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7. Januar 2019

Max Reger: Streichtrio a-moll op. 133 & Klavierquartett d-moll op. 141b

In Max Regers OEuvre nimmt die Kammermusik nicht nur den größten Teil ein, ihr galt auch sein kontinuierliches Interesse von der Violinsonate op. 1 bis zum kurz vor seinem Tod vollendeten Klarinettenquintett op. 146. Dabei überwiegt die Klavierkammermusik, die er als Pianist persönlich propagierte und mit höchst kompliziertem Klavierpart ausstattete; doch bedachte er auch die Streicher vom Solo bis zum Sextett mit bedeutenden Werken.

Drei Jahre hatte Reger als umjubelter Meininger Hofkapellmeister seine Kräfte verausgabt, bis ihn ein Zusammenbruch im Frühjahr 1914 zur Amtsniederlegung zwang. Während einer Kur in Meran plante er neben den Mozart-Variationen op. 132 auch ein Klavierquartett a-moll, das noch vor Abschluss des Orchesterwerks im Juli 1914 in Meiningen begonnen und im ersten Weltkriegsmonat als op. 133 fertiggestellt wurde. Vom Klangideal der Mozart-Variationen, in denen „jede Note auf Klang berechnet" sei, ist auch dieses Quartett beherrscht, dessen freiströmende Melodik durch starke Chromatik eine besondere Weichheit und Süße erhält.

Die Streicherstimmen werden als homogener Klangkörper behandelt, treten nicht in einen Wettstreit, sondern verdoppeln einander häufig paarweise oder im unisono, wodurch die Linien plastisch hervortreten und abschattiert werden. Auch das Klavier nutzt alle Klangregister, verdunkelt mit oktavierten Bässen oder leuchtet mit perlenden Läufen. An Ausdruckstiefe und Intensität Opus 113 nicht nachstehend, dämpft das a-moll Quartett dessen Ausbrüche: Das con passione des Kopfsatzes ist schwermütig gemildert, das Scherzo spukhaft, im langsameren Trioteil mit einem 55-taktigen Orgelpunkt der Bratsche träumerisch verhalten, das Largo con gran espressione innerlich wie ein Gebet; das der Ausdruckssphäre des Scherzos verwandte Finale con spirito neigt zu grimmigem Spaß. Über dem Ganzen liegt ein resignativer, ja pessimistischer Zug, aus dem die Stimmen nur mit Kraftanstrengung herausbrechen, um mit Ausnahme des Finales im ppp zu verebben. Das Quartett wurde von der Kritik sofort angenommen und „zum Schönsten, Reifsten und Geläutertsten" gezählt, das Reger geschrieben habe, „zugleich zum Gehaltvollsten, was die moderne Kammermusik hervorgebracht."

„Nun beginnt der freie jenaische Stil", kündigte Reger nach dem Umzug in die Universitätsstadt im Frühjahr 1915 an und fühlte sich von den Zwängen seines Amts, aber auch vom Druck, Repräsentant der Avantgarde zu sein, befreit. Wenige Monate gelang ihm auch die Befreiung vom Konzertleben, so dass ein Großteil seines Spätwerks in ungewohnter häuslicher Ruhe entstand. Der Rückzug ins Private hatte aber auch resignative Züge: Den Bruch mit der Tonalität, den Arnold Schönberg vollzogen hatte, wollte er nicht mitmachen, der einer Aufgabe seines Koordinatensystems gleich gekommen wäre. Als bewusster Einzelgänger blieb er sich selbst treu und bemühte sich mit jedem Werk zu steigern; und so überrascht es nicht, dass er seinen ästhetischen Standort von 1904 überprüfte und erneut eine Flötenserenade op. 141a mit einem diesmal nur dreisätzigen Streichtrio d-moll op. 141b als „Miniaturkammermusik“ konzipierte. „Das Werk ist wirklielt gut", konstatierte er befriedigt und tatsächlich ist das Streichtrio mit einem melodiösen Variationssatz und einer graziösen Schlussfuge ein ganz „echter Reger", der trotz der Beschränkung die Klangfülle seines Spätwerks aufbietet.

Quelle: Susanne Popp, im Booklet (gekürzt)

Max Reger.
Fotographie von Hermann Weiler, 08. 10. 1915

TRACKLIST


MAX REGER
(1873-1916)


Piano Quartet in A minor, Op. 133                   38:50

1 Allegro con passione (non troppo allegro) 12:54
2 Vivace                                     5:17
3 Largo con gran espressione                12:03
4 Allegro con spirito                        8:21

String Trio in D minor, Op. 141b                    20:55

5 Allegro                                    8:40
6 Andante molto sostenuto con variazioni     8:50
7 Vivace                                     3:19

                                      Playing Time: 59:52

Aperto Piano Quartet:
  Gernot Süßmuth, Violin (1-7)
  Stefan Fehlandt. Viola (5-7)
  Hans-Jakob Eschenburg. Cello (1-7) 
  Frank-Immo Zichner. Piano (1-4)  
Felix Schwartz, Viola (1-4)

Recorded at the Sendesaal des Hessischen Rundfunks, Frankfurt am Main,
16.-18. September 2002 (tracks 1-4) and at Siemensvilla, Berlin-Lankwitz,
27.-28. February 2007 (tracks 5-7).
Producer: Christoph Claßen (1-4), Christoph Franke (5-7)
Engineer: Rüdiger Orth (1-4), Henri Thaon (5-7)

Co-produced by Hessischer Rundfunk (1-4) and Deutschlandradio Kultur (5-7).
(P) + (C) 2008 


Giuseppe Tomasi di Lampedusa

Der Gattopardo


Die durch die geschlossenen Fensterläden von der Sonne still erhellten Kontorräume waren noch ausgestorben. Obwohl dies der Ort in der Villa war, in dem die meisten Unbesonnenheiten begangen wurden, strahlte er strenge Nüchternheit aus. Von den gekalkten Wänden spiegelten sich die riesigen Bilder der Lehnsgüter des Hauses Salina im glänzend gebohnerten Fußboden: die in lebhaften Farben zwischen den schwarz-goldenen Rahmen hervortretende Insel Salina, die Insel der Zwillingsberge, umgeben von einem schaumgekrönten Meer, auf dem beflaggte Galeeren schaukelten; Querceta mit seinen gedrängten Häusern rund um die Pfarrkirche, auf die bläuliche Pilgergruppen zustrebten; Ragattisi, geduckt zwischen den engen Schluchten; Argivocale, winzig in der Grenzenlosigkeit der mit fleißigen Schnittern gesprenkelten Getreidefelder; Donnafugata mit seinem Barockpalast, Ziel von scharlachroten Kutschen, hellgrünen Kutschen, goldenen Kutschen, die vermutlich mit Frauen und Flaschen und Fiedeln beladen waren; und viele andere mehr, alle unter dem klaren, tröstenden Himmel von der unter ihren langen Schnurrhaaren lächelnden Pardelkatze beschützt. Jedes fröhlich, jedes danach strebend, Galgen und Stock, die »lautere und vermengte Gewalt und Gericht« des Hauses Salina zu besingen. Naive Meisterwerke der Volkskunst des letzten Jahrhunderts; ungeeignet jedoch, Grenzen festzulegen, Gebiete und Einkünfte zu bestimmen; Dinge, die in der Tat niemanden kümmerten. Der Reichtum hatte sich in den vielen Jahrhunderten seines Vorhandenseins in eine Zierde verwandelt, in Luxus, in Vergnügen; in nichts anderes sonst; die Abschaffung der Lehnsrechte hatte die Pflichten und zugleich die Privilegien geköpft; der Reichtum hatte, wie ein alter Wein, den Bodensatz der Habgier, der Fürsorglichkeit, auch den der Umsicht im Faß abgesetzt, um nur die Glut und die Farbe zu bewahren. Schließlich hob er sich selber auf: dieser Reichtum, der seinen Zweck erfüllt hatte, setzte sich nur noch aus ätherischen Ölen zusammen, und wie die ätherischen Öle verflüchtigte er sich schnell. Bereits waren etliche jener fröhlichen Lehnsgüter fortgeflogen und überdauerten bloß durch die Namen und auf den bunten Leinwänden. Andere glichen den Septemberschwalben, die noch nicht weggezogen waren, sich aber, zum Abflug bereit, ohrenbetäubend zwitschernd auf den Bäumen versammelten. Doch es waren viele; es schien, als könnten nie alle weg sein.

Trotz dieser letzten Feststellung beschlich den Fürsten beim Betreten seines Arbeitszimmer jedesmal ein bedrückendes Gefühl. In der Mitte des Raums thronte ein Schreibtisch mit Dutzenden von Schubladen und Schublädchen, Nischen, Vertiefungen, Verstecken und schrägen Flächen. Das Ungetüm aus gelbem und schwarzem Holz war ausgehöhlt und mit Attrappen gespickt wie eine Bühne, voller ausziehbarer Regale, Geheimfächer, komplizierter Mechanismen, die, außer den Dieben, niemand mehr betätigen konnte. Er war mit Papieren bedeckt, obwohl die weise Voraussicht des Fürsten dafür gesorgt hatte, daß sich die meisten auf die unerschütterlichen‚ von der Astronomie beherrschten Regionen bezogen, aber der Rest reichte, um des Fürsten Herz mit Mißmut zu erfüllen. Er erinnerte sich plötzlich wieder an König Ferdinands Schreibtisch in Caserta, auch jener mit Dokumenten und zu fallenden Entscheidungen überhäuft, dank derer man sich der trügerischen Hoffnung hingeben konnte, auf den Sturzbach der Schicksale einwirken zu können, der aber, eigenmächtig, durch eine andere Schlucht zu Tale stürzte.

Don Fabrizio mußte an ein kürzlich in den Vereinigten Staaten von Nordamerika entdecktes Medikament denken, unter dessen Wirkung man während der qualvollsten Operationen keine Schmerzen verspürte und in der Bedrängnis heiter blieb. Morphium war es genannt worden, dieses primitive Surrogat des heidnischen Stoizismus, der christlichen Ergebung. Dem König ersetzte die schimärische Regentschaft das Morphium; er, Salina, hatte eines von erlesenerer Zusammensetzung: die Astronomie. Er verscheuchte die Bilder des verlorenen Ragattisi und des wankenden Argivocale und vertiefte sich in die Lektüre der jüngsten Ausgabe des Journal des savants. »Les dernières observations de l'Observatoire de Greenwich présentent un intérét tout particulier …«

Er mußte sich jedoch schon bald von den stillen Himmelsräumen abkehren. Don Ciccio Ferrara, der Buchhalter, kam herein. Er war ein hageres Männchen, der die enttäuschte gierige Seele eines Liberalen hinter einer beruhigenden Brille und einem makellosen Krawättchen verbarg. An jenem Morgen war er munterer als sonst: es war offensichtlich, daß die Neuigkeiten, die Pater Pirrone so entmutigt hatten, auf den Mann wie ein Tonikum gewirkt hatten. »Schlechte Zeiten, Exzellenz«, sagte er nach den zeremoniellen Begrüßungen, »es geschehen unerfreuliche Dinge, doch nach dem bißchen Durcheinander und den Schießereien wird wieder Ordnung herrschen, glorreiche neue Zeiten werden für unser Sizilien anbrechen; wenn nicht viele Mütter ihre Söhne opfern müßten, könnten wir uns darüber nur freuen.« Der Fürst brummte etwas, ohne eine klare Meinung zu äußern. »Don Ciccio«, sagte er dann, »wir jedenfalls müssen Ordnung in die Eintreibung der Pachtzinsen für Querceta bringen; seit zwei Jahren hat man von dort nicht einen halben Tarì gesehen.« »Die Buchführung ist nachgeführt, Exzellenz.« Das war der magische Satz. »Wir brauchen bloß don Angelo Mazza zu schreiben, er soll das Notwendige veranlassen; ich werde Euch noch heute den Brief zur Unterschrift vorlegen«, und er ging, um eifrig in den mächtigen Hauptbüchern zu blättern, in denen, mit zwei Jahren Verspätung, außer den tatsächlich wichtigen, alle Rechnungen des Hauses Salina mit gestochen scharfer Schrift minuziös eingetragen waren.

Wieder allein, schob Don Fabrizio sein Eintauchen in die Spiralnebel hinaus. Er war wütend, nicht etwa über die sich ankündenden Ereignisse, sondern über Ferraras Dummheit, in dem er plötzlich eine der in Zukunft führenden Klassen erkannt hatte. »Was der gute Mann sagt, ist genau das Gegenteil der Wahrheit. Er bedauert die vielen Mütter, deren Söhne krepieren müssen, obwohl es sehr wenige sein werden, wenn ich den Charakter der zwei Gegner richtig einschätze: kein einziger mehr, als es in Neapel oder Turin, was letztlich aufs gleiche herauskommt, für die Abfassung eines Siegesbulletins braucht. Er hingegen glaubt an die ›glorreichen Zeiten für unser Sizilien‹, wie er es ausdrückt; was uns seit Nicias bei jeder der hundert Landungen versprochen wurde und nie eingetreten ist. Und im übrigen, warum hätte es eintreten sollen? Was wird also als nächstes geschehen? Von Feuergefechten unterbrochene Verhandlungen, und nachher wird alles sein, wie es war, während sich alles geändert hat.« Er hatte sich an die doppeldeutigen Worte Tancredis erinnert, deren tieferen Sinn er jetzt verstand. Er beruhigte sich und vergaß, in der Zeitschrift zu blättern. Er betrachtete die versengten, ausgehöhlten und wie das Elend ewigen Abhänge des Monte Pellegrino.

Kurz darauf kam Russo, der Flurwächter, der Mann, den der Fürst für den einflußreichsten seiner Untergebenen hielt. Schlank, geradezu elegant in seiner kordsamtenen Joppe, gierige Augen unter einer skrupellosen Stirn, war er für Don Fabrizio die vollkommene Verkörperung eines aufsteigenden Standes. Unterwürfig übrigens und fast aufrichtig ergeben, beging er seine Diebereien in der Überzeugung, von einem Recht Gebrauch zu machen. »Ich kann mir vorstellen, wie sehr sich Eure Exzellenz über die Abreise des jungen Herrn Tancredi ängstigt; doch ich bin sicher, seine Abwesenheit wird nicht lange dauern, und alles wird ein gutes Ende nehmen.« Der Fürst sah sich ein weiteres Mal einem sizilianischen Rätsel gegenüber. Auf dieser verschwiegenen Insel, wo man die Häuser verrammelt und die Bauern behaupten, sie würden den Weg zu ihrem Dorf nicht kennen, das man auf dem Hügel, zehn Minuten entfernt, vor sich sieht, auf dieser Insel war Verschwiegenheit, trotz des zur Schau getragenen Luxus des Geheimnisvollen, ein Mythos.

Er bedeutete Russo, sich zu setzen, schaute ihm fest in die Augen. »Pietro, reden wir von Mann zu Mann, bist auch du in diese Geschichten verwickelt?« Darin verwickelt sei er nicht, antwortete dieser, er sei Familienvater, und solche Risiken seien Sache von Jüngeren wie dem jungen Herrn Tancredi. »Ich bitte Euch, wie könnte ich vor Eurer Exzellenz etwas verbergen, der Ihr für mich wie ein Vater seid.« (Dabei hatte er vor drei Monaten in seiner Scheune hundertfünfzig Körbe Zitronen versteckt, die dem Fürsten gehörten, und wußte, daß der Fürst es wußte.) »Doch ich muß zugeben, daß mein Herz bei ihnen ist, bei jenen tapferen jungen Männern.« Er stand auf, um Bendicò hereinzulassen, der unter seinem liebenden Ungestüm die Tür erzittern ließ. Er setzte sich wieder. »Eure Exzellenz weiß es; es ist nicht mehr zum Aushalten: Hausdurchsuchungen, Verhöre, Papierkram für alles und jedes, ein Sbirre an jeder Ecke; ein anständiger Mensch darf sich nicht einmal mehr um die eigenen Angelegenheiten kümmern. Nachher aber, nachher werden wir in Freiheit, in Sicherheit leben, werden niedrigere Steuern bezahlen, werden Vorteile haben, werden Handel treiben können. Es wird uns allen bessergehen: bloß die Pfaffen werden das Nachsehen haben. Der HErr beschütze arme Teufel wie mich, und nicht jenes Pack.« Don Fabrizio lächelte: er wußte, daß ausgerechnet er, Russo, mittels eines Strohmanns Argivocale kaufen wollte. »Es wird Schießereien und Unruhen geben, aber Villa Salina wird sicher sein wie eine Burg; Exzellenz ist unser Vater, und ich habe viele Freunde hier. Die Piemonter werden das Haus nur mit dem Hut in der Hand betreten, um Ihren Exzellenzen die Ehre zu erweisen. Und erst noch dem Onkel und Vormund von Don Tancredi!« Der Fürst fühlte sich gedemütigt: er sah sich in den Rang eines Schützlings von Russos Freunden herabgewürdigt; sein einziges Verdienst bestand offenbar darin, der Onkel dieser Rotznase von einem Tancredi zu sein. »In einer Woche werde ich mein Leben dank Bendicò retten, so weit kommt es noch.« Er zwirbelte das Ohr des Hundes kräftig zwischen den Fingern, daß das arme Tier, sichtlich geehrt, aber leidend, leise jaulte.

»Alles wird besser werden, glaubt mir, Exzellenz«, fuhr Russo fort, »die ehrlichen und fleißigen Männer werden sich durchsetzen. Alles andere wird sein wie früher.« Don Fabrizio war erleichtert: diese Leute, diese schlitzohrigen Landliberalen, wollten sich bloß leichter Vorteile verschaffen. Das war alles. Und die Schwalben würden früher wegziehen. Was soll's, im Nest blieben noch viele zurück.

»Vielleicht hast du recht. Wer weiß.« Jetzt hatte er alle verborgenen Bedeutungen ergründet: Tancredis rätselhafte Worte, die pathetischen Ferraras, die falschen, jedoch vielsagenden Russos hatten ihr beruhigendes Geheimnis preisgegeben. Vieles würde geschehen, doch alles würde nur eine Komödie sein, eine lärmende romantische Komödie mit ein paar Blutflecken auf dem Narrenkostüm. Sizilien war das Land des Sich-Arrangierens, die französische Rage fehlte hier; nebenbei bemerkt, wann war, abgesehen von Juni achtundvierzig, in Frankreich etwas Ernsthaftes geschehen? Wäre seine angeborene Höflichkeit nicht gewesen, hätte er am liebsten zu Russo gesagt: »Ich habe bestens verstanden: ihr wollt uns, ›eure Väter‹‚ nicht zugrunde richten; ihr wollt bloß unseren Platz einnehmen. Sanft, mit guten Manieren, uns vielleicht sogar ein paar tausend Dukaten zustecken. Habe ich recht? Dein Neffe, lieber Russo, wird allen Ernstes glauben, ein Baron zu sein; und du wirst, was weiß ich, dank deines Namens zum Nachfahren eines Bojaren des Herzogtums Moskau werden und wirst nicht mehr der Sohn eines rothaarigen Bauerntölpels sein, wie dein Name unleugbar verrät. Deine Tochter wird schon vorher einen von uns geheiratet haben, vielleicht sogar ebendiesen Tancredi mit seinen blauen Augen und seinen schmalen gelenkigen Händen. Im übrigen ist sie hübsch, und wenn sie erst einmal gelernt hat, sich zu waschen... Damit alles bleibt, wie es ist. Wie es im Grunde ist: bloß die Klassen werden nach und nach ausgetauscht werden. Meine goldenen Schlüssel eines königlichen Kämmerers, die kirschfarbene Kordel des Ritterordens von San Gennaro werden in der Schublade bleiben müssen und schließlich in einer Vitrine von Paolos Sohn landen, doch die Salina werden die Salina bleiben; allenfalls bekommen sie als Trost diese oder jene Entschädigung: den Senat von Sardinien, das pistaziengrüne Band des Mauritius-und-Lazarus-Ordens. Flitterkram das eine wie das andere.«

Er stand auf: »Pietro‚ sprich mit deinen Freunden. Im Haus sind viele junge Damen, sie dürfen sich nicht ängstigen.« »Ich war sicher, Exzellenz; ich habe bereits gesprochen: in der Villa Salina wird es ruhig sein wie in einem Kloster.« Und er lächelte liebenswürdig ironisch.

Don Fabrizio verließ das Kontor, gefolgt von Bendicò; er wollte zu Pater Pirrone hinauf, doch der flehende Blick des Hundes zwang ihn, statt dessen in den Garten zu gehen: Bendicò hatte nämlich überschwengliche Erinnerungen an die gründliche Arbeit des gestrigen Abends bewahrt und wollte diese nach allen Regeln der Kunst zu Ende bringen. Der Garten duftete noch intensiver als am Tag zuvor, und das Gold der Akazie wirkte in der Morgensonne diskreter. »Doch die Könige, unsere Könige? Und die Legitimität, was ist damit?« Sein Blick verdüsterte sich bei diesem Gedanken, die Frage ließ sich nicht vermeiden, einen Moment lang fühlte er sich wie Malvica. Diese zutiefst verachteten Ferdinands, diese Franz’, sie kamen ihm wie ältere Brüder vor, vertrauensvoll, liebevoll, gerecht, echte Könige. Doch die im Fürsten besonders wachsame Abwehr, die seine innere Ruhe verteidigte, eilte bereits mit der Feldartillerie des Rechts, mit der Festungsartillerie der Geschichte zu Hilfe. »Und was ist mit Frankreich? Mit Napoleon III.? Und leben sie vielleicht nicht glücklich, die Franzosen, unter diesem aufgeklärten plebiszitären Kaiser, der sie zweifellos zu höchsten Geschicken bringen wird? Seien wir ehrlich: Karl III., war bei ihm vielleicht alles rechtens? Auch die Schlacht bei Bitonto hatte sich nicht wesentlich von der Schlacht bei Corleone unterschieden, oder von der bei Bisaquino, oder was weiß ich wo, in der die Piemonter den Unsrigen einen Denkzettel verpassen werden; eine von diesen Schlachten, die geschlagen werden, damit alles bleibt, wie es ist. Und schließlich war auch Jupiter nicht der rechtmäßige König des Olymps.«

Das im "Gattopardo" beschriebene
Familienwappen
Es war naheliegend, daß Jupiters Staatsstreich gegen Saturn ihm die Sterne in Erinnerung rief.

Er ließ den vor Tatkraft außer Atem geratenen Bendicò allein, ging die Treppe hinauf, durchquerte die kleinen Salons, wo die Töchter über die Freundinnen aus der Klosterschule plauderten (die Seide ihrer Röcke raschelte, als sie sich ehrerbietig grüßend erhoben), ging eine lange Stiege hinauf und trat in das strahlend blaue Licht des Observatoriums hinaus. Pater Pirrone saß ganz vertieft über seinen algebraischen Formeln, mit dem gelassenen Gesichtsausdruck des Priesters, der die Messe gelesen und starken Kaffee und Zuckerbrötchen aus Monreale gefrühstückt hat. Die zwei von der Sonne geblendeten Teleskope und die drei Fernrohre mit dem schwarzen Deckel auf dem Okular kuschten brav, gut erzogene Tiere, die wußten, daß ihnen ihre Mahlzeit nur abends vorgesetzt wird.

Das Erscheinen des Fürsten riß den Priester aus seinen Berechnungen und erinnerte ihn an den unseligen gestrigen Abend. Er stand auf, grüßte ehrfürchtig, konnte es sich aber nicht verkneifen hinzuzufügen: »Kommt Eure Exzellenz zur Beichte?« Don Fabrizio, den der Schlaf und die morgendlichen Gespräche die nächtliche Episode hatten vergessen lassen, war verblüfft. »Beichten? Heute ist doch nicht Samstag!« Doch dann erinnerte er sich und lächelte: »Eigentlich, Hochwürden, müßte das gar nicht sein. Ihr wißt ja schon alles.« Dieses Beharren auf der aufgezwungenen Komplizenschaft ärgerte den Jesuiten. »Exzellenz, die Wirksamkeit der Beichte besteht nicht nur im Bekennen der Schuld, sondern im Bereuen des begangenen Bösen; und bis Ihr das nicht getan und mir nicht gezeigt habt, bleibt Ihr im Zustand der Todsünde, ob ich nun Eure Handlungen kenne oder nicht.« Er blies pedantisch ein Härchen von seinem Ärmel und vertiefte sich wieder in seine Abstraktionen.

Die Ruhe, die dank der politischen Erkenntnisse des Vormittags die Seele des Fürsten erfüllte, war so groß, daß er bloß lächelte über das, was er sonst als Dreistigkeit empfunden hätte. Er öffnete eines der Turmfenster. Die Landschaft entfaltete all ihre Pracht. Unter dem Ferment der gleißenden Sonne schien jeder Gegenstand schwerelos zu sein: das Meer im Hintergrund war ein Flecken reiner Farbe, die Berge, die einem nachts furchterregend und voller Hinterhalte erschienen, waren jetzt nur noch sich auflösende Dunstmassen, und selbst das düstere Palermo breitete sich friedlich rund um die Klöster aus wie eine Herde zu Füßen des Hirten. Die auf der Reede vor Anker liegenden ausländischen Schiffe, die, in Erwartung von Unruhen geschickt, das Gefühl der Angst nicht auf die staunende Ruhe zu übertragen vermochten. Die Sonne, die an jenem Morgen des 13. Mai noch weit vom Zenit ihrer Glut entfernt war, erwies sich als die wahre Herrscherin Siziliens; die gewalttätige, impertinente Sonne, die narkotisierende Sonne auch, die den Willen des einzelnen auslöschte und alles und jedes in sklavischer Reglosigkeit erstarren ließ, in gewalttätigen Träumen wiegte, in Gewalttätigkeiten, die an der Willkür der Träume teilhatten.

»Es wird etliche Viktor Emanuels brauchen, um diesen Zaubertrank zu verändern, der uns ständig eingegossen wird.«

Pater Pirrone war aufgestanden, hatte den Gürtel zurechtgeschoben und war mit ausgestreckter Hand auf den Fürsten zugegangen. »Exzellenz, ich bin vielleicht zu schroff gewesen; bewahrt mir Euer Wohlwollen, doch hört auf mich: beichtet.«

Giuseppe Tomasi di Lampedusa
Das Eis war gebrochen, und der Fürst konnte Pater Pirrone von seinen politischen Erkenntnissen berichten. Der Jesuit war jedoch weit davon entfernt, die Erleichterung des Fürsten zu teilen, ja, er wurde sogar bitter: »Mit anderen Worten, Ihr Herren einigt Euch auf unsere Kosten, auf Kosten der Kirche also, mit den Liberalen, was sage ich, mit den Liberalen!, mit den Freimaurern sogar. Denn es liegt auf der Hand, daß unsere Güter, Güter, die das Vermögen der Armen sind, zusammengerafft und willkürlich unter den schamlosesten Rädelsführern aufgeteilt werden; und wer wird dann den Hunger der Ärmsten stillen, die heute noch von der Kirche gespeist und geleitet werden?« Der Fürst schwieg. »Womit wird man dann die aufgehetzten Massen Enterbter besänftigen? Ich werde es Euch sagen, Exzellenz: Zuerst wird man ihnen einen Teil, dann einen zweiten Teil und zuletzt alle Eure Ländereien zum Fraß vorwerfen. Und Gott wird Seine Gerechtigkeit geübt haben, wenn auch mit Hilfe der Freimaurer. Der HErr heilte die körperlich Blinden; doch die geistig Blinden, was wird aus denen?«

Der betrübte Pater war außer Atem: der aufrichtige Schmerz über die vorhersehbare Vergeudung des Kirchenvermögens verband sich in ihm mit der Reue, weil er sich erneut hatte hinreißen lassen, und mit der Furcht, den Fürsten verletzt zu haben, dem er aufrichtig zugetan war und dessen polternden Zorn, aber auch dessen gelassene Güte er erfahren hatte. Daher setzte er sich besorgt und beobachtete Don Fabrizio aus dem Augenwinkel, der mit einer kleinen Bürste die Getriebe eines Fernrohrs reinigte und ganz in seine minuziöse Arbeit vertieft zu sein schien, schließlich stand er auf, säuberte mit einem Lümpchen sorgfältig die Hände: sein Gesicht war ausdruckslos, seine hellen Augen schienen sich einzig und allein darauf zu konzentrieren, auch das kleinste in der Nagelwurzel versteckte Fettrestchen aufzuspüren. Rund um die Villa war die leuchtende Stille tief und äußerst herrschaftlich; eher hervorgehoben denn gestört von einem weit, weit entfernten Bellen Bendicòs, der zuhinterst im Zitrusgarten wütend den Hund des Gärtners anblaffte, und vom dumpfen rhythmischen Schlagen des Küchenmessers eines Kochs, der in der Küche unten auf dem Hackbrett das Fleisch für das nicht mehr ferne Mittagessen zerkleinerte. Die hoch am Himmel stehende Sonne hatte sowohl den Aufruhr der Menschen als auch die Strenge der Erde aufgesogen. Don Fabrizio ging zum Tisch, setzte sich und begann, mit dem sorgfältig angespitzten Bleistift, den der Jesuit in seinem Zorn hingelegt hatte, lanzettförmige bourbonische Lilien zu zeichnen. Er blickte ernst und gleichzeitig heiter, so daß Pater Pirrones Besorgnisse auf der Stelle Schwanden.

»Wir sind nicht blind, Hochwürden, wir sind bloß Menschen. Wir leben in einer sich ständig wandelnden Realität, an die wir uns anzupassen versuchen, so wie sich die Algen der Strömung des Meeres beugen. Der heiligen Kirche ist die Unsterblichkeit ausdrücklich versprochen; uns, als sozialer Klasse, nicht. Ein Sedativurn, dessen Wirkung hundert Jahre anzudauern verspricht, kommt für uns der Ewigkeit gleich. Wir können uns vielleicht um unsere Kinder sorgen, vielleicht um die Enkel; doch wir haben über das hinaus, was wir mit diesen Händen hoffen liebkosen zu können, keinerlei Verpflichtungen; also kann ich mir nicht darüber Gedanken machen, was aus meinen möglichen Nachfahren im Jahre 1960 geworden sein wird. Die Kirche ja, sie muß sich darum sorgen, weil sie zum Weiterleben bestimmt ist. Ihre Verzagtheit schließt den Trost ein. Und glaubt Ihr, daß die Kirche uns nicht opfern würde, könnte sie sich jetzt oder in Zukunft dadurch retten? Natürlich würde sie es tun, und sie hätte recht.«

Der Palazzo Filangeri di Cutò, Ort des Geschehens. 
Pater Pirrone war dermaßen glücklich, den Fürsten nicht verletzt zu haben, daß er sich seinerseits nicht verletzt fühlte. Der Ausdruck »Verzagtheit« im Zusammenhang mit der Kirche war zwar nicht annehmbar, doch die langjährige Erfahrung im Beichtstuhl hatte ihn gelehrt, den ernüchterten Humor Don Fabrizios zu schätzen. Er durfte jedoch sein Gegenüber keinesfalls triumphieren lassen. »Ihr werdet mir am Samstag zwei Sünden zu beichten haben, Exzellenz: eine des Fleisches, von gestern, eine des Geistes, von heute. Erinnert Euch daran.«

Beide waren wieder friedlich und unterhielten sich über einen Bericht, der demnächst an ein Observatorium im Ausland geschickt werden mußte, an das von Arcetri. Scheinbar getragen, geleitet von den Zahlen, unsichtbar zu jener Tageszeit, jedoch zugegen, fürchten die Gestirne mit ihren präzisen Umlaufbahnen den Äther. Ihre Verabredungen zuverlässig einhaltend, waren die Kometen es gewohnt, auf die Sekunde genau vor dem zu erscheinen, der sie beobachtet. Und sie waren nicht Künder von Katastrophen, wie Stella glaubte: im Gegenteil, ihr vorausberechnetes Erscheinen war der Triumph der sich projizierenden menschlichen Vernunft, die an der erhabenen Normalität des Firmaments teilhatte. »Lassen wir hienieden die Bendicòs scheue Beute jagen und das Küchenmesser das Fleisch unschuldiger Tierchen zerkleinern. Von der Höhe dieses Observatoriums aus verschmelzen das großtuerische Gekläffe des einen und die Blutrünstigkeit des anderen zu einer ruhigen Harmonie. Das eigentliche Problem, das einzige, besteht darin, dieses
geistige Leben in seinen abstraktesten Momenten weiterleben zu können, in den todesähnlichsten.«

So argumentierte der Fürst, seine gewohnten Schrullen, seine gestrigen fleischlichen Kapricen vergessend. Und dank dieser Momente der Abstraktion waren ihm seine Sünden, vielleicht, inniger vergeben worden, das heißt, sie hatten ihn wieder enger mit dem Universum verbunden, als Pater Pirrones rituelle Formel es vermocht hätte. An jenem Morgen wurden die Götter der Deckenfresken und die Makakenäffchen der Seidentapete nochmals für eine halbe Stunde zum Schweigen verurteilt. Doch im Salon bemerkte es niemand.

Quelle: Giuseppe Tomasi di Lampedusa: Der Gattopardo. Roman. Neuausgabe. Übersetzt von Giò Waeckerlin Induni. Piper, München/Zürich, 2.Auflage 2004. ISBN 3-492-04584-7. Seiten 36-49.


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Die komplette Kammermusik von Robert Schumann. | Exemplarische Paradoxa aus dem »Buch ohne Titel« (Raymond M. Smullyan).

Die Kammermusik (ohne Streichquartette) von Antonin Dvorák. | »Bitt’ Sie, was ist das eigentlich: Bushido?« (Gustav Meyrink).

Rainer Maria Rilke: Die Weise von Liebe und Tod des Cornets Christoph Rilke (Ulrich Mühe). | Die Dünne und das Biest. Paolo Uccello sieht in den Rachen des Satans.

Antonio Bertali: Prothimia Suavissima ovvero XII Sonate a tre o quattro strumenti e basso. | Ernst H. Kantorowicz: Die zwei Körper des Königs.



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14. Oktober 2013

Gottfried Michael Koenig: Kammermusik

Spricht man mit Leuten, die in den 1950er- und 1960er-Jahren im Studio für Elektronische Musik des Westdeutschen Rundfunks gearbeitet haben, so kommt man zwangsläufig und stets auch gerne auf Gottfried Michael Koenig zu sprechen, den, wie manche ihn damals genannt haben, „Außenminister“ derjenigen Institution, die das Fundament legte zu einem der seither weltweit wichtigsten Orte der Neuen Musik: Köln.

Koenig, der „Außenminister“ übrigens deswegen, weil er kontaktfreudig-kollegial die projektbezogen im Studio arbeitenden Komponisten aus aller Welt tatkräftig bei ihren Vorhaben unterstützte, sich, auch eine diplomatische Fähigkeit, in die ästhetischen Konzepte anderer hineinzudenken wusste und mit den Urhebern, wo sich Probleme auftaten, gemeinsam nach technischen Lösungen suchte und zumeist auch welche fand.

György Ligeti, Hans G Helms, Franco Evangelisti, Bengt Hambraeus, Konrad Boehmer sind nur einige temporäre „WDR-Studioarbeiter“, die begeistert von Koenigs Hilfsbereitschaft, vor allem aber von seiner außerordentlichen Kenntnis im elektronischen Metier berichtet haben. Mauricio Kagel, der 1957 von Buenos Aires nach Köln übergesiedelt war, eigens um im Elektronischen Studio arbeiten zu können, schenkte dem Außenminister und Entwicklungshelfer Gottfried Michael Koenig im selben Jahr zum Geburtstag einen Text, der so manch kleines Detail der damaligen ästhetischen Diskussionen spielerisch-ironisch fixiert. Ein Ausschnitt:

„‚Ich befinde mich zwischen Gott und der Freiheit‘, sagte der Mann. ‚Natürlich, du heißt Gottfried‘, warf ihm Phon vor und dachte an die Ära der Prä-Elektrizität. ‚Watt willst du‘, wies ihn die Stimme zurecht, ‚noch eine Ordnung schaffen?‘ ‚Nein, im Gegenteil‘, schrieb der Mann, ‚das Positive ist negativ, ich bin ein Negativist!!‘ ‚… des Positivismus‘, sagte Ohm und gähnte. Währenddessen stöberte er seinen perfekten Kreis auf. ‚Ich werde dir ein Verslein sagen‘, sagte der Raum mit seinem Echo: ‚Die beste Hierarchie ist die Anarchie. Als ich sie am meisten wollte, hat sie mich belogen …‘“

Ordnung und Chaos, seriell und aleatorisch, elektronisch und instrumental (nur in den frühesten Jahren auch vokal), positiv und negativ (physikalisch-elektrisch wie philosophisch) – das sind nur einige Begriffe, denen man im Diskurs der jungen Nachkriegsavantgarde wiederholt begegnet – Stichwort „Darmstadt“ – und die sogar bis heute noch immer eine gewisse Rolle spielen, je nachdem wo sich der/die Gesprächspartner ästhetisch verorten (lassen/wollen). Natürlich sind die Begriffe auch für Koenigs Musikdenken wesentlich – nachzulesen in seinen zahlreichen Essays und Kommentaren, die unter dem Titel „Ästhetische Praxis“ als sechsbändige Edition im Pfau-Verlag Saarbrücken erschienen sind (1991–2006) – als Gemeinschaftsprojekt mit dem Fachbereich Musikwissenschaft der Universität des Saarlandes, deren Philosophische Fakultät I ihm 2002 die Ehrendoktorwürde verliehen hat. [1]

Gottfried Michael Koenig, geboren am 5. Oktober 1926 in Magdeburg, studierte an der Nordwestdeutschen Akademie in Detmold unter anderem Komposition (bei Günter Bialas) und Analyse (bei Wilhelm Maler). 1953 zog er nach Köln. Der Grund: die Möglichkeiten der elektronischen Klangerzeugung, die er in Vorträgen von Werner Meyer-Eppler und Herbert Eimert bei den Internationalen Ferienkursen für Neue Musik in Darmstadt kennengelernt hatte. Denn die Faszination, die diese neuen Musikproduktionskonzepte auf ihn ausübten, ließ ihn nicht mehr los, hatte er doch bei der Studienwahl lange zwischen Musik und einer naturwissenschaftlichen Disziplin geschwankt. Herbert Eimert, auf dessen Initiative hin die WDR-Intendanz die Studiogründung 1951 befördert hatte, war es auch, der Koenig nach dem bereits dort tätigen Karlheinz Stockhausen als zweiten Komponisten mit technischen Aufgaben für die Studioarbeit verpflichtete.

Gottfried Michael Koenig, im Jahre 1962
Es entstanden seine ersten elektronischen Stücke, die seither zum Kanon der Neuen, der elektronischen Musik gehören: Klangfiguren I und II (1955–56), Essay (1957/58), Terminus I (1962). In Köln formulierte Koenig die ersten ästhetischen wie theoretischen Kapitel für das gelebte Handbuch der schwingenden Elektronen, vorwiegend in praktischer Lehre während der Studioarbeit („learning by doing“) sowie zeitweise als Dozent an der Kölner Musikhochschule und an anderen (akademischen) Institutionen. Die nächsten Kapitel entstanden dann an der Universität Utrecht, wo er zwischen 1964 und 1986 als künstlerischer Leiter des neugegründeten „Instituut voor Sonologie“ tätig war. Hier setzte er seine Lehrtätigkeit fort, feilte er an den intensiven Reflexionen über Technik und Ästhetik des Komponierens, des elektronischen wie des instrumentalen.

Denn unter den rund sechzig Werken, die Koenig geschrieben hat, ist der umfangreichere Teil „unplugged“. Aber auch in diesen Kompositionen für akustische Instrumente ist er – anders als viele seiner Kollegen (auch als die von einst) – dem seriellen Ansatz treu geblieben, hat ihn sogar konsequent weiterentwickelt. Dabei spielt die Einbindung des Computers seit vielen Jahren schon eine zentrale Rolle. In Koenigs Programmen Projekt 1 (ab 1963), Projekt 2 (ab 1966) und Projekt 3 (ab 1985) können die aus dem Serialismus entwickelten Kompositionsstrategien – wozu er auch die mathematisch definierte Aleatorik zählt – dargestellt werden. Und das vermag bei der Planung des Werkes zu helfen wie auch dem inneren Zusammenhalt der Parameter. Allerdings sind die Programme ohne musikalisches Vorstellungsvermögen kaum adäquat zu handhaben. Koenigs Projekt(e)-Software ist weder ein digitales noch ein kognitives „plug&play“-System, die Projekt(e) suspendieren keineswegs die Kreativität und ästhetische Verantwortung des Komponisten.

Als in den 1980-/90er-Jahren das Etikett „Postmoderne“ Usus wurde, setzte ihm der Musiktheoretiker und frühe Koenig-Exeget Heinz-Klaus Metzger die Vokabel „Prämoderne“ entgegen: Da die Moderne sich noch lange nicht erfüllt habe, könne von einem „nach“ schließlich keine Rede sein. [2] Und nach wie vor befindet und bewegt sich der Komponist und Theoretiker Gottfried Michael Koenig in der Ära der Prämoderne, übrigens gleich uns. Nur dass Koenig als ästhetischer Negativist (des Positivismus) immer noch die Ideen und Ideale des musikalischen Fortschritts verfolgt.

Anmerkungen

[1] Siehe zu Koenigs Musikdenken auch die Publikationen Gottfried Michael Koenig, hrsg. von Heinz-Klaus Metzger und Rainer Riehn, München: text + kritik 1989 (= Musik-Konzepte 66); Gottfried Michael Koenig. Parameter und Protokolle seiner Musik, hrsg. von Stefan Fricke, Saarbrücken: Pfau 2004.

[2] Heinz-Klaus Metzger, Kölner Manifest 1991, in: Blick zurück nach vorn – ein Buch zur Praemoderne, hrsg. von Ingrid Roscheck, Heribert C. Ottersbach und Manos Tsangaris, Köln: Thürmchen-Verlag 1992.


Quelle: Stefan Fricke: Kölner Außenminister und Entwicklungshelfer. Zum achtzigsten Geburtstag des Komponisten Gottfried Michael Koenig. In: NMZ, Ausgabe 10/06, 55.Jahrgang

Zwei Klavierstücke (1957): Ausschnitt aus: Klavierstück I

Disc 1, Track 4: Streichquartett, 1959


TRACKLIST

Gottfried Michael Koenig
(* 1926)

Kammermusik

CD 1

1.+2. Zwei Klavierstücke, 1957 (WDR 1995)                                14:13 
Jan Marc Reichow, Klavier 

3. Suite »Materialien zu einem Ballett«, 1961 (WDR 1961)                 20:48 
Elektronische Komposition, Gottfried Michael Koenig 

4. Streichquartett, 1959 (WDR 1961)                                      10:04 
LaSalle Quartet: Walter Levin, 1. Violine; Henry Meyer, 2. Violine; 
Peter Kamnitzer, Viola; Jack Kirstein, Violoncello 

5. Terminus X, 1967 (Institut für Sonologie in Utrecht 1967)             11:46 
Elektronische Komposition, Gottfried Michael Koenig 

6. Funktion Grün, 1967 (Institut für Sonologie in Utrecht 1967)           8:25 
Elektronische Komposition, Gottfried Michael Koenig 

7. Funktion Gelb, 1968 (Institut für Sonologie in Utrecht 1968)          12:43
Elektronische Komposition, Gottfried Michael Koenig 

                                                             Gesamtzeit: 77:59 

CD 2

1.-60.60 Blätter für Streichtrio, 1992 (WDR 1996) 
Trio Recherche: Melise Mellinger, Violine; 
Barbara Maurer, Viola; Lucas Fels, Violoncello 

Blatt 1  00:42  Blatt  2 00:41  Blatt 3  00:21  Blatt  4 00:45  Blatt  5 00:36 
Blatt 6  00:35  Blatt  7 00:37  Blatt 8  00:32  Blatt  9 00:35  Blatt 10 00:20
Blatt 11 00:38  Blatt 12 00:30  Blatt 13 00:35  Blatt 14 00:31  Blatt 15 00:43 
Blatt 16 00:34  Blatt 17 00:36  Blatt 18 00:36  Blatt 19 00:44  Blatt 20 00:46 
Blatt 21 00:35  Blatt 22 00:34  Blatt 23 00:40  Blatt 24 00:39  Blatt 25 00:29  
Blatt 26 00:38  Blatt 27 00:30  Blatt 28 00:26  Blatt 29 00:41  Blatt 30 00:46 
Blatt 31 00:26  Blatt 32 00:44  Blatt 33 00:41  Blatt 34 00:49  Blatt 35 00:43 
Blatt 36 00:36  Blatt 37 00:32  Blatt 38 01:00  Blatt 39 00:37  Blatt 40 00:55 
Blatt 41 00:45  Blatt 42 00:47  Blatt 43 00:19  Blatt 44 00:42  Blatt 45 00:45 
Blatt 46 00:39  Blatt 47 00:51  Blatt 48 00:23  Blatt 49 00:26  Blatt 50 00:37 
Blatt 51 00:33  Blatt 52 00:44  Blatt 53 00:51  Blatt 54 00:31  Blatt 55 00:27 
Blatt 56 00:49  Blatt 57 00:46  Blatt 58 00:37  Blatt 59 00:52  Blatt 60 00:51 

                                                             Gesamtzeit: 38:45 
                                                             
Initiator, Werkauswahl und CD-Mastering: Kees Tazelaar
(P) 2006

Disc 1, Track 6: Funktion Grün, 1967


Nadar: Sarah Bernhardt (um 1864)


Nadar: Sarah Bernhardt, um 1864
Mademoiselle sans Géne

Sie war so jung wie die Fotografie. Und es steht außer Frage, dass auch Sarah Bernhardt fasziniert war von dem neuen Bildmittel. Auf jeden Fall nutzte sie das Medium konsequent zur Förderung ihres aufkommenden Ruhms.

Irgendwann im Laufe des jahres 1864 lässt sich die junge Sarah Bernhardt im Pariser Atelier von Félix Tournachon, genannt Nadar, porträtieren. Tag oder Monat sind nicht überliefert. Auf 1864 immerhin hat sich die Forschung einigen können. In diesem Jahr wird die als Henriette Rosine Bernard geborene Tochter einer holländischen Jüdin 20 Jahre alt. Von ihr als einer berühmten Schauspielerin zu sprechen, wäre erheblich übertrieben. Noch nicht einmal das Wort viel versprechend wäre zu diesem Zeitpunkt angebracht. Zwar hat sie das Pariser Konservatorium mit Anstand hinter sich gebracht und die Abschlussprüfung als Zweite ihres Jahrgangs bestanden. Auch hat sie unmittelbar danach - allerdings nicht ohne Unterstützung der einflussreichen Freunde ihrer Mutter - ein Engagement an der Comédie Française erhalten, damals immer noch Frankreichs Theater Nummer eins.

Dass sie hier auf Anhieb brilliert hätte, lässt sich freilich kaum behaupten. Eher das Gegenteil ist der Fall: »Ihr Debüt«, schreibt Cornelia Otis Skinner, eine ihrer Biografinnen, »war keineswegs sensationell, es war nicht einmal gut.« Vor allem ihr Lampenfieber, das sie bis zum Ende ihrer Karriere verfolgen wird, schwächt ihr Selbstbewusstsein auf der Bühne. Entsprechend zurückhaltend reagiert die Kritik. Sie halte sich gut und spreche ausgezeichnet, schrieb etwa Francisque Sarcey im Hinblick auf ihren ersten Auftritt als Iphigenie in Racines gleichnamigem Stück, um freilich wenig später auch dieses verhaltene Lob wieder zurückzunehmen. Ihre Leistungen, so der einflussreiche Kritiker der Zeitung Le Temps, seien ungenügend. Wenn sie überhaupt Eindruck gemacht zu haben scheint, dann durch ihr Aussehen: »Mademoiselle Bernhardt … ist eine große und hübsche junge Person von schlankem Wuchs und sehr angenehmem Gesichtsausdruck. Insbesondere ihre obere Gesichtshälfte ist von bemerkenswerter Schönheit. Ihre Haltung ist gut und ihre Aussprache vollkommen klar. Mehr«, so Sarcey, »lässt sich vorläufig nicht sagen.«

1864 kann Sarah Bernhardt auf knapp zwei Jahre Bühnenpraxis zurückblicken. Sie hat in Stücken von Molière und Racine mitgewirkt und sich in Aufführungen heute vergessener Autoren wie Théodore Barrière, Jean Bayard, Léon Laya oder Alfred Delacour behauptet. Aufsehen erregt sie bis dato allenfalls durch eine gewisse Exaltiertheit in Kleidung und Auftreten sowie eine Reihe mittlerer Skandale, die ihrem Fortkommen zunächst jedoch alles andere als dienlich sind. Eine Ohrfeige auf offener Bühne führt Anfang 1863 zu ihrer Entlassung aus der Comédie Française. Seitdem gilt sie als schwierig, trotzig, hochfahrend und bleibt bis auf weiteres ohne festes Engagement. Zudem ist sie schwanger. Das Kind - ein Sohn mit Namen Maurice - wird im Dezember 1864 unehelich geboren - alles in allem eine nicht unbedingt beneidenswerte Lage. »Diese junge Person«, soll ihr Lehrer am Konservatorium einst prophezeit haben, »wird entweder genial oder grauenhaft.» Zu jenem Zeitpunkt scheint letzteres wahrscheinlicher.

In eben diesem für Sarah Bernhardt nicht gerade viel versprechenden Jahr begibt sich die junge Mimin ins Atelier Nadar. Es ist dies nicht irgendeines der mittlerweile zahlreichen Fotostudios in Paris, es ist das größte und vermutlich auch das bekannteste. 1860 am Boulevard des Capucines, Nummer 35, also in unmittelbarer Nähe der Opéra Garnier eröffnet, trifft sich hier, was Rang und Namen hat - vielleicht nicht gerade die Machtelite des Zweiten Kaiserreichs, zu dem der republikanisch gesinnte Nadar ohnehin kritische Distanz wahrt. Dafür die Mitglieder jener Künstlerboheme, der Félix Tournachon selbst entstammt, auch wenn ihn mittlerweile ein ausgeprägter Geschäftssinn von den - wie sie sich selbst bezeichnen - »Wassertrinkern« trennt.

»Sarah Bernhardt nach ihrem Abgang vom Konservatorium«,
Artikel in der französischen Illustrierten VU, 12. August 1931.
Nadars Aufnahme ist hier auf 1861 datiert.
Ein Pantheon prominenter Zeitgenossen

Begonnen hatte Gaspard-Félix Tournachon, der sich ab 1838 Nadar zu nennen pflegte, als Theaterkritiker, Schriftsteller, Herausgeber einer Literaturzeitschrift, Zeichner und Karikaturist. Für Aufsehen sorgte sein 1851 begonnenes Projekt eines (lithografierten) Pantheons berühmter Zeitgenossen, das freilich aus finanziellen Gründen über eine erste Lieferung nicht hinaus kam. Dass er sich im selben Jahr der noch jungen Fotografie zuwendet, scheint auf den ersten Blick nur folgerichtig. Das technische Bildmittel ist schneller, billiger, und auch mit seiner Hilfe lässt sich so etwas wie ein Pantheon prominenter Persönlichkeiten realisieren. Im Übrigen war soeben ein neues, nicht eben unkompliziertes, dafür in seiner Lichtempfindlichkeit um ein Vielfaches gesteigertes Verfahren bekannt geworden: das Nasskollodiumverfahren, dessen sich Félix Tournachon bereits bei seinen ersten Aufnahmen bedient. Sind es zunächst die Mitglieder der Familie, die Nadar porträtiert, so treten schon bald die Künstlerfreunde vor die Kamera: Baudelaire, Champfleuri, Doré, Delacroix, Rossini oder Berlioz, deren schlichte, gesammelte, konzentrierte Studien »bis heute nichts von ihrer Unmittelbarkeit verloren haben« (Françoise Heilbrun).

In ganz kurzer Zeit jedenfalls treibt Nadar seine Porträtkunst zu bemerkenswerter Blüte, wobei ihm natürlich das Vertrautsein mit den Dargestellten, seine langjährige Tätigkeit als Karikaturist sowie sein »allgemeines Interesse am menschlichen Wesen« (Heilbrun) geholfen haben dürften. Dass er sich seiner Kunst, seines »Genies« durchaus bewusst war, belegt ein damals Aufsehen erregender Prozess gegen den konkurrierenden Bruder Adrien, in dessen Verlauf Nadar selbstsicher erklärte, dass man in der Fotografie vieles, aber nicht alles erlernen könne. Speziell das herausragende Porträt verdanke sich im Wesentlichen dem Talent des Künstlers hinter der Kamera. Eine Einschätzung, der Philippe Burty in seiner Kritik des Photographischen Salons von 1859 durchaus folgen mochte: »Herr Nadar«, schreibt er in der Gazette des beaux-arts, »hat aus seinen Porträtaufnahmen unbestreitbar Kunstwerke im eigentlichen Sinne des Wortes gemacht, und zwar durch die Art, wie er seine Modelle ins Licht setzt, durch die Freiheit, mit der sie sich bewegen und ihre Haltungen einnehmen können, und vor allem, indem er nach ihrem jeweils typischen Gesichtsausdruck sucht. Die gesamte literarische, künstlerische, schauspielerische, politische, mit einem Wort geistige Elite unserer Zeit hat sich in seinem Atelier eingefunden. Die Sonne ist für die praktische Seite zuständig, und Herr Nadar ist der Künstler, der ihr den Entwurf vorgibt.«

Knapp ein Jahrzehnt lang scheint das Porträt Nadar künstlerisch herausgefordert zu haben. Danach, heißt es, habe ihn die Fotografie gelangweilt. Nicht, dass er nicht weiterhin fotografiert hätte. 1861 gelingen ihm bei Kunstlicht Aufsehen erregende Aufnahmen in den Pariser Katakomben. Er fotografiert aus dem Fesselballon. Und auch dem fotografischen Porträt bleibt er weiterhin verbunden, allerdings - ab 1861, der Eröffnung seines neuen, großen Ateliers - fast nur noch im Sinne jener quasi »industrialisierten« Form, wie sie seit Disdéri fast die gesamte Branche ergriffen hat. Letzterer hatte ein Verfahren entwickelt, mit dessen Hilfe bis zu zwölf etwa handtellergroße Porträts rasch und billig hergestellt werden konnten.

Nadars Antwort auf die kommerzielle Herausforderung war das erwähnte Atelier am Boulevard des Capucines, das ihn die damals ungeheure Summe von 230000 (geliehenen) Francs gekostet haben soll. Von 50 Mitarbeitern wird berichtet, die bis zu zehn Porträts täglich anfertigten. Drei waren es zuvor gewesen. Dass bei dieser Massenproduktion die einstmals geforderte Charakterbilanz im geforderten Intimporträt kaum noch zu erreichen war, ist leicht nachzuvollziehen. Wenn das Atelier Nadar in jenen 1860er Jahren noch von sich reden machte, dann vor allem durch seine Größe und die für die Zeit ungewöhnlichen Werbemethoden. So prangte an der Fassade zum Boulevard in nicht zu übersehenden roten Lettern und nachts zusätzlich beleuchtet Nadars Schriftzug. Zumindest das Gespür für den großen Auftritt hatten Nadar und seine junge Klientin gemein.

Nadar: Sarah Bernhardt, um 1864
Unbekanntes Futter für sein Objektiv

Bereits 1862 hatte Sarah Bernhardt nachweislich zum ersten Mal das Atelier Nadar betreten. Belegt ist eine Visitkarte (Bibliothèque Nationale), die bereits alle Zeichen der Standardisierung im Porträt aufweist. Hatte Nadar in seinen frühen Bildnissen noch auf Requisiten verzichtet, so beginnen nun auch in seinem Atelier jene Setzstücke Einzug zu halten, wie sie die Atelierfotografie der Gewerbezeit insgesamt für unvermeidlich hält. Bestes Beispiel: jener antikisierende, im Zweifel aus Pappmaché gefertigte und - um Reflexe zu vermeiden - unlackierte Säulenstumpf, wie er auf den bekannten Bildnissen von 1864, aber auch dem früheren Bernhardt-Foto von 1862 deutlich zu sehen ist.

Die Pose auf der älteren Aufnahme ist konventionell, die Lichtregie wenig überzeugend. Das Bild wirkt flach wie die Inszenierung insgesamt. Das übergeworfene helle Tuch lässt Sarahs dürre Ärmchen erkennen, ein »Makel«, der ihr auf der Bühne immer wieder Spott eingetragen hatte. Auch ihrer dichten, krausen Haare wegen war sie als Kind immer wieder gehänselt worden. Diesmal hat die »blonde Negerin« ihr dunkles Haar zurückgebürstet und in einem Zopf gebändigt. Wenn diese unscheinbare Aufnahme etwas nicht ausstrahlt, dann ist es das, was Sarah Bernhardts Wesen, jedenfalls später, charakterisiert: Selbstbewusstsein, Stolz bis hin zum Trotz. »Quand même«, trotz alledem, war nicht zufällig der Wahlspruch ihres Lebens.

Dass Nadar höchstpersönlich dieses Foto aufgenommen hat, scheint so wenig wahrscheinlich, wie wir andererseits davon ausgehen können, dass zwei Jahre später er es war, der im Rahmen einer einzigen Porträtsitzung Sarah Bernhardts viel gerühmte Schönheit überzeugend ins Bild zu setzen wusste. Kunsthistoriker rechnen die Aufnahmen der jungen, unbekannten Mimin zu »Nadars inspiriertesten Werken« (Sylvie Aubenas) und zu seinen besten Arbeiten der Zeit nach 1860 überhaupt. Der Hintergrund ist neutral. Der Säulenstumpf verschwindet hinter einer Pose, die wie hingegossen wirkt. Der verklärte Blick geht in die Ferne. Kein Schmuck, der die Schönheit betonen müsste. Zumindest ist die Kamee am linken Ohr auf unserem Bild kaum zu erkennen. Das volle, dunkle Haar trägt sie offen. Der Burnus, den sie übergeworfen hat, unterstreicht die pyramidenförmig angelegte Gesamtkomposition. Geschickt ist diesmal der magere Oberkörper verhüllt. Allein die linke Schulter zeigt sich ansatzweise und gibt dem Bild eine laszive Note. Helle und dunkle Partien sind hier deutlich gegeneinander gesetzt und steigern im Verein mit der selektiven Schärfe die plastische Bildwirkung. Nur noch selten und einzig, wenn ihn ein Sujet, besser, eine Person gefesselt habe, so Françoise Heilbrun, eine der besten Kennerinnen des Werkes von Nadar, habe der Fotograf in seinen späteren Jahren Bildnisse von dieser Qualität geschaffen.

Insgesamt drei Varianten sind überliefert, und jede Aufnahme darf als gelungen gelten im Sinne einer überzeugenden Visualisierung ihrer Persönlichkeit. Stets ist Sarah Bernhardt im Brustbild und gegen den Säulenstumpf gelehnt wiedergegeben. Das Haar trägt sie offen. Der Burnus wird einmal gegen ein schwarzes Samttuch ausgetauscht. Ob en face oder im Dreiviertelprofil: Stets vermag Nadar die auch 130 Jahre später noch anrührende Schönheit der jungen Schauspielerin herauszuarbeiten. Dass von keinem der Bilder ein zeitgenössischer Abzug (Vintage Print) erhalten ist, erklärt sich aus der - noch - fehlenden Bekanntheit der 20-jährigen. Andererseits scheint gerade dies den Fotografen in besonderer Weise herausgefordert zu haben. »Die größte Freude und einen unvorstellbaren Eifer entfaltet unser fotografischer Held dort, wo sein Objektiv ein noch unbekanntes Futter aufspürt«, schrieb etwa ein Zeitgenosse. Die wenig später zur Legende gewordene »Göttliche« Sarah Bernhardt hat ihn dann nicht mehr interessiert.

Quelle: Hans-Michael Koetzle: Photo Icons. Die Geschichte hinter den Bildern. (Band I:) 1827-1926. Taschen, Köln, (Jubiläumsausgabe) 2008, ISBN-978-3-8365-0801-8. Zitiert wurden Seite 72-79.

Nadar

Eigentlich Gaspard-Félix Tournachon.
1820 in Paris geboren. Medizinstudium, abgebrochen.
1838-48 unstetes Leben als Bohemien. Freundschaft mit Murger und Baudelaire. Erste Karikaturen.
1851 Vorarbeiten für ein Pantheon berühmter Zeitgenossen.
1854 Hinwendung zur Fotografie, Eröffnung eines Ateliers.
1858 erste Aufnahmen bei elektrischem Licht.
1860 Gründung des Atelier Nadar am Boulevard des Capucines.
1861 Bilder in den Katakomben von Paris.
1886 Foto-Interview mit dem 100-jährigen Chemiker Chevreul.
1887 Rückzug aus dem Ateliergeschäft.
1897-99 erneutes Studio in Marseille.
1910 Tod, Beisetzung auf dem Père-Lachaise

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16. September 2013

Iannis Xenakis: Kammermusik für Streicher und Klavier (Arditti String Quartet)

Der Name Xenakis bedeutet auf deutsch etwa soviel wie „kleiner Fremdling“. Bemerkenswert ist, wie die persönlichen und weltpolitischen Ereignisse des 20. Jahrhunderts Xenakis dazu veranlassten, seinen Platz in der Gesellschaft und der Kunst mehrfach kritisch zu betrachten und einer Revision zu unterziehen. Er gewinnt damit aus der Notwendigkeit, Altes hinter sich zu lassen und aus der Begeisterung für neue Ideen den Drang, sich dem künstlerisch Neuen zuzuwenden. Xenakis selbst sagt:

„Ich will keine Wurzeln haben. Natürlich hatte auch ich welche, auch ich war Einflüssen ausgesetzt, aber glücklicherweise gab es ihrer so viele, daß keiner sich als bestimmend erweisen konnte. […] Auf diese Weise gewann ich mir die Freiheit, ohne Wurzeln zu sein.“

Iannis Xenakis wurde im Jahr 1922 in der rumänischen Hafenstadt Braila geboren. Die Vorfahren Xenakis‘ stammten aus Kreta, er wurde als Teil der bürgerlichen Mittelschicht westlich erzogen und wurde mit zehn Jahren auf eine griechische Internatsschule in der Nähe von Athen gesandt. Als Griechenland im Zweiten Weltkrieg von deutschen Truppen besetzt wird, führt Xenakis sein Studium am Polytechnikum, das eine Konzession an den Willen des Vaters darstellt, zunächst fort, tritt jedoch etwa im Frühjahr 1942 der Kommunistischen Partei Griechenlands und den Widerstandstruppen in Athen bei. Nachdem sich die deutschen Truppen 1944 aus Griechenland absetzten, unterstützen die nun stationierten britischen Truppen das bürgerliche Lager des inzwischen zerissenen Landes. Iannis Xenakis wurde bei heftigen Gefechten am 1. Januar 1945 von einer britischen Granate im Gesicht lebensgefährlich verletzt. Nach dem Krieg wird Xenakis selbst in die Armee eingezogen. Als seine politische Identität droht erkannt zu werden, desertiert er um einer Einweisung in ein Straflager zu entgehen – in Abwesenheit wird er zum Tode verurteilt.

Xenakis in seinem Atelier, Paris, um 1987
Nach seiner Flucht nach Paris wird Xenakis 1947 im Büro von Le Corbussier, einem der berühmtesten Architekten seiner Zeit, eingestellt, um statische Berechnungen durchzuführen – er war unter anderem am Entwurf des Philips-Pavilions der Brüsseler Weltausstellung beteiligt. Auf Anraten Le Corbussiers wurde Xenakis wiederum bei Oliver Messiaen vorstellig, der sein musikalischer Lehrmeister werden sollte. So wurde Xenakis wie mehrere bedeutende Komponisten seiner Generation (Karlheinz Stockhausen oder Pierre Boulez) Schüler Oliver Messiaens, der ihn darin bestärkte, seine sehr individuelle Auffassung von Komposition weiterzuentwickeln. Die Uraufführung von Xenakis‘ Metastaseis bei den Donaueschinger Musiktagen brachte dann 1955 den internationalen Durchbruch.

Auf der Suche nach neuen Ausdrucksformen bezieht Xenakis aus Naturwissenschaften und Mathematik Methoden und Inspiration für sein musikalisches Werk. So entzündet sich sein musikalischer Gestaltungsdrang etwa an Hilberts axiomatischem Denken, der Stochastik, der Gaußschen Verteilung, den Markow-Ketten, mathematischer Gruppen- Spiel- und Mengentheorie und der Booleschen Algebra. 1966 begründet er das Studio CEMAMU (Centre d‘Etudes de Mathématique et Automatique Musicales). Ab 1972 unterrichtete Xenakis an der Universität Paris. Neben zahlreichen Kompositionen verfasst Xenakis viele Essays und Analysen eigener und fremder Werke. Iannis Xenakis starb im Jahr 2001 in Paris.

Quelle: Andreas Pirchner, Signale 0101, Kunst Uni Graz

Materialien zum Architekten Iannis Xenakis

Stefan Hetzels private Seite zu Iannis Xenakis

CD 1, Track 5: Embellie, for solo viola (1981)


TRACKLIST


Iannis Xenakis 
(1922-2001)

musique de chambre [1955-1990]
pour cordes, piano, cordes et piano
chamber music for strings and piano
Kammermusik für Streicher und Klavier

Arditti String Quartet:
Irvine Arditti, violon
David Alberman, violon 
Garth Knox, alto 
Rohan de Saram, violoncelle 

Claude Helffer, piano


VOLUME 1

(01) tetras pour quatuor à cordes (1983)                       14:35
(02) mists pour piano seul (1980)                              12:26
(03) kottos pour violoncelle seul (1977)                        9:39
(04) herma pour piano seul (1960-1961)                          7:13
(05) embellie pour alto seul (1981)                             8:14
(06) à r. (Hommage à Ravel) pour piano seul (1987)              2:26
     mikka & mikka 'S,
(07) mikka pour violon seul (1971)                              3:58
(08) mikka 'S, pour violon seul (1976)                          4:10
(09) akea quintette pour cordes et piano (1986)                13:28

     durée totale                                              77:24
     
     
VOLUME 2

(01) dikhtas pour violon et piano (1979)                       12:44
(02) tetora pour quatuor à cordes (1990)                       14:43
(03) nomos alpha pour violoncelle seul (1966)                  15:22
(04) ikhoor pour trio à cordes (1978)                          10:09
(05) evryali pour piano seul (1973)                             9:58
(06) st/4-1, 080262 pour quatuor à cordes (1955-1962)          11:11

     durée totale                                              74:52
     

Recorded in Studio Stolbergerstraße, Köln (12-14, II. 1991),
Lindlar Kulturzentrum (15-16, II, & 10. VI. 1991),
Studio 104, Radio France (29. III. 1991),
Kleiner Sendesaal, WDR (9-11. XII. 1991)
Recording supervision: Francois Eckert, Stephan Hahn
Sound Engineer: Mark Hohn, Werner Sträßer, Manfred Hill, Philippe Destredecq
Executive Producer: Harry Vogt

En couverture: Iannis Xenakis, Claude Helffer et le Quatuor Arditti

arditti quartet edition 13-14
(C) 1992

CD 2, Track 6: ST-4, for string quartet (1955-62)


Malerei als Aktion


Henri Michaux, Zeichnung, 1959
Sie werden erst dann wirklich schreiben, wenn Sie schreiben, ohne an das Resultat im Sinne eines Resultats zu denken, sondern indem Sie vom Schreiben im Sinne einer Entdeckung erfüllt sind, das heißt, das Schöpferische muß sich zwischen Feder und Papier ereignen und nicht vorweg in einem Gedanken oder nachher in einer Umarbeitung. Oder doch vorweg, in einem Gedankenblitz, aber nicht in exaktem Denken. Es wird zum Vorschein kommen, wenn es vorhanden ist und wenn Sie es kommen lassen, und wenn irgend etwas in Ihnen ist, werden Sie ein schöpferisches Wiedererkennen erfahren. Sie werden nicht wissen, wie es war, noch was es ist, aber es wird das Schöpferische in Ihnen sein, wenn es aus der Feder und aus Ihnen fließt und nicht einem genauen Lageplan Ihrer momentanen Tätigkeit entspringt. Technik ist nicht so sehr eine Sache der Form oder des Stils als die Art, wie Form und Stil sich eingestellt haben und sich wieder einstellen können.

Lassen Sie Ihre Quelle gefrieren und Sie werden stets gefrorenes Wasser haben, das in die Luft schießt und fällt, und es wird dort zu sehen sein - oh, ganz gewiß - aber es wird nichts mehr zurückkommen. Ich weiß, wie wichtig es ist, dieses schöpferische Wiedererkennen zu besitzen. Sie können nicht das Kind in dem Mutterleib formen, es liegt dort und gestaltet sich selbst und kommt vollendet hervor - und dann ist es da und Sie haben es geschaffen und haben es gefühlt, aber es kam von selbst - und das ist schöpferisches Wiedererkennen. Natürlich haben Sie auf das Schreiben ein wenig mehr Einfluß als auf jenen Vorgang, Sie müssen wissen, was Sie endlich erhalten wollen, aber wenn Sie das wissen, so überlassen Sie sich ihm, und wenn es Sie aus dem Geleise zu werfen scheint, so wehren Sie sich nicht, vielleicht ist es gerade dort, wo Sie instinktiv sein wollen, und wenn Sie sich zwingen und versuchen, immer nur dort zu bleiben, wo Sie vorher waren, so werden Sie vertrocknen.

Gertrude Stein


Jean Dubuffet, Zeichnung zu 'La Métromanie ou les Dessous de la Capitale'
 von Paulhan, 1950
Das Geistige in der Kunst wird mit der Hand gemacht

Zu diesem Satz ließe sich kaum etwas hinzufügen, wenn man Malerei als Aktion darstellen will, hätte Gertrude Stein nicht so ausdrücklich vom Schreiben gesprochen.

Zwar sind Wendungen wie »Technik ist nicht so sehr eine Sache der Form oder des Stils als die Art, wie Form und Stil sich eingestellt haben und sich wieder einstellen können« durchaus für die Malerei gültig, zumal für die Malerei, von der hier die Rede ist. Aber, nochmals, Gertrude Stein spricht ausdrücklich vom Schreiben, und so treffend ihr Text auch ist, spricht man vom Malen, ergeben sich andere Voraussetzungen. Daß ich trotzdem den Text so ausführlich zitiere, hat seine Gründe. Malerei wird heute viel zu oft vom Wort her angegangen, man versucht, dichterische Parallelen für Vorgänge zu finden, die sich im Manuskript und auf der Leinwand gleichartig abzuspielen scheinen, man interpretiert schließlich Bilder wie eine Lektüre.

Gewiß, Gertrude Steins Sätze sind ambivalent, sie enthalten Formulierungen, die sowohl für die Dichtung als auch für die Malerei zutreffen könnten. Aber gerade die zweifache Gültigkeit einiger Sätze verlangt danach, daß man sich Gedanken über die Tätigkeiten des Schreibens und Malens macht und daß man auseinanderhält, was Schreiben und Malen unterscheidet. Denn Gedichte macht man mit Wörtern, und wenn auch »das Papier seine weiße Leere verteidigt« (Mallarmé), so setzt man, indem man es mit Wörtern bedeckt, umrissene, identifizierbare Gebilde aufs Blatt. Dichtung ist Fiktion und ihr Material, die Laut- und Schriftketten, ist neutral, denn das Wort ist unmittelbar mit dem verbunden, was es ausdrückt. Die Dinge existieren neben und hinter dem Wort, ob man sie nun beschreibt oder nicht. Erst aus den Verbindungen der Wörter entsteht etwas Neues, eine Chiffre für ein neues Ding, das Bild von einem Ding.

Wenn also Gertrude Stein von »schöpferischem Wiedererkennen« spricht, so meint sie, daß sich Wörter oder Bezeichnungen aus dem Unbewußten bilden, man erkennt sie erst auf dem Papier und rührt sie dort mit dem besprochenen Ding zusammen. Ähnliches, so kann man einwerfen, geschieht in der Malerei. Doch, wie wir gleich sehen werden, trifft der Einwand nicht ganz zu. Der wesentliche Satz bei Gertrude Stein heißt doch: »Sie müssen wissen, was Sie endlich erhalten wollen.« Das ist genau das Gegenteil von dem, was heute in der neuen Malerei geschieht. Man kann nochmals erwidern, Antonin Artaud sei in dieser Hinsicht radikaler gewesen - er sagte einmal lakonisch: »tout vrai langage est incompréhensible«, womit gemeint ist, daß das Wort, wenn es wirklich Wort ist, nicht mehr mit dem »besprochenen« Gegenstand übereinstimmen kann. Wohl, damit entfernt sich das Schreiben und das schöpferische Erkennen aus dem Bereich der Mitteilung.

Man schreibe rasch, ohne Thema, man vergesse Geist und Talent, auch das der anderen, und man widerstehe der Versuchung, zu überlesen, was man geschrieben hat, heißt es im Surrealistischen Manifest. Der Vorsatz »Sie müssen wissen, was Sie endlich erhalten wollen« entfällt. Aber dennoch ist auch dieser Vorgang des Schreibens ein anderer als der des Malens. Die Handlung des Schreibens ist mechanisch, ausschlaggebend wird die freie Assoziation, die Gebilde und Zeichen in ihrer Worthülle aus dem Hirn oder dem Unbewußten freiläßt. Beschreibungen also, die aus der Psyche des Schreibers auftauchen und die wiederzuerkennen sind - keinesfalls aber Dinge, Materialien im handgreiflichen Sinne, deren Wesen wie ein Stück Werkstoff neutral ist.

Georges Mathieu, Zeichnung, 1959
Denn das ist Malerei: ein Handhaben von Dingen, von Materialien. Eine Farbe ist ein Ding, eine Linie ist ein Ding - sie enthalten nichts anderes als ihre eigene Stofflichkeit, und erst viel später kann man von Wasser sprechen, wenn man blaue Farbe, oder von Holz, wenn man Van-Dyck-Braun benutzt hat. Gegenständliche Kunst, die sich darauf beschränkt, die Dinge als umrissene, identifizierbare Gebilde, als »Wörter« wiederzugeben, ist insofern unmalerisch, als sie sich ständig mit der Spaltung ihres eigenen Wesens auseinanderzusetzen hat, denn im Moment, da der Maler sein Blau dazu verwendet, einen Himmel oder Wasser darzustellen, zerstört er das Blau als Ding. Es kann sogar vorkommen, wie in einigen Bildern von Monet, daß trotz der Beschreibung der Heuschober oder der Kathedralen - von den Seerosen ganz zu schweigen - die eigentlichen Bildmaterialien, in diesem Fall die Farbe und ihre Nuancen, durch das Motiv hindurchschlagen, es gleichsam aufsaugen und auf der Leinwand selbständig existieren.

Das Aufheben des Kausalen in der Kunst, das Absicht und Resultat verbindet, ist im Grunde eine urmalerische Handlung gewesen. Das Material als Ding gerät in ein neues Licht - nicht, daß man es nun anbetet, wie es die Kubisten taten, vielmehr nimmt man es als Gegenüber, als Partner. Diese Partnerschaft gilt auch für eine Malerei, in der das fertige Bild weniger zählt als der Akt des Herstellens, in dem Bewegung, psychische Schwingungen, Handschriftliches und Zeitliches eingefangen werden. »Malen im Sinne einer Entdeckung«, um Gertrude Steins Wort zu variieren, heißt dem Ding seinen Willen lassen, und wenn man es in Bewegung setzt, diese Bewegung erst einmal physisch verstehen. Malerei wird mit der Hand gemacht. Dabei ist man übereingekommen, den psychischen Automatismus der Surrealisten vom Automatismus der neuen Malerei zu trennen, indem man ihn als »physisch« bezeichnete. Etwas unglücklich. Das Physische ist bedingt, denn der Maler ist kein Athlet. Auch aus den Verbindungen der Materialien entstehen Gebilde, was aber zerstört wird, wenn man diese Gebilde aus der Farbschwemme emporholt, ist nicht das Erzählende von Farbe, Ton und Linie, sondern, im Gegenteil, ihre quälende, haftende und handgreifliche Stofflichkeit.

Jackson Pollock, Zeichnung, Duco auf Papier, 1950
Die Zerstörung

Damit kommen wir zur ersten Handlung jeder Malerei, eine Handlung, die nicht nachdrücklich genug betont werden kann: die Zerstörung.

Am Anfang steht eine Leinwand. Damit muß man sich abfinden, und Versuche, die viereckige Fläche auszusägen oder mit springenden Reliefs zu bestücken, weichen dem Grundproblem der Malerei aus. Denn auch die Leinwand ist ein Ding, das auf recht unheimliche Weise seine handfeste, grellweiße Stofflichkeit geltend macht. Oskar Schlemmer sagte: »Die rechtwinklige weiße Leinwandfläche ist ein solch zwingendes Faktum, daß ein nicht geringer zu bewertendes Gefühl als das ehedem für das Objekt den Künstler bestlmmen konnte, sich in der Konzeption des Bildes vom Geist, von der Idee der Fläche leiten zu lassen und die im Rechteck gegebene Grundform als das Maß für alle auf sie projizierten Formen zu nehmen.« Diese Leinwand bleibt also Objekt, genauso wie für Man Ray das Bügeleisen ein Ding war, in das er eine Reihe Nägel einlötete, um ein »Geschenk« zu erfinden.

Im Grunde war Dadas Versuch, fremde Materialien in die bildende Kunst einzubeziehen, nichts anderes als eine Betonung der Dinglichkeit von Malerei und Plastik. Man machte einen kleinen Umweg, um ein und dasselbe zu betonen. Eine Sache der Auffassung, wenn der Beschauer sich damit auseinandersetzt, für den Maler jedoch dieselbe Angelegenheit. Wenn Schwitters sagt, das Wort »Merz« bedeute »die Zusammenfassung aller erdenklichen Materialien für künstlerische Zwecke und technisch die prinzipiell gleiche Wertung der einzelnen Materialien, die Merzmalerei bedient sich also nicht nur der Farbe und der Leinwand, des Pinsels und der Palette, sondern aller vom Auge wahrnehmbaren Materialien und aller erforderlichen Werkzeuge«, so verhilft er indirekt der Farbe und der Leinwand, dem Pinsel und der Palette zu ihrem Recht. Was aber in Dadas Materialmontagen miteinbezogen wurde, ganz gleich, ob es Schwitters und seine Kollegen merkten, war die Notwendigkeit, jedes Material, ob Leinwand oder Trambahnfahrschein, sofort zu zerstören, damit sowohl das eine wie das andere zum Kunstwerk wird.

Jemand trägt eine Farbe auf das weiße Viereck und hat es damit jäh zerstört. Das gilt selbst für »gebaute« Bilder - auch wenn Schlemmer etwa sorgfältig mit dem Lineal einen Strich auf die Fläche zieht, auch wenn er sich vornimmt, diese Fläche so integer wie möglich zu bewahren, zerstört er sie, indem er sie mit seiner Linie zerschneidet, ja beschmutzt. Die Konsequenzen aus dieser so einfachen Handlung sind nicht abzusehen: unversehens entsteht ein Raum oder ein rhythmisches Gefüge, das sich nur etwas zähmen läßt, indem man es der Fläche wieder angleicht, das heißt - siehe Mondrian - diese Rhythmen parallel zu den Bildgrenzen setzt, den Keilrahmen in die Fläche zieht.

Wenn aber die Destruktion am Anfang eines Bildes steht, warum dann die Fläche »gestalten«, warum nicht einfach diese Zerstörung soweit abwickeln, bis die Fläche zum Träger von etwas wird, das als malerisches Ereignis festzuhalten ist, »ohne an das Resultat im Sinne eines Resultats zu denken«? Ich bestehe zwar darauf, die Malerei als Hand-Werk zu nehmen. Aber die Hand, die mit den Dingen »werkt«, ist Instrument, das »Werken« stellt die Dinge in Frage. Jenseits jeder Utilität ergibt die ursprüngliche Zerstörung eine Situation, die sich schöpferisch ins Unbekannte hineintreiben läßt. Man braucht nur daran zu denken, daß diese oder jene Farbe, die die Grundfläche annulliert, ihrerseits annulliert werden kann. Ist man sich einmal darüber im klaren, daß eine Auseinandersetzung mit der Grundfläche, die zugleich Objekt und Hindernis ist, eine Zerstörung zur Folge hat, so wird jede plane Malerei fraglich. Andrerseits verlieren Wörter wie »Illusionismus« ihren Sinn - im Augenblick, da auf der zerstörten Fläche ein Gebilde entsteht, entsteht auch eine Illusion, eine Fiktion - ein poetisches Faktum.

Wols, Zeichnung, undatierbar
Das Stück Raum

Rekapitulieren wir den Kubismus: Malerei ist ein Raumproblem, selbst wenn sie flächig und an die Bildgrenzen gebunden bleibt. Eine Form auf der Leinwand war das Zeichen für ein Objekt im Raum. Der Grundzug des Malens war immer die Organisation zweier heterogener Elemente, Gegenstand und Grund, die gerade durch ihren Gegensatz expressiv werden und deren Angleichung, mitunter gar Zersplitterung, das Bild ergeben. Deshalb war dieser Raum stets eine physische Tatsache, so phantastisch die Objekte, die ihn bevölkerten, auch sein mögen. Man sieht, sagt der Dadaist Raoul Hausmann, daß der Kubismus noch stark im »klassischen« Bewußtsein der Körperbeziehungen in Raum, Zeit und Licht verhaftet bleibt.

Dagegen kann man sich Sphären vorstellen, die mit Werkstoffen nur mittelbar wiederzugeben sind. Dazu muß die Fläche, das Ding an sich der Malerei, in Frage gestellt werden. Man kann mithin nicht mehr einen materiellen Raum gestalten, in dem zwangsläufig ein Zeichen sitzt und von dort die Sinnes empfindungen anspricht. Die Bildgrenzen? Warum nicht von Abschnitten sprechen, die wie zufällig einen imaginären Raum teilen? Eine solche Malerei verliert ihre Planimetrie, sie ist undimensional, besser: multidimensional, sie schlägt nach allen realen und möglichen Richtungen aus.

Es scheint, als ob sowohl die Proportionen des Zeichens als auch das Stück Raum nichts anderes sind als Zufälle, die der Maler eingefangen hat. Und diesen Anschein der Zufälligkeit oder, um die Dinge beim Namen zu nennen, diese Zufälligkeiten unterstreichen auch die mikroskopisch kleinen Gebilde im kleinsten Raum, die Bewegung des Grundes von Stück zu Stück, wie wir sie schon in einigen kubistischen Bildern bemerkt haben. Die »große Form«, von der Kandinsky spricht, verliert ihre Statik. Oben und unten, links und rechts sind relative Maße. Jean Fautrier hat Bilder gemalt, die er »Tableaux à 4 faces« nennt - sie sind beliebig umzudrehen. Die »große Form« ist nunmehr nicht das, was auf dem Bild geschieht, sondern das Bild selbst, das Ding also, das in seinem Ganzen als Feld die Mannigfaltigkeit der Zerstörungen und der Tätowierungen trägt.

Antonio Saura, Kopf, Zeichnung, 1961
Bild als Kreatur

Merkwürdigerweise ist abstrakte Malerei nicht dadurch entstanden, daß ein Maler sich vorgenommen hat, abstrakt zu malen. Nicht aus dem Kalkül, aus der Reduzierung der Natur, wie sie Mondrian und Malewitsch befolgten, ist die abstrakte Malerei geschaffen worden, sondern aus einer reinen Betätigung, deren Ende nicht abzusehen war. Man kann mit Fug und Recht daran zweifeln, ob Kandinsky überhaupt Abstraktionen im Sinn hatte, als er die Murnauer Landschaft zerstückte. Das Recht, alles zu wagen, das Gauguin für sich - vergeblich - in Anspruch nahm, scheint bei Kandinsky kein Vorhaben gewesen zu sein, sondern ein überraschendes Verhalten der Bildelemente dank der impulsiven Wucht des Bildermachens. Man sieht, auch hier tritt das Dingliche der Malerei zutage. Aber gerade das frühe Werk Kandinskys zeigt, wie diese »Improvisationen« erst dann entstehen konnten, als der Maler sich dem Malen auslieferte, als der Prozeß ihn überwältigte und er von der Aktion auf dem Bild mitgerissen wurde.

Über die Murnauer Häuser und die schattenhaften Figuren - Reiter, Sonntagsspaziergänger, Wolken - hinaus gelang ihm unversehens die Registrierung des Malens. Man sollte das nicht übersehen. Am Anfang der abstrakten Malerei stand das Bild der Überbleibsel einer Tätigkeit. Kein Wunder, wenn Kandinsky zur selben Zeit behauptet, ein wirkliches Kunstwerk entstehe aus dem Künstler, es sei eine geheimnisvolle, rätselhafte, mystische Schöpfung, die sich aus dem Individuum löst und ein eigenes Leben, eine eigene Persönlichkeit annimmt, gleichsam als Wesen an sich existiert und von einem geistigen Hauch belebt wird. Dem Produkt einer trancehaften Handlung werden die Eigenschaften einer Kreatur zugesprochen, das Bild kann den Maler zu Entscheidungen und zu Tätigkeiten treiben, sich als Gegenüber legitimieren, Aktionen auslösen, auffangen und wieder einleiten. Hier, in dem Nachschmecken der Aktion, liegt die eigentliche Bedeutung Kandinskys. Gewiß, die Elemente der Malerei sind Dinge, deshalb aber braucht das Bild kein Ding zu sein.

Andererseits ist es nicht weniger einleuchtend, daß Kandinsky mit dem Bild kein Lebewesen schaffen kann, weil das Bild ja eine mit Farben bedeckte Leinwand ist. Er stellt aber radikal die alte Frage, ob sich aus der Dinglichkeit der Bildelemente nicht eine Betätigung ableiten läßt, die diesen Elementen, um den wissenschaftlichen Ausdruck anzuwenden, »biomorphischen« Charakter gibt, kurz: ob sich durch die Aktion des Malens nicht in das Bild gestes de la vie (Michaux) einschreiben lassen. »Ein Bild, das Handlung ist«, schreibt Harold Rosenberg, »ist untrennbar von der Biographie des Künstlers. Das Bild selbst ist ein 'Moment' in der merkwürdigen Mischung seines Lebens - ganz gleich, ob das Wort 'Moment' die gegenwärtigen Minuten meint, die auf die Leinwand gerichtet sind, oder die ganze Dauer eines hellsichtigen Dramas, das in Zeichensprache übersetzt wird … Die neue Malerei hat jeden Unterschied zwischen Kunst und Leben aufgehoben.«

Emil Schumacher, Zeichnung, 1961
Bewegung und Zufall

Noch einmal: Voraussetzung für solche Fragen bleibt, daß die Bildelemente zwar Dinge sind, die Kausalitäten der Bildherstellung aber »entformelt« werden, um den Ausdruck von Schwitters zu benutzen. Das Viereck der Leinwand ist nicht mehr Fläche, sondern ein Inskriptionsfeld. Damit beginnt die Periode der neuen Malerei. 1943 fängt Pollock an, in dieses Feld Zeichen hineinzukalligraphieren, anfangs mit noch recht konventionellen Mitteln, wie im Bild 'Die Wölfin', später erfindet er das »dripping«, indem er aus einer Dose Lackfarbe auf die Leinwand tröpfeln läßt. Wols beginnt zur gleichen Zeit, Klees »unfixierte, schwebende Formbasis« (C. Giedion-Welcker) zu zerstören, auslaufen und verrinnen zu lassen. Seine strähnigen Farbflüsse, die lässigen Striche und die im Terpentin aufgelösten Rinnsale und Flecken sind nicht mehr Betätigungen des Malers allein - es scheint vielmehr, als hätte das Bild sich selbst gemalt, als seien die Materialien irgendwann einmal ins Fließen gebracht worden und nach einer Weile geronnen. Fautrier läßt seine Stilleben, die er schon 1928 unter einer schweren Paste versteckte, ganz verschwinden. Die Paste wird zum eigentlichen Motiv. Hier wird kein Formkern in die Fläche gedrückt, sondern die Fläche senkt sich um den pastosen Kern. Hans Hartung hat schon früher, 1923, ein paar Tuschflecke achtlos auf die Fläche geworfen: die Fläche ist eine Leerform, die beschriftet wird.

Der Malvorgang wird damit zu einer zweifachen Bewegung: einmal die Niederschrift, die Geste des Malers, das, was Michel Tapié eine »transzendentale Kalligraphie« genannt hat. Zum anderen geraten die Materialien, die dieser Gestik ausgesetzt sind, ebenfalls in Bewegung, sei es durch chemische Reizungen, sei es durch die ständige Zerstörung umrissener Formen. Die ursprüngliche Handlung, eine weiße Leinwand zu zerstören, wird sozusagen »seriell«, denn sie bedingt ja eine Folge von Destruktionen - Farbe, Ton, Linie. Es geht im Grunde nur darum, zu verhindern, daß sich die Materialien zu etwas verfestigen, bevor der Maler den Pinsel aus der Hand legt. Picasso sagte einmal, früher war die Malerei eine Reihe von Additionen, bei ihm ist sie eine Reihe von Destruktionen - womit er ein neues Thema anschneidet, nur, daß sich seine Zerstörungen auf diese oder jene Figur beziehen, deren Gesichtszüge er massakriert, während sich in der neuen Malerei eine Zerstörung abwickelt, die bis in die Elemente des MaIens selbst greift.

Betont muß werden, daß der psychische Anlaß ebenso beiläufig ist wie das Motiv. Kandinsky sprach von »innerer Notwendigkeit«. Das Wort ist noch eine literarische Überhöhung der Anlässe des Malens. Zuweilen genügen ein paar Handbewegungen, ein paar Tropfen Lack, um sowohl die »innere Notwendigkeit« auszulösen als auch das Ereignis des Malens. Der Malvorgang ist heute eher ein medialer als ein analytischer. Das bedingt vor allem die zweite Art von Bewegung, die ich oben anführte - die Bewegung der Stoffe, mit denen Malerei veranstaltet wird und die sich heute auch tatsächlich auslösen läßt. Eine Schwemme Terpentin bringt die Farbe ins Fließen, jede Linie zieht von selbst in das Rinnsal hinein. Dadurch, daß der Maler die Leinwand zumeist vor sich hinlegt, dadurch, wie Pollock einmal sagte, daß er um sie herumgehen, alle vier Seiten gleichzeitig bearbeiten kann und gleichsam zum Zentrum des Bildes wird, entsteht eine ganz unmittelbare Verbindung zwischen dem Maler und dem, was er malt. Man könnte sogar sagen, der Maler wird ganz Linie, wenn eine solche auftaucht, ganz Farbe, wenn er eine solche einführt, und das Verschwinden der Elemente in der Schwemme gleicht dem Ausatmen. Jemand hat einmal gesagt, nicht der Maler male das Bild, sondern das Bild den Maler. Die Formulierung stimmt nicht ganz, denn sie kehrt die Hierarchien um. Richtig aber ist, daß über die Betätigung eines Individuums hinaus eine Überbedeutung in das Bild gerät.

Dada erkannte ein »Gesetz des Zufalls«. In jedem Bild entstehen Zonen, die sich während des Malens ergeben und die der Maler stehen lassen oder wieder entfernen kann. Wie oft wird eine Malerei zum Bild, weil sich plötzlich ein Stück Farbe in ein präzises, geheimnisvolles Etwas verwandelt hat. Das gilt für jede Art Malerei als Teilvorgang - in der neuen Malerei beherrscht diese Aktion der Zufälle das Bild. Sie wird zum Mittel wie ehemals die Kompositionsregeln oder Cezannes Schema von Kugel, Kegel und Zylinder. Sobald die Leinwand als Fläche zerstört ist, die Farbe als Farbe, das Lineament als Lineament, kommt eine Bewegung von Geste und fließendem Material zustande, die Bereiche, Schichten, Blickfelder und Fügungen ins Bild miteinbezieht, die bisher jenseits der Malerei lagen.

Das Informel gehört der Geschichte an

In lokalen Ausstellungen hängen derzeit Bilder, auf denen die Farbe einherrieselt oder die Formen zersplittern. Wenn es augenfällige Beispiele gibt, daß eine Kunstform der Vergangenheit angehört, so diese: die quantitative Ausbreitung des Informel beweist weniger seine Aktualität und ganz gewiß nicht seine unmittelbare Verwendungsmöglichkeit, sondern, im Gegenteil, seine Entstellung, die als späte Manufaktur zu einem ziemlich einfachen Geschäft geworden ist. Eine Kunst wird konsumiert und ihre Wirkung von den ursprünglichen - wenn man will, zeitlichen oder individuellen - Anlässen entbunden. Die Zeit einer Malerei als Aktion reichte von 1943 bis 1955. Der Text, der vorangeht, müßte eigentlich in der Vergangenheitsform geschrieben sein.

Quelle: Hans Platschek: Malerei als Aktion. In: Bilder als Fragezeichen. Versuche zur modernen Malerei. [piper paperback], Piper, München, 1962. Zitiert wurden Seite 49 - 62

Mehr zu Hans Platschek: „Figur gemacht in Wort und Bild“ (Art – Das Kunstmagazin)


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Reposted on April 7th, 2016


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