18. Februar 2010

Beethoven: Klavierquartette WoO 36, Streichquartett nach opus 14,1

Leider gibt es von Beethoven keine Kompositionen für die gemischte Quartettbesetzung aus reifer Zeit. Die Drei Quartette für Klavier, Violine, Viola und Violoncello (Wo036) entstanden bereits 1785 und halten einem Vergleich etwa mit Mozarts beiden Werken gleicher Besetzung nicht stand. Dennoch verdienen sie Aufmerksamkeit als unterhaltende Bereicherung des schmalen Repertoires und vor allem als Dokumente seines frühen, noch experimentellen Stils. Die Musikforschung hat nachgewiesen, daß die drei Quartette strukturell dem Vorbild der drei Violinsonaten KV 296, 379 und 380 von Mozart folgen sowie den drei Klavierkonzerten KV 413, 414, 415. Es handelt sich also um Jugendwerke, die als Zeugnisse eines Lernprozesses hochinteressant sind. Die auffälligste Schwäche dieser Musik ist das weitgehende Fehlen einer »durchbrochenen« Arbeit, einer ökonomischen und klanglich durchsichtigen Aufgabenverteilung für die einzelnen Instrumente - man hat den Eindruck, sie seien alle immer gleichzeitig im Einsatz. Dem Quartett Es-Dur (Nr. 1) geht eine gewichtige und fioriturenreiche langsame Einleitung voraus, die fast zu einem eigenständigen Satz ausgebaut ist und attacca in das folgende leidenschaftlich bewegte Allegro con spirito (im ungewöhnlichen es-Moll) übergeht. Das Finale ist eine Variationenreihe über ein gesangvolles Thema. Daß Beethoven aus diesen Quartetten manche Anregungen für eigene Kompositionen kommender Jahre übernahm, läßt sich u. a. am Adagio des Quartetts C-Dur (Nr. 3) belegen, dessen Thema im langsamen Satz der Klaviersonate Nr. 1 f-Moll op. 2,1 wieder anklingt. Das Quartett D-Dur (Nr.2) weist einen langsamen Mittelsatz in der ungewöhnlichen Tonart fis-Moll auf, folgt sonst dem üblichen dreisätzigen Muster.

Ludwig van Beethoven: Quartette für Klavier, Violine, Viola, Violoncello (Es-Dur, D-Dur, C-Dur) WoO 36 Quelle: Beethovenhaus ("TROIS / QUATUORS / originaux / pour / Pianoforte, / Violon, Alto et Violoncelle / composés / PAR / L. VAN BEETHOVEN. / Oeuvre posthume. – [Stimmen, Erstausgabe]. – Vienne, : chez Artaria et Comp., [1828]")
Streichquartett nach der Klaviersonate op. 14,1
Außerhalb der Reihe der großen 16 (oder 17, wenn man die Große Fuge separat zählt) Streichquartette gibt es Beethovens eigene Bearbeitung der Klaviersonate Nr. 9 E-Dur op. 14,1 für diese Besetzung. Die Sonate entstand 1799, das Streichquartett F-Dur folgte 1802, eine äußerst sorgfältige Arbeit, die weit über das routinemäßige Zurechtlegen für Quartett hinausgeht. Beethoven äußerte sich in einem Brief an seinen Verlag Breitkopf und Härtel 1802 dezidiert zu dieser Problematik: »Ich habe eine einzige Sonate von mir in ein Quartett für Geigeninstrumente verwandelt, ... und ich weiß gewiß, das macht mir leicht nicht ein anderer nach.« Und er weist in diesem Zusammenhang darauf hin: »Da nicht allein ganze Stellen gänzlich wegbleiben und umgeändert werden müssen, so muß man - noch hinzutun«, nämlich kleine instrumententypische Wendungen und Floskeln umschreiben, ergänzen und neu einfügen. Wenn man sich der Mühe eines genauen Vergleichs von Original und Bearbeitung unterzieht, entdeckt man eine Fülle scheinbar unwichtiger Details, die sich unterscheiden, bis hin zu Abstufungen der Dynamik. Diese individuelle und durchdachte Technik der Bearbeitung macht diese Fassung zu einem zweiten Original, das niemand anders als der Komponist selbst erschaffen konnte. Auf diese Weise wurde nur ein weiteres Streichquartett von Beethoven überliefert. Von der musikalischen Öffentlichkeit wird es unverdient wenig beachtet.

Quelle: Arnold Werner-Jensen: Ludwig van Beethoven. Musikführer. Reclam Bibliothek Leipzig Band 20021, Leipzig, 1. Auflage 2001, ISBN 3-379-20021-2, Seite 190 bzw. 273-274

TRACKLIST

Ludwig van Beethoven
1770-1827
Klavierquartette Nr.1-3  Streichquartett F-dur

Quartett für Klavier, Violine, Viola und Violoncello Nr. 1
Es-dur WoO 36 

01 1. Adagio assai - attacca              6:55
02 2. Allegro con spirito                 5:23
03 3. Tema: Cantabile -                  10:31
     Variazioni I-VI - Tema: Allegretto


Quartett für Klavier, Violine, Viola und Violoncello Nr. 2
D-dur WoO 36

04 1. Allegro moderato                    7:53
05 2. Andante con moto                    6:42
06 3. Rondo: Allegro                      5:29


Quartett für Klavier, Violine, Viola und Violoncello Nr. 3
C-dur WoO 36

07 1. Allegro vivace                      6:02
08 2. Adagio con espressione              6:48
09 3. Rondo: Allegro                      3:36


Streichquartett F-dur
nach der Klaviersonate E-dur op.14 Nr.1 

10 1. Allegro moderato                    7:07
11 2. Allegretto                          3:35
12 3. Allegro                             3:30


Gesamtspielzeit:                         73:34


Christoph Eschenbach, Klavier [01]-[09]

Amadeus Quartett
Norbert Brainin, Violine I
Siegmund Nissel, Violine II   [10]-[12]
Peter Schidlof, Viola
Martin Lovett, Violoncello

® [01]-[09] 1970 / [10]-[12] 1969
ADD


Track 2: Klavierquartett Es-Dur WoO 36, Nr 1 - II Allegro con spirito



Jean-Baptiste Camille Corot: Ansicht der Farneser Gärten, Rom, 1826, The Phillips Collection, Washington, DC

Jean-Baptiste Camille Corot (1796-1875)

Am 16. Juli 1796 wurde dem Ehepaar Corot, einer beliebten Modistin und einem Tuchhändler, ein Sohn geboren, den sie Jean Baptiste Camille nannten. Er kam sechzehn Jahre nach Ingres zur Welt, aber zwei Jahre vor Delacroix. Die Landschafter, die zu Vorläufern der Impressionisten wurden, waren alle jünger als er. Corot, über den Baudelaire 1845 schrieb: »Er steht an der Spitze der modernen Landschaftskunst«, war tatsächlich der älteste der französischen Landschaftsmaler des 19. Jahrhunderts. Corot besuchte das Gymnasium in Rouen (1807-1812) und in Poissy (1813-1814). Dann 1815, als Napoleon seine Niederlage bei Waterloo hatte, verliert Jean Baptiste Camille, der davon träumte, Maler zu werden, gegen seinen Vater: er kam zu einem Tuchhändler in die Lehre. Schon 1817 gelang ihm eine kleine Revanche: er richtete sich in dem Landhaus, das seine Eltern in Ville d'Avray erworben hatten, ein Atelier ein. Vier Jahre später kommt dann ein entscheidender Sieg: sein Vater setzte ihm einen jährlichen Betrag von 1500 Livres aus; das Geld war durch den Tod einer der Schwestern Corots frei geworden.

Corot war nun dank dieser Rente unabhängig und begann mit neunundzwanzig Jahren seine Laufbahn als Landschaftsmaler und Reisender. Er fuhr nach Italien, wo er sich dreimal aufhielt: 1825-1828, 1834 und 1843. Zwischen 1852 und 1863 reiste er oft in die Schweiz (seine Mutter war schweizerischer Abstammung). Er besuchte 1854 Belgien und Holland. Im Winter arbeitete er in seinem Pariser Atelier und inspirierte sich an den Bildern, die er während der warmen Jahreszeit in den verschiedenen Provinzen Frankreichs nach der Natur gemalt hatte: in der Normandie, der Auvergne, dem Limousin, der Bretagne, im Morvan, in der Bourgogne, in Nordfrankreich, im Jura, in Savoyen, der Dauphine, der Sologne, der Saintonge usw. Einige Orte und Städte tauchen in seinen Biographien immer wieder auf wie Leitmotive: Arras, Fontainebleau, Mantes, Douai, Rouen, Beauvais, Rosny, Marcoussis und natürlich Ville-d'Avray, wo er und seine Schwester den Besitz der Eltern erbten.

Jean-Baptiste Camille Corot: Dame in Blau, 1874, Musee du Louvre, Paris

Erwähnt sei auch der Aufenthalt in Auvers-sur-Oise (1858 und 1868), wo sich - zweiunddreißig Jahre nach dem letzten Besuch von Jean Baptiste Camille - der von den Kunstfreunden unerkannte van Gogh mit siebenunddreißig Jahren tötete. Corot hatte es im gleichen Alter, wenn er auch beim Salon von 1833 eine Medaille erhalten hatte, auf seiner Laufbahn kaum weitergebracht: Die meisten Gemälde, die er an den Salon eingeschickt hatte, waren zurückgewiesen worden; die Kritik reagierte verdrossen, und die Öffentlichkeit kannte ihn nicht. Erst sieben Jahre später (1840) verkaufte er sein erstes bedeutenderes Bild an einen Privatsammler. Zwar bekam er 1846, nachdem ihm der Staat einige Werke abgekauft hatte (1840, 1842 und 1845), das Kreuz der Ehrenlegion (mit fünfzig Jahren), und 1847 schrieb Delacroix, der ihn besucht hatte, in sein Tagebuch: »Corot ist ein wirklicher Künstler.«

Aber richtig berühmt wurde dieser »wirkliche Künstler« erst, als er sich den Sechzig näherte. Bei der Weltausstellung 1855 kaufte ihm Napoleon III. die Erinnerung an Marcoussis ab, und Pissarro, Vertreter der jüngeren Generation, suchte bei ihm Rat. Dann, 1862, wurde Berthe Morisot seine Schülerin. Mit sechsundsechzig Jahren lernte er Courbet kennen. »Ich bin der größte moderne Maler«, erklärte der Meister von Ornans. Dann, nach einem kurzen Schweigen, fügte er hinzu: »Zusammen mit Ihnen natürlich.« Corot bemerkte, als er Courbets Äußerung erzählte: »Wäre ich nicht dagewesen, hätte er mich vergessen.« Aber 1874 vergaß man Corot nicht - er wurde achtundsiebzig. Man dachte daran, ihm die Ehrenmedaille des Salons zu verleihen, aber im letzten Augenblick kam man davon ab. Seine Bilder wurden jedoch so gekauft, daß immer mehr falsche Corots auf den Markt kamen. Später sagte man dann: »Corot hat 3000 Bilder gemalt, von denen 10000 in Amerika sind.« Jean Baptiste Camille authentisierte selbst ein Anzahl Fälschungen, indem er sie signierte - aus Mitleid mit den Fälschern, deren Notlage er kannte. Ein weiteres Beispiel seiner sprichwörtlichen Güte: Daumier, der seine Miete nicht bezahlen konnte, sollte aus dem Haus vertrieben werden, in dem er wohnte; Corot kaufte das Haus und schenkte es ihm: »Nun brauchst Du nicht mehr zu befürchten, daß man Dich verjagt«, schrieb er ihm.

Jean-Baptiste Camille Corot: Erinnerung an Mortefontaine, 1864, Musee du Louvre, Paris

Am 22. Februar 1875 starb er mit neunundsiebzig Jahren, und bei der Beerdigung folgte ihm eine riesige Menschenmenge. Noch wenige Tage vor seinem Tod hatte er von rosaroten Landschaften und Himmeln geträumt, von denen Van Gogh später sagte: »So malen wir sie heute.« In manchem starb Corot dennoch unbekannt, denn ein bedeutender Teil seines Werkes wurde der Öffentlichkeit erst spät enthüllt: seine Figurenbilder kamen erst 1909 ans Licht (im Salon, wo die Kubisten sie bewunderten). Sie bewiesen, daß dieser Landschafter auch dem Menschenbild glänzend zu huldigen verstand, selbst wenn er es nur für sich tat.

Quelle: Yvon Taillandier: Corot. (Übersetzung: Henrich Pecher). Gondrom Verlag GmbH & Co KG, Bindlach 1994, ISBN 3-8112-1147-1 , Seite 93

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Reposted on August 22, 2014

Kommentare:

Ute hat gesagt…

Eine wirklich interessante Seite mit schönen Bildimpressionen.

Anonym hat gesagt…

Hey. Ihre Beiträge sind großartig. Diese Datei:
"Beethoven: Klavierquartette, Streichquartett nach"
der Link ist unten. Ich bitte, wenn Sie die Güte, resubirlo haben.
Natürlich, vielen Dank!. Von Argentina, Andrés.

WMS.Nemo hat gesagt…

>>Beethoven: Klavierquartette WoO 36, Streichquartett nach opus 14,1<< re-ripped & re-posted!

Anonym hat gesagt…

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