lied Nr. 16 + Nr. 38 und Epistel Nr. 82), Hubert Witt (Lied Nr. 56).



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1. September 2017

Mozart / Mendelssohn: Violinkonzerte mit Jascha Heifetz

Wolfgang Amadeus Mozart: Violinkonzert D-Dur, KV 218

Ob Wolfgang Amadeus Mozart ein "Weltgeiger" war, ist aus heutiger Sicht kaum objektiv zu beurteilen. Sein Vater Leopold, der immerhin einer der bedeutendsten Violinpädagogen des 18. Jahrhunderts war und seinem Sprößling schon im zartesten Knabenalter die Geigentöne beibrachte, hielt jedenfalls große Stücke auf das Virtuosentalent des Juniors:

… du weißt selbst nicht wie gut du Violin spielst, wenn du nur dir Ehre geben und mit Figur, Herzhaftigkeit und Geist spielen willst, ja so, als wärest du der erste Violinspieler in Europa.

Solch anerkennende und mahnende Worte schrieb der Ältere im Oktober 1777 an den Jüngeren, der damals gerade in Augsburg weilte. Damals freilich hatte Mozarts Interesse an der Geige bereits nachgelassen. Zwar legte er nach wie vor "bei Abspielung" seiner "letzten Caßationen" soviel Können an den Tag, daß offenbar stets "alle groß darein geschauet" haben; gleichwohl wandte sich Mozart verstärkt seinem Lieblingsinstrument – dem Klavier – zu.

Zwei Jahre zuvor hatte er sich freilich noch in hochfürstlich salzburgischen Diensten als Konzertmeister verdingt. Der anspruchsvolle Erzbischof hätte ihn gewiß nicht in dieser Position akzeptiert, wenn er ein eher mittelmäßiger Geiger gewesen wäre. Als Mitarbeiter der Kirche schuf Mozart in einem bemerkenswert kurzen Zeitraum – nämlich zwischen April und Dezember 1775 die berühmte Fünfzahl seiner populären Violinkonzerte.

Mag sein, daß derlei Arbeiten in seinem Amt ganz einfach erwartet wurden; vielleicht plante er auch, als Solist in eigener Sache auf Tournee zu gehen. Unbestreitbar ist jedenfalls: Die fünf Werke mit den Köchel Nummern 207, 211, 216, 218 und 219 verraten einerseits eine genaue Kenntnis älterer Vorbilder (etwa von Tartini, Locatelli, Nardini oder Borghi); andererseits sprechen sie eine neuartige Sprache. Jedes von ihnen gibt sich als Mitglied derselben Familie zu erkennen und beweist zugleich einen höchst selbständigen, individuellen Charakter.

Die Vier Jahreszeiten, 1988
Wie seine Geschwister, so enthält sich auch das vorletzte Werk der Fünfergruppe jeglicher Zurschaustellung zirkusreifer Bravour. Vielmehr beschränkt sich die Virtuosität des Soloparts auf das Maß des künstlerisch Notwendigen. Trotzdem bot es seinem Schöpfer genug Gelegenheiten, geigerisch zu glänzen. So konnte er voller Stolz dem Vater melden:

Auf die Nacht beim Soupee [19. 0ktober 1777] spielte ich das straßburger=Concert. Es gieng wie Öhl.

Die Bezeichnung "Straßburger Konzert" hat unter den Mozart Forschern einige Verwirrung gestiftet. Man erklärt den Namen heute mit einem musetteartigen Thema im Rondo, das an den "Ballo Strasburghese" aus der Karnevals Sinfonie von Karl Ditters von Dittersdorf erinnert und wohl auf eine Volksweise zurückgeht.

Schon der Beginn des Kopfsatzes bringt zwei Überraschungen, an denen dieses Konzert so reich ist: Verblüffend wirkt die hohe Lage des Soloparts, der durchweg auf subtile Weise mit dem Orchestersatz verschmilzt. Und gleichfalls mit Erstaunen nimmt man zur Kenntnis, daß die marschmäßig intonierte Fanfare des Beginns nirgends wieder aufgegriffen wird – für Mozarts Zeit ein kühner Bruch mit formalen Regeln.

Den ruhenden Pol und damit eine Art geistiges Zentrum der Komposition bildet der Mittelsatz, der formal einem Sonatenhauptsatz mit zwei Themen (aber ohne Durchführung) ähnelt. Hier singt die Solovioline einen unausgesetzten Gesang – "ein Geständnis der Liebe", wie Alfred Einstein es formulierte.

Das abschließende Rondo trägt gleichermaßen französische wie italienische Züge und ist ganz nach dem Kontrastprinzip gebaut. Daß Mozart Humor besaß – wer wollte es angesichts dieses Satzes bestreiten? Das Konzert als ganzes steht übrigens in einem auffallenden Verwandtschaftsverhältnis zu einem um zehn Jahre älteren Stück von Boccherini. Aber die Wege der Musikforschung sind unergründlich: Manche Wissenschaftler argwöhnen, daß Boccherinis angebliches Konzert eine spätere, nach dem Vorbild von Mozarts D-Dur-Konzert gearbeitete Fälschung sei.

Quelle: Wolfgang Lempfrid, KölnKlavier

Papagena, 1988

Wolfgang Amadeus Mozart: Violinkonzert A-Dur, KV 219

Schlussendlich hatte Mozart genug vom Geigen. Im September 1778, als die Rückreise von Paris nach Salzburg bevorstand und die Fron der heimatlichen Hofmusik ihren bedrohlichen Schatten vorauswarf, schrieb er an den Vater: “Nur eines bitte ich mir zu Salzburg aus, und das ist: dass ich nicht bey der Violin bin, wie ich sonst war. Keinen Geiger gebe ich nicht mehr ab; beym Clavier will ich dirigieren.” Es war der Schluss-Strich unter die große Zeit des Geigers Mozart.

Sie hatte im August 1772 mit der Ernennung zum “besoldeten” Konzertmeister der Salzburger Hofkapelle begonnen. Der neue Fürsterzbischof Hieronymus von Colloredo wies dem strahlenden Stern am Salzburger Musikhimmel einen festen Platz am höfischen Firmament zu - einen Platz, an dem Mozart zwar gebührend leuchten, aber nicht über Gebühr strahlen konnte. Denn für seine eigentliche Doppelbegabung als Klaviervirtuose und Opernkomponist hatte der Erzbischof vorerst keine Verwendung. Mozarts wahre Berufung sollte sich erst unter den Auspizien der Mannheim-Paris-Reise fünf Jahre später immer mehr in den Vordergrund schieben. Endpunkt dieser Entwicklung war der zitierte Brief aus Paris vom 11. September 1778. Dieser Bruch in der Biographie erklärt, warum Mozart alle seine fünf Violinkonzerte vor 1777 komponiert hat, genauer: in den Jahren 1773 und 1775. Es waren die großen Jahre, in denen er sich selbst als Geiger sah - fast gleichberechtigt neben seinem Klavierspiel.

Kaum eine Akademie bei Hofe, ohne dass er sich mit einem seiner Violinkonzerte oder im Solo einer Orchesterserenade präsentiert hätte. Leider haben wir von diesen Auftritten im heimatlichen Salzburg keine authentischen Zeugnisse, wohl aber von geigerischen Höhenflügen andernorts. Aus München berichtete Mozart im Oktober 1777 dem Vater: “Zu guter Letzt spielte ich die letzte Cassation aus dem B von mir. Da schaute alles groß drein. Ich spielte, als wenn ich der größte Geiger in ganz Europa wäre.” Der Vater verfolgte diese Auftritte aus der Ferne mit Begeisterung und ermunterte den Sohn: “Du weißt selbst nicht, wie gut du Violin spielst, wenn du nur dir Ehre geben und mit Figur, Herzhaftigkeit und Geist spielen willst, ja so, als wärest du der erste Violinspieler in Europa … O wie manchmal wirst du einen Violinspieler, der hoch geschätzt wird, hören, mit dem du Mitleiden haben wirst!”

Der Wirsingtechnologe, 1978
Das schönste Zeugnis dieser Hochphase von Mozarts Violinspiel ist das A-Dur-Konzert, KV 219. Es ist das längste und anspruchsvollste, melodisch einprägsamste und im Orchesterklang reichste seiner fünf Violinkonzerte. Mozart hat es am 20. Dezember 1775 beendet, kurz vor Weihnachten also, wo sich die Gelegenheit zu einer besonders prachtvollen Akademie bei Hofe geboten haben muss. Sicher dachte er aber auch schon an den bevorstehenden Fasching, da er das Finale als eine regelrechte Maskerade im türkischen Stil anlegte.

Der Beginn des ersten Satzes strahlt eine geradezu elektrisierende Spannung aus: Erwartungsvoll aufsteigende A-Dur-Dreiklänge werden von prickelndem Tremolo grundiert und von herrischen Einwürfen unterbrochen. Später wird der Solist über diesem spannungsvollen Klanggrund sein jubelndes Thema in hoher Lage anstimmen, das sogleich durch Passagen und große Sprünge angemessen brillant daherkommt. Dennoch ist der Satz auch reich an weichen, gesanglichen Episoden. Die schönste von ihnen spielt die Solovioline gleich bei ihrem ersten Einsatz. Statt das kraftvolle Allegro des Orchesters aufzugreifen, lehnt sie sich entspannt zurück und spielt ein Adagio, das wie die zärtliche Arie einer Primadonna wirkt, untermalt von “flüsternden” Terzen der Tuttigeigen. Die zauberhafte Stelle kommt leider nur einmal - ein Theatercoup des geborenen Opernkomponisten Mozart mitten in einem Violinkonzert.

Das folgende Adagio steht in der bei Mozart seltenen Tonart E-Dur und wird völlig von den Seufzerfiguren des ersten Taktes beherrscht, die sich wie ein Band durch den ganzen Satz ziehen. Der Mittelteil wagt sich weit in Mollregionen vor. Für ein Salzburger Violinkonzert war dieses Adagio eigentlich “zu studiert”, wie es der spätere Konzertmeister Brunetti ausdrückte.

Umso unbeschwerter gibt sich das Rondo, zunächst als Menuett. Die Solovioline intoniert das berühmte Thema, das sich im Schlagabtausch mit dem Orchester immer schwungvoller entfaltet. Dann aber macht der Tanz einer romantisch-nächtlichen Episode in a-Moll Platz, die sich alsbald in einen drastischen “Türkischen Marsch” verwandelt, voller fremdartiger Harmonien und krasser Akzente. Die tiefen Streicher missbrauchen ihre Celli und Kontrabässe als Schlagwerk. Der Einschub entfaltet eine angemessen “barbarische” Wirkung, um das Menuett bei seiner Rückkehr noch höfischer und eleganter erscheinen zu lassen. Am Ende macht es sich auf leisen Sohlen davon - ein Mozartscher Scherz. Die türkische Episode dieses Finales übernahm Mozart wirklich aus einer Ballettmusik im türkischen Stil, “Le gelosie del Seraglio”, “Die Eifersüchteleien im Serail”, die er für seine letzte Mailänder Oper “Lucio Silla” skizziert, aber nicht ausgeführt hatte. So fand echte Ballettmusik Eingang in sein schönstes Violinkonzert.

Quelle: Kammermusikführer der Villa Musica Rheinland-Pfalz

Der Schneck, 1988

Felix Mendelssohn: Violinkonzert e-Moll, op. 64

Mit Zeichenbuch und Notenpapier “bewaffnet”, mit einem Strohhut auf dem Kopf und in entspanntester Laune konnte man Felix Mendelssohn in den 1840er Jahren nur an einem Ort beobachten: in Bad Soden am Taunus. Seit der viel beschäftigte Dirigent und Komponist aus dem Norden die schöne Frankfurterin Cécile Jeanrenaud geheiratet hatte, zog es ihn immer wieder in die Bürgerstadt am Main und ihre lieblichen Umgebung, die sich bis in die sanften Hügel des Vordertaunus erstreckt. Bad Soden war seit der Anlage des Kurparks 1821 auf dem besten Wege, sich in einen Treffpunkt der feinen Welt zu verwandeln, und auch die Familie Mendelssohn bewohnte hier 1844/45 eine Sommervilla in der Königsteiner Straße. Von ihr aus konnte der Komponist mit Gattin und Kindern ungestört die Wanderwege zum Taunus erkunden und die wunderschönen Ausblicke genießen, insbesondere den berühmten bei den “Drei Linden” in Neuenhain, wo später auch Tschaïkowsky und Wagner im sanften Anblick der Taunuslandschaft schwelgten. Hier entwarf und vollendete Mendelssohn im Sommer 1844 sein Violinkonzert – man wäre geneigt, den schwärmerischen Zug des Werkes unmittelbar in die Landschaft hineinzuprojizieren, wäre Bad Soden heute nicht nurmehr ein nobler Vorort von Frankfurt, unweit des Rhein-Main-Flughafens gelegen und entsprechend bedrängt vom Flug- und Straßenlärm. Damals trübten keine Bausünde und keine Autobahn die Idylle, wie uns Mendelssohns e-Moll-Konzert eindrucksvoll vor Ohren führt.

Das Werk ist ein Liebling des Publikums wie der Virtuosen. Darüber vergisst man leicht, wie viel Neuerungen Mendelssohn in dieses eine Stück hineinlegte, etwa die Position der Solokadenz mitten im ersten Satz, sowie die Anlage dieses Geigensolos, das wie eine auf vier Saiten reduzierte Orchesterdurchführung wirkt. Dass alle drei Sätze ineinander übergehen, ist ebenso originell wie der unprätentiöse Einstieg. Die Violine beginnt ohne langes Orchestervorspiel gleich mit dem Hauptthema, dessen schwärmerische Linie Mendelssohn offenbar so lange im Kopf herum gespukt hatte, bis er das Konzert endlich ausarbeitete. Im Hauptthema liegt der Kern des Ganzen. Dies spürt man auch später noch, in der harmonisch gewagten Überleitung vom Kopfsatz in den langsamen Satz und besonders in der Überleitung zum Finale. Dessen elfenhaft flirrendes und schwirrendes Hauptthema wandert von der Violine munter ins Orchester und zurück und entzündet dabei ein wahres Feuerwerk an Instrumentationseffekten.

Quelle: Kammermusikführer der Villa Musica Rheinland-Pfalz

Der König (Schach), 1988

Track 9: Mendelssohn: Violinkonzert op. 64 - III. Allegretto non troppo - Allegro molto vivace

TRACKLIST

Mozart - Mendelssohn: Violin Concertos

Jascha Heifetz, Violin


Wolfgang Amadeus Mozart (1756-1791)

Violin Concerto N°4 in D major, K. 218                      [21:31]
01. 1. Allegro                                              [08:05]
02. 2. Andante cantabile                                    [06:43]
03. 1. Rondeau: Andante grazioso - Allegro ma non troppo    [06:47]
       (Cadenzas by Heifetz)
       Thomas Beecham; Royal Philharmonic Orchestra              
       Recorded on 10th November, 1947 in EMI Abbey Road Studio No. 1

Violin Concerto N°5 « Turkish » in A major, K. 219          [27:30]
04. 1. Allegro                                              [09:55]
05. 2. Adagio                                               [10:50]
06. 3. Rondeau: Tempo di menuetto                           [06:44]
       (Cadenzas by Joseph Joachim)
       John Barbarolli; London Philharmonic Orchestra
       Recorded on 23rd February, 1934 in EMI Abbey Road Studio No. 1

Felix Mendelssohn (1809-1847)

Violin Concerto in E minor. Op. 64       [24:24]
07. 1. Allegro  molto appassionato                          [11:00]
08. 2. Andante                                              [07:24]
09. 3. Allegretto non troppo - Allegro molto vivace         [05:54]
       Thomas Beecham; Royal Philharmonic Orchestra              
       Recorded on 10th June, 1949 in EMI Abbey Road Studio No. 1

                                              Playing Time: [73:27]
                                              
Producer and Audio Restoration Engineer: Mark Obert-Thorn
(C)+(P) 2000



Fritz von Herzmanovsky-Orlando


Maskenspiel der Genien


Kapitel I

Selbstbildnis
Es ist eine traurige, aber unbestreitbare Tatsache, daß die Welt dem Phänomen Österreich mit tiefem Unwissen gegenübersteht. Sie nimmt gerade noch zur Kenntnis, was ein paar im Ausland verlegte Reisehandbücher über die gängigen Touristenrouten an Falschem aussagen, und damit gut.

Nicht geringe Schuld an diesem beklagenswerten Zustand tragen die internationalen Fahrplankonferenzen, die es zustande bringen, daß bedeutende Schnellzugslinien, deren Expresse unter Pomp, Gestank und Donner von irgendeiner Grenzstation abgelassen werden, im Innern Österreichs schon nach kurzer Frist spurlos versickern, nachdem sie irgendwann auf der Strecke durch einen rätselhaften Abschuppungsprozeß den Speisewagen verloren haben. Meistens geschieht das in der Gegend von Leoben, diesem Gewitterwinkel des europäischen Reiseverkehrs. »Leoben … ja, Leoben! Ein Zug, der was da drüberkummt, der is aus’n Wasser!« Dies die ständige Redensart der großen österreichischen Eisenbahnfachleute (indessen die Anteilnahme der übrigen Chargen am Bahnbetrieb hauptsächlich darin besteht, mit Kind und Kegel, umsonst oder um hohnvoll kleine Beträge, in der Luxusklasse der Netze spazierenzufahren). Mehr als einmal habe ich es erlebt, daß alte, erfahrene Stationschefs einem aus Leoben ausfahrenden Expreß lange kopfschüttelnd nachschauen, wobei sie wohl auch ein kaum hörbares »Wieder einer …!« vor sich hin murmeln. Dann gehen sie ins Dienstzimmer zurück, stellen die Telegraphenleitung ab, werfen sich seufzend aufs schwarzlederne Sofa und stöhnen noch lange: »jo … jo, jo … jo«, ehe sie in traumgequälten Schlummer versinken.

Unter solchen Umständen ist es kein Wunder, man weiß im allgemeinen nur wenig von jenem eigentümlichen Staatengebilde, welches knapp nach dem Laibacher Kongreß von 1821 ins Leben trat und sich seither immer weiterfrißt, unmerklich und unaufhaltsam, bis es eines hoffentlich nicht allzu fernen Tags die Welt erobert haben wird.

Verschiedene Herrschaften, 1986
***

Am Laibacher Kongreß war vernünftigerweise beschlossen worden, zwischen die deutschen, slawischen und romanischen Gebiete im Südosten Europas einen Pufferstaat zu legen, das »Burgund der Levante«, wie einige es poetisch benannten, und sie hatten so unrecht nicht. Denn gerade Burgund hängt innig mit dem Osten zusammen, gerade Burgund hatte das ganze Mittelalter hindurch nach der Herrschaft über die Levante gestrebt und hatte im Verlauf der Kreuzzüge nicht nur Griechenland, sondern dazu noch Teile Vorderasiens erobert, wo es das Königreich Jerusalem und die Fürstentümer Edessa, Tripolis und Antiochia gründete. In Griechenland zählten Athen, Elis, Achaia und Korinth zu den stolzesten burgundischen Eroberungen. Nirgends herrschte solcher Glanz wie an diesen Höfen, und besonders Achaia war lange Zeit das Vorbild allen höfischen Lebens und eine Hochburg des Minnesangs.

Daß der neuzugründende Pufferstaat eine streng monarchische Konstitution bekommen mußte, erklärte sich ohne weiteres aus der Epoche seiner Entstehung. Kopfzerbrechen gab es nur über die Frage der Dynastie, denn es kamen mehrere Häuser in Betracht. Dem großen Bayernkönig Ludwig zum Beispiel lag der Orientkenner Fallmerayer unaufhörlich in den Ohren, beschwor ihn, alte Anrechte geltend zu machen, und pinselte Sr. Majestät in glühenden Farben ein Kaisertum Kärnthen vor Augen. Zum Glück brach bald darauf der von England zur Ablenkung arrangierte griechische Freiheitskampf aus, und die im Londoner Nebel gebrauten Machenschaften leiteten die wittelsbachische Gefahr nach Hellas um. Jetzt schien dem Hause Coburg der neue Thron gewiß. Aber da raunzte Kaiser Franz und wollte dort eine Quartogenitur der Habsburger errichten, was wiederum die anderen Herrscherfamilien lebhaft zu verschnupfen begann. Endlich, als das europäische Gleichgewicht schon so weit verschleimt war, daß man wie einen dumpfen Husten die Säbel rasseln hörte, ließ Metternich seinen Geist leuchten. Die von ihm gefundene Lösung war einfach, war so dynastisch wie möglich und war zugleich so durch und durch dem tiefsten Volksempfinden, ja den Idealen des kommenden Jahres 1848 angepaßt, daß wir wieder einmal mit ehrfürchtigem Staunen den kühnen Gedankenflug dieses bedeutenden Staatsmannes bewundern müssen: er schuf das Reich der Tarocke, von Nörglern, denen nie etwas recht ist, auch das »Spiegelreich des linken Weges« geheißen.

Saturn, 1991
Die Verfassung war vorbildlich. Sie basierte auf den strengen Gesetzen des in Österreich ungemein populären Tarockspiels, dessen esoterische Bedeutung viel zur Lösung des Welträtsels beitragen könnte (aber das ginge weit über den Rahmen dieser schlichten Erzählung hinaus). Nach Art der antiken Tetrarchen herrschten im neuen Reich vier Könige, die nach einer geradezu genialen Methode alljährlich neu gewählt wurden. Der Begrenzung ihres Wirkens auf ein Jahr lag die Beobachtung zugrunde, daß bei einem Tarockspiel, wenn es ein ganzes Jahr in Gebrauch ist, die Könige bis zur Unkenntlichkeit verschmutzt werden. Und man kann zwar die Könige eines Kartenspiels notdürftig mit Benzin reinigen, fleischerne Könige aber nicht.

Grundlage für die Wahl der Landesväter war das Sogenannte »Normaltarockspiel«, das in der Hauptstadt des Landes aufbewahrt wurde — vergleichbar dem »Urmeter« zu Paris, dieser Stadt der gockelhaft aufgeblasenen Symbole. Das Kartenpaket wurde Tag und Nacht von einer Nobelgarde bewacht und alle vierzehn Tage durch Gelehrte von Weltruf gemischt und kontrolliert. Die vier Männer, die man alljährlich zu Monarchen machte, mußten lediglich die eine Bedingung erfüllen, den Königen des Normaltarockspiels möglichst ähnlich zu sehen. Durch dieses Wahlsystem war jedem Schwindel und jeder Korruption der Weg abgeschnitten. Männer aller Stände, ohne Ansehen von Bildung, Abkunft und sogar Sittsamkeit, gelangten solcherart zur erhabensten Würde — ein Vorgang, wie ihn nur noch das Papsttum für sich in Anspruch nehmen darf.

Der mächtigste Mann im Reich war der »Sküs«, benannt nach der höchstwertigen, wenngleich ein wenig harlekinartig kostümierten Figur des Kartenspiels. (Doch wurde von dieser unbedeutenden Äußerlichkeit die erhabene Würde seiner Stellung nicht in Mitleidenschaft gezogen; große Staatsmänner wirken nach außenhin immer ein wenig komisch). Der Sküs also lenkte die Staatsgeschäfte mit diktatorialer Gewalt, schüttelte unaufhörlich neue Gesetze aus dem Ärmel und tat mindestens einmal in der Woche irgend etwas Umwälzendes. Ihm zunächst an Rang und Ansehen stand der »Mond«, seinem Ziffernwert nach ein Einundzwanziger, was ihn in den Augen vordergründiger Tarockspieler lediglich dazu befähigt, die zwanzig übrigen Tarocke zu stechen; davon, daß diese Figur den einundzwanzigsten Grad einer höchst mystischen Freimaurerei bekleidet, weiß man am Stammtisch natürlich nichts. An dritter Stelle rangierte der »Pagat«, der als Finanzminister eine sehr wichtige Stimme hatte. Alle drei zusammen bildeten die »Trull«, ein niemals zu stürzendes Kabinett.

Der Pressezar, 1986
Das Reich umfaßte bei seiner Gründung einen nicht unbeträchtlichen Teil Südösterreichs‚ ehemals Freysingisches, Salzburgisches, Bambergisches und Brixner Enklavengebiet, grenzte im Norden an die Steyermark und Kärnthen, im Osten an Kroatien, reichte im Süden ans Meer und im Südwesen bis an die Grenze des märchenversponnenen Lagunenreichs Venedig, das es wohl als ersten Fremdkörper verschlingen wird. Denn welche andere Stadt wäre so phantastisch und unwirklich, wäre so wenig von dieser Welt und darum so sehr geschaffen für den Übergang ins Traumreich!

Um hier nur eine Kleinigkeit ins Treffen zu führen: noch kein normaler Mensch, einschließlich der geborenen Venetianer, hat sich in Venedig jemals ausgekannt. Ich selbst, der ich dort jahrelang das Gymnasium besuchte, habe zum väterlichen Palazzo, obwohl er keine drei Minuten vom Markusplatz entfernt lag, nur mit Mühe und manchmal erst nach stundenlangem Suchen heimgefunden. Wie oft erschien ein Professor nicht zum Unterricht, weil er sich verirrt hatte! Wie oft traf ich meine Mutter mit einer störrisch schluchzenden Magd — sie hatten beim Einkaufen den Weg verloren! Oder ich sah irgendwo meinen Vater, düster zu Boden blickend, am ergrauten Schnurrbart kauend und bisweilen heftig mit dem Stock gegen das Pflaster stoßend. »Geh nur nach Hause, mein Kind«‚ pflegte er mir auf meine besorgten Erkundigungen zu antworten. »Ich lasse Mama grüßen, und sie möchte die Suppe auftragen lassen. In längstens fünf Minuten bin ich da.« Aber nicht selten wurde es Abend, ja tiefe Nacht, ehe der übermüdete Mann sich endlich zur Mittagstafel setzen konnte.

Der Spielmann, 1989
Es gehört nämlich zu den sonderbaren Marotten jedes auch nur vorübergehend in Venedig Seßhaften, lieber obdachlos umherzuirren, als nach dem Weg zu fragen, geschweige denn sich führen zu lassen. Das würde auch gar nichts nützen. Immer wieder habe ich selbst Eingeborene der Lagunenstadt — darunter Briefträger und Polizisten oder städtische Ingenieure mit Meßlatten — wehklagend vor Madonnenbildern gefunden: falsche Scham verbot diesen Unglücklichen, Auskünfte über den Weg einzuholen. So wandten sie sich in ihrer Verzweiflung an die höheren Mächte, und die Kirche strich schmunzelnd manchen Batzen für die Gelübde der Verirrten ein. Übrigens bekommt man in Venedig außer den fehlerhaften Kursbüchern, die in ganz Italien zu stark herabgesetzten Preisen erhältlich sind, um ein wahres Spottgeld auch falsche Stadtpläne zu kaufen. Es ist ja doch alles eins. Sogar geistlos kopierte Schnittmuster werden dem naiven Reisenden als Stadtplan aufgeschwatzt.

Damit dürfte auch das auffallend rege Straßenleben der im Grunde nur wenig bevölkerten Stadt endlich eine Erklärung gefunden haben: es kommt von den vielen Verirrten.

***

Als Metternich die eisenfesten Grundzüge der tarockanischen Konstitution für die Ewigkeit verankert und somit dem nordischen Ordnungsgeist Genüge getan hatte, tauchte die Frage auf, was mit den Südprovinzen geschehen solle und wie dort wohl die nötige Zufriedenheit zu schaffen sei, damit das unter der Asche glimmende Feuer der neuen nationalen Bewegungen nicht als lodernde Flamme emporschlage. Nach langem Grübeln kam dem genialen Staatsmann der rettende Gedanke: man mußte ein uraltes, zutiefst poetisches Volksideal zur politischen Realität machen, mußte das geheimnisvolle Maskenreich verwirklichen, die wahre Lebensform des Südens, die bisher nur in den Figuren der Commedia dell’arte zu traumhaftem Dasein erwacht war.

Der Trompetenreiter
Und wie einstmals aus den von Kadmos gesäten Drachenzähnen die Geharnischten sich aus den Furchen des Ackers erhoben, tauchten jetzt schellenklingend die Legionen des Harlekinheeres auf, geführt von ernsten, krummnasigen Scaramuzzen mit riesigen schwarzen Nasenlöchern, von Brighella, dem Vertreter der Fresser und Prahler, von Policinello, dem Bajazzo mit Höcker und Hakennase, vom alten Pantalone, in dem der ängstliche, geizige, verliebte und vielgeprellte Kleinbürger sich ausgeprägt sah. Der schwatzhafte Dorsemus der Antike hatte sich zum Dottore gewandelt, zur Inkarnation des Rechtsgelehrten, der die Leute beschwatzt und betrügt. Die höheren Stände fanden sich mit befriedigter Eitelkeit im schwadronisierenden Tartaglia verkörpert, das Militär, insonderheit die Generalität, im Napparoni Flagrabomba und im Capitano Spavento, die alten Kriegshelden im Malagamba und im Capitano Cuccuruzzù. Dem Arlecchino, damit er nicht zu üppig werde, waren als Konkurrenten der tölpelhafte Truffaldino und die dummdreisten Mezzetin und Gelsomino beigegeben. Das schöne Geschlecht spiegelte sich lieblich in der sanften Colombine, der pikanten Zerbinetla, in Pulcinella, Spiletta, Zurlana und Civetta. Figuren der Ewigkeit waren das, vom wackeren Ficoroni festgehalten in seinem prachtvollen, wenn auch planlosen Kupferstichwerk »De larvis, scenis et figuris comicis, Romae 1754«.

Sie alle gelangten in Tarockanien alsbald zu hohen gesellschaftlichen Würden und wichtigen Ämtern. In stilvoller Maskerade beherrschten und regulierten sie das öffentliche Leben. Immer wirbelten sie bunt durcheinander, unkomplimentierten sich aufs feierlichste, ohne das geringste zu arbeiten und ohne etwas anderes als pompöse, ruhmtriefende Erlässe hervorzubringen. Selbst bei der Verlegung von Hundehütten oder anläßlich der Erneuerung eines Sitzbrettes auf einer ländlichen Bedürfnisanstalt gab es Flaggen, Spaliere, Ehrensalven und stundenlange pathetische Reden. Gelegentlich konnte es geschehen, daß zum Abschluß der Feierlichkeiten auf schäumendem Renner der Schlußmann einer Stafette herangebraust kam, um zu melden, daß man an falscher Stelle amtiert habe. Doch tat das der gehobenen Stimmung und der allgemeinen Selbstzufriedenheit keinen Abbruch. Und erfahrungsgemäß sind es gerade solche Staaten, welche blühen und gedeihen und sich hohen internationalen Ansehens erfreuen.

Nun aber wird es Zeit, daß wir uns dem Helden unserer Geschichte zuwenden, dem eine Reise in dieses Land zum Schicksal werden sollte.

Karl Jagerfell, 2005
***

Cyriakus von Pizzicolli, der Sohn angesehener Eltern, erblickte zu Stixenstein in der Steyermark das Licht der Welt. Jedem andern hätte die Wahl dieses Geburtsortes zu denken gegeben. Ihm nicht. Er wuchs in den denkbar angenehmsten Verhältnissen auf, und alles schien darauf hinzudeuten, daß ihm ein geregeltes, sorgenfreies‚ von bürgerlicher Achtung umhegtes Leben bevorstünde.

Die Familie Pizzicolli stammte aus Ancona, wo, als dieser Teil der sogenannteten Legationen des Kirchenstaates noch unter österreichischer Verwaltung stand, der Großvater Cyriaks den Posten eines k. k. Münzwardeins des dorthin dislozierten Herzoglich Rovere’schen Münzamtes von Urbino bekleidet hatte — ein überaus verantwortliches, wenngleich so gut wie ressortloses Amt, denn die besagte Münze hatte ihren Betrieb 1631 eingestellt.

Der Grund hiefür lag in einem fiskalischen Prozeß, der frühesten in einigen Jahrhunderten abgeschlossen sein wird, nämlich erst dann, wenn endgültig geklärt ist, wieso der erste Herzog Urbinos aus dem Hause della Rovere nicht nur der Sohn des letzten, 1508 verstorbenen Herzogs aus dem Hause Montefeltre, sondern zugleich ein Sohn des Papstes Julius II. sein konnte. Tatsache ist, daß Julius II. seinen Sohn Francesco della Rovere, bis dahin Tyrannen von Sinigaglia, der nun eben ein Sohn des erwähnten Guidobaldo von Montefeltre gewesen sein soll, zum Herzog von Urbino ernannte. Ich habe, offen gesagt, diese Darstellung nie so recht verstanden; doch tritt die Universität Lecce in Apulien mit Nachdruck für sie ein. Fest steht jedenfalls, daß Leo X.‚ der Nachfolger Julius’ II., dessen Weg zur Hölle buchstäblich mit mißratenen Söhnen gepflastert war, sich von den Rechts- und Kompetenzfragen dieser komplizierten Sachlage dergestalt angewidert fühlte, daß er Franzen vertrieb und seinen Nepoten Lorenzo de Medici — nach Gemälden zu urteilen, wohl eher der Sohn einer ausnahmsweise schon damals existenten Negerjazzband — mit Urbino belehnte. Leos Nachfolger Urban VIII. entschloß sich aber im Jahre 1631, Urbino dem Kirchenstaat einzuverleiben. Dort blieb es bis 1860 und wurde schließlich nach längerer Belagerung an einem langweiligen Nachmittag durch Garibaldi ganz allein gestürmt. Die anderen Herren hatten sich beim Mokka verplauscht.

Des Kaisers neue Kleider, 2004
Von alledem wußte der junge Cyriak wenig, oder es kümmerte ihn nicht. Er war ein hübscher, wohlerzogener Junge, der sehr streng gehalten wurde. Zumal seine Mutter, eine geborene Baronin Inacher-Kadmic´, auf den ungewöhnlichen Namen Authonoë getauft, pflegte ihn für alles Erdenkliche verantwortlich zu machen. Das ging so weit, daß sie einmal, als eine vorbeifliegende Taube seinen neuen schwarzen Sonntagshut verunreinigt hatte, den schüchternen Jungen anherrschte: »Schau, was du da wieder gemacht hast …!« Vielleicht war seine außerordentliche Wanderlust, die später zum Durchbruch kam, auf den uneingestandenen Wunsch zurückzuführen, diesen ewigen Vorwürfen zu entfliehen, vielleicht hatte sie weit tiefere Ursachen, die in einem früheren Vorleben wurzeln mochten — eine Möglichkeit, für die auch noch andere seltsame Eigenschaften des jungen Menschen zu sprechen schienen: zum Beispiel die, daß er Wildbret, insbesondere Hirschfleisch‚ verabscheute; daß er ferner in einem höchst sonderbaren Verhältnis zum Jagdwesen stand, welches ihn bald anzog, bald abstieß; und daß der Name »Anna« ihm geradezu Entsetzen einflößte, wobei der Artikel »die« vor dem ominösen Namen sein Entsetzen ins Maßlose steigerte. Doch schwanden alle diese Erscheinungen nach seinem siebenten Lebensjahr restlos.

Am weitaus merkwürdigsten war die Beziehung Cyriaks zu Hunden. Oft preschten ganze Rudel von ihnen mit gesträubtem Fell auf ihn los, ohne daß irgend jemand wußte, wie sie sich so plötzlich zusammengeschart hatten. Aber jedesmal hielten sie knapp vor Cyriak inne, wurden verlegen und machten sich dann Stück für Stück allerhand anderes zu schaffen, als ob das Ganze sie nichts anginge. Schließlich verkrümelten sich die ordinären Gesellen, unter denen rätselhafterweise immer ein paar Molosser zu sehen waren, Angehörige einer Hundesorte, die lediglich in antiken Erzählungen auftritt.

Zeitdruck, 2006
Von ein paar kleineren Reisen abgesehen, war Cyriak niemals weit von Graz, wo die Familie Pizzicolli wohnte, weggekommen. Das änderte sich, als eine Katastrophe von seltener Tragik ihn plötzlich zum Waisenkind machte. Seine guten Eltern ertranken gelegentlich einer sonntäglichen Unterhaltung in der Mur, und nur den verbeulten Zylinder des Vaters — an jenem Tag ganz ausnahmsweise und wohl zum Jux mit einem heiteren Gamsbärtchen geschmückt — spieen die grauen Wogen ans Land. Der bestürzte Junge sah sich frei, machte auch das unbewegliche Erbgut zu Geld und begab sich an einem strahlenden Frühlingsmorgen auf die Bahn. Er bestieg bei voller körperlicher und geistiger Gesundheit den um 8 Uhr 30 aus Bruck kommenden Personenzug, erreichte wenige Stunden später die Grenze des Traumreichs und befand sich knapp vor Mitternacht desselben Tages über eigenes Verlangen in einer Irrenanstalt. Aber wir wollen den Ereignissen nicht vorgreifen.

Quelle: Das Beste von Herzmanovsky-Orlando. Erzählungen und Stücke. Herausgegeben und bearbeitet von Friedrich Torberg. Tosa Verlag, Wien, 1995. ISBN 3-85001-527-0. Seite 123-130



Alle Bilder zu diesem Post stammen von Hans Reiser (* 1951)

Er selbst bezeichnet sich als „Karikaturist, Illustrator, Schönfärber“. Dabei tarnt er sich als Feinmaler und Geschichtenerzähler. Offensichtlich mühelos bedient er sich altmeisterlicher Maltechniken wie der Grisaille-Untermalung oder der Lasurmalerei, um seine außergewöhnlichen Bildsujets umzusetzen. Virtuos und mit viel Liebe zum Detail arrangiert er Gegenstände, kostümiert seine Protagonisten und gestaltet den Bildraum seiner surreal anmutenden Ölportraits wie eine Bühne.

Er ist der legitime geistige Sohn von Michael Mathias Prechtl (1926-2003).

Hans Reiser (* 1951), „Karikaturist, Illustrator, Schönfärber“

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