4. Juni 2012

Antonin Dvorák: Alle Streichquartette

Antonín Dvorák hat sich mit Kammermusik von seinen ersten Kompositionsversuchen bis in seine letzen Jahre beschäftigt, und nach Zahl und Gewicht seiner Werke gehört er zu den großen Kammermusik-Komponisten des 19. Jahrhunderts. Bei dieser Arbeit stand, entsprechend der Gattungs-Hierarchie, die er von den Klassikern geerbt hatte, das Streichquartett immer im Mittelpunkt: Zu den ersten Versuchen, die mit Opuszahlen versehen wurden, gehört das A-Dur-Quartett (ursprünglich op. 1, später op. 2); die konsequenteste Annäherung an Wagner zeigt sich in den 3 Quartetten von 1869/70 (jetzt als Nr. 2-4 gezählt, ohne Opuszahlen); die Rückkehr zur klassischen Tradition und die Wendung zum pointiert böhmischen Tonfall vollzieht sich zuerst und am deutlichsten in Streichquartetten – und schließlich sind die letzten Kammermusikwerke, die Dvorák schrieb, die beiden Quartette op. 105 und 106. Ohne Übertreibung läßt sich sagen, daß für keinen anderen Komponisten nach Beethoven (dessen Quartette kaum Spuren in Dvoráks Werk hinterlassen haben) das Streichquartett so wichtig gewesen ist (wenn man von der paradoxen Situation bei Brahms absieht, der eben deshalb so wenige Quartette veröffentlichte, weil ihm der Anspruch der Gattung überdeutlich bewußt war) – für keinen anderen Komponisten außer Brahms aber auch die Kammermusik insgesamt.

Streichquartett in D-Dur o. op. (Nr. 3), (1869?)

Das Quartett ist wohl das längste Streichquartett des 19. Jahrhunderts; ungekürzt – und Kürzungen sind hier wie in den beiden wagnerisierenden Schwesterwerken sinnvoll kaum möglich – dauert es knapp 70 Minuten, der 1. Satz allein rund 25. Formidee und poetischer Gehalt sind aber ganz anders als im B-Dur- und im e-Moll-Quartett: die Thematik ist stärker verfestigt und kontrastreicher, und der 3. Satz ist ein echtes Scherzo über das Lied »Hej, Slované«, das in den 1860er Jahren als Kampflied der tschechischen Nationalbewegung galt. Da der Anfang dieser Liedmelodie im Hauptthema des 1. Satzes anklingt und da seine punktierten Rhythmen in allen Sätzen eine große Rolle spielen – selbst im langsamen, der eben bezeichnenderweise ein Andantino, kein Adagio ist –, bleibt zu vermuten, daß dem ganzen Werk eine nationale poetische Idee, wenn nicht sogar ein Programm zugrunde liegt.

Streichquartett B-Dur o. op. (Nr. 2), (1869?)

Mit dem B-Dur-Quartett, das lange als verschollen galt und nur in einer Abschrift überliefert ist, beginnen Dvoráks Experimente mit der Übertragung Wagnerscher Kompositionsprinzipien auf das Streichquartett – Experimente, die bis heute, aus der Perspektive der späten Quartette und der Gattungs-Tradition, als unreif und mißglückt beurteilt werden. Daß dieses Urteil kaum gerechtfertigt ist, zeigt schon das B-Dur-Quartett. Von dem zugleich klassizistischen und »böhmischen« Ton wie vom kompakt-orchestralen Satz des 1. Quartetts kehrt es sich radikal ab; die klassischen Formen und Satztypen sind nur noch andeutungsweise zu erkennen. Beherrschend wird statt dessen ein überaus dichter, kontrapunktisch-chromatischer, in Bewegung und Dynamik ungemein nervöser Satz, in dem kaum noch Themen, sondern kleine und kleinste Motive in großen und immer neuen Steigerungswellen durchgeführt, motivisch weiterentwickelt, chromatisch fortgesponnen und kontrapunktisch verknüpft werden, oft in rücksichtslos dissonanter, manchmal auch noch ungeschickter Stimmführung und mit einer im Detail hochchromatischen, in der großformalen Disposition allerdings sehr einfachen Harmonik. Den Gefahren der Monotonie und Redseligkeit, die in einem solchen Stil naheliegen, nicht zuletzt durch die Reduktion der Thematik und thematischen Kontraste und durch die Auflösung der Formen, entgeht Dvorák nicht ganz; dennoch sind das B-Dur-Quartett und seine beiden Schwesterwerke faszinierende Stücke, welche die große Höranstrengung, die sie erfordern, reichlich lohnen.

CD 2 Track 3 Streichquartett B-Dur o. op. (Nr. 2), (1869?) - III. Allegro con brio


Streichquartett E-Dur op. 80 (ursprünglich op. 27), (1876)

Das Werk wurde erst 12 Jahre nach seiner Entstehung von Simrock verlegt, der ihm, zum Ärger Dvoráks, die hohe Opuszahl gab; uraufgeführt wurde es erst 1890, dann allerdings durch das Joachim-Quartett in Berlin. Trotz seiner traditionell »positiven« Tonart ist es ein eher introvertiertes und vor allem im 1. und 2. Satz melancholisches, im Finale dramatisch aufgewühltes Stück, was damit zu tun haben mag, daß kurz zuvor ein Kind der Dvoráks gestorben war (die Komposition, in der der Komponist diesen Verlust am intensivsten verarbeitete, wurde das »Stabat mater«). Im Charakter und Gewicht der Sätze, vor allem im Verhältnis der beiden Ecksätze zueinander, ist es fast eine Replik des op. 16, satztechnisch – mit einer ausgeprägten Neigung zu chromatischer Polyphonie – und harmonisch aber ungleich differenzierter.

Zypressen. 12 Stücke für Streichquartett (1865 / 1887)

Die Stücke bilden ein Unikum der Streichquartett-Literatur. Dvorák hatte 1865 18 Gedichte aus der Sammlung »Zypressen« von Gustav Pfleger-Moravský als Klavierlieder komponiert, aber nicht veröffentlicht. Wahrscheinlich 1881/82 arbeitete er 10 von ihnen, 1888 die restlichen 8 zum Teil erheblich um; 4 davon wurden 1882 unter der Opuszahl 2, die letzten 8 1889 als op. 83 gedruckt. Diese 8 und 4 weitere der ursprünglichen Liedfassungen wurden aber außerdem, im April und Mai 1887, zu Streichquartett-Sätzen umgestaltet. […] Das Ergebnis sind »Lieder ohne Worte«, die gerade durch ihre Schlichtheit und die wortlose Kantabilität ihrer Melodiestimme einen ganz eigentümlichen Reiz haben. Dvorák schätzte sie nicht gering ein; als er sie (erfolglos) Simrock zur Veröffentlichung anbot, nannte er sie »etwas in seiner Art Neues, das es verdient, bald das Licht der Welt zu erblicken«.

CD 3 Track 4 Streichquartett E-Dur op. 80 (1876) - IV. Finale: Allegro con brio


Streichquartett e-Moll o. op. (Nr. 4) (1870?)

Das Werk ist das formell originellste und reifste der 3 experimentellen Quartette dieser Zeit. Die 3 Großabschnitte sind deutlich voneinander abgehoben, gehen aber attacca ineinander über und sind thematisch eng verknüpft; zugleich sind die Themen schärfer profiliert und deutlicher kontrastiert als in den beiden Schwesterwerken, und die Satztechnik nähert sich – bei allen wagnerisierenden Zügen – wieder stärker dem traditionellen Quartettsatz, vor allem in der dialoghaften Durchführung kontrastierender Motive. Exemplarisch zeigt sich die neue Verbindung von wagnerisierenden und »klassischen« Zügen im Hauptthema mit seinen prägnanten, der thematischen Arbeit entgegenkommenden Motiven und seiner unruhigen Harmonik.

Streichquartett f-Moll op. 9 (1873)

Das Quartett bildet mit dem unmittelbar folgenden a-Moll-Quartett eine innere Einheit: In beiden Werken versucht Dvorák, sich vom Einfluß Wagners zu lösen; seine Formen konziser zu gestalten und eine persönliche Musiksprache zu entwickeln, die zugleich den Ansprüchen der klassisch-romantischen Tradition gerecht wird und die Intonationen der tschechischen Volksmusik in sich aufnimmt. Beide Werke sind nur in problematischer Gestalt überliefert; den langsamen Satz des f-Moll-Quartetts hat der Komponist 4 Jahre später zur Romanze für Violine und kleines Orchester (oder Klavier) op. 11 umgearbeitet.

Das f-Moll-Quartett ist bisher nur in einer Bearbeitung von Günter Raphael (1929, Uraufführung 1930) veröffentlicht . Eine Grundidee des Werkes scheint die Entwicklung von den dunklen Tönen des 1. Satzes über 2 leichtere, intermezzohafte Episoden zum optimistischen Finale und parallel dazu die Entwicklung zu immer stärkerer Durchdringung des Satzes und der Themen mit volksmusikalischen Tonfällen gewesen zu sein, also ein inneres Programm ähnlich dem des e-Moll-Quartetts, verbunden mit dem nationalen Ton des D-Dur-Werkes und in die klassische Viersätzigkeit gefaßt, die durch thematische Vereinheitlichung konzentriert wird.

Streichquartett a-Moll op. 12 (1873)

Das Quartett ist unmittelbar nach dem f-Moll-Werk geschrieben worden, und zwar als einsätziges Stück, in dem aber die 4 Sätze der klassischen Form zu erkennen sind, und mit einem »Programm« ähnlich dem des Schwesterwerkes. Später (es ist unklar, wann) hat Dvorák mit einer ganz tiefgreifenden Umarbeitung des Werkes begonnen, diese Umarbeitung aber nicht zu Ende geführt. Dabei wurden die 4 Abschnitte zu selbständigen Sätzen erweitert, der langsame Abschnitt, der in a-Moll stand, durch einen langsamen Satz in E-Dur ersetzt und die Attacca-Übergänge der Teile getilgt.

CD 5 Track 3 Streichquartett f-Moll op. 9 (1873) - III. Tempo di valse


Streichquartett A-Dur op. 2 (ursprünglich op. 1) (1862)

Das Quartett wurde erst 1888 uraufgeführt; für diese Aufführung nahm Dvorák einige Kürzungen vor, die vom Böhmischen Streichquartett, das das Werk einige Zeit im Repertoire hatte, noch erweitert wurden (ungekürzt dauert das Stück etwa 48 Minuten). Im wesentlichen betreffen diese Striche Wiederholungen; sie weisen auf eine Schwäche hin, die viele Frühwerke Dvoráks zeigen: die Neigung, nicht nur einzelne Gedanken und Wendungen, sondern ganze Kompositionsabschnitte zu wiederholen.

Terzett C-Dur op. 74 (1887)

Dvorák hat nur zwei Trios, beide für die ungewöhnliche Besetzung mit 2 Violinen und Bratsche, hinterlassen. Beide sind Gelegenheitskompositionen für einen Hausmusikkreis, zu dem der Komponist selbst gehörte, und die »Miniaturen« op. 75a nehmen betont Rücksicht auf bescheidenere spieltechnische Fertigkeiten. Die Bezeichnung »Terzett« statt »Trio« legt die Stil-Ebene des Werkes fest: Es ist dezidiert nicht für den Konzertsaal gedacht, keineswegs anspruchslos, aber doch konzilianter als die großen Kammermusikwerke und ohne deren seelische und geistige Tiefe.

Streichquartett C-Dur op. 61 (1881)

Das Quartett verdankt seine Existenz einem Kompositionsauftrag, der ein Handstreich war: Dvorák erfuhr aus der Zeitung, daß das Wiener Hellmesberger-Quartett am 15.Dezember 1881 ein neues Quartett von ihm spielen werde. - »Was konnte ich also tun, ich mußte die Oper [Dimitrij] beiseitelegen und das Quartett schreiben« (Brief an Josef Göbel, 5.11.1881). Der Bedrängnis durch diesen Auftrag, mitten in der Arbeit an dem Opernprojekt, ist es wohl zuzuschreben, daß Dvorák zunächst unsicher arbeitete – ein Sonatensatz, Allegro vivace in F-Dur, wurde vollständig ausgearbeitet, dann aber verworfen – und bei der endgültigen Gestaltung ausnahmsweise auf ältere Werke zurückgriff: Das Thema des langsamen Satzes stammt aus einem verworfenen Adagio für die Violinsonate op. 57 (1880); die Kopfthemen der beiden letzten Sätze gehen auf die Polonaise für Cello und Klavier von 1879 zurück. Die von Hellmesberger geplante Uraufführung scheint nicht zustande gekommen zu sein: Das Konzert am 15. Dezember mußte wegen der öffentlichen Trauer um die Opfer des Ringtheater-Brandes abgesagt werden, und die erste Aufführung des Werkes scheint Ende 1882 in Bonn stattgefunden zu haben, nachdem es schon im Februar 1882 bei Simrock erschienen war.

Zwei Walzer für Streichquartett oder Streichorchester mit Kontrabaß ad lib. (nach op. 54) (1879/80)

Die zwei Stücke sind Bearbeitungen der Klavierwalzer op. 54 Nr. 1 (A-Dur) und 4 (Des-Dur, Bearbeitung in D-Dur). Sie können auch mit Streichorchester gespielt werden und wurden so – überaus erfolgreich – am Ostermontag 1880 uraufgeführt; in beiden Fassungen ist der Kontrabaß ad lib. und verstärkt nur die harmonisch wichtigsten Töne und Kadenzen der Cellostimme. Formal sind die Stücke große Konzertwalzer mit mehreren Trios, dem Charakter nach sehr reizvolle, von Gebrauchsmusik weit entfernte Kammermusik – das erste ein langsamer Wiener Walzer mit schnelleren Trios, am Schluß mit einer poetischen kleinen Reminiszenz an das erste Trio; das zweite ein brillianter und mehr tschechisch als wienerisch klingender schneller Tanz.

CD 7 Track 2 Streichquartett C-Dur op. 61 (1881) - II. Poco adagio e molto cantabile


Streichquartett d-Moll op. 34 (1877)

Das Quartett wurde in nur 12 Tagen niedergeschrieben, zwischen dem »Stabat mater« und der ersten Serie der »Slawischen Tänze«. Dvorák widmete es Brahms, der den Komponisten zu einer Reihe von Verbesserungen anregte, das Werk aber sogleich (zusammen mit dem E-Dur-Quartett) seinem Verleger Simrock empfahl; da Simrock mit der Veröffentlichung zögerte, erschien das d-Moll-Quartett schließlich 1880 bei Schlesinger. – Das Werk ist in vieler Hinsicht ein Gegenbild zum E-Dur-Quartett: in der melancholischen, nur im Finale zu dramatischer Erregung gesteigerten Grundhaltung dem älteren Werk sehr ähnlich, in der thematischen und formalen Konzentration und im Vorherrschen einfacher Satztypen (Melodie mit Begleitung) diametral entgegengesetzt.

Streichquartett a-Moll op. 16 (1874)

Dvoráks 7. Quartett, in 10 Tagen niedergeschrieben, war das erste Kammermusikwerk des Komponisten, das im Druck erschien, wenngleich nur in einem risikofreudigen kleinen Prager Musikverlag (1875); öffentlich aufgeführt wurde es erst drei Jahre später. Das Werk ist unmittelbar nach der 2. (ent-wagnerten) Fassung der Oper »König und Köhler« und nach der 1. »Slawischen Rhapsodie« für Orchester (op. 14) entstanden und das erste Kammermusikwerk, in dem der Komponist seine ganz eigene und zugleich ganz nationale Sprache spricht; das erste auch, das konsequent, wenn auch keineswegs sklavisch, den klassischen Form- und Satztraditionen wieder folgt und das von allen Einflüssen Wagners frei ist. Obwohl es sicherlich nicht zu den bedeutendsten, wenn auch zu den liebenswürdigsten Werken Dvoráks gehört, steht es so an einem Wendepunkt seiner Entwicklung.

CD 8 Track 5 Streichquartett a-Moll op. 16 (1874) - I. Allegro ma non troppo


Streichquartett Es-Dur op. 51 (1878/79)

Das Werk wurde schon wenige Monate nach der Vollendung uraufgeführt (vom Joachim-Quartett) und veröffentlicht – Dvorák war ein berühmter Komponist geworden. Es geht auf eine Anregung zurück, die für die einseitig auf den »böhmischen Musikanten« fixierte Dvorák-Rezeption nach dem internationalen Durchbruch des Komponisten mit den »Mährischen Duetten« und »Slawischen Rhapsodien« bezeichnend ist: Der Primarius des Florentiner Streichquartetts, Jean Becker, wünschte ein Quartett für sein Ensemble, aber ausdrücklich ein »slawisches«. Dvorák entsprach dem Wunsch, indem er den 2. Satz als Dumka gestaltete, das Finale aus einem tschechischen Springtanz entwickelte und die beiden übrigen Sätze zwar nicht zu Charakterstücken zuspitzte, aber auf betont einfache und eingängige Melodik und Verarbeitung ausrichtete. Das Ergebnis war ein Werk, das gerade wegen seiner Einfachheit und unmittelbaren Eingängigkeit sofort populär wurde. Einfach und eingängig ist schon das Verhältnis der Ecksätze zueinander, womit Dvorák bezeichnenderweise auf die klassischen Normen vor Beethoven zurückgreift: Im Gegensatz zu den Verhältnissen in den vorausgegangenen Quartetten hat jetzt der 1. Satz das stärkste Gewicht, und das Finale ist ein unbeschwerter »Kehraus«.

Streichquartett As-Dur op. 105 (1895)

Dvorák begann die Arbeit an seinem vorletzten Streichquartett noch in Amerika, brach sie aber am Ende der Exposition des 1. Satzes ab und nahm sie erst nach der Komposition des G-Dur-Quartetts wieder auf; so erklärt sich, daß das Werk mit der niedrigeren Opuszahl eigentlich das jüngere der beiden ist. Beide Werke sind wesentlich anspruchsvoller als das F-Dur-Quartett, greifen aber andererseits Tendenzen aus ihm wieder auf, am deutlichsten in der ganz originellen Gestaltung der Scherzi, aber auch in der Neigung zur Themenbildung aus sehr einfachen und knappen Motiven und in einer gewissen Zurückhaltung des persönlichen Ausdrucks, die den Grundton der Werke freundlicher, auch konzilianter als in den expressiven frühen Quartetten erscheinen läßt, die aber auch zu einer noch konzentrierteren Versenkung in das Detail des Quartett-Satzes führt – so, als ob der Komponist jetzt mehr für sich als aus sich heraus schreibt, sich mit sich selbst über das Streichquartett unterhält.

CD 9 Track 3 Streichquartett Es-Dur op. 51 (1878/79) - III. Romanza: Andante con moto


Streichquartett F-Dur op. 96 (1893)

Das Quartett ist in Dvoráks amerikanischem Ferienort Spilville, einer tschechischen Siedlung in Iowa, entstanden; uraufgeführt wurde es am 1. Januar 1894 in Boston. Von allen Streichquartetten, ja von allen Kammermusikwerken Dvoráks ist es das kürzeste und das einfachste; beides hat, zusammen mit der außerordentlichen Frische und Einprägsamkeit der Themen und der gleichbleibenden Inspiriertheit des Ganzen, zu seiner Popularität beigetragen. Ob die Melodik des Werkes (wie die der unmittelbar zuvor komponierten e-Moll-Sinfonie) wirklich »amerikanisch«, d. h. von der Volksmusik und volkstümlichen Musik der Schwarzen oder gar der Indianer beeinflußt ist, wie immer wieder behauptet wurde, steht dahin: Die melodischen und rhythmischen Eigenarten wie Pentatonik, natürliches Moll (ohne Leitton) und Synkopen können ebensogut der tschechischen Volksmusik entstammen, die Dvorák bei seinen Landsleuten in Spilville besonders nahe sein mußte.

Streichquartett G-Dur op. 106 (1895)

Das Werk ist in wenigen Wochen im November und Dezember 1895 in Prag entstanden; die Uraufführung spielte das Böhmische Streichquartett, eines der berühmtesten Kammermusik-Ensembles der Epoche, am 9. Oktober 1896. – Es beginnt mit einem der subtilsten Sätze (2/4), die Dvorák geschrieben hat, Lehrstück für jene, die den Komponisten auf den »böhmischen Musikanten« reduzieren möchten. Das 1. Thema setzt sich aus den unscheinbarsten Motiven zusammen, Naturlauten, zu denen nach 26 Takten ein nicht mehr naturhaftes, aber kaum weniger unscheinbares Motiv hinzutritt. Aus diesen Elementen entwickelt sich ein Sonatensatz von außerordentlicher Feinheit, in dem den zunächst fast neutral wirkenden Motiven des Anfangs eine Fülle von Verwandlungen und Nuancierungen abgewonnen wird. – Das Werk ist ganz offensichtlich von Ideen inspiriert, die Dvorák zu Lebensbereichen, die für ihn zentral waren, entwickelt hatte: Natur, Volk, Religion. Trifft diese Deutung zu, so ist Dvoráks letztes Streichquartett auch sein persönlichstes; dasjenige, das sich, auf äußerst subtile Weise, am weitesten von den Normen der Gattung entfernt und das sich in dieser Haltung, obgleich alles Ideelle in ihm vollkommen in Musik-Sprache aufgehoben erscheint, zuinnerst mit den Streichquartetten Smetanas berührt.

CD 10 Track 5 Streichquartett G-Dur op. 106 (1895) - I. Allegro moderato


Quelle: Ludwig Finscher, in: Arnold Werner-Jensen (Hrsg): Reclams Kammermusikführer, 13. Auflage, 2005, ISBN 3-15-010576-5, Auszüge aus den Seiten 722-752

TRACKLIST

ANTONÍN DVORÁK: STRING QUARTETS (COMPLETE)

STAMITZ QUARTET:
Bohuslav Matousek, violin I
Josef Kekula, violin II
Jan Peruska, viola
Vladimir Peixner, cello

Producer: Rudolf Bayer
Sound Engineer: Stanislav Sykora (CD 1-2), Christian Schulz (CD 3-10)


CD 1                                                            72'21
  (Recording: Prague, 23/24 April 1993)

String Quartet in D major (without opus numbers) (1869?)
(1) Allegro con brio                                            26'20
(2) Andantino                                                   17'25
(3) Allegro energico                                            14'42
(4) Finale, allegretto                                          13'37


CD 2                                                            56'06
  (Recording: Prague, 21/22 May 1993)

String Quartet in B flat major (without opus numbers) (1869?)
(1) Allegro non troppo                                          11'21
(2) Largo                                                       15'23
(3) Allegro con brio                                             6'51
(4) Finale: Andante - Allegro giusto - Allegro con fuoco        15'08

Quartet piece (originally from the a minor quartet op. 12, 1873)
(5) Andante appassionato                                         6'59


CD 3                                                            67'14
   (Recording: Prague, January 1993)

String Quartet in E major Op. 80 (1876)
(01) Allegro                                                     9'13
(02) Andante con moto                                            7'38
(03) Allegretto scherzando                                       5'12
(04) Finale: Allegro con brio                                    8'04

Zypressen (Liebeslieder) for String Quartet (1865)               
(05) I                                                           4'03
(06) II                                                          2'14
(07) III                                                         2'34
(08) IV                                                          5'57
(09) V                                                           3'21
(10) VI                                                          2'32
(11) VII                                                         2'02
(12) VIII                                                        3'02
(13) IX                                                          2'49
(14) X                                                           2'10
(15) XI                                                          2'30
(16) XII                                                         2'44


CD 4                                                            44'49
  (Recording: Prague, February 1992)

String Quartet in E minor (without opus numbers) (1870?)
(1) Assai con moto ed energico                                  14'55
(2) Andante religioso                                            8'44
(3) Allegro con brio                                            11'34

Beginning movement of quartet in F major (1880)
(4)                                                              9'27


CD 5                                                            72'53
  (Recording: Prague, May 1991)

String Quartet in F minor Op. 9 (1873)
(1) Moderato                                                    15'53
(2) Andante con moto quasi allegretto                            9'56
(3) Tempo di valse                                               3'45
(4) Finale: Allegro molto                                        7'40

String Quartet in A minor Op. 12 (1873)
(5) Allegro ma non troppo                                        9'50
(6) Poco allegro                                                 7'29
(7) Poco adagio                                                  8'29
(8) Finale: Allegro molto                                        9'13


CD 6                                                            60'16
  (Recording: Prague, December 1990)
  
String Quartet in A major Op. 2 (1862)
(1) Andante - Allegro                                           13'09
(2) Andante affetuoso ed appassionato                           10'29
(3) Allegro scherzando                                           5'46
(4) Finale: Allegro animato                                     10'27

Terzet in C major for 2 violins and viola, Op. 74 (1887)
(5) Introduzione: Allegro ma non troppo                          4'13
(6) Larghetto                                                    5'52
(7) Scherzo: Vivace                                              4'25
(8) Thema con variazioni, poco adagio                            5'24


CD 7                                                            45'28
  (Recording: Prague, 1990)

String Quartet in C major Op. 61 (1881)
(1) Allegro                                                     14'18
(2) Poco adagio e molto cantabile                                7'29
(3) Scherzo                                                      8'35
(4) Finale: Vivace                                               7'52

Two Waltzes for string quartet after Op. 54 (1879/80)
(5) No 1, moderato                                               3'59
(6) No 2, allegro vivace                                         2'44


CD 8                                                            62'45
  (Recording: Prague, 1989)
  
String Quartet in D minor Op. 34 (1877)
(1) Allegro                                                     12'29
(2) Alla Polka                                                   6'44
(3) Adagio                                                       7'09
(4) Finale: Poco allegro                                         6'55

String Quartet in A minor Op. 16 (1874)
(5) Allegro ma non troppo                                        9'09
(6) Andante cantabile                                            7'45
(7) Allegro scherzando                                           4'25
(8) Finale: Allegro ma non troppo                                7'28


CD 9                                                            70'17
  (Recording: Prague, 1990)

String Quartet in E flat major Op. 51 "Slavonic" (1878/79)
(1) Allegro ma non troppo                                       11'06
(2) Dumka (Elegia): Andante con moto - Vivace                    8'32
(3) Romanza: Andante con moto                                    7'31
(4) Finale: Allegro assai                                        7'24

String Quartet in A flat major Op. 105 (1895)
(5) Adagio ma non troppo - Allegro appassionato                  8'19
(6) Molto vivace                                                 6'11
(7) Lento e molto cantabile                                      8'56
(8) Allegro non tanto                                           12'35

CD 10                                                           65'17
  (Recording: Prague, 1987)

String Quartet in F major Op. 96 "American" (1893)
(1) Allegro ma non troppo                                        7'24
(2) Lento                                                        8'31
(3) Molto vivace                                                 3'55
(4) Finale: Vivace ma non troppo                                 5'38

String Quartet in G major Op. 106 (1895)
(5) Allegro moderato                                            10'10
(6) Adagio ma non troppo                                        10'29
(7) Molto vivace                                                 7'16
(8) Finale: Andante sostenuto - Allegro con fuoco               11'17

»Viel Feind, viel Ehr«

Kaiser Heinrich IV. am Grab seines Gegenkönigs


»Als unter Kaiser Heinrich [...] das Reich aufs schlimmste zerspalten war und in folge der Auflehnung des größten Teils der Großen gegen ihren Fürsten das Reich fast in seiner ganzen Ausdehnung durch Feuer und Schwert verwüstet wurde, entschloß sich Gregor VII., der damals den Bischofsstuhl der Stadt Rom innehatte, den Kaiser als von den Seinen im Stich gelassen mit dem Schwert des Kirchenbannes zu schlagen. Dieses ungewöhnliche Vorgehen erregte im Reich um so heftigere Empörung, als man wußte, daß niemals bisher ein solcher Spruch gegen einen römischen Kaiser verkündet worden war. [...]

Der Römische Pontifex Gregor aber, der, wie gesagt, schon die Fürsten gegen den Kaiser aufwiegelte, schrieb jetzt geheim und offen an alle, sie sollten einen anderen wählen. So wurde Herzog Rudolf von Schwaben von ihnen zum König gewählt und erhielt, wie berichtet wird, von der Römischen Kirche ein Diadem mit folgender Inschrift: Rom gab Petrus die Krone und Petrus gab sie dem Rudolf.

[...] Nicht lange danach wurde Rudolf von den Getreuen des Kaisers im offenen Kampf getötet und in der Kirche von Merseburg mit königlichen Ehren beigesetzt. Über den Kaiser wird berichtet, nachdem diese Aufstände einigermaßen niedergeschlagen waren, sei er einmal in die Merseburger Kirche gekommen und habe dort diesen Rudolf wie einen König bestattet liegen gesehen; als ihn nun jemand fragte, warum er zugelassen habe, dass jemand, der nicht König gewesen sei, mit königlichen Ehren bestattet liege, habe er gesagt: Möchten alle meine Feinde so ehrenvoll bestattet liegen!«

(Otto von Freising, Gesta Frederici 1,1 und 1,7)

Herrschaftsübergabe von Heinrich IV. an seinen Sohn Heinrich V., Darstellung aus der Chronik des Ekkehard von Aura. Heinrich IV. überreicht seinem Sohn Heinrich V., der das Lilienzepter in seiner Rechten hält, die Reichsinsignien Sphaira (mit einem Kreuz) und Kronreif. Der junge Heinrich muss sich auf einen Hügel stellen, um auf gleicher Höhe mit seinem Vater zu sein. Von seinem Vater übernimmt er die Reichsinsignien und damit die Herrschaft. Die ca. 1106 entstandene Zeichnung soll den Eindruck erwecken, die Herrschaft sei friedlich von Heinrich IV. auf seinen Sohn Heinrich V. übergegangen.

Wäre für eine Darstellung der Weltgeschichte ein Geschehenszusammenhang aus dem deutschen Hochmittelalter auszuwählen, so würde die Wahl höchstwahrscheinlich auf die Zeit Kaiser Heinrichs IV. fallen. Erscheint sie uns doch als eine Wendezeit, in der starke Persönlichkeiten wie der Salier und Papst Gregor VII. um das kämpften, was sie aus ihrem jeweiligen Blickwinkel als gutes Recht von Herrscher und Reich beziehungsweise als Freiheit der Kirche verteidigten. Spätere Deutungen des Investiturstreits und der mit ihm verwobenen Konflikte gerieten zu einer Meistererzählung, die nicht nur die universale Bedeutung des Streits, sondern auch seine Auswirkungen auf den Gang der deutschen Geschichte hervorhob. Im Widerstand der stolzen Sachsen gegen neue Formen der Königsherrschaft und in der Opposition von Fürsten, die gegen Heinrich die Partei des Reformpapsttums ergriffen und mit dem Schwabenherzog Rudolf von Rheinfelden sogar einen Gegenkönig wählten, sah man im Zeitalter des Nationalstaates die Behauptung des deutschen Föderalismus auf Kosten eines starken Königtums, wie es sich in anderen Reichen des 11. und 12. Jahrhunderts durchzusetzen begann, aber auch die Behauptung eines freiheitlichen Widerstandsrechtes gegenüber herrscherlicher Willkür. Im Auftreten der Einwohner von Bischofsstädten, die ihrem König zu Hilfe eilten und dafür von ihm mit Privilegien belohnt wurden, sah man die Anfänge eines politisch eigenständigen Bürgertums in der deutschen Geschichte. Die bekannteste Episode dieser Meistererzählung dürfte der sprichwörtlich gewordene Gang nach Canossa im Januar 1077 sein. Bismarcks »Nach Canossa gehen wir nicht«, 1872 im Kulturkampf geprägt, wurde seinerseits zum geflügelten Wort.

Gregor VII. in der I-Initiale einer Handschrift der zweiten Hälfte des 12.Jahrhunderts. Mit ihr ([I]gitur Gregorius usw.) beginnt die um 1130 entstandene Biographie Gregors VII. des Paul von Bernried, die einzige mittelalterliche Lebensbeschreibung dieses Papstes. Sie ist nur in Legendensammlungen überliefert.

Die hier vorzustellende Anekdote von der schlagfertigen Antwort Kaiser Heinrichs am Grab seines Gegenkönigs besitzt nicht die Popularität des Canossagangs, hat aber ebenfalls das Potential, einem Historien- oder Sprachbild als Vorlage zu dienen. Erfüllt hat sie diese Funktion freilich kaum. In den viel gelesenen Geschichtsdarstellungen des langen 19. Jahrhunderts, wie Wilhelm von Giesebrechts Geschichte der deutschen Kaiserzeit, wird sie nicht eigens aufgegriffen. Lediglich Karl Hampe (Herrschergestalten des deutschen Mittelalters, 5.Aufl. 1933, S. 158) erwähnt »das prächtige Grabmal Rudolfs im Merseburger Dom, das Heinrich später einmal den witzigen Stoßseufzer entlockt haben soll: 'Ach wenn doch alle meine Feinde so ehrenvoll bestattet lägen!'«

Angesichts des gewandelten Erkenntnisinteresses am Mittelalter wäre es jedoch ein Rückschritt, die Anekdote im Dienste der eigenen Selbstvergewisserung auf Kosten der Vergangenheit zu erzählen. Die Zeit Heinrichs IV. wird heute nicht mehr wie im 19. und 20. Jahrhundert in ein Geschichtsbild gepresst, in dem sie politische Ansprüche der Gegenwart begründen und zur verklärenden Heldenschau herhalten soll. Ein Glück, möchte man sagen, läge dies nicht auch an der Geschichtsvergessenheit unserer Gegenwart. Nähert man sich dagegen dem Hochmittelalter mit Hilfe der neueren Mittelalterforschung, so ist eine Zeit zu entdecken, die Eigenständigkeit besitzt und uns zugleich unmittelbar betrifft. Das europäische Hochmittelalter war eine Zeit des Umbruchs in nahezu allen Lebensbereichen. Die Persönlichkeiten und Taten der Herrschergestalten, von denen wir dank der keinesfalls objektiven Schilderungen ihrer Zeitgenossen wissen, aber auch das Handeln der vielen namenlos Gebliebenen verbanden sich mit einem allgemeinen Strukturwandel, dessen Nachwirkungen bis in unsere Gegenwart reichen. Hergebrachte Ordnungen wurden auf einmal fragwürdig, Neues zeigte sich in bisher unbekannten Lebensformen, technischen Innovationen oder Denkweisen. Zeitgenossen und Spätere nahmen dies bewusst wahr, wie die Bemerkung Ottos von Freising zur erstmaligen Exkommunikation eines römisch-deutschen Herrschers durch den Papst zeigt.

Papst Gregor VII, mittelalterliche Miniatur

Erst vor diesem Hintergrund wird das Außergewöhnliche unserer Anekdote sichtbar. Sie thematisiert den hochmittelalterlichen Wandel gleich in mehrfacher Hinsicht. Mit Rudolf von Schwaben begegnet der erste Gegenkönig der deutschen Geschichte. Ein Novum ist ebenfalls seine Grablege im Merseburger Dom, dem Schauplatz unserer Geschichte. Ja, sogar Heinrichs ironischer Seufzer ist als solcher ein Ausdruck der Herausforderung durch eine ins Wanken geratene Welt. Die Aussagekraft dieser Elemente der Geschichte für das Verständnis ihrer Zeit soll im folgenden erläutert werden. Zugleich ist jedoch auf den Überlieferungskontext der Anekdote einzugehen. 1157/58 hat sie Otto von Freising in seinem Geschichtswerk festgehalten. Höchstwahrscheinlich diktierte er es auf der Grundlage von Notizen einem Schreiber. Durch die Verschriftung wurde das bisher nur mündlich Weitergegebene nahezu untrennbar mit dem Werk und dessen Umfeld verbunden. Die Antworten auf die Fragen, wie und für wen Otto von Freising die Anekdote erzählte, sind für ihr Verständnis daher von gleicher Bedeutung wie eine vertiefte Kenntnis der erzählten Begebenheiten. Über diese Fragen erfassen wir schließlich auch den mittelalterlichen Beitrag zur Geschichte der Anekdote.

Ein weiteres Zeugnis für die Verehrung Rudolfs von Schwaben ist die ihm zugeschriebene mumifizierte Hand, die seit dem 16. Jahrhundert in einem eigens dafür angefertigten Kästchen aufbewahrt wird. Zu sehen ist die Hand im Merseburger Kapitelhaus.

Worin also bestand für den mittelalterlichen Leser der Anekdote deren Pointe? Warum empörte sich Heinrichs Gefolge so über den im Grab liegenden Gegenkönig? Schließlich war Rudolf tot. Bereits nach seiner im März 1077 erfolgten Wahl und Krönung hatte er sich nicht gänzlich im Reich behaupten können. Einige oppositionelle Fürsten, die wie er die Kirchenreform förderten und die ihm Zugeständnisse bei der Königswahl abverlangt hatten, sowie vor allem die Sachsen, die Rudolf trotzig ihren König nannten, hielten zu ihm. Der von seinem Canossagang zurückgekehrte Heinrich nahm den Kampf so erfolgreich auf, dass sich Rudolfs direkter Handlungsspielraum bald auf Sachsen beschränkte. Das Jahr 1080 schien jedoch eine Wende zu bringen. Rudolf erfocht im Januar bei Flarchheim einen Sieg über Heinrich. Der bis dahin abwartend taktierende Gregor VII. bannte den Salier nun erneut und erkannte den Rheinfeldener endlich als König an. Auch am Fluss Elster, wo die Heere beider Seiten am 15. Oktober 1080 aufeinandertrafen, neigte sich das Schlachtenglück dem Gegenkönig zu. Doch der Sieg verwandelte sich in eine katastrophale Niederlage, da Rudolf tödlich verwundet worden war und noch am Abend starb. Es war die Art und Weise, in der dies geschah, die seine Anhänger erschütterte und die Partei des gebannten Königs frohlocken und von einem Gottesurteil sprechen ließ. Denn Rudolf war im Kampf die rechte Hand abgehauen worden, mit der er, Herzog und Schwager König Heinrichs, diesem einst den Treueid geschworen hatte. Die Geschlagenen nahmen sich des Leichnams und des Gedenkens an ihren toten König an; den sie als politischen Märtyrer verehrten. Zu ihnen zählte der Merseburger Bischof Werner, in dessen Bischofskirche der Tote beigesetzt wurde. Heinrich IV. dagegen beschritt den Weg zur Kaiserkrone, mit der er 1084 in Rom gekrönt wurde, und drängte weiterhin den sächsischen Widerstand zurück, freilich ohne ihn ganz brechen zu können. Im Anschluss an solch eine Unternehmung machte er in Merseburg Station. Dass Bischof Werner ab 1088 wieder im Rat der Fürsten bei einer Urkundenvergabe begegnet, lässt auf seine zuvor erfolgte Wiederannäherung an den Kaiser schließen. Der im 12. Jahrhundert schreibende Verfasser der Vita Wernheri berichtet sogar, dass der Bischof anlässlich des Besuchs des gerade nicht gebannten Herrschers im Dom die Messe gefeiert habe. Vielleicht war es diese Gelegenheit, bei der Heinrich dann erstmals am Grab seines Gegenkönigs stand?

Einzig überliefertes Siegel Rudolfs von Rheinfelden an einer Urkunde vom 25. März 1079

Obwohl Rudolf tot war, schien doch von seinem Grabmal eine Herausforderung auszugehen, die einen Begleiter des Kaisers zu einer auffordernden Frage drängte. Es war der demonstrativ zur Schau gestellte honor regalis, an dem sich der Frager stieß. Man kann diesen Begriff mit »königliche Ehre« übersetzen. Doch würde dies das von den Zeitgenossen Gemeinte nur ansatzweise wiedergeben. Seit einigen Jahren hat die Forschung auf die Komplexität und den zentralen Stellenwert des Ehrbegriffs im Mittelalter aufmerksam gemacht. Von jemandes Ehre zu reden ließ aufhorchen, da dies im Regelfall Taten nach sich zog. Bezog sich der Ehrbegriff doch auf ein im jeweiligen Zusammenhang als angemessen empfundenes Verhalten, das der Angesprochene einfordern konnte oder zu dem er selbst verpflichtet war. Ehrverletzungen mussten gemäß dieser Denkweise geahndet werden, um die gestörte Ordnung wiederherzustellen. Dies alles betraf etwa standesgemäßes Verhalten in der mittelalterlichen Ranggesellschaft oder, davon nicht zu trennen, in den Herrschaftsordnungen. Die Geltung solch eines Relationsbegriffes war stark fallbezogen und damit geprägt von dem Personenkreis, in dem sie gebraucht wurde. Seine Beachtung förderte die gemeinsame Identität. Unstimmigkeiten provozierten aber auch Konflikte, die oftmals eine fatale Eigendynamik entwickelten. Gerade dies macht sie für Historiker so interessant. Denn an den Auseinandersetzungen über nicht mehr oder noch nicht selbstverständliches Verhalten lässt sich besonders augenfällig der historische Wandel erkennen. Die Konflikte um Heinrich IV. sind ein klassisches Beispiel dafür. Da sich Königsherrschaft gerade auch in der Repräsentation zeigte, wurde die Ehre des Königs in seiner geweihten Person wie in seinen Insignien wahrgenommen. Und dies zeigte das Grabmal Rudolfs in einer für die Anhänger Heinrichs unerhörten Art und Weise. Da es sich bis heute erhalten hat, können wir es in Augenschein nehmen, um der Provokation nachzugehen.

Grabplatte des päpstlichen Gegenkönigs Rudolf von Rheinfelden, eines Schwagers Heinrichs IV., im Merseburger Dom, kurz nach dessen Tod 1080 gegossen Es handelt sich dabei um das früheste und singuläre Beispiel einer solchen Grabplastik mit porträthaften Zügen. Die umlaufenden Verse schließen mit den Worten: »Der Tod ward ihm zum Leben, denn er fiel für die Kirche.« Rudolf hatte Gregor VII. erklärt, er sei bereit, »auf jede Weise«» dem Papst zu gehorchen.

Die aus Bronze gegossene Grabplatte, die Rudolf von Rheinfelden im ganzfigürlichen Relief zeigt, ist das erste Beispiel ihrer Art, das wir aus dem Mittelalter kennen. Ursprünglich noch vergoldet, reich ornamentiert und mit eingelassenen Steinen geschmückt, muss dieses damals einzigartige Werk seine Betrachter verblüfft haben. Königliche Ehre war schon allein darin zu sehen. Doch darüber hinaus verband sich das verstörend Neue seiner Existenz mit der traditionellen Formensprache königlicher Repräsentation. Wie ein Angehöriger des Kaiserhauses der Ottonen, an die die Sachsen des späten 11. Jahrhunderts mit Wehmut zurückdachten, war Rudolf im Domchor beigesetzt worden. Alljährlich an seinem Todestag wurde seiner dort im liturgischen Gebetsgedenken gedacht. Und wie auf den Siegelbildern, die die Herrscher seit der Ottonenzeit führten, blickt er den Betrachter mit offenen Augen an und ist mit Krone, Zepter, Reichsapfel und Königsmantel angetan. Für die Weihe und Krönung war der Besitz solcher Herrschaftszeichen unerlässlich, so dass Rudolf sie für sich neu anfertigen lassen musste. Dass Gregor VII. ihm eine Krone geschickt habe, deren Inschrift ihren Träger offen als König von des Papstes Gnaden erwies, wie es Otto von Freising und andere Geschichtsschreiber später berichteten, dürfte eine Erfindung sein, die Heinrichs Anhänger ausgestreut hatten, um den Gegenkönig zu diffamieren. Doch auch über den Krönungstag hinaus war der Besitz der Insignien wesentlich für die Ausübung der Königsherrschaft. Wer wusste das besser als Heinrich IV. ? Hatte ihn doch die nach seiner ersten Bannung durch den Papst einberufene Versammlung der Reichsfürsten unter anderem dazu aufgefordert, die Zeichen der königlichen Würde abzulegen, und ihn zugleich zu dem Versprechen an den Papst verpflichtet, diesem für die Verletzung seiner Ehre Genugtuung zu leisten. Nachgekommen war Heinrich dem dann in einem Coup, der alle überraschte. Ohne königlichen Ornat, barfuß und im Büßerhemd hatte er im Schnee von Canossa vor dem nun seinerseits unter Zugzwang gesetzten Papst gestanden.

Der Dom zu Merseburg, Begräbnisstelle Rudolfs von Rheinfelden

Doch betrachten wir wieder die Merseburger Grabplatte. In einem Zeigegestus weist der überlange Zeigefinger der rechten (!) Hand auf das Kreuz auf der Weltkugel in der linken. Vielleicht wurde hiermit eine traditionelle Bildformel zu dem Hinweis auf Rudolfs Märtyrertod für die Sache des Reformpapsttums erweitert. Eindeutig ausgesprochen wird dies in der umlaufenden Inschrift, die weniger eine herkömmliche Grabinschrift als vielmehr ein Manifest in Versform ist, das Rudolfs Grab zu einem politischen Denkmal des Widerstandes gegen Heinrich IV. machte. Der gebildete Salier konnte selbst die lateinische Inschrift lesen und bedenken. Vielleicht las sie auch ein dazu aufgeforderter Geistlicher laut vor und bemühte sich, vor Angst schwitzend, ihr in deutender Übersetzung für die anwesenden kriegerischen Laien die Schärfe zu nehmen. Auf Deutsch lautet sie in der Übersetzung Percy Ernst Schramms (Die deutschen Kaiser und Könige in Bildern ihrer Zeit 751-1190, 1983, S. 117): »Hier liegt König Rudolf im Grabe, der für das Gesetz der Väter fiel. Beweint ihn; denn, hätt' er in Zeiten des Friedens geherrscht, käme seit Karl kein König im Rat und im Kampfe ihm gleich. Als die Seinen gewannen, starb er als heiliges Opfer des Krieges. Der Tod ward ihm zum Leben, denn er fiel für die Kirche.«

Heinrich IV. bittet den Abt von Cluny und die Markgräfin Mathilde von Tuszien um Fürsprache bei Papst Gregor VII. (Widmungsexemplar des Donizo für Mathilde von Tuszien).

Im Schmuck der Reichsinsignien dargestellt, an heiligem Ort mit liturgischem Gedenken bedacht, als rechtmäßiger Nachfolger der großen Könige und Verteidiger der Sache der Sachsen und des Reformpapsttums gerühmt - der tote Rudolf konfrontierte Heinrich IV. mit allen Problemen seines angefochtenen Königtums. Die Männer seines Gefolges, die Rudolf nicht als König, sondern als eidbrüchigen, ehrlosen Herzog sahen, werden dies in spiegelbildlicher Logik als unerträgliche Ehrverletzung für ihren Herrn aufgefasst haben. So wurde die Frage laut, wie er die Errichtung dieses Grabmals zugelassen habe, das jemanden ehrte, dem dies nicht zukam. Eine mögliche Antwort darauf wäre die Zerstörung der Stätte gewesen. Doch der Salier reagierte in einer Art und Weise, mit der Mächtige im Mittelalter oftmals einen Spannungsmoment entschärften, mit einem pointierten Ausspruch. Heutige Vorstellungen sehen im Mittelalter meist eine Zeit, der die Selbstironie abging. Heinrich IV. bewies hier jedoch seine Befähigung zu dieser Eigenschaft. Indem er selbst im Scherz auf die Vielzahl seiner höchst lebendigen Feinde aufmerksam machte, denen er solch ein königliches Begräbnis gönnte, relativierte Heinrich die im Raum stehende Herausforderung seiner königlichen Ehre durch die im Grabmal gezeigte und stellte sie gerade dadurch wieder her. Das Sprichwort »viel Feind, viel Ehr« mag wohl auch darauf passen. Heutigen Betrachtern der Merseburger Grabplatte, die sich unsere Anekdote vergegenwärtigen, kann sie ein Denkmal für den souveränen Umgang mit Verhaltensnormen in Krisenzeiten und eine Mahnung dafür sein, dass die Zerstörung eines unbequemen Monumentes nicht auch die damit verbundenen Probleme beseitigt.

Heinrich IV. vor Canossa im Januar 1077. Im Hintergrund legt die Markgräfin Mathilde von Tuszien beim zögernden Gregor VII. ein Wort für den Büßer ein. Die 1862 entstandene Zeichnung H. Plüddemanns wurde zum Jubiläum 1877, mitten im Kulturkampf, in der wöchentlich erscheinenden und weit verbreiteten Familienzeitschrift »Die Gartenlaube« veröffentlicht.

Es gab Stimmen gegen eine bildliche Darstellung der Szene. »Aus der Geschichte können wir freilich die Thatsache nicht löschen ... - aber uns noch malen lassen, al fresco, wie ein deutscher Kaiser ... sich vor dem Papst im Büßergewande demüthigt, ... nein: da reißt denn doch die deutsche Geduld ... Nach Canossa gehen wir nicht - auch auf dem Bilde nicht!« - so Adalbert Falk, der preußische Kultusminister während des Kulturkampfs. Bismarck hat sich Plüddemanns Canossa-Bild als Türvorhang in das Arbeitszimmer seines Herrenhauses im pommerschen Varzin hängen lassen.

Die mündliche Erzählkultur des Mittelalters liebte solche Geschichten. Unser Beispiel wurde mehr als siebzig Jahre nach dem Geschehen durch den Zisterziensermönch und Freisinger Bischof Otto aufgeschrieben. Seine Mutter Agnes, eine Tochter Heinrichs IV., war 1143 hochbetagt gestorben. In ihrer Person reichte die Erinnerung derjenigen, die die Kämpfe des Saliers noch erlebt hatten, bis in die Familie und das Umfeld desjenigen Herrschers hinein, zu dessen Belehrung Otto schrieb. Es war sein Neffe Friedrich, der 1152 König des römisch-deutschen Reiches und 1155 Kaiser geworden war. Barbarossa, wie ihn die Italiener wegen seines rotblonden Bartes nannten, hörte gerne von den Taten seiner Vorgänger und wollte seine frühen Erfolge ebenso gerühmt sehen. Sein gelehrter Onkel übernahm diese Aufgabe, stellte seinem Werk über »die Taten Friedrichs« jedoch ein erstes Buch über die Zeit seit Heinrichs Herrschaft voran. Dies hatte zum einen mit dem Aufstieg der Staufer zur Fürsten- und Königswürde zu tun, der mit Rudolfs Empörung begonnen hatte. Heinrich IV. hatte dem Grafen Friedrich von Staufen daraufhin nämlich nicht nur das Herzogtum Schwaben, sondern auch seine Tochter Agnes zur Frau gegeben. Die andere Funktion des ersten Buches bestand darin, mit der wie eine Endzeit empfundenen Krise der späten Salierzeit einen warnenden Kontrast zur Gegenwart zu setzen. Friedrichs Herrschaft hatte, so Ottos Vorwort, dem Reich den kaum noch erhofften Frieden gebracht. Und Friedrich I. legte in seiner Herrschaftspraxis größten Wert auf die Wahrung seiner Ehre und der des Reiches. Daher betraf ihn eine Anekdote, die die Grenzen dieses Konzeptes auslotete. Auch wird er sich an Rudolfs Grabmal erinnert haben. Denn unmittelbar nach seiner Königskrönung hatte Friedrich seinen ersten großen Hoftag in Merseburg abgehalten und das Pfingstfest im dortigen Dom gefeiert, in den er in feierlicher Prozession, seine Krone tragend, eingezogen war.

Die Burg Canossa heute

Doch Otto von Freising ermutigte seinen Adressaten nicht unbedingt zu solchen Aussprüchen. Er teilt auch ein anderes dictum mit, durch das der junge und mutwillige Heinrich die Sachsen gegen sich aufgebracht und damit den Keim zur späteren Krise gelegt haben soll. Diese Geschichte geht wie die von Rudolfs Krone auf die Propaganda der Zeit zurück. Doch legen zeitgenössische Vorwürfe gegen den jungen König, der Regeln ignorierte, weil er sich einen Namen machen wollte, nahe, dass sie einen historischen Kern besitzt. Worauf sie mit den anderen dicta Heinrichs IV. in der Chronik aufmerksam machen will, ist das Gewicht des öffentlich durch den Herrscher ausgesprochenen Wortes. Angesichts der Verhaltensnormen der mittelalterlichen Gesellschaft konnte es Konflikte lösen, aber auch, leichtfertig gebraucht, zum Ausbruch kommen lassen. Otto von Freising und andere Chronisten, die auf solche Weise belehren wollten, fanden bereits in der Bibel und der antiken Überlieferung Vorbilder des Anekdotischen. Indem sie nun Sinnsprüche und Beispielerzählungen ihrer Zeitgeschichte aus der mündlichen Überlieferung aufgriffen und weiterentwickelten, leisteten die mittelalterlichen Geschichtsschreiber ihren Beitrag zur Tradition der Geschichtsvermittlung durch anekdotisches Erzählen.

Quelle: Christoph Friedrich Weber: »Viel Feind, viel Ehr«. Kaiser Heinrich IV. am Grab seines Gegenkönigs. In: Matthias Steinbach (Hrgr): Wie der gordische Knoten gelöst wurde. Anekdoten der Weltgeschichte, historisch erklärt. Reclam, Stuttgart, 2011, ISBN 978-3-15-020227-2, Seite 67-76

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23. Mai 2012

David Tudor: Music for Piano

David Tudor, Pianist - ein Beruf, eine Berufung, ein Leben. Von 1950 bis etwa 1965 war David Tudor der Inbegriff des Pianisten, der einfach alles spielen konnte. Rasch war David Tudor nicht mehr ein Name, sondern eine Instrumentationsanweisung, und Dutzende von Stücken waren geschrieben »for David Tudor«. Schon um 1960, nachdem er alle Zumutungen der seriellen Klavierstücke bewältigt hatte, unterscheidet er zwischen Kompositionen, die ihn mit Leben erfüllen und solchen, die ihn kalt lassen - das Kernrepertoire Tudors kristallisiert sich heraus. Das Hauptkriterium für seine Wahl bildet den Eigenanteil, den er als Interpret an der Komposition hat. Er unterscheidet dabei fein zwischen der freien Wahl (»freedom of choice«) zwischen vorgefertigten Teilen - gemeinhin Aleatorik genannt, wie beispielsweise Stockhausens Klavierstück XI (das ebenso wie dessen Klavierstücke V-VIII Tudor gewidmet ist) - von unbestimmten (»indeterminated«) Aktionen. Im ersten Fall haben sie eine Tendenz »to put me to sleep«, wohingegen Stücke, die weniger einengend sind, dazu führen, dass er sagen kann »I feel that I'm alive in every part of my conciousness«. Das Programm dieser CDs bildet diese Vorliebe ab.

John Cage: Music for Piano 21-36 (1955)

Von den 84 Stücken Music for Piano, die in neun Heften 1952-56 (ein 85stes folgte 1962 nach) komponiert wurden, hat Tudor vornehmlich (wenn nicht ausschließlich) die Music for Piano 21-36 von 1955 gespielt. Cage hat die Methode, wie er diese Stücke herstellte, detailliert beschrieben: To Describe the Process of Composition Used in »Music for Piano 21-52«, Erstveröffentlichung 1957, deutsche Fassung von Christian Wolff als Beschreibung der in Music for Piano 21-52 angewandten Kompositionsmethode, in: die Reihe 3, Wien 1957.

Unregelmäßigkeiten im Papier werden nach Regeln und durch Zufallshandlungen zu Notenköpfen auf merkwürdigen Notensystemen mit vielen, vielen Hilfslinien. Klangereignisse werden durch Tastendruck (ordinario), durch Zupfen der Saite (P = plucked) oder durch Tastendruck bei gleichzeitiger Fingerdämpfung der Saite (M = muted) erzeugt, eine Menge an Zwischenklängen, Obertönen sind da zugelassen, dazu eine ganze Palette von Geräuschen, die mit Hand oder Schlaggerät im Inneren oder am Äußeren des Gehäuses erzeugt werden. Die Music for Piano scheint Tudor besonders gelegen zu haben, er hat sie kontinuierlich aufgenommen und sie ist ihm stets besonders eindrucksvoll gelungen.

Es scheint, als sei Tudor mehr an der Art der Hervorbringung, als an dem Klangergebnis interessiert. Das würde erklären, warum so manche Aktion (etwa ein Pizzicato, ein Saitenzupfen) so flüchtig geschieht, dass es kaum vernehmbar ist (und eventuell gleich von einem Donnerschlag verschüttet wird).

David Tudor im Sendesaal von Radio Bremen, 5.Mai 1961

Die Bewegungsabläufe sind dabei sehr akkurat, nur selten unterlaufen ihm Fehler (etwa die Vertauschung der Reihenfolge zweier nacheinander auftretender Töne), und er scheint »Bewegungszüge« herausgebildet zu haben, die abrollen und in »Fermaten« münden, bei denen die Töne erst einmal ausklingen.

Die Partitur gibt nur die Töne, die Art der Klangerzeugung und ihre Reihenfolge vor; Dauer, Rhythmus, Lautstärke - all dies ist frei und läßt soviel Spielraum, dass ein Stück in mehreren Aufnahmen kaum als identisch empfunden werden kann.

John Cage: Variations I (1958

Noch freier in der Gestaltung sind Cages Variations I (for David Tudor). Er hat sie Tudor gewidmet, »On his birthday (tardily), January 1958« - Tudor, am 20. Januar 1926 in Philadelphia geboren, am 13. August 1996 in Tomkins Cove, New York, gestorben - hatte 32sten Geburtstag und beide kannten sich seit acht Jahren. Hier ist noch mehr dem Belieben der Interpreten anheim gestellt, die Anzahl der Spieler ebenso wie Art und Zahl der Instrumente. Die »Komposition« besteht aus sechs durchsichtigen Folien, eine mit mehreren Punkten, die anderen mit je fünf Linien (die keine Notenlinien sind). Durch Übereinanderlegen (oder -werfen) erhält man ein Punkte-Linien-Muster, das interpretiert werden muss. Der Abstand der Punkte von den Linien (im rechten Winkel gezogen) wird ausgemessen oder nur geschätzt, er repräsentiert musikalische Größen. Eine Linie heißt z.B. »lowest frequency«, der Abstand eines Punktes bestimmt, wie weit er von der tiefsten Frequenz (Ton) entfernt sein soll. Die anderen Linien bedeuten: »simplest overtone structure« (einfachste Klangfarbe), »greatest amplitude« (höchste Lautstärke), »least duration« (kürzeste Dauer) und »earliest occurence within a decided upon time« (etwas unklar, vermutlich: frühestes Auftreten innerhalb einer festgelegten Zeitspanne). Nimmt man dieses Kompositionskonzept (ein Werk kann man es kaum nennen) ernst, dann kommt eine Menge Arbeit auf den Interpreten zu. Und das Resultat kann überaus unerwartet ausfallen - »Unbestimmtheit« ist ja auch immerhin das erklärte Ziel.

Partitur: John Cage Music for Piano 22 (C.F.Peters Musikverlag)

John Cage: Variations II (1961)

Das Prinzip ist, trotz einiger Unterschiede, das gleiche wie bei Variations I. Variations II (von 1961) besteht aus elf transparenten Folien, von denen sechs je eine gerade Linie und fünf je einen Punkt enthalten, sowie eine Seite Text mit Anweisungen zur Herstellung einer spielbaren Vorlage. Sie sind, sozusagen, noch direkter auf den Punkt gebracht und weiter kann man Ansatzgedanken kaum noch verknappen.

Eigentlich liegt die Klanggestalt des Stückes ganz in der Hand des Interpreten - nachdem der Komponist das »Ei des Kolumbus« erst einmal auf den Tisch gedrückt hat, ist es die Aufgabe des Interpreten loszusegeln und Amerika zu finden. Tudor entscheidet sich für eine Lösung, die auch seine eigene Entwicklung beeinflussen wird. Er entwickelt das »amplified piano«, ein Metainstrument bestehend aus einem Klavier, das mit Richt- und Kontaktmikrophonen ausgestattet ist, die ihrerseits - zusammen mit präparierten cartridges (Plattenspielertonabnehmer, in die Draht, Zahnstocher o.ä. eingesetzt waren) - wieder ein elektroakustisches Netz bilden, mit dem sich Feedback- und Resonanzeffekte erzeugen lassen, neben einer Verstärkung, die die Geräusche stark hervorhebt. Tudor schabt, reibt und zupft mit Münzen, Gummiklöppeln, Architektenlinealen und Spiralfedern im Inneren des Klavieres, völlig ohne Tastengebrauch. Der spektakuläre, neue und kräftige Klang hat diese Fassung weltberühmt gemacht. Sie bildet den Übergang zu David Tudor, Komponist. Von einigen wenigen Ausnahmen abgesehen, wird er das Klavier nicht mehr anfassen - ein anderes, neues Kapitel hat begonnen.

John Cage wusste sehr wohl, was er an Tudor hatte: »Seit 1952 habe ich in allen Werken das zu erreichen versucht, was David Tudor interessant und spannend erschienen wäre. Was immer in den von mir hergestellten Werken geglückt ist, wurde im Verhältnis zu ihm beschlossen. Nach meiner Meinung ist meine bedeutendste Produktion Variations II diejenige, an der er, wie ich denken möchte, den größten Anteil hat.«

John Cage: Winter Music (1957)

Der Grad an Unbestimmtheit von Winter Music liegt etwa auf der Ebene von Music for Piano. Er lieferte zwanzig Bögen, die entweder von einem Pianisten (ganz oder teilweise) oder von zwei bis zwanzig Pianisten aufgeführt wird. Cage und Tudor haben es 1957-64 vergleichsweise häufig aufgeführt, in mancherlei Schichtung mit anderen Stücken. Abhängig von der Zahl der verwendeten Seiten hat das Stück sehr unterschiedliche Dauern.

Christian Wolff: Duo for Pianists I (1957)

Christian Wolffs Duo for Pianists I lässt sich nicht wie Music for Piano oder Winter Music »intuitiv« spielen, dazu ist das Regelwerk zu komplex und die verwendete Symbolik zu sehr verschlüsselt. Wolff ließ 1958 noch Duo for Pianists II folgen.

David Tudor im Capitol Records Studio in New York, ca. 1962 (Foto von Earle Brown)

Morton Feldman: Piece for Four Pianos (1957)

Morton Feldmans Piece for Four Pianos ist eine verblüffend einfache Angelegenheit, mit faszinierend komplexen Folgen. Das Stück besteht aus einer Seite Notentext, der für alle vier Pianisten gleich ist. Den ersten Akkord spielen alle zusammen, danach laufen die Parts auseinander, denn die Dauer jeden Klanges wird vom Pianisten gewählt - ein merkwürdiger Kanon, eine seltsam asynchrone Polyphonie. Alles soll durchgehend leise und akzentfrei gespielt werden und daher breitet sich ein feines Gewebe von Vorlage und Antwort, von Vorechos und Nachschlägen aus.

Feldmans feine Klavierhand ist hier in einer seiner seltenen Aufnahmen zu hören - das Klanggewand ist zwangsläufig ein wenig historisch.

Sylvano Bussotti: Five Piano Pieces for David Tudor (1959)

Sylvano Bussottis Five Piano Pieces for David Tudor sind der Sammlung Pièces de Chair II (1958-60) (größtenteils für Klavier und Bariton geschrieben) entnommen. Die Einzelblätter sind in der Notation teils unkonventionell, teils Graphik (die ob ihrer Prägnanz überaus bekannt und schließlich in die Schulbücher eingegangen sind). Hier hängt alles vom Pianisten ab. Und hier, in der Vorrede, findet sich die Sentenz: »das element for David Tudor im titel ist keine widmung, sondern gleichsam eine instrumentenangabe.«

David Tudor, Pianist oder besser noch David Tudor, Piano.

O-Ton
David Tudor im Gespräch mit Mogens Andersen in einer Sendung des Dänischen Rundfunks vom 3. Juni 1963


When I play a piece which is notated, even though I may have a freedom of choice - for instance in Stockhausen - I feel it's a curious sensation that I'm trying to describe, but the whole thing is, whatever you do, is like a stream of consciousness. And if I play something which is so notated, I notice now, after having done it for several years, that it has a tendency to put me to sleep. And it wants, all the time, to recede into an area where my feelings are called upon more and more. And all the features which seem to be so striking when the works were first composed now become much less striking. They don't seem important and so the whole thing recedes into a stream which is mainly a feeling.

Whereas if I play music which doesn't have any such requirement, but where I'm called upon to make actions and especially if the actions are undetermined as to their content or, let's say, at least undetermined as to what they're going to produce, then I feel that I'm alive in every part of my consciousness.

Quelle: Frank Hilberg, im Booklet

TRACKLIST

David Tudor - Music for Piano (ed. RZ)

CD 1  [58:10]

[1] John Cage (1912-1992):                  [6] Christian Wolff:   
   Music for Piano 27* 1955                    Duo for Pianists I 1957   
   John Cage, David Tudor, Klaviere            John Cage, David Tudor, Klaviere   
   ® DR 2.10.1958  7:40                        Version II   
   Produzent: Mogens Heimann                   ® RB, Sendesaal, 15.09.1960  4:06   
   DE-S21-06-00074 Mono                        Produzent: Hans Otte   
                                               DE-S21-06-00079 Stereo
[2] John Cage:     
   Music for Piano 22,21,26,36 1955        [7] Sylvano Bussotti (1931):   
   David Tudor, Klavier                        Piano Piece for David Tudor III   
   ® NDR 21.06.1956  8:37                      = Pièce de chair II 8d 1959   
   Produzent: Dr. Herbert Hübner               David Tudor, Klavier   
   DE-S21-06-00075 Mono                        ® RB, Sendesaal, 26.11.1959  7:16   
                                               Produzent: Hans Otte   
[3] John Cage:                                  DE-S21-06-000BO Stereo   
   Music for Piano 27,21,32,36 1955     
   David Tudor, Klavier                    [8] John Cage:   
   ® RB, Studio J, 6.10.1959  10:08            Winter Music 1957   
   Produzent: Hans Otte                        John Cage, David Tudor, Klaviere   
   DE-S21-06-00076 Mono                        ® WDR, Funkhans, Saal 2, 01.10.1960  5:01   
                                               Tonmeister: Walter Lustig   
[4] John Cage:                                  Produzent: Otto Tomek   
   Variations I 1958                           DE-S21-06-00081 Mono   
   John Cage, David Tudor, Klaviere     
   ® DR 2.10.1958  2:08                    [9] Morton Feldman (1926-1987):   
   Produzent: Magens Heimann                   Piece for Four Pianos 1957   
   DE-S21-06-00077 Mono                        David Tudor, Russell Sherman,   
                                               Edwin Hymovitz, Morton Feldman, Klaviere   
[5] Christian Wolff (1934):                     ® Columbia 1959  7:30   
   Duo for Pianists I 1957                     Produzent: David Oppenheim   
   John Cage, David Tudor, Klaviere            Von Schallplatte entnommen,
   Version I ® RB, Sendesaal, 15.09.1960  4:04 freundliche Leihgabe von Rüdiger Lange   
   Produzent: Hans Otte                        Master: Kees Tazelaar   
   DE-S21-06-0007B Stereo                      DE-S21-06-00082 Stereo  
   
CD 2  [64:56] 

[1] John Cage:                       [4] Christian Wolff: 
   Variations II 1961                          Duo for Pianists I 1957 
   David Tudor, Klavier                        John Cage, David Tudor, Klaviere 
   Aufnahme: 14.7.1967                         ® DR 3.6.1963  10:13 
   Columbia 30th St.Studio, NYC. USA           Produzent: Mogens Andersen 
   ® Sony Music Entertainment 1967  26:31      DE-S21-06-00085 Stereo 
   Produzent: David Behrman 
   US-SMl-67-00533 Stereo 

[2] John Cage:                              [5] David Tudor O-Ton 
   Music for Piano 27,21,32,35,36 1955         Interview-Ausschnitt 
   David Tudor, Klavier                        John Cage und David Tudor 
   ® HR 7.9.1959  12:21                        im Gespräch mit Mogens Andersen 
   Produzent: Hans-Wilhelm Kulenkampff         ® DR 3.6.1963  1:50 
   DE-S21-06-00083 Stereo                      DE-S21-06-00086 Mono 

[3] John Cage: 
   Music for Piano 21,22,26,29,34,36 1955 
   David Tudor, Klavier 
   Tonmeister: Walter Lustig 
   Produzent: Otto Tomek 
   ® WDR 25.11.1956 
   ® Hat Hut Records 1996  13:10 
   DE-S21-06-00084 Stereo 

* und andere, wegen Überlagerung nicht identifizierbare Stücke 

ADD (C) (P) 2007


Archilles Rizzoli: Alfredo Capobianco and Family Symbolically Sketched, 1937

Achilles G. Rizzolis opulente Verwandlungen

Als ich zum ersten Mal Zeichnungen von Achilles Rizzoli sah, war ich wie berauscht. Die Kommentatoren, die sein Werk entdeckt haben, brechen seitenlang in Jubel aus. Zu Recht. Hinreissend schön sind die Zeichnungen, sie fesseln den Betrachter sofort. Erkennt man erst die Details, folgt Überraschung auf Überraschung, denn Rizzoli hat ein raffiniert in sich verschachteltes Werk geschaffen; das Werk eines architektonischen Visionärs, der utopische Gebäude entwarf, die er mit Emblemen und üppigen Bildlegenden versah, sie durch hunderterlei Zusatzerfindungen privatmythologischer und religiöser Art in einen ureigenen Weltentwurf stellte. Er war ein Weltgehäuskünstler ersten Ranges und arbeitete völlig im Abseits, weitgehend unbeeinflusst von den künstlerischen Moden seiner Zeit.

Achilles Rizzoli wurde 1896 als viertes von fünf Kindern armer Eltern geboren, die aus dem Tessin nach Kalifornien eingewandert waren. Der Knabe wuchs zu einem Sonderling heran. Er war menschenscheu, fleissig, schüchtern, höflich, wurde von Visionen und Halluzinationen heimgesucht, zeitweise wohl auch von ihnen beglückt. Bis zu ihrem Tod lebte er mit der Mutter in einem winzigen Haus. Als sie 1938 starb, beliess er ihre Habseligkeiten, wo sie waren, und schlief fortan auf einer Matratze am Fussende ihres Bettes.

Mit neunzehn Jahren wurde ihm eine Erleuchtung zuteil, und zwar während des Besuchs der San Francisco Panama-Pacific Exposition. Diese wurde nach dem grossen Erdbeben als eine Feier des architektonischen Neubeginns inszeniert, mit neoklassizistischen Schmuckgebäuden, Parks, Flaniermeilen, Fontänen, mit einem vaudevillehaften Unterhaltungsgelände, auf dem exotische Amüsierbauten nachts von Scheinwerfern bestrahlt die Besucher lockten.

Achilles Rizzoli: Mother Symbolically Represented, 1935

Rizzoli erhielt eine vierjährige Ausbildung an einem Polytechnikum, aber sein eigentlicher Traum, Gebäude für Menschen zu entwerfen, die auch gebaut würden, ging nie in Erfüllung. Trotz seiner geistigen Instabilität schaffte er es, sich den Lebensunterhalt zu verdienen. Viele Jahrzehnte arbeitete er als Bauzeichner für ein kleines Architekturbüro. Er war eine Art Bartleby, der allerdings seinem Chef nie mit einem «Ich möchte lieber nicht» widerstand, sondern brav den Kopf senkte und fleissig weiter arbeitete.

Aus seinen Aufzeichnungen geht hervor, dass er lebenslang zölibatär blieb, ja, erst mit vierzig Jahren will er durch spielende Nachbarskinder, die sich vor seinem Fenster herumtrieben, die Beschaffenheit des weiblichen Geschlechts entdeckt haben. Eine grosse Unruhe wurde dadurch ausgelöst, deren er Herr wurde, indem er sich an den Tisch setzte und einen schlanken weissen Turm zeichnete. Untertitel: «The Primaglimse At Forty». Überschrift: «That You Too May See Something You've Not Seen Before». Man merkt gleich, der verdrehte Mann besass einigen Witz.

Die Zeichnungen sind spektakulär. Mit ultrafeinen Federstrichen sind die visionären Bauten bis in die winzigen Details ausgeführt, ein hinreissendes Kolorit – sandfarben, zartrosa, bleigrau, gesprenkelt mit Umbra und Rostrot – sorgt dafür, dass der Federstrich im Gesamten nicht pedantisch wirkt. Nun hat Rizzoli nicht einfach Riesenbauten ersonnen und sie oftmals auch in grossen Formaten zu Papier gebracht – einige davon messen in der Höhe fast so viel, wie der kleine Mann selbst mass –, er hat sein Utopia, das immer auch ein wenig an übergeschnappte Filmbauten erinnert, mit Wappen, Siegeln, Engeln, Tafeln und Inschriften versehen. Manche Schriften wehen wie Schleier um die Gebäude herum.

Achilles Rizzoli: The Primal Glimpse at Forty, 1936

Rizzolis Grundgedanke war, Menschen aus seiner unmittelbaren Umgebung, beziehungsweise deren Seelen, in prachtvolle Gebäude zu verwandeln. Die am häufigsten verwandelte Seele ist die Seele seiner Mutter. Er hat sie mehrfach in Kathedralen verwandelt, gotische Riesengebäude mit einem Zutatengemisch aus so ziemlich allen europäischen Baustilen – wie zum Beispiel in die prächtige Geburtstagskathedrale von 1937, die den Titel trägt: «Mother Symbolically Recaptured». Ihr Dach wird von pfeilbewehrten Figuren bewimmelt, der Zugang ist kompliziert, durch allerlei Brücken, durch im Zickzack hin und wider kreuzende Mäuerchen verstellt. Ein winziges, immerselbes Männlein steht vor den verschlossenen Eingängen, vielleicht ist es Rizzolis Stellvertreter. Wie bei allen seinen Zeichnungen handelt es sich um ein Werk aus überquellender Liebe – Liebe, die im Unheimlichen siedelt.

Auch Nachbarn gelangten in den Genuss von so opulenten Seelenverwandlungen, meist ohne davon zu wissen. Der Künstler war durchaus stolz auf seine Werke, einige Jahre lud er auf Zetteln, die er an Bäume heftete, die Nachbarn in seinen Show-Room ein, der einfach sein Wohnzimmer war, in dem einige Zeichnungen hingen. Selten haben sich Leute zu ihm verirrt, die wenigen aber, die hereinschauten, wurden mit einer sagenhaften Transsubstantiation belohnt, die aus hart arbeitenden Kleinbürgern Gerichtsgebäude, Rathäuser, Leuchttürme, Paläste oder Sportstadien machte, zumindest auf dem Papier.

Achilles Rizzoli: The Shaft of Ascension

Endlos liesse es sich von diesem wundersamen Sonderling schwärmen, von den Akademien und Klubs, die er erfand, den Briefbögen, Tugendkatalogen, Mitgliederlisten, seiner Liebe zu Wortspielen, seinem Euthanasieturm, von dessen Plattform die schmerzlos Eingeschläferten in Auferstehungswellen nach oben ziehen, von seinen jesuanischen Extravaganzen, von Miss AMTE («Miss Architecture Made To Entertain», der jungfräulichen Gattin von Jesus), von den Geburtstagsgrüssen, die ihm mit zunehmendem Alter nur noch himmlischerseits zugestellt wurden, da Grüsse von weltlichen Absendern ausblieben. Er starb 1981. Erst Mitte der neunziger Jahre wurden seine Arbeiten entdeckt, ein Grossteil des Riesenwerks gilt als verschollen.

Einem verwunschenen Märchenhaus glich das kleine Haus, das Rizzoli fast fünfzig Jahre lang bewohnte: wilder Wein überwucherte es, durchstiess das Dach, durchstiess die Wände. Während der letzten Jahrzehnte war das Haus so eingesponnen, dass die Anwohner nachts niemals Licht sahen, weil der Schein von Rizzolis Arbeitsleuchte nicht mehr durch das Dickicht drang.

Quelle: Sibylle Lewitscharoff, Neue Zürcher Zeitung, 9. Jänner 2010 Sibylle Lewitscharoff lebt als Schriftstellerin in Berlin. Im Frühjahr 2009 erschien bei Suhrkamp ihr Roman «Apostoloff».

Achilles G. Rizzoli

Weitere Internet Links zu Achilles G. Rizzoli (1896-1981):

* Ein gut illustrierter Blogger Artikel von KUNGPOWVOODO
* Ein Artikel von Lisa Thatcher@wordpress
* Eine ausführliche Biographie bei Popsubculture.com.
* Eine weitere, kürzere Biographie bei geocities.
* Eine Ausstellung der Ames Gallery, Berkeley, CA.


CD Info and Scans (Tracklist, Covers, Booklet, Music Samples, Pictures) 33 MB
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Unpack x124.rar and read the file "Download Links.txt" for links to the Flac+Cue+Log Files 2 CDs 5 parts 451 MB

Reposted on January, 12th, 2016


14. Mai 2012

Antonin Dvorak: Klaviertrios (Beaux Arts Trio)

Die Kammermusik spielt im Schaffen von Antonin Dvorak eine zentrale Rolle; zwischen 1861 und 1895 schuf er fast vierzig Kompositionen für dieses Genre. Zwar steht die Musik für Streicher eindeutig im Vordergrund; das mag daran liegen, daß sich Dvorak, selbst ein guter Geiger und Bratscher, vor allem der böhmischen Streichertradition verpflichtet fühlte. Zu seiner Kammermusik gehören aber auch eine Reihe von Werken für Klavier und Streichinstrumente, darunter die in dieser Aufnahme vorgestellten vier Klaviertrios.

Dvoraks Kammermusik mit Klavier unterscheidet sich grundsätzlich von seinen Streichquartetten: sind diese, vor allem die reifen Werke seit der Mitte der siebziger Jahre, eher geprägt durch einen sehr verinnerlichten Stil, so repräsentieren die vier Klaviertrios einen vitalen, konzertanten Gestus: offener in der Form, verspielter im Charakter, zwar der lyrischen Emphase fähig, aber ohne esoterische Untertöne. - In den Klaviertrios, vor allem im letzten, dem »Dumky-Trio«, entfernt sich Dvorak von dem durch Schumann und Brahms geprägten kammermusikalischen Klassizismus in einer Weise, die er bei den Streichquartetten nie riskiert hätte.

Das Klaviertrio Nr. 1 B-dur op. 21 entstand im Frühjahr 1875. Die Uraufführung fand am 17. Februar 1877 in Prag statt - mit dem hervorragenden Geiger Frantisek Ondricek, der einige Jahre später Dvoraks Violinkonzert op. 53 aus der Taufe hob. Vor der Drucklegung 1880 hat Dvorak das Werk noch einmal revidiert. Es trägt durchaus klassizistische Züge: so erinnert der erste Satz nicht nur in der Tonart und der kantablen Thematik, sondern auch in seiner konzertanten Anlage an Beethovens »Erzherzog-Trio«. Der jugendliche Schwung, die thematische Fülle dieses Satzes entspricht ganz der ungehemmten Schaffensvitalität der siebziger Jahre. An zweiter Stelle steht ein »Adagio molto e mesto« in der Paralleltonart g-moll, in dem Töne von Wehmut und Trauer angeschlagen werden; nahe ist hier die schwärmerische Melancholie eines Schubert, die zumal im zweiten, leidenschaftlichen Thema (im ungewöhnlichen A-dur) spürbar wird. Das knappe »Allegretto scherzando« in Es-dur hat den Charakter einer poetischen Polka, das H-dur-Trio bildet dazu den ernsten Widerpart. Das Finale in B-dur, im spielerischen 6/8-Takt einer »Jagdmusik«, greift zurück auf die selbstsichere Gestik des Kopfsatzes. Die brillante Leichtigkeit des Satzes erinnert bisweilen an Mendelssohn.

Antonin Dvorak (Quelle)

Das Klaviertrio Nr. 2 g-moll op. 26 entstand nur sechs Monate später. Die Uraufführung fand, soweit man feststellen kann, am 29. Juni 1879 in Turnau statt - übrigens mit dem Komponisten am Klavier. Die enge zeitliche Nähe zum 1. Klaviertrio macht sich bemerkbar in der stilistischen Ähnlichkeit; inhaltlich jedoch geht der Komponist ganz andere Wege: das g-moll-Trio ist geprägt durch den »Ausdruck der Wehmut und einer schmerzvollen Sehnsucht« (Otakar Sourek) und durch eine fast lakonisch anmutende motivische Konzentration. Der erste Satz - geschrieben wohl unter dem Eindruck des frühen Todes von Dvoraks ältester Tochter -, hat gewisse Parallelen zum Kopfsatz des im Sommer 1876 entstandenen Klavierkonzerts; er ist fast monothematisch; die rhapsodische Kantabilität wird im Seitensatz in sich steigernde Motivwiederholungen umgeformt. Das »Largo« in Es-dur, ein an Schubert gemahnendes »Notturno«, ist ganz dunkel getönt; Dvorak schreibt hier einen modulatorisch reichen monothematischen Sonatensatz von großer Intensität. Das lebhafte »Presto« wechselt überraschend in ein ruhigeres »Moderato« im 2/4-Takt; das G-dur-Trio vermag die weich-verhangene Stimmung kaum aufzuheitern. Erst das bewegte Finale mit seinen Polka-Rhythmen und seiner Aufhellung nach G-dur vermag den melancholischen Ton des Trios zu verscheuchen.

Viele Interpreten halten das im März 1883 vollendete Klaviertrio f-moll op. 65 für eines der wichtigsten Kammermusikwerke von Dvorak. Hier zeigt sich nicht der unbekümmerte böhmische Musikant. Sourek nennt es »die in der Stimmung von tiefstem Ernst erfüllte und am düstersten gefärbte Aussage in Dvoraks gesamter Kammermusik.« Der erste Satz ist geprägt durch vitalen Elan und thematische Fülle, konzentriert in einer strengen Sonatenform. Scherzo-Funktion übernimmt das sich anschließende »Allegretto grazioso« in cis-moll, doch der Ton ist in der insistierend-ostinaten Bewegung eher trotzig als heiter. Das »Poco adagio« in As-dur verharrt in einer schmerzvoll-ernsten Atmosphäre, die erst mit der harmonischen Wendung über Ges-dur nach F-dur friedvolle Züge erhält. Der Finalsatz, ein siebenteiliges Sonatenrondo, ist vor allem durch volksmusikalisch inspirierte Rhythmuswechsel nach dem Muster des Furiant geprägt. Erst die Durwendung der Coda beruhigt die leidenschaftlichen Stürme dieses Werkes.

Vintage 4.25 x 6.5 bust cabinet portrait, signed and inscribed in black ink to Laura Sedgwick Collins, a student of his at the National Conservatory, “Antonin Dvorák, New York 18 [sic] 18/5 94.” Some light surface marks and chips to bottom edge, subtle toning on reverse, which has been professionally cleaned (the effect of which is wholly unobtrusive), otherwise fine condition. The image, which has been reproduced in a number of sources, including the Grove Dictionary of Music and Musicians, was originally taken in Spillville, Iowa, in 1893.

From 1892 to 1895, Dvorák was the director of the National Conservatory of Music in New York City, earning a then-staggering annual salary $15,000. His main goal at the time was to discover “American music” and use it in his works, much as he had earlier with Czech folk music. At the time this image was taken, he was with his family in the Czech-speaking community of Spillville, a town to some of his cousins had earlier immigrated. While there he composed the String Quartet in F (the "American"), and the String Quintet in E flat, as well as a Sonatina for violin and piano. He also conducted a performance of his Eighth Symphony at the 1883 Columbian Exposition in Chicago. A familiar image signed by one of the greats. (Source)

Eine Ausnahmeposition nimmt schließlich das 4. Klaviertrio e-moll op. 90 ein, das Dvorak zwischen November 1890 und Februar 1891 komponierte und das am 11. April 1891 in Prag uraufgeführt wurde. Das Trio, das alsbald den zutreffenden Beinamen »Dumky-Trio« erhielt, ist eine Suite aus sechs Sätzen, deren jeder die artifizielle Stilisierung der Dumka enthält: jener von Dvorak so geliebten ukrainischen Lied- und Tanzform, in der wehmütigsinnende und übermütig dahinwirbelnde Abschnitte einander ablösen. Der Komponist schreibt allerdings nicht eine lockere Tanzfolge, sondern verknüpft die sechs Sätze auf unterschiedlichste Weise. So sind die ersten drei nicht nur durch die »attacca«-Vorschrift, sondern auch durch die harmonische Folge von e-moll/cis-moll/A-dur und durch den steten Wechsel schwermütiger und munterer Abschnitte geprägt; sie repräsentieren damit so etwas wie den Kopfsatz einer Sonatenform. Die vierte Dumka in d-moll, mit volkstümlich-russischem Anklang, steht an der Position des langsamen Satzes, die fünfte, im bewegten Es-dur mit überraschendem Schluß in G-dur, mag Scherzo-Charakter haben, und die sechste, in c-moll, betont in der Coda mit Durwendung, Themenvergrößerung und feuriger Steigerung die Finalfunktion.

Quelle: Wulf Konold: Vitaler, Konzertanter Gestus. Aus dem Booklet der CD

CD 1 Track 8: Piano Trio in G minor op 26 - IV. Finale (Allegro non tanto)


TRACKLIST

ANTONIN DVORAK (1841-1904) 


CD 1                                                                  [1.01'59"] 
Piano Trio in B Flat, Op. 21 
Klaviertrio B-dur 
Trio en si bémol majeur pour piano, violon et violoncelle 

[1] 1. Allegro molto                                                       8'56"
[2] 2. Adagio molto e mesto                                                8'08"
[3] 3. Allegretto scherzando                                               6'33"
[4] 4. Finale (Allegro vivace)                                             5'51"

Piano Trio in G minor, Op. 26 
Klaviertrio g-moll 
Trio en sol mineur pour piano, violon et violoncelle

[5] 1. Allegro moderato                                                   12'07"
[6] 2. Largo                                                               8'17"
[7] 3. Scherzo (Presto - Poco meno mosso)                                  5'20"
[8] 4. Finale (Allegro non tanto)                                          5'59"


CD2                                                                   [1.12'17"] 
Piano Trio in F minor, Op. 65 
Klaviertrio f-moll 
Trio en fa mineur pour piano, violon et violoncelle 

[1] 1. Allegro ma non troppo - Poco più mosso, quasi vivace               13'29"
[2] 2. Allegro grazioso - Meno mosso                                       7'01"
[3] 3. Poco adagio                                                         9'02"
[4] 4. Finale (Allegro con brio - Meno mosso - Vivace)                     8'55"

Piano Trio in E minor, Op. 90 «Dumky» 
Klaviertrio e-moll »Dumky-Trio« 
Trio en mi mineur pour piano, violon et violoncelle 

[5] 1. Lento maestoso - Allegro vivace, quasi doppio movimento - 
     Tempo I - Allegro molto                                             4'31" 
[6] 2. Poco adagio - Vivace non troppo                                     7'34" 
[7] 3. Andante - Vivace non troppo - Andante - Allegretto                  6'29" 
[8] 4. Andante moderato (quasi tempo di marcia) - Allegretto scherzando - 
     Meno mosso - Allegro - Moderato                                     6'02" 
[9] 5. Allegro                                                             3'59" 
[10] 6. Lento maestoso - Vivace, quasi movimento - Lento - Vivace          4'43" 


BEAUX ARTS TRIO 
Menahem Pressler - piano Klavier 
Isidore Cohen - violin Violine violon 
Bernard Greenhouse - Violoncello violoncelle

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CD 2 Track 8: Piano Trio in E minor op 90 'Dumky' - IV. Andante moderato ...


Diego Rodrigo de Silva y Velázquez (1599-1660): ohne Titel (Las Meninas), 1656. Öl auf Leinwand, 318 x 276 cm. Madrid, Museo del Prado.
Diega Velazquez: Las Meninas
[…] Las Meninas o la familia de Felipe IV., dieser Titel stammt nicht von Velázquez. Ob der Maler überhaupt das Bild mit einem Titel versehen hat, wissen wir nicht und sind entsprechend frei, das Thema des Werks aus dem Bild selbst und nicht aus einem autorisierten Titel zu bestimmen. Das Thema - oder die Themen? Tatsächlich hat das Bild, so scheint es zunächst, nicht ein, sondern wenigstens zwei Themen. Es ist einerseits die Darstellung alles dessen, was man beim ersten Anblick im Atelier im Alcazar von Madrid sieht und zu identifizieren vermag; andererseits ist es, so stellt sich nach längerer Betrachtung heraus, ein Bild, das von der Entstehung eines Bildes handelt. Der eine Titel wäre dann das einem Galerieverzeichnis entnommene Las Meninas oder die Familie Philipps IV.; der andere könnte lauten: »Über die Verfertigung eines Bildes«. Beides ist in einer einheitlichen Idee aufeinander bezogen, denn im Medium der Darstellung von Personen handelt das Bild von einem Bild in seiner Genese und seinem Gesehenwerden. Es ist ein in sich geschlossenes autonomes Gebilde, das nur sich selbst thematisiert, indem es die Bildentstehung und die Bildbetrachtung darstellt - als solches freilich sehen wir es von außen und erkennen es im Prozeß der Interpretation. […]

Der Stand der Dinge

Die historische Forschung informiert über die dargestellten Personen und den Ort des Geschehens. Unübertroffen ist die großartige Schilderung in Carl Justis Velázquez-Buch (zuerst 1888): »Die Namen des gesamten Personals sind aufbewahrt worden. Das kniende Fräulein im Profil ist Doña Maria Agustina, Tochter des Don Diego Sarmiento; sie reicht der Infantin auf goldner Schale Wasser in einem roten Schälchen von >búcaro<, einem feinen wohlriechenden Ton aus Ostindien. Die andre, leicht knicksende, ihr gegenüber, ist Doña Isabel de Velasco, Tochter des Don Bernardino Lopez de Ayala y Velasco, Grafen von Fuensalida. Zur Rechten dieses zierlichen Kleeblatts, weiter vorn, stehen zwei ganz andre Gespielen, mit dem monumentalen, am Rand gelagerten, halb eingeschlafenen Bullenbeißer zu einer Vordergruppe vereinigt, sie selbst Haustiere in Menschengestalt.« Alle Personen, die im Raum sind, werden genannt (d. h. aus Palominos Schrift zitiert), bis zu dem Mann, der ganz hinten in der offenen Tür steht: »Josef Nieto, Hausmarschall der Königin, den Vorhang zurückschlagend«. So weit sei alles korrekt referiert. Aber wie kommt es zu der Szene?
Justi erzählt folgendes: »Als einst beide Majestäten ihrem Maler eine Sitzung schenkten, wurde die Infantin zur Milderung königlicher Langeweile hereingebeten. Da fällt dem Könige auf, der selbst ein halber Künstler war, daß vor seinen Augen sich etwas wie ein Bild zusammengefunden habe. Er murmelt: >Das ist ein Bild<.« Carl Justi gestaltet die Szene nach dem Erzählmuster eines Conrad Ferdinand Meyer - »Als einst ... «; die Majestäten schenkten huldvoll ihrem Maler eine Sitzung. Eine Erzählung vom Hofe im fernen Madrid, die wohlklingenden südlichen Namen, dann die königlichen Hoheiten mit ihrem Maler, der plötzliche Einfall des Königs: »Das ist ein Bild«. Und weiter fabuliert die Novelle von Doñia Margarita, der Perle des Hofes, und dem König, ihrem Vater: »Kurz, wir sehen die Anwesenden, wie man von der Bühne das Parterre sieht, und zwar vom Standpunkt des Königs aus; denn im Spiegel an der Wand erscheint er an der Seite der Königin. Er hatte diesem Spiegel gegenüber Platz genommen, um seine Stellung beurteilen zu können. - In dies Augenblicksbild mußte natürlich auch der Maler kommen. Er steht hinter seiner Staffelei, nur wenig verdeckt durch die Kniende; sein Haupt überragt alle.« Aus diesem Stoff sind die schönen Balladen und Novellen, die Romane und Erzählungen der Realisten des 19. Jahrhunderts gewoben, und wie viele seiner wissenschaftlichen Kollegen ist Justi ein beneidenswert guter Kopist ihres Stils. Das 2. Kapitel der »Einleitung« seines monumentalen Werks handelt sogleich nach einer ersten biographischen Skizze vom »Spanischen Realismus«, und zweifellos gibt es viele Züge im Werk von Velázquez, die dem Realisten Justi besonders zugänglich sind. Daher bannt die Geschichte noch heute die Interpreten. […]
Planimetrische Vorklärung
Das Bild erweckt den Eindruck einer Momentaufnahme; aber dieser Eindruck ist die Wirkung eines kunstvollen Arrangements. Der erste Schritt, der die durchkalkulierte Disposition vor Augen führt, ist die planimetrische Analyse; wir können sie andeuten, ohne irgend etwas vom Bild selbst zu verstehen. Die äußerliche Form wird uns jedoch zugleich in das Innere des rätselhaften Werks führen.

Wir entdecken drei Bildzonen; die oberste ist dunkel und konturlos, entsprechend auch im engeren Sinn bedeutungslos, die zweite enthält kaum erkennbare Bildmotive, die aber wichtig sind für das genaue Verständnis des Werks, die dritte, untere, enthält alles das, was einem auf den ersten Blick auffällt. […] Das untere Rechteck der Abbildung Schema 1 führt uns auf Diagonalen, die sich im Gesicht der Infantin schneiden. Ein anderes klar erkennbares Arrangement der rechten Fensterflucht führt wieder in das Zentrum des Bildes, die Prinzessin (Abbildung Schema 2). Die Interpretation des Werks wird diesem Befund Rechnung tragen müssen. Die Infantin ist der Mittelpunkt des Bildes; sie wird entsprechend die zentrale Rolle spielen müssen - sie, nicht der König und die Königin und auch nicht der Maler.

Schema (1) von "Las Meninas"

Ein Bild entsteht

Die Figuren im Atelier, in das wir zu blicken scheinen, seien von Palomino korrekt identifiziert, wir hören den Nachklang ihrer wunderbaren Namen und wenden uns nun dem Geschehen zu, das im Bild festgehalten wird. Ist die Infantin mit den beiden Mädchen und dem übrigen Gefolge zufällig in das Atelier geraten, vom König gerufen, weil er sich, wiewohl kunstbeflissen, doch langweilt? Oder sind sie zufällig im Atelier beim guten Maler Velázquez und wenden sich flugs dem Königspaar zu, das in den Raum tritt? Es zeigte sich schon, daß diese Erzählungen nicht zu dem Bild im Prado passen.

Ein Bild entsteht: Die Infantin soll gemalt werden, und sie betrachtet dafür ihre Erscheinung in einem Spiegel. Noch bereitet sie sich vor; noch ist nicht alles so, wie sie gemalt werden wird, denn das Getränk, zu dem die rechte Hand ausgestreckt ist, muß noch getrunken werden und das Glas verschwinden, und die Hand selbst muß korrekt plaziert werden. So aber, wie sie sich frisiert und gekleidet sieht, wird sie gemalt werden, und auf dieses ihr Bild blickt sie selbst, desgleichen prüfend, überlegend, disponierend Velazquez. Er wird sich der Staffelei zuwenden und die Infantin im Bild auf der Leinwand darstellen.

Die beiden Hofdamen oder Hofmädchen blicken ebenfalls auf die Infantin. Die, vom Betrachter aus linke, kniende, reicht ihr ein Getränk zur Stärkung für die Sitzung (Palomino wußte um das Schälchen aus »búcaro« und das Wasser, das es am Ende denn doch nur war); sie sieht sie, um das leibliche Wohl besorgt, direkt an. Isabel de Velasco, die rechte Hofdame, prüft dagegen die sichtbare Erscheinung der Prinzessin im Spiegelbild; sie ist verantwortlich für die optische Präsentierung, für Kleidung und Frisur. Die Blicke der vier Hauptpersonen sind also auf die Infantin gerichtet, unmittelbar (Maria Agustina) oder im Bild des Spiegels (die drei übrigen). Isabel de Velasco blickt ein wenig nach unten auf die Kleidung der Infantin; sie selbst hat die gleiche Armhaltung, die für die Prinzessin vorgesehen ist - im Bild, das wir sehen, ist der rechte (von uns aus linke) Arm der Prinzessin noch abgelenkt durch das Getränk, gleich darauf wird auch er sich der Etikette fügen und dann die gleiche Haltung einnehmen wie der rechte Arm des Hoffräuleins. Mit eben dieser Armhaltung hat Velazquez die Infantin 1655 gemalt.

Schema (2) von "Las Meninas"

Es ist gesagt worden, Maria Agustina gleiche einem Engel bei der Verkündigung. Isabel ähnelt ihr, beide sehen, wie bei Engeln üblich, auffällig gleich aus, die erhöhte Position scheint der zweiten eine schwebende Haltung zu geben. Sie sind einander des weiteren so zugeordnet, daß beide, wie sich zeigte, auf die Infantin blicken, die eine leiblich-unmittelbar, die andere blickt auf die Erscheinung im Spiegel. Mit dem unterschiedlich-identischen Blick der Hofdamen ist in nuce das Thema angetönt, von dem das Bild im ganzen handelt: Es zeigt die Entstehung eines Bildes im Spiegel und damit so, wie sie sich wirklich vollzieht, und was es, das Bild, wirklich ist. Eben dies spiegelt sich in den Blicken der beiden Meninas, die die identische Person der Infantin ansehen, in Wirklichkeit und als Bild im Spiegel. Hierum, um die Zusammenführung von Darstellung und Dargestelltem, kreist alles, was wir sehen.

Die übrigen Figuren sind aus dem Blickgefüge der vier Hauptpersonen (Maler-Infantin; zwei Hofmädchen) mitbestimmt oder ihm locker zugeordnet. Die Zwergin, »Maria Bárbola, de aspecto formidable«, eine ungefähr gleich große Kontrastfigur der Prinzessin, starrt auf das Ensemble, das sich ihrem blicklosen Auge präsentiert. Der Zwerg sieht auf den korpulenten Hund, der, noch niederer in der Hof- und Schöpfungsordnung, keinen Anteil am Blickgeschehen nimmt. Er stößt ihn mit dem Fuß. Fernando Marías schreibt: »Nicolasito Pertusato stört den Hund, der schon für sich wegen seiner allzu großen Sichtbarkeit nicht in ein öffentliches Bild paßt; das paßt zu seiner niederen Stellung am Hof, ist jedoch völlig indezent in einem öffentlichen Repräsentationsbild.« Marías richtet seine Aufmerksamkeit auf das Genus des Bildes, wie der Titel seines Beitrags (»El género de Las Meninas: Los servicios de la familia«) ankündigt. Der von uns in den Vordergrund gestellte Aspekt führt zu einer Präzisierung der Handlung: Nicolasito Pertusato will vielleicht den Hund vertreiben, weil er nicht zur »familia« und zu den Personen gehört, die abgebildet werden sollen. Das paßt zur Werkbestimmung des Bildes als eines Bildes über die Bildentstehung; wir erblicken die Phase der Bildwerdung, in der sich alles noch vorbereitet und auch die eigentlich nicht bildfähigen Wesen noch präsent sind. - Die heller gekleidete Hofdame, in Fortsetzung und Gegenrichtung zum Zwerg, nimmt ebenfalls keinen Anteil. Die Figur im Hintergrund blickt wiederum auf die Erscheinungen im Spiegel vor ihm. […]

»Cum fierent« - es ist gut bezeugt, daß Philipp IV. häufig in das Atelier des Malers kam, um zu beobachten, wie die Werke entstehen. Francisco Pacheco del Rio schreibt in seiner Arte de la pintura von 1649, daß Velázquez vom König ähnlich geschätzt wurde wie Apelles von Alexander dem Großen und Tizian von Karl V. »Unglaublich ist die Liberalität und das Wohlgefallen, mit denen er von dem König behandelt wird. Er hat seine Werkstatt in der [königlichen] Galerie, und Ihre Majestät hat einen Schlüssel dazu und einen Stuhl, um ihn lange malen zu sehen, und er kommt fast jeden Tag.« Velázquez konnte den König nicht auf einem Stuhl in seiner Werkstatt malen, aber er konnte auf eine raffinierte Weise das präsentieren, was der König zu sehen liebte: Die Entstehung eines Bildes. […]

Der Spiegel mit dem Königspaar

[…] Denn die zweite Alternative besagt, daß wir im dargestellten Spiegel der Rückwand des Ateliers das gemalte, nämlich auf der Leinwand der von hinten sichtbaren Staffelei schon gemalte Königspaar sehen. Die Leinwand vor Velazquez ist so plaziert, daß der Spiegel die schon im ersten Umriß gemalte Skizze des Königspaares in Brusthöhe wiedergibt. Dieser, neuerdings vielfach übernommene Vorschlag trägt dem Befund Rechnung, daß das Königspaar tatsächlich an einigen Stellen flüchtig, an anderen genauer gemalt ist. Daß ein Gemälde auf einem Bild so dargestellt ist, daß wir es im Reflex eines Spiegels erblicken, gehört zur Kunstfertigkeit der barocken Bildkultur; der Vorschlag ist also nicht dem Verdacht ausgesetzt, unhistorisch zu sein. Man wird das Argument sogar verschärfen können und verschärfen müssen: Das Bild im Prado zeigt uns prima vista die Rückansicht einer Staffelei, auf der naturgemäß nichts zu sehen ist; aber wie steht es mit der Vorderansicht? Sollte auch auf ihr nichts zu sehen sein? Sollte die eine wie die andere Seite nur die nackte Leinwand sein? Der Maler würde eine exzellente Kunstchance vertun, das Unsichtbare im Spiegelreflex sichtbar zu machen und so das Bild aus sich selbst mit einer Metapher der Malerei zu gestalten. Genau das ist es: Velázquez nutzt die Möglichkeit des Kunstgriffs, im Spiegel das angefangene Bildnis des Königspaars auf der abgewendeten Seite der Leinwand zu zeigen! So werden auf kunstvolle Weise beide Seiten der Staffelei sichtbar, die sichtbare und die unsichtbare. Zur weiteren Stützung sei ein Hinweis Stoichitas auf die zeitgenössische Reflexion über Leinwand und Bild zitiert: »Die Inszenierung der pikturalen Schöpfung findet in einem Saal mit Gemälden statt, zwischen der Rückseite der Leinwand und dem Spiegel, der deren Vorderseite reflektiert.

Das Motiv der Leinwand als des materiellen Trägers des Bildes erscheint häufig in der spanischen Poesie des Goldenen Jahrhunderts. Für Lope de Vega ist die Leinwand des Malers (St. Lukas) nur ein >Schleier von menschlicher Leinwand<, der das >wahre Bild< verbirgt. Góngora sieht, noch extremistischer, in der Leinwand das Nichts des Bildes: seine Asche, sein Grab.« Es ist also auch hier das Motiv des »fieri« präsent, aus der bloßen Leinwand wird durch die Zaubermacht der Kunst ein Bild: wir sehen es im Spiegel in statu nascendi. Wir können somit schließen, daß sich auf der unsichtbaren Vorderseite der Leinwand das begonnene Bild befindet, sichtbar gemacht im Spiegel, der an der Rückwand des Ateliers hängt. Das dargestellte Königspaar ist also in das interne Bildgeschehen, das von der Entstehung eines Bildes handelt, völlig integriert. Das Thema des halbfertigen und damit des fertigen Bildes ist tatsächlich: Las Meninas o la familia de Felipe IV. Der Spiegel im Hintergrund macht das tatsächlich schon Begonnene für uns sichtbar und läßt den Betrachter teilnehmen an der Genese des geplanten Werks. Alles, was wir sehen, handelt von dieser Werkentstehung, und alles, was wir sehen, spielt sich im Raum des Ateliers selbst ab, ausgenommen die geöffnete Tür im rechten Hintergrund. […]

Das Bild ein Spiegel - von wem betrachtet?

Man wird längst bemerkt haben, daß wir von Beginn an unterstellten, daß das Bild im Prado als Spiegel gemalt ist. Denn wie sollten sich anders die Personen, die wir sehen, im Spiegel betrachten können? Es sind schon zögerliche Überlegungen in diese Richtung angestellt worden. »Sieht man die >Meninas< als Bild eines Spiegelbildes, so erklärt sich die Seitenverkehrtheit des Bildraumes und die Selbstdarstellung des Malers. Und nur so ist auch zu verstehen, daß er seine Modelle von vorn sehen und malen kann, obwohl er hinter ihnen steht.« Sogar Justi erwog mit einem Nebengedanken, ob sich die kleine Hofgesellschaft nicht im Spiegel sieht, er spricht vom Maler, »der seine Meninas sehen würde in einem ihm gegenüber hängenden Spiegel; vielleicht hat er sich in der Tat eines Spiegels bedient« Unsere These ist: Velázquez macht sein gesamtes Bild Las Meninas zum Spiegel, wobei das Bild die abgebildeten Personen unmittelbar so darstellt, wie sie sich im Spiegel sehen.

Die Prinzessin prüft ihre Erscheinung im Spiegel, ob sie der Etikette entspricht und ob sie so gemalt werden kann. Diese erste doppelte Spiegelfunktion nun vor der Sitzung wird kühn mit der ganz anderen identifiziert, indem das Bild dieses »vor« selbst zum Thema macht und nichts anderes als die Spiegeldarstellung darstellt. Aber - wo steht der Betrachter? Oder die Betrachterin? Gibt es den Spiegel, in dem sich die Personen erblicken, wirklich? Steht die Infantin tatsächlich in der Bildfiktion vor einem Spiegel - wie könnte sie dann gesehen werden und mit ihr alle anderen?

Ich denke, wir haben das Material für eine einfache und zwingende Antwort. Sie ist von der Justi-Legende verdeckt worden, und doch ist sie, betrachtet man das Bild nach unseren Einzelanalysen noch einmal insgesamt, unausweichlich. Zuerst: Die Infantin steht vor einem Spiegel und betrachtet prüfend ihre optische Erscheinung, so wie dies das von uns aus rechte Hoffräulein und auch der Maler tun. Damit ist eine, in den bisherigen Interpretationen nicht beachtete Entscheidung gefallen:

Der Betrachter kann nicht vor dem Bild stehen, denn dann müßte er die Rückseite eines Spiegels erblicken. Transparente Spiegel waren Velázquez jedoch nicht bekannt. So bleibt nur die Möglichkeit, daß der Betrachter sich im Bild selbst befindet. Hiermit stimmt überein, daß Velázquez das gesamte Atelier spiegelverkehrt dargestellt hat; würde es fiktiv von außen gesehen werden, könnte diese Verkehrung nicht zustande kommen. Aber wer betrachtet das Bild von innen? Hier gibt es wiederum nur eine Möglichkeit: Das Gemälde ist das Bild, das die Infantin im Spiegel sieht. Die Prinzessin blickt sich an und blickt in den Raum hinter sich und neben sich. Es gibt somit keinen weiteren Betrachter vor dem Bild - alles, was wir sehen, wird in Wirklichkeit (der Bildwirklichkeit) von ihr erblickt: Sie selbst sieht sich und die beiden Hofdamen, sie sieht die Leinwand des Malers von hinten und sieht im Reflex des Spiegels das schon begonnene Bildnis der Eltern auf der anderen Seite der Leinwand, sie sieht den Maler, der sie malen wird und der malt, was sie sieht, als Sehende und im Spiegel Gesehene. So erblickt die Infantin auch ihre abwesenden, doch als »imago« anwesenden Eltern.

Vergegenwärtigen wir uns dieses Ensemble: Der König und die Königin auf der unsichtbaren Seite der Leinwand, reflektiert vom Spiegel im Hintergrund des Saales; Velázquez selbst von der Staffelei zurücktretend, aber zwischen dieser Staffelei und dem reflektierten Bild des Königspaares, die Infantin, die im Mittelpunkt des Bildes steht und sich prüfend im Spiegel erblickt, im Hintergrund das Spiegelbild des begonnenen Gemäldes ihrer Eltern. Velázquez hat bei dieser hochkomplexen Synopsis in Kauf genommen, daß das Reflexionsverhältnis zwischen der Infantin und dem gespiegelten Bild im Hintergrund nicht genau stimmt. (Nach den einfachsten Reflexionsgesetzen kann die Infantin das gespiegelte Bild ihrer Eltern nicht sehen, sondern allenfalls die korpulente Zwergin.)

Velázquez stellt das Bild so dar, wie sein Modell es sieht - er, der Maler, ist der Diener des Hofes und ehrt die Prinzessin dadurch, daß er sich zum Maler in ihrem Dienste macht: Zum Maler ihrer Erscheinung und zum Maler, dessen was sie sieht, das erste durch das zweite. Jeder externe Betrachter vor dem Bild ist verschwunden, weil es von innen, von der Infantin selbst im Spiegel gesehen wird. Auch das Königspaar, ihre Eltern, befinden sich im Raum des Bildes - als gespiegelte Porträts, wie Velázquez sie malen will und sein Modell sie sieht. Das Bild ist nur es selbst; es stellt dar, was aus seinem Zentrum gesehen wird. Die »inventio« eines großen Malers, die bislang verborgen blieb.

Die Lehre des »peintre des peintres«: Ein Bild muß so wirklich wirken, als ob wir im gleichen Raum vor einem Spiegel stünden. Das Bild, welches das Bild darstellt, kehrt durch die Kunst, die »ars artem celandi«, zur Wirklichkeit zurück. Théophile Gautier rief beim Anblick des Bildes aus: »Und wo ist das Bild?« Wir wissen jetzt, daß die adäquate Frage lautet: »Und wo ist der Betrachter?« Das Bild verschließt sich in sich selbst, ist nur Binnenraum, von innen gesehen und gemalt. Also kein Bild, sondern eine sich in sich selbst reflektierende Wirklichkeit. […]

Quelle: Reinhard Brandt: Diego Velázquez: Las Meninas. In: Reinhard Brandt (Hsgr): Meisterwerke der Malerei. Von Rogier van der Weyden bis Andy Warhol, Reclam, Leipzig 2001, ISBN 3-379-20013-1 (zitierte Teile aus Seiten 115-139)

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