23. Dezember 2016

Ferdinand Ries: Klavierquintett und Sextette

Das Werk des Beethoven-Schülers Ferdinand Ries (1784-1838) umfasst alle in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts gängigen musikalischen Gattungen; er komponierte drei Opern, zwei Oratorien, acht Sinfonien, fünf Konzertouvertüren, weit über 100 Werke für Klavier, daneben Kammermusik für die unterschiedlichsten Besetzungen. Zwar pflegte Ries mit der Komposition von 26 Streichquartetten und 28 Sonaten für Violine und Klavier vor allem jene Gattungen, die durch Haydn, Mozart und Beethoven ihre klassische Ausprägung erhalten hatten; aber er begann auch, wie die auf der vorliegenden CD eingespielten Werke beweisen, mit verschiedenen Besetzungen zu experimentieren.

In der Kammermusik für Klavier und Streicher ist auffällig, dass Ries sich als Streicherbass des Kontrabasses bediente, und nicht, wie sonst üblich, sich auf das Violoncello beschränkte; eine Besetzung übrigens, die erstmals 1799 von Jan Ladislaus Dussek (1760-1812) verwandt wurde, in der gängigen Repertoire-Literatur aber nur aus Schuberts »Forellen«-Quintett bekannt ist. Die späteren Klavierquintette von Spohr (D-Dur op.130), Schumann (Es-Dur op.44) und Brahms (f-Moll op. 34) indes stellen dem Klavier nur ein Streichquartett gegenüber.

Einer der Gründe für das Bemühen, das Gewicht des Streichercorpus gegenüber dem Klavier durch die Verwendung des Kontrabasses zu verstärken, dürfte darin gesehen werden, dass die Technik des Klavierbaus in den ersten beiden Jahrzehnten des 19. Jahrhunderts enorme Fortschritte machte, die das Klangvolumen des Instrumentes in bis dahin ungeahnte Dimensionen steigerten, aber in der Klavierkammermusik auch die Notwendigkeit eines klanglichen Gegengewichtes fühlbar werden ließ. […]

Die Verwendung des Kontrabasses in der Klavierkammermusik wurde indes in der zeitgenössischen Musikpublizistik als nicht unproblematisch angesehen; so heißt es etwa in einer Rezension von Ries' Klavierquintett op. 74 in der Allgemeinen Musikalischen Zeitung im Dezember 1817: »Dem Contrabass würde Rec. weniger, und nur die entscheidendsten Grundnoten gegeben haben, da dieses Instrument […] durch die Lage seiner Octaven […] in dieser Gattung von Musik und solchem Styl, doch nur einen in entfernter Tiefe ruhenden Grund vorstellt und vorstellen kann.«

Ferdinand Ries (1784-1838)
Eine weitere Auffälligkeit besteht in der quantitativen Ausweitung der Besetzung in der Klavierkammermusik mit Streichern. Hatte Mozart seinen Versuch, neben der Gattung des Klaviertrios auch das Klavierquartett beim Publikum zu etablieren, nach der Komposition von zwei Werken Mitte der 1780er Jahre als gescheitert betrachten und abbrechen müssen, so ging Beethoven - außer in einigen Jugendwerken und in einer Bearbeitung seines Bläserquintetts op.16 - erst gar nicht über die Klaviertrio-Besetzung hinaus. Ries hingegen erweiterte die Besetzung in op. 74 zum Quintett und in op. 100 zum Sextett. - Ähnliches gilt auch für die Klavierkammermusik mit Bläsern: hatte Mozart zur Gattung mit einem Quintett (Es-Dur KV 452) und Beethoven mit einem Quartett (das schon genannte op. 16) beigetragen, so komponierte Ries neben dem auf dieser CD zu hörenden Sextett op.142 noch ein Septett für Klarinette, 2 Hörner, Violine, Violoncello, Kontrabass und Klavier (op. 25 von 1812) und ein Oktett für Klarinette, Horn, 2 Fagotte, Violine, Viola, Violoncello, Kontrabass und Klavier (op. 128, komponiert 1815).

Alle drei auf der CD eingespielten Werke entstammen, wie erwähnt, Ries' Londoner Jahren; und die Vermutung, dass seine Experimentierfreude in Fragen der Besetzung mit den vielfältigen Bedürfnissen und Möglichkeiten der Haus- und Gesellschaftsmusik des Londoner Bürgertums in Zusammenhang steht, ist nicht von der Hand zu weisen. Ries konnte nach vergeblichen Versuchen, sich in Wien und später in Paris als Pianist und Komponist zu etablieren, als Dreißigjähriger in London endlich den Erfolg verbuchen, der ihm - bedingt wohl auch durch die politisch unsichere Lage auf dem Kontinent während der Zeit Napoleons und der Befreiungskriege - bisher vorenthalten geblieben war.

Aufgewachsen in Bonn im Umfeld des kulturell aufgeschlossenen Hofes von Erzbischof Ferdinand Franz genoss Ries von etwa 1801-05 den Unterricht des damals schon berühmten Beethoven und durfte sogar anlässlich eines Konzertes im Wiener Augarten als noch nicht Zwanzigjähriger den Solopart in dessen drittem Klavierkonzert c-Moll op. 37 übernehmen. Nach einer recht erfolglosen Zeit der Wanderschaft von Paris über Wien nach Bonn, von Stockholm nach Moskau und St. Petersburg, traf er im April 1813 in London ein, in dessen führende musikalische und gesellschaftliche Kreise er durch Johann Peter Salomon (der 20 Jahre vorher Haydn nach London geholt und so die Komposition von Haydns 12 Londoner Sinfonien veranlasst hatte) eingeführt wird.

Er kommt als Klavierlehrer bei reichen Bankiers und Kaufleuten in Mode und wird Mitglied der Londoner Philharmonic Society, deren Direktor er von 1815 bis 1821 war. Zunehmende Misshelligkeiten zwischen ihm und der Philharmonic Society ließen in Ries jedoch trotz seines Erfolges den Entschluss reifen, ins heimische Rheinland zurückzukehren. Im Juni 1824 zieht er sich in die Abgeschiedenheit von Bad Godesberg zurück und kann es sich aufgrund seines in London gemachten Vermögens leisten, verschiedene Stellenangebote abzulehnen; gleichwohl entfaltet er eine einflussreiche Tätigkeit als mehrmaliger Leiter der alljährlich stattfindenden Niederrheinischen Musikfeste. Nach 1830 gerät er jedoch zunehmend in Vergessenheit und stirbt 1838 verbittert in Frankfurt/Main.

Johann Peter Salomon (1745-1815)
Stich von 1792, National Portrait Gallery, London
Das Quintett für Klavier, Violine, Viola, Violoncello und Kontrobass h-Moll op. 74 entstand Anfang 1815 und wurde 1817 in London publiziert und umgehend in Leipzig und Paris nachgedruckt; es ist Erzherzog Rudolph von Österreich, Beethoven-Schüler wie Ries, und später Bischof von Olmütz, gewidmet, und zeigt so, dass Ries die Verbindung nach Wien und dessen herrschaftlichen Kreisen nicht vernachlässigen wollte. Vergleicht man die Satztechnik mit der des etwa vier Jahre später entstandenen »Forellen«-Quintetts von Schubert, so fällt auf, dass Ries den Klavierpart vergleichsweise virtuos gestaltet, während den Streicherstimmen vornehmlich kantable oder Tutti-Stellen zugedacht sind; möglicherweise hat Ries die Klavierstimme für den eigenen Gebrauch geschrieben, und bei der Gestaltung der Streicherstimmen an Dilettanten aus dem Londoner Bürgertum gedacht. […]

Das 1820 erschienene Grand Sextuor (Sextett) für Klavier, 2 Violinen, Viola, Violoncello und Kontrabass C-Our op. 100 wurde spätestens Anfang 1817 komponiert; denn am 18. April 1817 kündigt Ries gegenüber dem Musikkritiker William Ayrton an, er wolle sein »new Sestetto« proben, um es im Rahmen der Konzerte der Philharmonic Society aufzuführen; letzteres geschah am 28. April 1817. […]

Das Sextett für Klavier, Harfe, Klarinette, Horn, Fagott und Kontrabass g-Moll op. 142 ist trotz seiner hohen Opus-Nummer nach der autographen Datierung schon 1814 entstanden. Ries hatte erhebliche Schwierigkeiten, einen Verleger für das Werk zu finden; so bot er das Werk zusammen mit op. 74 im Herbst 1815 vergeblich dem Leipziger Verleger C. F. Peters an; acht Jahre später, im August 1823, versuchte er es erneut bei dem Londoner Verleger Boosey - wieder vergeblich. Offenbar schien den Verlegern das Risiko zu groß, ein Werk mit solch seltener Besetzung zu publizieren. Denn als es 1826 endlich in Mainz bei Schott erschien, war auf dem Titelblatt nicht nur angemerkt, dass man die Harfe durch ein zweites Klavier ersetzen könne, sondern es wurden gleichzeitig Stimmen für Violine, Viola und Violoncello herausgegeben, so dass das Werk auch als Quintett für 2 Klaviere und 3 Streicher gespielt werden konnte. Darüber hinaus wurde zusätzlich eine Version für 2 Klaviere allein angeboten. […]

Quelle: Bert Hagels, im Booklet [stark gekürzt]


TRACKLIST

Ferdinand Ries (1784-1838) 

Quintet op. 74 in B minor                             20'38 
for Violin, Violo, Violoncello, Double Boss, and Piano 

(1) Grave - Allegro con brio                           9'26
(2) Larghetto                                          4'58
(3) Rondo: Allegro                                     6'14

Grand Sextuor op. 100 in C major                      23'16 
for 2 Violins, Viola, Violoncello, Double Bass, and Piano 

(4) Allegro con brio                                  10'19 
(5) Andante - Air irlandois Andante                    6'11 
   (The lost Rose of Summer)
(6) Adagio - Allegro                                   6'46 

Sextet op.142 in G minor                              20'19 
for Harp, Piono, Clarinet, Bossoon, Horn, and Double Bass 

(7) Allegro non troppo                                 9'09  
(8) Adagio con moto                                    4'41 
(9) Rondo: Allegretto                                  6'29

                                                T.T.: 64'22 
Ensemble Concertant Frankfurt: 
   Peter Agoston, 1st Violin 
   Klaus Schwamm, 2nd Violin 
   Fred Günther, Viola 
   Sabine Krams, Violoncello 
   Timm-Johannes Trappe, Double Bass 

Fritz Walther, Piano 
Charlotte Cassedanne-Yoran, Harp 
Uli Mehlhardt, Clarinet 
Christian Lampert, Horn 
Wolfgang Buttler, Bassoon 


Recording: Studio 1, January 25, 28 & June 3, 1999 
Recording Supervisors: Hans-Bernhard Bätzing, Jens Schünemann (op. 74)
Recording Engineer: Thomas Eschler 
Executive Producers: Burkhard Schmilgun/Christian Esch 

Cover Painting: John Constable, "Dedham Vale von East Bergholt aus gesehen", 
c. 1815/1820, München, Pinakothek 
(P) + (C) 2000


Geplante Obsoleszenz


Giles Slade: Made to Break. Technology and
 Obsolescence in America
Es gehört zu den Alltagserfahrungen, dass das neue Mobiltelefon bereits nach ein oder zwei Jahren kaputtgeht, während man sich daran zu erinnern meint, dass die Geräte früher viel länger gehalten hätten. Unwillkürlich fragt sich der geplagte Konsument, warum dieselben Firmen, die ständig smarte neue Extrafunktionen entwickeln, es offensichtlich verlernt haben, Produkte so herzustellen, dass sie nicht schon nach kurzer Zeit auf dem Müll landen.

Dass man diese Erfahrung mit zahlreichen technischen Geräten machen kann, hat einen alten Mythos der Konsumkritik neu belebt, nämlich die These von der »geplanten Obsoleszenz«: Ihr zufolge verkürzen die Hersteller absichtlich die Lebensdauer ihrer Produkte, um die Kunden zu ständigem Nachkaufen zu zwingen. Bücher wie Made to Break oder Kaufen für die Müllhalde berichten über verkürzte Entwicklungszyklen, Sollbruchstellen und Technik, die so schwer zugänglich in Plastikgehäusen eingebaut ist, dass eine Wiederverwendung oder Reparatur der Produkte nicht mehr in Frage kommt. Der Kulturhistoriker Markus Krajewski hat die geplante Obsoleszenz sogar jüngst als ein Wesensmerkmal des Kapitalismus bezeichnet: Um die Nachfrage nach neuen Waren dauerhaft sicherzustellen, gelte es, ihren Verschleiß technisch zu garantieren.

Von Glühbirnen und Laserdruckern

Das große Problem der These von der geplanten Obsoleszenz besteht darin, dass sie sich nur schwer empirisch beweisen lässt. Aus Sicht ihrer Vertreter liegt das daran, dass die Produzenten so geschickt sind, keine schriftlichen Dokumente zu hinterlassen, wenn sie minderwertige Materialien verwenden oder elektronische Bauteile unterdimensionieren. Einmal immerhin haben sie sich offensichtlich erwischen lassen: Im Dezember 1924 trafen sich die führenden Glühbirnenhersteller der Welt (unter anderem General Electric, Philips und Osram) in Genf und schlossen dort den Phoebus-Kartellvertrag ab.

In diesem Vertrag, der das erste weltweit operierende Kartell überhaupt konstituierte, wurde festgelegt, die Lebensdauer von Glühbirnen auf 1000 Stunden zu begrenzen. Damals gab es allerdings bereits Glühbirnen, die eine Lebensdauer von mehr als 2500 Stunden erreichten, die »Centennial Bulb« in Livermore/Ohio brennt sogar bereits seit über 110 Jahren ununterbrochen. Die Lebensdauer von 1000 Stunden blieb indes, wie man bei Krajewski nachlesen kann, über Jahrzehnte Standard bei konventionellen Glühbirnen.

Philips war Teilnehmer am Phoebus Kartell von 1924
Markus Krajewski: The Great Lightbulb Conspiracy
Selbst dieses Beispiel ist allerdings längst nicht so eindeutig, wie man meinen könnte. Schließlich handelte es sich um einen Kartellvertrag - und es ist ein in der Kartellforschung gut bekannter Tatbestand, dass sich wirksame Preisabsprachen am besten für homogene Produkte treffen lassen. Für Rohstahl und Kohle kann man deshalb relativ einfach feste Preise festlegen, für Stereoanlagen eher nicht - eben weil es sie in zahllosen unterschiedlichen Ausführungen gibt. Die Lebensdauerbegrenzung von Glühbirnen war der Versuch, ein homogenes Produkt zu schaffen, über das sinnvolle Preisabsprachen überhaupt erst getroffen werden konnten. Das Glühbirnenkartell stellte insofern zwar sicherlich eine »Verschwörung« gegen die Konsumenten dar, aber letztlich auch nicht in stärkerem Maße, als das bei den Kartellen in der Zwischenkriegszeit generell der Fall war - und allein in Deutschland gab es zu Beginn der 1930er Jahre davon mehrere Tausend. Übrigens hatten die Konsumenten durchaus auch Vorteile von den Glühbirnen mit kürzerer Lebensdauer - sie brannten durch den dünneren Glühdraht heller und verbrauchten weniger Energie.

Überlegungen zur geplanten Obsoleszenz wurden besonders in den Vereinigten Staaten während der Weltwirtschaftskrise ab 1929 virulent. So wurde damals beispielsweise ernsthaft darüber diskutiert, ob man nicht Sollbruchstellen in neue Produkte einbauen sollte, um so den Konsum zu stimulieren (Krajewski). Aber auch hier sollte man etwas genauer hinsehen: Diese Diskussion reagierte nämlich auf die weitverbreitete Ansicht, die Große Depression sei das unerwünschte Resultat dauerhaft gesättigter Märkte gewesen. Die Automobil- und die Elektroindustrie gehörten zu den Boombranchen der zwanziger Jahre. Wenn aber erst jeder Amerikaner ein Auto und einen Kühlschrank hatte, musste die Wirtschaft dann nicht dauerhaft stagnieren? Vor dem Hintergrund solcher Debatten lagen Überlegungen zur geplanten Obsoleszenz nahe, in die Tat umgesetzt wurden sie jedoch höchstens punktuell. In der dafür geradezu berüchtigten Automobilindustrie reagierten die Firmen auf die Krise jedenfalls eher mit einer Steigerung der Qualitätsstandards als mit der Produktion billiger »depression cars«.

In den 1930er Jahren schien die geplante Obsoleszenz ein probates Mittel, den Verbrauch zu stimulieren. Als die Menschen nach dem Zweiten Weltkrieg jedoch auch ohne technische Sabotage viel konsumierten, bekamen solche Überlegungen eine andere Stoßrichtung und wurden zu einem Argument der Konsumkritik. Den Anfang machte dabei der Soziologe Vance Packard, der 1960 in The Waste-Makers (Die große Verschwendung) die These aufstellte, dass die Amerikaner viel mehr konsumierten, als sie eigentlich müssten. Durch Werbung, Radioprogramme und geplante Obsoleszenz seien die Menschen einem andauernden Konsumzwang unterworfen. Dieser führte Packard zufolge nicht allein zu einer gigantischen Ressourcenverschwendung, sondern hielt sie auch davon ab, ein sinnvolles, erfülltes Leben zu führen.

Die älteste noch brennende Glühbirne der Welt in der Feuerwehrstation
 von Livermore
Das war auch ein wichtiges Motiv der Konsumkritik der Studentenbewegung der 1960er und 1970er Jahre: Hier waren Überlegungen zur geplanten Obsoleszenz unter anderem deswegen populär, weil sie hervorragend mit der Kritik an der manipulierenden Kraft der Werbung zusammenpassten. Klassisch formulierte diesen Zusammenhang Wolfgang Fritz Haug in seiner Kritik der Warenästhetik von 1972. Er benannte mit marxistischen Begriffen, was bei Packard und anderen eher implizit vorausgesetzt wurde, dass nämlich die kapitalistische Konkurrenz nur vordergründig existierte. In Wirklichkeit hatte man es mit dem »Gesamtkapital« zu tun, das zu einer einheitlichen Willensbildung und damit auch zur Manipulation der breiten Masse fähig war. Geplante Obsoleszenz also als technisches Hilfsmittel, um immer neue Produkte verkaufen zu können.

Seit den 1980er Jahren wurde es zunächst ruhig um die geplante Obsoleszenz, erst in den letzten Jahren gewann die Debatte wieder an Attraktivität. Ein Grund dafür dürfte sein, dass die Zahl kurzlebiger elektronischer Geräte stark zugenommen hat. Die Innovationszyklen bei Mobiltelefonen, Laptops, Tablets und so weiter sind kurz, und die neuesten Produkte werden gekauft - sei es, weil die alten Geräte kaputtgehen oder auch nur, weil neue im Angebot sind. Die empirischen Nachweise für geplante Obsoleszenz bleiben allerdings weiterhin mehr als dünn. Von obskuren russischen Wissenschaftlern, die angeblich eine Software entwickelt haben, um die »programmierte« Lebensdauer von Laserdruckern zu verlängern, bis hin zu pauschalen Verdächtigungen über die Verwendung minderwertiger Materialien: Die Hinweise darauf, dass die Lebensdauer elektronischer Geräte tatsächlich immer kürzer wird (und dass der Grund dafür geplante Obsoleszenz ist), bleiben bislang äußerst vage. Offensichtlich deckt sich diese Beobachtung jedoch mit der Alltagserfahrung vieler Menschen. Anders ist die Virulenz des Konzepts jedenfalls kaum zu erklären.

Der ökonomische Sinn von Obsoleszenz

Das Problem lässt sich auch aus einer anderen Perspektive betrachten: Ist geplante Obsoleszenz ökonomisch überhaupt sinnvoll? Auf den ersten Blick spricht vieles dafür, denn ein kaputtes Ding muss schließlich ersetzt werden. Andererseits steht dem die marktwirtschaftliche Konkurrenzdynamik entgegen: Wenn das Auto der Firma X bereits nach kurzer Zeit nicht mehr fährt, wird beim nächsten Mal eher ein Auto der Firma Y gekauft. Zudem müssten Sollbruchstellen so geschickt eingebaut werden, dass sie nicht entdeckt werden können, ansonsten wäre der Reputationsverlust dramatisch.

Vance Packard (sitzend) beim Sigieren seines Bestsellers
"The Hidden Persuaders", State College, PA, 19.04.1958
Auch hier spielt die Konkurrenz der Unternehmen eine zentrale Rolle: Neue Produkte einer Firma werden gerade von deren Wettbewerbern bis in die kleinsten Details analysiert. Würde Samsung eine Sollbruchstelle in seine Geräte einbauen, die Apple- Techniker würden sie wohl finden. Oder ist es wirklich glaubhaft, dass sich diese miteinander in scharfem Wettbewerb stehenden Firmen untereinander absprechen?

Es ist überdies auffällig, dass geplante Obsoleszenz in den meisten Fällen für Produkte mit hoher technologischer Entwicklungsdynamik angenommen wird. Es geht um Mobiltelefone, Computer oder Fernseher, die immer komplexer und damit störungsanfälliger werden. Technisch ausgereifte Produkte hingegen mit einem geringeren Komplexitätsgrad, wie etwa Waschmaschinen oder Kühlschränke, erweisen sich in der Regel als durchaus langlebig.

Schließlich noch der Kritikpunkt, dass sich immer mehr Produkte nicht mehr reparieren lassen: Tatsächlich designen Unternehmen ihre Produkte mitunter so, dass sie sich Praktiken des Weiter- und Wiedernutzens verschließen. Radios beispielsweise wurden bereits ab den 1960er Jahren nicht mehr als langlebige Heimkonsolen gestaltet, sondern als mobile Geräte im Plastikgehäuse. Das private »Schrauben« an Autos hat durch ein verändertes Produktdesign stark abgenommen. Trotzdem kann von einem Bedeutungsverlust des Reparaturgewerbes eigentlich nicht gesprochen werden, hat doch ein Großteil des Handwerks sein Tätigkeitsfeld in den letzten Jahrzehnten von der Neuproduktion in die Reparatur verlagert.

Es ist mutmaßlich die schwache empirische Basis der These von der geplanten Obsoleszenz, die ihre Vertreter dazu bringt, sie mit der »funktionellen« und »psychologischen« Obsoleszenz in einen Topf zu werfen. Diese Unterscheidung hatte Vance Packard getroffen, um den technischen Fortschritt (funktionelle Obsoleszenz) von der Bevorzugung neuer und moderner Produkte durch die Konsumenten (psychologische Obsoleszenz) sowie der schlichten Sabotage (qualitative Obsoleszenz) abzugrenzen. Unter das Schlagwort der Obsoleszenz können dann auch Fälle gefasst werden, wo durch technischen Fortschritt sowie die Entwicklung neuer »Zusatznutzen« Bedürfnisse geschaffen werden, die die Menschen angeblich gar nicht haben.

Auswirkungen der Abwrackprämie
Tatsächlich ist Obsoleszenz in diesem Sinne ein Wesensmerkmal des modernen Kapitalismus und seiner technologischen Dynamik. Joseph Schumpeters Prinzip der »schöpferischen Zerstörung« gilt nicht nur für technisch avancierte Produkte, sondern auch für Waschmittel oder Biersorten. Von dieser Dynamik lebt der Kapitalismus, und die Debatte um geplante Obsoleszenz in der Weltwirtschaftskrise speiste sich ja gerade aus der Befürchtung, dauerhaft befriedigte Bedürfnisse könnten zu ökonomischer Stagnation führen.

Diese kapitalistische »Normalität« wird aus Sicht der Obsoleszenzkritiker jedoch deshalb zum Skandal, weil die Konsumenten sich diesem Spiel nicht freiwillig unterwerfen. Die Dinge ihres Alltags gehen kaputt, und die Werbung suggeriert, sie bräuchten immer neue und bessere Produkte. Es fragt sich aber, ob die Unternehmen nicht ebenso in die kapitalistische Konkurrenzdynamik hineingezwungen werden. Bereits in den 1970er Jahren, als die deutsche Wirtschaft von schweren Strukturkrisen erschüttert wurde, hätte es den meisten Unternehmern gut gefallen, wenn die Annahme, sie verfügten über eine nennenswerte »Produzentensouveränität« (John Kenneth Galbraith) zugetroffen hätte, sie den Menschen also tatsächlich weitgehend hätten diktieren können, was sie zu kaufen und zu begehren haben.

Wenn dem aber so wäre, wie lässt es sich dann erklären, dass so viele (beziehungsweise die meisten) Unternehmen scheitern? Offensichtlich besitzt ihre Manipulationskraft doch enge Grenzen - und das macht nicht zuletzt auch deutlich, warum die geplante Obsoleszenz keine Strategie darstellt, die ökonomischen Erfolg dauerhaft sicherstellen könnte.

Obsoleszenz und Wirtschaftskrise

In der These von der geplanten Obsoleszenz scheinen klassische Motive der Konsumkritik auf, wobei zugleich ökonomische wie moralische Argumente ins Spiel gebracht werden: Zunächst sollen die Konsumenten ihre Autonomie gegenüber dem Markt zurückgewinnen, indem sie frei entscheiden können, wofür sie Geld ausgeben und wofür nicht. Die Wirtschaft soll dadurch gerechter werden.

Es geht aber auch um die Verringerung von Ausschuss und Verschwendung, die mit einer schrankenlos wachsenden Produktion einhergehen. Dabei soll zugleich ein intensiverer Bezug zu den Gegenständen des Alltags entwickelt werden: Man eignet sich diese in einer neuen Weise an, wenn sie nicht weggeworfen, sondern gepflegt, repariert oder anders wiedergenutzt werden. Diese Form des nichtentfremdeten Umgangs mit den Dingen weckt Erinnerungen an linke Alternativkonzepte der 1970er Jahre, als mit handwerklicher Produktion und Selbermachen ein Gegengewicht zur industriellen Massenproduktion geschaffen werden sollte.

John Maynard Keynes (1883-1946)
Diese Konsumkritik ist allerdings mit einem Dilemma konfrontiert. Sie plädiert für Frugalität, die zugleich ein Entkommen aus dem »Wachstumswahn« ermöglichen soll. Was ist jedoch, wenn es gar kein Wachstum gibt? Bereits die Debatte um geplante Obsoleszenz während der Weltwirtschaftskrise reagierte darauf, dass Konsumabstinenz, als gewissermaßen privates Austeritätsprogramm, gesamtwirtschaftlich zu enormen Problemen führen kann.

Die Theorie des britischen Ökonomen John Maynard Keynes, in den 1930er Jahren als Reaktion auf die Große Depression entwickelt, stellte nicht zuletzt den Versuch dar, durch wirtschaftspolitische Mittel die Konsumzurückhaltung der Menschen zu überwinden. In der Finanzkrise seit 2007 wurde darauf wiederholt zurückgegriffen. Die »Abwrackprämie« der Bundesregierung aus dem Jahr 2009 beispielsweise lässt sich durchaus als eine Form staatlich geförderter geplanter Obsoleszenz verstehen - hier allerdings durch finanzielle Anreize, nicht durch technische Sabotage.

Während dem Konsum also gravierende ökologische und individuelle Folgekosten unterstellt werden, führt Konsumabstinenz in die Krise. Im Übrigen fokussiert sich gerade die Kritik, die gegenwärtig aus dem linken Lager an der Austeritätspolitik geübt wird, stark auf keynesianische Rezepte. Die dabei erhobene Forderung nach höheren Staatsausgaben einhergehend mit einer »moderaten« Inflation von fünf bis zehn Prozent hat zur Konsequenz, dass weiter und verstärkt konsumiert werden soll, zumal sich Sparen bei einer solchen Inflationsrate bald kaum noch lohnt.

Das zeigt, dass die Einschätzung der These von der geplanten Obsoleszenz auch politisch keineswegs einfach ist. Gerade der Keynesianismus, mit dem sich so viele Hoffnungen auf eine gerechtere Ökonomie verbinden, erweist sich in gewisser Weise als »Müllideologie«, die die stete Verschwendung als notwendigen Brennstoff wirtschaftlicher Entwicklung propagiert. Aus dieser Sicht erscheint eine Kritik an geplanter Obsoleszenz kaum mehr zu rechtfertigen, stellt diese doch ein Mittel zur Förderung des Konsums und damit des allgemeinen Wohlstands dar. Unnötig würde sie erst werden, wenn sich Konsumzurückhaltung moralisch ächten ließe. Das wiederum ist erkennbar das Gegenteil dessen, was die Kritiker der geplanten Obsoleszenz im Sinn haben.

Quelle: Roman Köster: Ökonomiekolumne. Geplante Obsoleszenz. In: Merkur. Deutsche Zeitschrift für europäisches Denken, 69. Jahrgang, September 2015, Heft 796, Seite 60-66.

ROMAN KÖSTER, geb. 1975, wissenschaftlicher Mitarbeiter für Sozial- und Technikgeschichte der Universität der Bundeswehr München. 2014 hat er den Band Die Große Depression mitherausgegeben.


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Weitere Gemälde von John Constable zwischen Stücken mit Bratsche von Hindemith, Britten, Beethoven, Schumann, Händel/Halvorsen.


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