10. Dezember 2013

Lee Hyla: Wilson’s Ivory-Bill

Diese vier Stücke des 1952 geborenen Lee Hyla erkunden Variationen moderner Kammermusik. Beginnend mit einem neuen Streichquartett (Nummer vier aus dem Jahre 1999), das für das Lydian String Quartet der Brandeis University komponiert wurde und auch von diesem aufgeführt wird, versetzt Hyla den Zuhörer in eine Welt der abgehackten, sich wiederholenden Cellomotive und zerklüfteten Violinpassagen. Die nervöse Zwietracht und Dramatik zu Beginn des Stücks weicht bald einem kontemplativeren Ansatz, um während der feierlichen letzten paar Minuten an die Grenze zur Romantik vorzustoßen.

Nach der umtriebigen Raffinesse des »Streichquartetts Nr. 4« folgt ein wirklich surreales Hörerlebnis, der titelgebende Track des Albums: Wilson’s Ivory-Bill (Elfenbeinspecht, Campephilus principalis) ist die größte Art der nordamerikanischen Spechte (etwa fünzig cm groß, Flügelspannweite 75 cm) und ist seit hundert Jahren ausgestorben. (Obwohl er in den letzten Jahren immer wieder einmal – angeblich – gesichtet worden ist.) Hyla‘s Stück dieses Namens kombiniert die Geräusche des Spechtes mit einer, vom extrem aufgeschlossenen Bariton Mark McSweeney gesungenen Erzählung - ein Beobachtungsbericht aus Alexander Wilsons »American Ornithology« von 1814. Mit Klavierbegleitung ergibt sich ein völlig bizarres, aber ungemein unterhaltsames Resultat, das an etwas aus Scott Walker’s Album Drift erinnert, plus absurdem ornithologischen Thema.

Die restlichen zwei Stücke wiederholen die formale Nüchternheit des ausgezeichneten einführenden Quartetts, sind aber als Trio kombiniert:
»Amnesia Redux«, aufgeführt vom Widmungsträger Triple Helix, entstand in Boston im Frühling 2002. Das Stück basiert auf zwei pathetischen Passagen, die erste von dem Cello, und später, in geänderter Version, von der Violine geführt, während Cello und Klavier begleitend kommentieren.

»Der Traum von Innozenz III.« von 1987 ist besonders belebender Stoff, und wirft verstärktes Cello, Klavier und ein gelegentlich aufwieglerisches Schlagzeug durcheinander. Der Titel wurde durch ein Fresco Giottos in Assisi inspiriert, auf dem Papst Innozenz träumt, seine umstürzende Kirche würde vom Heiligen Franziskus gestützt. »The tilted dream image of Francis propping up the church of St. John Lateran evolves seamlessly out of the papal bedchambers, and the surreal intensity and simplicity of that image had a deep impact on me while I was working on the piece.« (Lee Hyla)

Quelle: Boomkat [Deutsche Fassung: WMS.Nemo]

Elfenbeinspecht (Campephilus principalis),
Handkoloriertes Foto eines Männchens, 1935

Track 3: Wilson's Ivory-Bill


TRACKLIST

Lee Hyla (* 1952)

WILSON'S IVORY-BILL

1. String Quartet #4 (1999)             14:22
   
   The Lydian String Quartet:
   Daniel Stepner, Judith Eissenberg, Violins 
   Mary Ruth Ray, Viola 
   Rhonda Rider, Cello 
   Written for and dedicated to the Lydian String Quartet

2. Wilson's Ivory-Bill (2000)           11:56 

   Mark McSweeney, Baritone
   Judith Gordon, Piano 
   
3. Amnesia Redux (2002)                 12:41

   Triple Helix:
   Bayla Keyes, Violin 
   Rhonda Rider, Cello 
   Lois Shapiro, Piano 
   Written for and dedicated to Triple Helix

4. The Dream of Innocent III (1987)      6:55 

   Rhonda Rider, Amplified Cello
   Judith Gordon, Piano
   Robert Schulz, Percussion
   Written for cellists Rhonda Rider, Ted Mook and Tom Flaherty
   
                            Total Time: 56:05
   
Produced by: Lee Hyla - Executive Producer: John Zorn - Associate Producer: Kazunori Sugiyama
Tracks (1)+(4) recorded Jan 6, 2006 at Slosberg Recital Hall, Brandeis University
Track (2) recorded Dec 5, 2000 at the Sonic Temple, Roslindale MA
Track (3) recorded July 10, 2005 at Jordan Hall, Boston
Recording, digital editing and premastering: Joel Gordon - Mastered by: Scott Hull
(C)+(P) 2006

Menschen ohne Rückgrat


Oskar Laske: Das Narrenschiff, 1923, Tempera/Leinwand, 195 x 240 cm, Belvedere Wien
Dies die Beschreibung. Einen Namen wollt Ihr?
Dann ist ein Erzschelm der, der ehrlich heißt.

(Ben Jonson)


Kein Talent ist so nützlich, um in der Welt hochzukommen, keines macht die Menschen vom Glück unabhängiger als die Eigenschaft, die den stumpfsten Menschen gegeben ist und, wie man sich im allgemeinen ausdrückt, darin besteht, kein Rückgrat zu besitzen. Es ist eine Art niederer Klugheit, mit deren Hilfe die geringsten und mittelmäßigsten Leute ohne weitere Begabungen in aller Gemütsruhe ihren Weg in der Welt machen. Man behandelt sie überall gut. Sie können weder Anstoß nehmen noch geben. Höfe sind selten frei von Menschen dieses Charakters. Wenn sie zufällig von hohem Range sind, fallen natürlich die meisten Ämter, sogar die größten, an sie, sobald die Mitbewerber nicht angenehm sind. Bei solchen Berufungen freut oder ärgert sich niemand. Wie richtig diese Wahrnehmung ist, könnte ich durch verschiedene Beispiele aus meiner Erinnerung belegen (denn über die gegenwärtige Zeit sage ich nichts).

Da nun tatsächlich Regelmäßigkeit und eingespielte Formen beim Weiterführen der Geschäfte dieser Welt äußerst nützlich sind, ist es sehr bequem, daß diese Menschen ohne Rückgrat so weit an der Führung der Geschäfte teilnehmen, wie es ihren Talenten entspricht. Sie sollen sich aber keineswegs in Dinge mischen, die Genie, Wissen, umfassendes Verständnis, schnelle Auffassungsgabe, Edelmut, Großzügigkeit, Scharfsinn oder andere höhere Gaben des menschlichen Geistes voraussetzen. Denn diese Art von Menschen ohne Rückgrat hat gewöhnlich ausgesprochene Geldgier und wenig Gewissensnöte über die Art daranzukommen. Sie schafft es mit kriecherischer Schmeichelei und Unterwürfigkeit. Ihr fehlt jedes Gemeinschaftsgefühl und jeder Sinn dafür. Wenn die Besitzer dieser Rückgratlosigkeit in Macht und Stellung kommen, beurteilen sie die Menschen, die sie begünstigen und bevorzugen, ständig falsch. Sie haben kein Maß für Verdienst und Tüchtigkeit bei anderen, sondern kennen nur die Treppenstufen, die sie selbst hinaufgestiegen sind. Ihnen fehlt auch die geringste Aufmerksamkeit dafür, ob sie Gutes tun oder der Öffentlichkeit schaden. Jeder von ihnen dient wahrscheinlich nur seiner Sicherheit und seinen Interessen. So bleiben sie unberührt von aller Freundschaft und Feindschaft. Niemals beklagen sie sich und niemals finden sie die Zeiten schlecht. Sie haben auch tatsächlich niemals Grund dazu.

Männer von hervorragenden Anlagen und Fähigkeiten erheben sich manchmal an den Höfen, manchmal im Gerichtswesen und zuweilen sogar im kirchlichen Leben. Von dieser Art waren Lord Bacon, der Earl of Strafford und Erzbischof Laud während der Regierungszeit König Karls I. und andere in unserer Zeit, die ich nicht nennen möchte. Aber diese und viele andere gerieten unter verschiedenen Fürsten und in verschiedenen Königreichen in Ungnade, wurden verbannt oder erlitten die Todesstrafe. Sie fielen nur durch den Neid auf ihre Tüchtigkeit und ihr überlegenes Genie. In kritischer Lage und in der Bedrängnis des Staates wagten sie es, ihrem Fürsten und ihrem Lande außerhalb der üblichen Formen zu dienen. Dabei fehlte ihnen natürlich die vernünftige und mäßigende Abgeordnetentugend der Rückgratlosigkeit.

Oskar Laske: Der Weltenwanderer, Radierung, 61 x 48 cm [Quelle]
Dieses Mißgeschick, das regelmäßig außerordentlichen Menschen beim Führen der großen Staatsgeschäfte begegnet, hat man verschieden erklärt. Es braucht aber hier nicht weiter ausgeführt zu werden, wenn offensichtlich das geschieht, was ein gewisser Schriftsteller beobachtet und ausgedrückt hat. Er sagt: »Wenn ein großer Genius in der Welt erscheint, vereinen sich alle Dummköpfe gegen ihn.« Wenn dies schon sein Schicksal ist, solange er seine Gaben ganz im stillen braucht, ohne dem Ehrgeiz oder der Habgier eines Menschen in die Quere zu kommen, was muß er erwarten, wenn er sich herauswagt, um an einem Hofe hochzukommen? Nur geschlossene Gegnerschaft, wenn er die Leiter emporsteigt. Jede Hand ist bereit, ihn abstürzen zu lassen, wenn er an der Spitze ist. Und in diesem Punkte handelt das Glück geradezu der Natur entgegengesetzt; denn in der Natur finden wir, daß Körper voller Leben und geistiger Kraft leicht aufsteigen und nur schwer fallen, wohingegen schwere Körper nur mühsam steigen und mit größerer Geschwindigkeit herunterkommen: Bei uns aber verhält sich das Glück jeden Tag gerade umgekehrt.

Das Talent, kein Rückgrat zu besitzen, wie ich es mit seinen verschiedenen zugehörigen Eigenschaften und Nebenumständen beschrieben habe, ist nirgendwo so dienlich wie bei der Geistlichkeit. Bei ihrem Vorankommen wirkt nichts so vernichtend wie das charakterliche Merkmal der geistigen Bildung und Belesenheit, sichere Umgangsformen oder jene Art der Haltung, die wir im Umgang mit Personen von hoher Stellung und Würde annehmen. Diese Befähigungen werden von den Gemeinen aller Rangstufen als Kennzeichen der Leichtfertigkeit angerechnet und verdammt. Sie sind der letzte Frevel, den die Welt einem Geistlichen verzeiht. Dem könnte ich noch hinzufügen: eine ungezwungene Art des Sprechens in bunter Gesellschaft und zu häufiges Erscheinen an vielbesuchten Treffpunkten, beides ist für das Weiterkommen im geistlichen Beruf ebenso schädlich.

Mir sind indes ein paar Ausnahmen von den einzelnen Beobachtungen aufgefallen. Ich habe gesehen, wie einige der stumpfsten Menschen sich um Geist bemühten, und andere mit ebenso geringen geistigen Ansprüchen Gewandtheit im Umgang und im Gespräch erstrebten. Sie konnten aber niemals die Welt von der Echtheit ihres Seitensprunges überzeugen. Sie kamen schließlich in beachtliche Stellungen, weil alle Leute von ihrer Rückgratlosigkeit fest überzeugt waren. Sie wirkten nämlich einen Grad zu niedrig, um die Welt zu ihrem eigenen Nachteil zu täuschen. Ich gebe aber zu, daß dieses Verfahren zu gefährlich ist, um oft angewendet zu werden. Einst bewarben sich, wie ich mich erinnere, zwei Geistliche als Kandidaten um eine kleine Schule in Yorkshire. Ein Herr von Rang und Einfluß im Lande, der seinen Nachbarn an Einsicht überlegen war, verschaffte dem die Stelle, der der bessere Gelehrte und der gebildetere Mensch war, sehr zum Bedauern der ganzen Pfarrei. Der andere ging enttäuscht nach London, wo er das beste Muster der Rückgratlosigkeit wurde, das ich je gekannt habe. Er war schwerfälligen Geistes und besaß neben einem kalten, gleichgültigen Temperament eine Wichtigkeit des Auftretens, die ihn sicher über viele Schwierigkeiten hinwegtrug. Er lebte und starb in hoher Stellung, während sein Mitbewerber zu gering war, um in einem ruhmvollen Bericht weiterzuleben.

Oskar Laske: Impressionen Faust - Die Mütter
Diese besondere Rückgratlosigkeit, die ich so herzlich feiere und empfehle, hat einen noch nicht erwähnten Vorteil. Sie trägt einen Mann sicher durch alle Bosheit und allen Wechsel des Parteigetriebes. So weit, daß er seinen Anspruch auf einen Anteil, an dem, was gerade gängig ist, gewöhnlich erheben darf, gleich, welche Partei zufällig oben ist. Diese Erscheinung kommt mir höchst vernünftig vor. Denn bei allen großen Änderungen geht die gewinnende Seite meist so stürmisch zu Werk, daß sie den Ballast derer braucht, die die Welt »gemäßigte Männer« nennt. Ich bezeichne sie als »Menschen ohne Rückgrat«. Die Leute, die an der Macht sind, können sie ohne weitere Umstände so schwer beladen, wie es ihnen paßt. Sie können sie durch die unebensten und dunkelsten Straßen treiben ohne Gefahr, daß sie zu Boden gehen oder sich den Rücken brechen. Und sie können gewiß sein, daß sie weder störrisch noch bösartig werden.

Ich will hier dem Leser eine kurze Geschichte erzählen von zwei Geistlichen in England, von ihren Charakteren und von den Stufen ihrer Laufbahn in dieser Welt. Die Macht der weltlich gesinnten Rückgratlosigkeit und die traurigen Folgen, die beim Fehlen dieser Tugend entstehen, sollen deutlich sichtbar werden.

Corusodes war Student in Oxford und eines Bauern Sohn. Er fehlte niemals beim Gebet oder in der Vorlesung und auch kein einziges Mal im Kolleghaus, nachdem die Glocke geläutet hatte. Jeden Tag hockte er zehn Stunden in seinem Arbeitsraum, las seine mitgeschriebenen Vorlesungen durch, döste, schnitt Papiere zurecht oder stopfte seine Strümpfe, was er bewunderungswürdig gut fertigbrachte. Er konnte sich ernsthaft betrinken - auf Kosten anderer, mit dem Bier des Kollegs -, und bei diesen Gelegenheiten war er immer sehr fromm. Er trug den gleichen Talar fünf Jahre lang, ohne ihn schmutzig zu machen oder zu zerreißen. Kein einziges Mal sah er einen Bilderband oder ein Gedicht an. Er las Vergil und Remus im gleichen Tonfall, aber mit sehr unterschiedlichem Geschmack. Er vertrug keinen Spaß und war allem Geistvollen gegenüber ohne das geringste Verständnis.

Wegen einer bestimmten Äußerung ist er noch heute berühmt. Als er mit einigen anderen Studenten bei einem Krug Bier saß, erzählte einer aus der Gesellschaft so viele heitere Geschichten, daß die übrigen sehr lustig wurden; nur Corusodes blieb schweigsam und unberührt. Als sie sich trennten, rief er seinen fröhlichen Gefährten beiseite und sagte: »Mein Herr, an Ihrem häufigen Sprechen und am Lachen unserer Freunde erkenne ich, daß Sie viel Scherze erzählt haben: Sie mußten mein Stillschweigen bemerken. Aber, mein Herr, so ist mein Humor; ich mache niemals selbst einen Scherz und lache niemals über den eines anderen Menschen.«

So erhielt Corusodes die Priesterweihe, nachdem er durch äußersten Geiz und in einer sehr ärmlichen studentischen Kameradschaft vierunddreißig Pfund gespart hatte. Er ging nach London, wo seine Schwester Kammermädchen bei einer Dame und eine so gute Fürsprecherin war, daß er durch sie die Erlaubnis erhielt, zweimal täglich in der Familie Gebete zu lesen, für zehn Shilling im Monat. Er hatte jetzt eine langsame, unterwürfige und plumpe Verbeugung und ein gewisses Talent, für grobe Schmeichelei zu rechter und unrechter Zeit entwickelt. Er schüttelte dem Hausmeister die Hand, er brachte dem Pagen den Katechismus bei und durfte manchmal am Tisch des Aufwärters mitessen. Kurz, er machte sich im ganzen Hause beliebt und wurde von der Dame an ein anderes gutes Haus als Kaplan empfohlen, wodurch seine Einkünfte (außer den Abschiedsgeschenken) auf dreißig Pfund im Jahr stiegen. Seine Schwester verschaffte ihm eine schöne Halsbinde mit Schleife von dem Lord selbst (der eine kleine galante Absicht auf sie hatte), und durch die Fürsprache seiner Lordschaft erhielt er eine Hilfspredigerstelle zu sechzig Pfund im Jahr.

Oskar Laske: Porta Capuana in Neapel.
Lithographie auf Papier, 56 x 45 cm [Quelle]
Er predigte dauernd in eigener Person, in gewichtiger Weise, mit sehr hörbarer Stimme, in sehr kirchlichem Stile und im Inhalt dem Verständnis seiner Hörer angepaßt. Einige Zeit später konnte Seine Lordschaft über eine Landpfarre verfügen, und da er jetzt durch Erfolge in seiner Liebesgeschichte etwas ermuntert worden war, verlieh er die Pfründe Corusodes, der noch seine Hilfspredigerstelle und seinen Wohnsitz in der Stadt beibehielt. Dort nahm er ständig an allen Wohltätigkeitsversammlungen teil, ohne jemals etwas mehr als seine häufigen frommen Ermahnungen beizusteuern. Wenn in seiner Pfarre eine bessergestellte Frau zufällig einmal in der Kirche fehlte, konnte sie am nächsten oder übernächsten Tage sicher mit seinem Besuch rechnen. Er kam, um zu tadeln und - mitzuessen.

Er hatte eine gut ausgesuchte Anzahl von Armen, die ständig am Straßeneingang seiner Wohnung warteten und für die er gewohnheitsmäßig bei seiner früheren Gönnerin vorsprach. Bei den Sammlungen ließ er seine eigene halbe Krone dazufallen, und nahm sie wieder heraus, wenn er das Geld verteilte. Im Hause einer hochgestellten Persönlichkeit setzte er sich nur, wenn man ihn dreimal aufgefordert hatte, und dann auf die Kante des entferntesten Stuhles. Sein ganzes Betragen war förmlich und gezwungen und hing ihm so fest an, daß er es auch bei seiner höchsten Berufung nicht mehr abschütteln konnte.

Sein Lord stand jetzt in hohem Amte bei Hofe, und er ging ihm mit der unterwürfigsten Dienstfertigkeit zur Hand. Als seine Schwester mit einem Kind in eine zurückgezogene Wohnung verschwunden war, setzten Seine Lordschaft seine Gnadenbeweise an Corusodes selbst fort. Er sorgte für seine Ernennung zum ordentlichen Kaplan und nach angemessener Zeit für eine Pfarrei in der Stadt und eine entsprechende kirchliche Würde.

Corusodes bezahlte seine Kuraten pünktlich, zum niedrigsten Satz und teilweise vom Kommunionsgelde, er gab ihnen aber guten Rat im Überfluß. Er heiratete die Witwe eines Bürgers, die ihm beibrachte, wie man kleine Beträge zu zehn vom Hundert ausleiht. Sie verschaffte ihm auch die Bekanntschaft von Spekulanten in der Börsengasse. Mit Hilfe ihrer Geschicklichkeit verhandelte er das freigewordene Pfarrschreiberamt.

Er hielt ein elendes Haus, aber die Schuld fiel völlig auf »Madame«, denn der gute Doktor saß immer hinter seinen Büchern, besuchte die Kranken oder tat andere Werke der Wohltätigkeit oder Frömmigkeit in seiner Pfarrei.

Alle ihm unterstellten Geistlichen behandelte er mit scheinheiligster Überheblichkeit. Gegen seine Amtsbrüder war er streng und tadelsüchtig, wenn sie zum ersten Male in der Gesellschaft auftauchten oder wenn sie im geringsten bevorzugt wurden. Laien von hohem Rang oder großem Vermögen begegnete er mit äußerster Duldsamkeit; für ihre Fehler hatte er weder Augen noch Ohren. Er war niemals empfindlich gegenüber dem unwürdigsten Zustand bei Hofe, im Parlament und in den Ministerien. Er legte alle öffentlichen Maßnahmen auf das günstigste aus. Er hatte viele heilsame Kernsprüche bereit, um alle Mißstände im Staate zu entschuldigen: Menschen sind nur Menschen; Erunt vitia donec homines; Quod supra nos, nihil ad nos und einige andere von gleichem Gewicht.

Ich müßte meinen Bericht übermäßig verlängern, um das ganze System seines Verhaltens aufzuzeichnen; seine schreckliche Auffassung vom Papsttum, seine große Mäßigung gegenüber den Freikirchlichen aller Benennungen, mit den herzlichen Wünschen, daß durch ein wenig Nachgeben auf beiden Seiten eine allgemeine Einigung unter den Protestanten erfolgen möge; seine kurzen, harmlosen Predigten, wenn er bei Hofe an der Reihe war und das Thema genau zu der gegenwärtigen Höchstgeltung der herrschenden Anschauungen paßte; seine Künste, eine Bischofsmütze zu erhalten, indem er gegen die Bischöfe schrieb; und die Beweise, die er von seiner Königstreue gab, indem er den Mord an einem zum Märtyrer gemachten Fürsten (aus einem anderen Hause) beschönigte oder verteidigte.

Oskar Laske: Das Kaffeehaus, um 1920,
Farblithografie, 28 x 19,5 cm
Wir verlassen ihn, ausgerüstet mit seinen ganzen ausgeklügelten Fertigkeiten, mitten in der Laufbahn zum Erfolge und in schnellem Aufstieg zur Spitze auf der Leiter der kirchlichen Würden. Er wird sie sehr wahrscheinlich erreichen, ohne das Verdienst einer einzigen Tugend, sehr mäßig versehen mit den geringwertigsten Kenntnissen und gänzlich frei von jedem Geschmack, jeder Urteilskraft und jedem geistigen Schwung. In seiner Erhabenheit wird ihm natürlich auch daran liegen, andere nach sich emporzuziehen, deren Fertigkeiten seinen eigenen ähneln, vorausgesetzt, daß sich seine geliebten Söhne, Neffen oder andere Verwandte nicht mitbewerben. Seine Geneigtheit darf allerdings nicht von denen in Anspruch genommen sein, die die Macht haben, ihn unter Druck zu setzen oder weiter zu fördern.

Eugenio begann seine Laufbahn an der gleichen Universität und etwa zur gleichen Zeit wie Corusodes. Er hatte in der Schule den Ruf eines Hauptkerls und unglücklicherweise dichterisches Talent. Deswegen erhielt er viele mahnende Briefe von seinem Vater und ernste Vorstellungen von seinem Mentor. Er vernachlässigte seinen Lehrstoff am Kolleg nicht, aber sein Hauptstudium galt den alten Dichtern und der vollen Beherrschung der griechischen und römischen Sprache. Er brachte es niemals zum begünstigten und geförderten Kollegmitglied, denn man wandte gegen ihn ein, er habe Gedichte geschrieben, einige sogar gegen einen gewissen ehrwürdigen Doktor, der wegen seines Stumpfsinns berühmt war. Außerdem hatte man beobachtet, wie er sich vor Damen verbeugte, als er sie auf der Straße traf, und es hatte sich als wahr herausgestellt, daß er einst im Familienkreise mit einem halben Dutzend Personen beiderlei Geschlechts getanzt hatte.

Er war der jüngere Sohn eines angesehenen Mannes von guter Herkunft, aber kleinem Einkommen. Als sein Vater starb, trieb es ihn nach London, sein Glück zu suchen. Er wurde geweiht, und man machte ihn zum Vorleser in einer Pfarrkirche für zwanzig Pfund im Jahr. Ein Oxforder Freund führte ihn in Will's Kaffeehaus ein, wo sich damals die Männer von Geist trafen; dort hatte er einige Zeit später das zweifelhafte Glück, ausgezeichnet zu werden. Sein karges Gehalt zwang ihn, große Schulden zu machen, um sich einen neuen Talar und einen Priesterrock zu kaufen. Dann und wann mußte er nun etwas Geistreiches oder Witziges schreiben oder eine Predigt für zehn Shillinge halten, um sich mit dem Notwendigsten zu versorgen. Tausendmal erhielt er von seinen poetischen Freunden Empfehlungen an hochgestellte Persönlichkeiten. Man bezeichnete ihn als einen jungen Mann mit ausgezeichneter Begabung; der Unterstützung verdiene. Man machte ihm tausend Versprechungen. Aber seine Bescheidenheit und seine großgeartete Denkweise, die die Sklaverei des ständigen Bettelns und Drängens verachteten, brachten ihm immer wieder Enttäuschungen. So machte er für wachsame Dummköpfe Platz, die bestimmt niemals außer Sichtweite waren.

Er konnte ausgezeichnet predigen, wäre er nur nicht manchmal ein wenig zu gebildet und geneigt gewesen, zu sehr auf seine eigene Art des Denkens und Ergründens zu vertrauen.

Wenn eine bessere Stelle frei wurde und er mühsam bei irgendeinem viel versprechenden Lord auf sich aufmerksam gemacht hatte, erhielt er die übliche Antwort, daß er zu spät käme, denn die Stelle wäre gerade am Tage vorher einem anderen übertragen worden. Ihm blieb nur der Trost, daß jeder sagte, es sei doch sehr schade, daß man nichts für den armen Herrn Eugenio tun könne.

Der Rest der Geschichte ist mit wenigen Worten erzählt. Als er der schwachen Hoffnungen und der schwächeren Befürwortungen müde war, nahm er für dreißig Pfund im Jahr eine Stelle als Hilfsgeistlicher in Derbyshire an. Als er dann fünfundvierzig war, hatte er das große Glück, von einem Freund seines Vaters bei der Besetzung eines Vikariats vorgezogen zu werden. Das neue Amt brachte ihm jährlich sechzig Pfund ein. Es lag aber im gottverlassensten Teil Derbyshires. Dort kam ihm mit dem Grübeln, das Einsamkeit und Enttäuschungen mit sich bringen, der Schwung seines Geistes abhanden. Er heiratete die Witwe eines Bauern und lebt noch dort, völlig unbedeutend und vergessen. Nur einige Nachbarn haben zufällig gehört, daß er einst, in seiner Jugend, ein hervorragender Mann gewesen sein soll.

Quelle: Jonathan Swift: Menschen ohne Rückgrat. In: Ein bescheidener Vorschlag, wie man verhindern kann, daß die Kinder der Armen ihren Eltern oder dem Lande zu Last fallen und andere Satiren. Insel Taschenbuch 131, Insel, Frankfurt, 1975, ISBN 3-458-01831-X


Die Illustrationen zu Swifts zeitloser Satire stammen von OSKAR LASKE (1874-1951). Ursprünglich Architekt, war Laske, ein Autodidakt, seit 1904 hauptberuflich als Maler tätig (unter anderem als k.u.k. »Kriegsmaler« im Ersten Weltkrieg). In den 1920er-Jahren bereits international beachtet, verbrachte er den »Anschluß« in »innerer Emigration«. Trotz seiner Vorliebe für »Landschaften, Stadtplätze und Genreszenen« ist er in meinen Augen kein Idylliker.


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