19. November 2012

Theodor W. Adorno: Der Philosoph vor dem Mikrophon

»Gesetzt, der Geist hätte nach Auschwitz in Deutschland noch eine Geschichte, so müßte der Tod von Theodor W. Adorno wirken, als ob plötzlich die Uhr still stünde. Er hat den Bann durchbrochen, der in einer zur Reproduktion ihrer eigenen Unwahrheit verdammten Gesellschaft die Freiheit des Geistes gefesselt hält. Er hat das Wahnsystem, das sich als Realität ausgibt, beim Namen genannt, und sich nicht abbringen lassen von dem ›machtlosen Versuch des Gedankens, seiner selbst mächtig zu bleiben‹. Die Erkenntnis eben dieser Machtlosigkeit bricht der Entdeckung einer neuen Form der Autonomie des Denkens ihre Bahn. Durch das Entsetzen vor dem Trug der Affirmation legitimiert sich hier Philosophie zu einer höheren Stufe jener Kritik, in der nach seiner Interpretation die Geschichte des europäischen Denkens ihre Wahrheit hat.«

Diese Sätze aus einem Nachruf, den der Religionsphilosoph Georg Picht Adorno widmete, beschreiben nicht schlecht die Funktion, die dem Verfasser der »Minima Moralia« und der »Negativen Dialektik« im vom Faschismus befreiten Deutschland zugefallen war. 1949 waren Adorno und sein Freund Max Horkheimer, die in der amerikanischen Emigration mit der »Dialektik der Aufklärung« gemeinsam das Schlüsselwerk der Epoche geschrieben hatten, in das innerlich wie äußerlich zerstörte Deutschland zurückgekehrt. Bald, wohl schon in der ersten Hälfte der fünfziger Jahre, wurde Adorno in einer Umfrage von der Mehrzahl der Befragten – das waren die Stipendiaten der Studienstiftung des deutschen Volkes, mithin eine Art Elite – als der für sie wichtigste Theoretiker genannt. Diese Funktion, die oft der eines Praeceptor Germaniae glich, hat Adorno, der sie nicht gesucht hatte, dann gegen zahlreiche, mit den Jahren eher noch anwachsende Anfeindungen tapfer auszufüllen versucht.

Geriet er dabei zunächst mehr und mehr in Gegensatz zu jenem offiziellen Deutschland, das unter Adenauer und seinen Nachfolgern eine Politik der Wiederbewaffung und Notstandsgesetzgebung verfolgte, so wurden Adornos letzte Jahre verdunkelt durch Konflikte mit der studentischen Protestbewegung, die ein anderes Deutschland darstellte, zu dessen Entstehung Adorno nicht wenig beigetragen hatte und dessen Protagonisten häufig seine besten Schüler gewesen waren. Als er 1969, unerwartet und kaum 65jährig, starb, blieb freilich keine Uhr stehen, eher konnte man ein Aufatmen beobachten, mit dem eine unirritierbare Öffentlichkeit Abschied von dem wahrscheinlich bedeutendsten Philosophen nahm, der nach Nietzsche auf Deutsch geschrieben hat.

Für den zurückgekehrten Adorno war es nach dem, was in Auschwitz und den anderen Vernichtungslagern geschehen ist, alles andere als selbstverständlich gewesen, daß weiterhin Philosophie so betrieben werden konnte, als ob nichts sich geändert hätte. In der in den vierziger Jahren geschriebenen »Dialektik der Aufklärung« haben Adorno und Horkheimer sich »nicht weniger als die Erkenntnis vorgesetzt, warum die Menschheit, anstatt in einen wahrhaft menschlichen Zustand einzutreten, in eine neue Art von Barbarei versinkt«.

Diese Frage hat Adorno wie Horkheimer bis zu ihrem Tod nicht mehr ruhen lassen; sie ist zum Zentrum ihres Denkens geworden, neben dem die traditionellen Probleme der Philosophen irrelevant erschienen. Auschwitz bedeutete ihnen den Zusammenbruch der bisherigen, mühsam genug errungenen Zivilisation. Am Ende der »Negativen Dialektik« hat Adorno die Frage aufgeworfen, »ob nach Auschwitz noch sich leben lasse«; es war für ihn keine rhetorische Frage sondern die allerernsteste. Philosophie, die mit Hegel »ihre Zeit, in Gedanken erfaßt,« ist, versagt kläglich bei der Anstrengung, den stattgefundenen Zivilisationsbruch zu begreifen, geschweige daß sie noch irgendeinen ›Sinn‹ ihm zu verleihen vermöchte. Auf weiten Strecken versucht sie es denn auch gar nicht mehr, bescheidet sich entweder mit unverbindlichen Erwägungen übers Sein des Seienden oder mit der Analyse der sprachlichen Voraussetzungen von Denken an sich und überhaupt. Neuerdings finden sich auch immer häufiger Philosophen, die mit der Abschaffung ihrer selbst beschäftigt scheinen.

Adorno hat keines dieser Spiele mitgespielt, sondern in seinem Denken unbeirrt die reale Geschichte und ihre Erosionen reflektiert. Die Frage, ob nach Auschwitz noch sich leben lasse, ergänzte Adorno im Blick auf die eigene Person dahin, »ob vollends es dürfe, wer zufällig entrann und rechtens hätte umgebracht werden müssen. Sein Weiterleben bedarf schon der Kälte, des Grundprinzips der bürgerlichen Subjektivität, ohne das Auschwitz nicht möglich gewesen wäre.« Die Unmöglichkeit einer verbindlichen Antwort war der Philosophie Adornos eins mit der Unmöglichkeit von Philosophie nach Auschwitz.

Dennoch hat er nicht aufgehört zu philosophieren; nachdrücklich bestand er auf der Notwendigkeit der Philosophie, über deren Gleichgültigkeit für den Weltlauf er sich doch nichts vormachte. In den zwei Jahrzehnten nach 1949, als Adornos Philosophie eine unvergleichliche Wirkung im nachfaschistischen Deutschland geübt und das kulturelle Leben maßgeblich mitbestimmt hat, tat sie das wesentlich durch ihre Intention des Eingedenkens, in der sie mit jenen moderen Kunstwerken übereinkam, die, wie Picassos »Guernica« und Schönbergs »Überlebender von Warschau«, ihrer geschichtsphilosophischen Unmöglichkeit abgezwungen waren. Die Stelle der Adornoschen Philosophie des Eingedenkens ans Jüngstvergangene hat unterdessen ein wiedererwachtes Interesse an den Ursprüngen im Chthonischen, die Ideologie einer wieder einmal ›neuen‹ Mythologie besetzt, wie es gleichermaßen in der Konjunktur des mißverstandenen Nietzsche und in der lange undenkbar gewesenen Renaissance des Heideggerschen Denkens zum Ausdruck kommt.

Dieser Einkehr der Philosophie bei den Vorsokratikern korrespondiert ein Rückzug aus der realen Geschichte, der Erinnerung ausblendet und Erfahrung durchstreicht: Ratifikation von Tendenzen, denen die Gesellschaft von sich aus folgt. Aber nicht das Ende der Geschichte ist herangekommen, wie die Vertreter der Postmoderne glauben machen wollen, sondern der Ausfall jedes historischen Bewußtseins absehbar; er bringt die Philosophie nicht um das beste, nur um alles. Von Adorno ließe sich demgegenüber gerade heute lernen, daß ohne Erinnerung, die Kantische »Reproduktion in der Einbildung«, keine Erkenntnis, die lohnt, gelingen kann; daß Erinnerung jedoch, einer Theorie zuwider, die seit Platon die herrschende war und der auch Kant noch folgte, keine zeitlos gültige, nicht die transzendentale Synthesis ist, sondern jenen ›Zeitkern‹ besitzt, von dem zuerst Walter Benjamin gesprochen hat.

Dieser Zeitkern ist für die Philosophie in der Ära nach Auschwitz in den Schreien der Opfer enthalten, seither ist, wie Adorno formuliert hat, »das Bedürfnis, Leiden beredt werden zu lassen, Bedingung aller Wahrheit«. Wenn heute auch Philosophie gleichwohl möglich ist, dann jedenfalls – so lehrt die Adornosche – nur eine solche, die in jedem ihrer Sätze das Leiden der Menschen in den Vernichtungslagern gegenwärtig hält; die nicht länger wie der »Phaidros« des Platon im Schatten der hoch gewachsenen Platane am Ilissos, sondern im »Schatten / des Wundenmals in der Luft« gedacht wird, von dem ein Gedicht Paul Celans spricht.

TRACKLIST

Theodor W. Adorno
Aufarbeitung der Vergangenheit 
Reden und Gespräche 
Auswahl und Begleittext: Rolf Tiedemann 

CD 1: 

(01)-(12) Was bedeutet Aufarbeitung der Vergangenheit?, 1960, 
          ca. 60 Minuten 

CD 2: 

(01)-(11) Bemerkungen zu Hegel, 1956, 
          ca. 52 Minuten 

(12)-(16) Der Jargon der Eigentlichkeit, 1963, 
          ca. 22 Minuten (1. Teil) 

CD 3: 

(01)-(08) Der Jargon der Eigentlichkeit, 1963, 
          ca. 35 Minuten (Fortsetzung) 

(09)-(16) Das Altern der Neuen Musik, 1955, 
          ca. 39 Minuten (1. Teil) 

CD 4: 

(01)-(04) Das Altern der Neuen Musik, 1955; 
          ca. 21 Minuten (Fortsetzung) 

(05)-(15) Zur Grundfrage der gegenwärtigen Gesellschaftsstruktur, 1968, 
          ca. 55 Minuten 

CD 5: 

(01)-(10) Erziehung zur Mündigkeit, Gespräch mit Hellmut Becker, 1969, 
          ca. 46 Minuten 


STEREO, Laufzeit ca. 330 Minuten
Produktion: Hessischer Rundfunk 1955, 1956, 1960, 1963, 1968, 1969 
Foto: Adorno-Archiv

© + (P) 1999 
ISBN 3-89584-730-5 
*
Was bedeutet Aufarbeitung der Vergangenheit?

Nach der Rückkehr nach Deutschland war Adorno sich durchaus nicht zu vornehm, seine theoretischen Einsichten in praktische Anwendungen zu überführen; konkret der Politik und Pädagogik bei der Bekämpfung des Faschismus und der Ausbildung demokratischen Bewußtseins zuzuarbeiten. Den Vortrag »Was bedeutet Aufarbeitung der Vergangenheit?« hielt er zum erstenmal auf einer vom Deutschen Koordinierungsrat der Gesellschaften für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit veranstalteten Erzieherkonferenz am 6.11.1959 in Wiesbaden, also vor genau 40 Jahren [1999]; die Ausführungen Adornos haben unterdessen an Aktualität nicht eingebüßt. Adorno nahm mit diesem Vortrag die Auseinandersetzung mit der nationalsozialistischen Vergangenheit vorweg, die in der Gesellschaft der Bundesrepublik selber erst zehn Jahre später, von den linken Studenten erzwungen, begonnen hat und bis heute fortdauert. – Die Erstsendung im Schulfunkprogramm des Hessischen Rundfunks erfolgte am 7.2.1960.

Bemerkungen zu Hegel

Zum 125. Todestag Hegels, des für Adorno wichtigsten Philosophen der Tradition, hielt Adorno am 14.11.1956 die Gedenkrede in der Berliner Freien Universität: »Die Vorarbeiten waren zu umfangreich, als daß sie in jener Rede hätten bewältigt werden können«; so sah Adorno »sich genötigt, für den Berliner Anlaß einen – freilich zentralen – Komplex auszuwählen und andere Motive in einem Vortrag zu behandeln, der vom Hessischen Rundfunk übertragen wurde.« Beide Vorträge wurden dann zu der Abhandlung »Aspekte der Hegelschen Philosophie« vereint und später mit zwei weiteren Aufsätzen als Buch mit dem Titel »Drei Studien zu Hegel« gedruckt; Adornos Absicht mit den Hegel-Studien war »die Vorbereitung eines veränderten Begriffs von Dialektik«, will sagen: des mit der »Negativen Dialektik« realisierten. – Der vom Hessischen Rundfunk am 14.11.1956 gesendete Vortrag vertritt, zusammen mit dem folgenden, in der vorliegenden Auswahl den eher fachphilosophischen Arbeitsbereich Adornos.

Der Jargon der Eigentlichkeit



Als »Jargon der Eigentlichkeit« kritisierte Adorno die Sprache der in Deutschland und nicht nur hier einflußreichen Existenzphilosophie, als deren konsequenten Widerpart er das eigene Denken verstand. »Hat sich in den ambitiösen Entwürfen deutscher Philosophie aus der zweiten Hälfte der zwanziger Jahre niedergeschlagen und artikuliert, wohin es damals jenen objektiven Geist zog, der blieb, was er war, und darum heute noch den Jargon redet, so ist erst an der Kritik jener Entwürfe die Unwahrheit objektiv zu bestimmen, die aus der Vorlogenheit des Vulgärjargons widerhallt. Seine Physiognomik führt auf das an Heidegger sich Entbergende. Nichts Neues, daß das Hohe als Deckbild eines Niedrigen verwandt wird: um potentielle Opfer bei der Stange zu halten.« Adorno gab dem Buch, zu dem er den Vortrag – der am 9.4.1963 vom Abendstudio des Hessischen Rundfunks gesendet wurde – erweiterte, den Untertitel »Zur deutschen Ideologie«; er hat gelegentlich nicht ohne Genugtuung davon gesprochen, daß er durch seine Ideologiekritik doch manchen davon abgehalten habe, weiter guten Gewisens den Jargon nachzureden, der da von Auftrag, Anliegen und Begegnung, von echtem Gespräch und existentieller Entscheidung wiederhallt, »edel und anheimelnd in eins, Untersprache als Obersprache.«

Das Altern der Neuen Musik



 Für Adornos zahlreiche Arbeiten zur Ästhetik und Kunstsoziologie muß in der vorliegenden Auswahl der Vortrag »Das Altern der Neuen Musik« stehen, der seinerzeit viel Aufsehen erregte, sowohl Zustimmung von der falschen Seite wie den energischen Widerspruch der betroffenen jungen Komponisten erfahren hat. Adorno hielt den Vortrag zuerst 1954 in Stuttgart; dieser sorgte sogleich in den Kreisen der damals jüngsten Musik für beträchtlichen Skandal. Hier wurden Beobachtungen reflektiert, die Adorno an Kompositionen der seriellen Schule aufgegangen waren, welche er vor allem in Darmstadt, bei den Internationalen Ferienkursen für Neue Musik, kennengelernt hatte. Zu denken ist dabei etwa an Berio und an den ganz frühen Stockhausen, vor allem an Karel Goeyvaerts, auch an Gottfried Michael Koenig, weniger an Boulez. 1955 dann hielt Adorno in Darmstadt unter dem Titel »Der junge Schönberg« drei Vorlesungen, die auf weite Strecken jene Kritik fortsetzten, die er in dem Stuttgarter Vortrag artikuliert hatte. Die Grunderfahrungen, die die neue Musik in ihrer heroischen Phase bestimmt hatten, waren bereits vom jungen, noch tonalen Schönberg gemacht worden; genau diese Grunderfahrungen, etwa das Urphänomen der Angst in der »Erwartung« oder im »Wozzeck«, schienen Adorno von der neuen Musik in ihrer gegenwärtigen Phase, die insbesondere mit der Zwölftontechnik wie mit einem fertigen Rezept operierte, vergessen worden zu sein. Da Adornos Versuch, seinen Stuttgarter Vortrag in Darmstadt diskutieren zu lassen, an mangelnder Zeit gescheitert war, benutzte er seine Vorlesungen über den jungen Schönberg, um diese Diskussion dennoch zu beginnen.

1958, im vierten Heft der »Reihe«, dem quasi offiziellen Organ der seriellen Schule, erschien eine Polemik, die Heinz-Klaus Metzger mit dem gegen Adornos musikphilosophisches chef-d´Œuvre gerichteten Titel »Das Altern der Philosophie der Neuen Musik« geschrieben hat und in der jene Musik, an der Adorno Symptome des Alterns diagnostiziert hatte, in Schutz genommen wurde. Ursprünglich verfolgte Adorno den Plan, bei Gelegenheit seiner Darmstädter Vorlesung »eingehend, und möglichst mit Analysen, Metzgers Arbeit zu besprechen«. Dazu ist es zwar nicht gekommen – unter anderem deshalb nicht, weil die Kompositionen, auf die Metzger sich stützte, kaum zugänglich und zum Teil nur erst fragmentarisch vorhanden waren. Adorno und sein, in musicis ohne jede Frage begabtester Schüler Metzger trugen ihre Kontroverse schließlich außerhalb Darmstadts aus, in einer Diskussion im Westdeutschen Rundfunk und in weiteren Aufsätzen Metzgers, der am Ende freilich einräumen mußte, daß jene Komponisten, die er zunächst verteidigt hatte, sich beeilt hätten, »die Partituren nachzuliefern, an denen Adornos Kritik sich gewährt«. – Die vorliegende Aufnahme seines Vortrags wurde am 15.2.1955 vom Hessischen Rundfunk übertragen.

Zur Grundfrage der gegenwärtigen Gesellschaftsstruktur



Am 8.4.1968 hielt Adorno als scheidender Vorsitzender der Deutschen Gesellschaft für Soziologie auf dem 16. Deutschen Soziologentag in Frankfurt am Main den Einleitungsvortrag; der Vortrag wie der Soziologentag insgesamt hatten die Frage »Spätkapitalismus oder Industriegesellschaft?« zum Thema gemacht. Mit diesem, im Vorjahr seines Todes gehaltenen Vortrag, in dem wie kaum irgendwo sonst Adornos Theorie der Gesellschaft zusammengefaßt ist, wies er provozierend über die Soziologie als wissenschaftliche Einzeldisziplin hinaus; er stellte das enge und gespannte Verhältnis der Soziologie zur Politik ausdrücklich in den Vordergrund, an welches denn auch immer wieder die Diskussionsbeiträge auf dem Soziologentag, insbesondere die studentischen, sich ankristallisierten. Nach Adornos Theorie wären die entwickelten westlichen Gesellschaften nicht als Industriegesellschaften oder als Spätkapitalismus zu verstehen: sie seien beides ineinander und durcheinander.

Adornos Vortrag blieb weit davon entfernt, die Fragestellung des Soziologentages nach dem Schema des Entweder-Oder entscheiden zu wollen. Die von ihm verfochtene kritisch-dialektische Theorie überzieht die zu beobachtenden Fakten nicht mit bloßem Ordnungsschemata, sie systematisiert sie nicht nur, sondern sie versucht sie abzuleiten aus gesellschaftlichen Strukturgesetzen, die zwar nicht wie soziale Einzeldaten dingfest zu machen sind, die aber dennoch an Objektivität hinter diesen nicht zurückstehen. Adornos Vortrag ist ein Modell seines Denkens überhaupt; sowohl in sachlich-inhaltlicher Hinsicht wie auch in erkenntnistheoretischer ließe sich an ihm zeigen, was Adorno unter Kritischer Theorie verstanden hat. – Von dem Vortrag stellte Adorno eine von ihm selber so genannte »Rundfunkfassung« her, die auch hektographiert verbreitet worden ist. Sie stellt – ein wahrscheinlich einziger Fall in der literarischen Produktion Adornos – eine Version dar, in der der Autor durch sprachliche Vereinfachungen, selbst durch die Verdeutschung von Fremdwörtern dem Publikum des Rundfunks entgegenzukommen versuchte. Unsere Aufnahme wurde am 4.6.1968 vom Abendstudio des Hessischen Rundfunks übertragen.

»Erziehung zur Mündigkeit« - Gespräch mit Hellmut Becker



Einen nicht kleinen Teil von Adornos Arbeiten für den Rundfunk machten die Gespräche und Diskussionen aus, die er mit anderen geführt hat: unter seinen Gesprächspartnern und –kontrahenten waren Eugen Kogon und Carl Linfert, Karl Kerényi und Elias Canetti, Ernst Bloch und Arnold Gehlen. In diesen mehr oder minder improvisierten Diskussionen, der unvergleichlicher Meister Adorno gewesen ist, erwies er sich als ein bedeutender Pädagoge. Zwar war er »sich dessen bewußt, daß in seiner Art von Wirksamkeit gesprochenes und geschriebenes Wort noch weiter auseinandertreten als heute wohl durchweg. Spräche er so, wie er um der Verbindlichkeit der sachlichen Darstellung willen schreiben muß, er bliebe unverständlich.« Nicht zuletzt politische Motive, die Verantwortung des Bürgers für seine Gesellschaft, ließen ihn dennoch das Verstandenwerden durch den Hörer suchen. Wie Kant hat auch Adorno einen Primat der praktischen Vernunft gekannt, dem er einmal sogar die Fassung eines kategorischen Imperativs zu geben wußte: »Hitler hat den Menschen im Stande ihrer Unfreiheit einen neuen kategorischen Imperativ aufgezwungen: ihr Denken und Handeln so einzurichten, daß Auschwitz nicht sich wiederhole, nichts Ähnliches geschähe.«


Im Grunde war es diese Überlegung der »Negativen Dialektik«, die Adorno immer wieder vor das Mikrophon des Radios geführt hat; ganz bestimmt gilt das für Adornos Gespräche mit dem ihm befreundeten Bildungsforscher Hellmut Becker, die für eine Sendereihe des Hessischen Rundfunks mit dem Titel »Bildungsfragen der Gegenwart« entstanden. – Das Gespräch über Erziehung zur Mündigkeit wurde am 16. Juli 1969 in Frankfurt aufgenommen; es war Adornos letzte Arbeit überhaupt. Zwei Tage nach der Aufnahme schrieb er in einem Brief: »Ich geriet bei dem Gespräch mit Hellmut Becker in eine Art aggressiver Euphorie. Ich glaube, ich habe noch nie mit solcher Schärfe öffentlich gesprochen, und er mußte nolens volens dabei mittraben.« Gesendet worden ist das Gespräch zuerst am 13.8.1969, eine Woche nach Adornos Tod.

Als Max Horkheimer, von dem Adorno wiederholt gesagt hat, daß ihrer beider Philosophien identisch seien, am Grab des acht Jahre jüngeren Freundes stand, sagte er: »Adornos Werk wird leben, solange es Menschen gibt, deren Denken nicht einzig um exakte Kenntnis, sondern darüber hinaus um Wahrheit bemüht ist, Wahrheit in dem Sinn, die Kenntnisse so auszudrücken, daß ihre Formulierung zum rechten Urteil über das schlechte Bestehende führt. Die Werke Adornos, deren Tiefe und historische Aktualität seiner kaum zu fassenden unermüdlichen Hingabe, seiner einzigartigen schriftstellerischen Kraft entsprangen, zeugen für die kritische Theorie, mag sie wie andere bedeutsame Lehren noch so entstellt und mißbraucht werden.«

Aber wie die Hoffnung auf eine veränderte Gesellschaft in den siebziger Jahren sich zunehmend als trügerisch erweisen sollte, so scheint die Philosophie Adornos unterdessen einer Furie des Verschwindens anheimgefallen. Zum letzten Mal Philosophie: mit der Kafka nachgebildeten Formulierung könnte die Adornosche einmal in der Geschichte der Philosophie charakterisiert werden. Adorno wäre es wohl recht gewesen, hat er doch früh darauf bestanden, daß »nicht die Erste Philosophie an der Zeit ist sondern eine letzte.« Und ein solcher Augenblick mag am Ende einer erneuten Lektüre der Schriften Adornos nicht nur ungünstig sein.

Quelle: Rolf Tiedemann, im Booklet


Rezension der CD Box bei Perlentaucher

Eine weitere Rezension bei kultur-online

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Dem Infoset liegen Texte der Vorträge »Was bedeutet Aufarbeitung der Vergangenheit?« und »Der Jargon der Eigentlichkeit« bei, sowie der Artikel von Jürgen Vogt »Empirische Forschung in der Musikpädagogik ohne Positivismusstreit? Zum 100. Geburtstag Theodor W. Adornos«.

CD Info & Scans (Tracklist, Covers, Booklet, Music Samples, Pictures) 119 MB
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Kommentare:

Anonym hat gesagt…

herzlichst

Nyctibatrachus hat gesagt…

Wäre es möglich, diese Aufnahme wieder hochzuladen?

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