20. Juli 2015

Johann David Heinichen: Dresden Concerti (Musica Antiqua Köln)

Um den Beinamen »Venedig des Nordens« streiten viele Städte: Immer dort, wo Wasser und dementsprechend viele Brücken sind, wird das Attribut beansprucht. »Florenz« hingegen ist ein innerer Wert, der wenig mit Wasser und Brücken zu schaffen hat - und so gibt es auch keinen ernsthaften Streit um das »Florenz des Nordens«: Es gibt nur noch »Elb-Florenz« Dresden, die grandiose deutsche Hauptstadt der Künste, die Residenz der sächsischen Kurfürsten, jener einstigen Schutzherren der deutschen Reformation, die 1697 aus verständlicher Machtbegierde plötzlich zum katholischen Glauben konvertiert waren und so in den Besitz der polnischen Wahlkrone und eines gigantischen Reiches gelangten.

Als Johann Gottfried Herder das inhaltsreiche Schlagwort »Elb-Florenz« prägte, war Dresdens politische und wirtschaftliche Hoch-Zeit bereits vorüber: Brandenburg-Preußen hatte sich mit Waffengewalt an die Spitze der deutschen Kurfürstentümer gekämpft, und man verwaltete in Dresden nur mehr jene Schätze, die in der Zeit der kurfürstlich-sächsisch-königlich-polnischen Personalunion angehäuft worden waren - diese großartigen Schätze, die Dresdens Anspruch auf kulturelle Ebenbürtigkeit zu Wien bis in die aktuelle Zeit untermauern und auch den abschätzigen Blick auf Berlin als Parvenu-Polis allemal rechtfertigen.

August der Starke wusste von der Wichtigkeit wirtschaftlicher Prosperität für sein ererbtes Land und verzichtete bei seiner Konversion bewusst auf das verbriefte Recht »cuius regio, eius religio«: Sachsen, Land und Leute, selbst die Kurfürstin Christiane Eberhardine blieben lutherisch, während ansonsten die gesamte Herrscherdynastie in den Schoß der allein seligmachenden Kirche zurückkehrte.

August der Starke wusste auch um den einzigartigen Rang der kulturellen Werte: Verschanzten sich vergleichbare Herrscher privatissime in ihren Bildergalerien und Kunstkammern, so entwarf August eigenhändig Galerien und Museumsbauten, in denen sein - also der staatliche - Kunstbesitz ausgestellt und zugänglich gemacht werden sollte.

August der Starke und sein Sohn und Nachfolger Kurfürst Friedrich August II. (bzw. König August III. von Polen) sammelten nicht nur Raffael und Tizian, alte Meister also, sondern gerade auch zeitgenössische Kunst - und Werke begnadeter Kunsthandwerker. Die Schaukästen der Dresdener und weiterer Museen quellen über von jenen Kunstwerken in Elfenbein, Gold, Marmor und Porzellan, die die Hofkünstler im direkten Auftrag und auch freiwillig zur zeitlosen Ehre ihres Herrschers schufen.

Mit ebenso bemerkenswertem Spürsinn wurde am Dresdener Hof ein Orchester zusammengestellt, dessen instrumentale Qualitäten nördlich der Alpen unübertroffen waren und für das die Zeitgenossen nur allzu gern komponierten: Mehr oder minder ungebeten dienten sich den Dresdener »Hertzens-Freunden« Albinoni, Vivaldi, Fasch, Telemann - um nur die bedeutendsten zu nennen - mit »Concerti per l'orchestra di Dresda« oder hochvirtuoser Kammermusik an. Und selbst Johann Sebastian Bach erbot sich 1733 in der Widmung zu »Kyrie und Gloria«, dem Kernstück der späteren h-moll-Messe, »in schuldigstem Gehorsam, iedesmahl. auf Ew. Königlichen Hoheit gnädigstes Verlangen, in Componierung der Kirchen Musique sowohl als zum Orchestre meinen unermüdeten Fleiß zu erweisen … «

August der Starke im Harnisch
(Gemälde auf Burg Stolpen) [Quelle]
Dresden war zweifellos das Ziel von Johann Sebastian Bachs geheimsten Wünschen. Aber man entschied sich für eine modernere Richtung: Mit dem in Italien trainierten Johann Adolf Hasse sicherte August III. sich einen Künstler von europäischem Rang, der besonders dem königlichen Bedürfnis nach Opern vollauf Genüge leisten konnte. Die bislang führende Instrumentalmusik trat in der Ära Hasse - August III. merklich in den Hintergrund und in der zweiten Hälfte des Jahrhunderts bezeugen dann die rührenden Briefe Pisendels an Telemann den Niedergang des Ensembles, die Transformation vom autonomen Virtuosenorchester zum Opernensemble: Mannheims Orchester, die »Armee von Generälen«, trat - wenn auch nur für eine kurze Generation - die Nachfolge des Dresdener Ensembles an.

1733 und auch früher bedurfte man in Dresden kaum eines Johann Sebastian Bach: Mitglieder der Kapelle, allen voran, als Dienstältester, Kapellmeister Johann Christoph Schmidt, dann die Geiger Pantaleon Hebenstreit, Johann Georg Pisendel und zeitweise Francesco Veracini, die Flötisten Pierre Gabriel Buffardin und sein Schüler Johann Joachim Quantz, der Organist Giovanni Alberto Ristori, der überaus gelehrte Violonespieler Jan Dismas Zelenka, Konzertmeister Jean Baptiste Woulmyer (Volumier), der Lautenist Silvius Leopold Weiß und bis zu seinem Tode 1729 der große Theoretiker Johann David Heinichen - sie alle komponierten selbst und bedachten »ihr« Ensemble mit bisweilen unerhört virtuosen Werken.

Als besondere Spielart, als geradezu typisch Dresdener Variante des gängigen italienischen Konzerts wurde das »Concerto per molti strumenti« entwickelt und gepflegt: Kammerkonzerte und grandios überhöhte Sonaten für bis zu zehn Solisten, Solokonzerte für bis zu fünf Solisten und Ripieno sowie groß angelegte Suiten-Konzerte mit von Satz zu Satz wechselnden Solisten, Werke allemal, die die üblichen Form- und Gattungsbegriffe sprengen, sind in den Beständen der heutigen Sächsischen Landesbibliothek trotz der Kriegsverluste reichlich vorhanden.

Erstaunlich ist, dass bei allen Versuchen, die Bach-Zeit transparent zu machen, niemand bislang dem Schaffen Johann David Heinichens mehr als nur eine akustische Fußnote widmete. Persönliche Vorlieben mögen entscheidend dafür gewesen sein, dass man in den Kompositionen des Tschechen Jan Dismas Zelenka einen gewichtigen Gegenpart zum Schaffen Bachs gesehen hat. Zweifellos großartig - aber kaum repräsentativ für den reinen Dresdener Stil - sind seine Instrumentalwerke, deren immer gesucht wirkende grüblerische Genialität wie ein Ausdruck tiefster persönlicher Krisen anmutet: Dass der pragmatische starke August den Rangerhöhungsgesuchen des Jesuitenzöglings Zelenka nie nachgab, wundert kaum.

Der Protestant Heinichen hingegen war ein vollkommener Diener seines katholischen Herrn; niemand hätte dem Sohn eines evangelischen Pastors an der Wiege gesungen, dass er einmal über die Stationen Thomasschule, Studium bei Johann Kuhnau und Studium der Rechte an der Universität Leipzig zum Hofkapellmeister in Dresden aufrücken sollte. 1706 zog sich Heinichen - nach vielversprechenden Opernerfolgen im bürgerlichen Leipziger Musikleben - auf eine Anwaltspraxis in Weißenfels, der Residenz einer sächsischen Nebenlinie, zurück, fand sich aber für die Opernsaison 1709/10 wieder in Leipzig ein. Ein erneuter Rückzieher führte ihn nach Italien, wo er zeitweise in Diensten des sich auf »grand tour« befindenden Leopold von Anhalt-Köthen stand, letztlich aber dessen Angebot eines Hofamtes in Köthen ablehnte und 1716 in Venedig vom sächsischen Kurprinzen für den Dresdener Hof engagiert wurde.

Heinichen trat sein Hofamt 1717 an. In den zwölf Jahren bis zu seinem Tod schrieb er eine Oper, fünf Serenaten, fünfzig katholische Kirchenmusiken, sechzig italienische Kantaten und die Concerti »per l'orchestra di Dresda«, die hier erstmals komplett vorgelegt werden.

August III. von Polen (Gemälde von Pietro Rotari,
 1755, Dresden Gemäldegalerie) [Quelle]
Was Zelenka zu viel an Kopf hat, mag Heinichen manchmal an Gefühl zu viel haben - erstaunlich bleibt immerhin, dass es möglich ist, in der beinahe restlos durchgeforsteten und hinlänglich bekannten Musikwelt des Spätbarock, gar innerhalb des deutschen Dreiecks Bach-Telemann-Händel, noch einen deutschen Komponisten mit bedeutenden, bemerkenswerten Eigenarten zu entdecken.

Heinichens Kompositionen sind nach den auch heute noch gültigen Regeln des Tonsatzes Meisterstücke; jedes Werk trägt eine durchaus eigene Handschrift. Dreisätzige, viersätzige, fünfsätzige Konzerte, solche mit Suitenanhang oder -innenleben: Heinichen setzte seiner Erfindungslust weder inhaltlich noch formal oder gar klanglich irgendwelche Grenzen.

Die strenge Schule des 17. Jahrhunderts findet ihren Niederschlag in meistens zwei Violenpartien, an denen Heinichen auch dann festhält, wenn er - neuerem Geschmack huldigend - die Violinen nach venezianischer Art unisono führt. Die Themen der schnellen Kopfsätze entstehen bisweilen durch Reihung kontrastierender Kleinmotive oder aber auch durch rastloses Umdrehen und Spiegeln lediglich eines Motivs. In den Ritornellen der ersten Art schafft Heinichen zusätzliche Belebung durch komplizierte Harmonik und teilweise äußerst virtuose Behandlung der Basspartie , den moderneren Ritornellen der zweiten Art gibt er zusätzlichen übergreifenden Zusammenhang und stürmischen Impetus durch einfache Trommelbässe. Eigentliche Meisterstücke von klanglicher Variabilität sind die langsamen Sätze. Hier reicht die Bandbreite von glückseligen Tuttisätzen mit Hörnern und Flöten und schwermütigen Quartettsätzen über schwingende Siciliani bis hin zu mittelschnellen Virtuoso-Sätzen und Piecen eindeutig deskriptiven Inhalts: Wirklichkeit durch kunstvollen Einsatz fremder - aber geeigneter - Mittel zu suggerieren war der gehobenen Kultur höfischen Barocks nahezu ein Grundanliegen.

Zu den reinen »Concerti per l'orchestra di Dresda« und dem venezianischen Festkonzert von 1717 - aufgrund dessen Heinichen möglicherweise vom Kurprinzen in Venedig für Dresden unter Vertrag genommen wurde - haben wir auch die spärlicher besetzten Darmstädter Sekundärfassungen aufgenommen; mit der Ouvertüre zur »Serenata di Moritzburg« und der dem Hofkirchen-Repertoire entstammenden »Sonata A-dur« zeigen wir, wie nah sich doch die weltliche Festmusik und kirchliche Alltagsdekoration gestanden haben. Das fragmentarisch überlieferte Doppelkonzert für Violine und Oboe in c-moll hingegen, das wir aufgrund seiner hohen kompositorischen Qualität als »amuse-oreille« mit eingespielt haben, steht letztlich nicht nur aufgrund seiner Tonart außerhalb der Reihe: Es zeigt, dass Heinichen auch die besondere »Stilhöhe« des rhetorisch begründbaren deutschen Konzerts beherrschte, die sich selbst und ihren eigenen Regeln genügende und verpflichtete Kunst, aus dem Nichts ein Spannungsfeld aufzubauen, durchzuführen und sinnvoll abzuschließen.

Will man die Festkultur des augusteischen Dresden, jene ungemein friedfertige deutsche Art des Absolutismus verstehen, so muss man die Konzerte Johann David Heinichens hören: Realistisch-geradeaus, ungemein energisch und prachtvoll, bisweilen lieblich, aber nie gebrochen oder selbstverliebt den repräsentativen Zweck aus dem Auge verlierend, sind sie ein Abbild jener Zeit, auch jenes selbstbewusst-grandiosen Lebensgefühls, das August den Starken und seinen Sohn beseelte und auch auf ihre Untertanen ausstrahlte - und selbst heute noch ein gewisses Überlegenheitsgefühl der kunstverständigen Sachsen gegenüber den corpsgeistverpflichteten Preußen begründet.

Quelle: Reinhard Goebel, im Booklet

Bernardo Bellotto: Ansicht von Dresden, Der alte Wassergraben des Zwingers, von der Orangerie Richtung Stadt aus gesehen, um 1752. 133 x 235 cm, Dresden Gemäldegallerie

TRACKLIST

Johann David Heinichen
(1683-1729)

Dresden Concerti

Musica Antiqua Köln, dir. Reinhard Goebel


CD 1                                                                      70:47

Concerto in F major (F-dur - en fa majeur) Seibel 234*                     8:32

[01] 1. Vivace                                                   2:32
[02] 2. Adagio                                                   0:44
[03] 3. Un poco Allegro                                          2:23 
[04] 4. Allegro                                                  2:53

horn I/II, violin solo, oboe solo, transverse flute solo; 
strings, 3 oboes, basso continuo 

Concerto in F major (F-dur - en fa majeur) Seibel 235                     16:37

[05] 1. Vivace                                                   4:16
[06] 2. Andante                                                  2:25
[07] 3. Presto                                                   3:34
[08] 4. Alla breve                                               3:31
[09] 5. Allegro                                                  2:51

oboe solo, violin solo, transverse flute I/II, horn I/II; 
strings, 2 oboes, 2 recorders, 2 transverse flutes. basso continuo 

Concerto in G major (G-dur - en sol majeur) Seibel 215                    12:03

[10] 1. Andante e staccato                                       3:16
[11] 2. Vivace                                                   3:07
[12] 3. Largo                                                    2:12
[13] 4. Allegro - 2/4                                            3:28

recorder I/II, oboe I/II, violin solo; strings, basso continuo 

Concerto in G major (G-dur - en sol majeur) Seibel 214 (Darmstadt 1715)    8:37

[14] 1. Vivace                                                   2:35
[15] 2. Largo                                                    2:40
[16] 3. Allegro                                                  3:22

transverse flute I/II, oboe I/II, violin solo; strings, basso continuo 

Concerto in D major (D-dur - en ré majeur) Seibel 226                      8:54

[17] 1. Allegro molto                                            3:18
[18] 2. Adagio                                                   2:48
[19] 3. Allegro                                                  2:48

transverse flute, oboe, violin, cello, theorbo; strings, basso continuo 

Concerto in G major (G-dur - en sol majeur) Seibel 213                    15:32

[20] 1. Allegro                                                  2:39
[21] 2. Larghetto                                                3:05
[22] 3. Allegro                                                  3:17
[23] 4. Entree                                                   1:35
[24] 5. Loure. Cantabile                                         1:43
[25] 6. Tempo di Menuet - Air italienne                          3:13

violin solo, transverse flute I/II, oboe I/II (recorder); strings, basso continuo 

* Seibel: = G. Seibel, Das Leben des königl. polnischen und kurfürstl. sächs. 
Hofkapellmeisters Johann David Heiniehen, Leipzig 1813 

CD 2                                                                      66:01 

Concerto in F major (F-dur - en fa majeur) Seibel 233                      8:35

[01] 1. Allegro                                                  3:11
[02] 2. Andante più tosto un poco Allegro                        2:11
[03] 3. Presto                                                   3:13

horn I/II, transverse flute I/II strings, 2 oboes, basso continuo 

Concerto in C major (e-dur - en ut majeur) Seibel 211                      8:00

[04] 1. Allegro                                                  2:16
[05] 2. Pastorell                                                2:33 
[06] 3. Adagio                                                   1:09
[07] 4. Allegro assai                                            2:02

recorder I-III, strings, 2 oboes, 2 transverse flutes, basso continuo 

Concerto in F major (F-dur - en fa majeur) Seibel 231                      6:51

[08] 1. Vivace                                                   2:20
[09] 2. Arioso                                                   2:50
[10] 3. Allegro                                                  1:41

horn I/II, transverse flute I/II, strings, 2 oboes, basso continuo 

Concerto in F major (F-dur - en fa majeur) Seibel 232                      7:52  

[11] 1. Allegro                                                  2:26   
[12] 2. Andante                                                  3:08   
[13] 3. [Allegro]                                                2:18   
         
transverse flute I/II, oboe solo I/II, bassoon I/II, violin solo, cello I/II,     
strings, 2 oboes, basso continuo     

Concerto in G major (G-dur - en sol majeur) Seibel 217                    14:50   

[14] 1. Allegro                                                  3:35   
[15] 2. Largo e staccato                                         2:40   
[16] 3. Grave                                                    1:56   
[17] 4. Allegro                                                  6:39   

transverse flute I/II, violin solo I/II, cello solo I/II, bassoon solo I/II,     
strings, 2 oboes, basso continuo     

Concerto in G major (G-dur - en sol majeur) Seibel 214 (Venezia 1715)     9:28   
 
[18] 1. Vivace                                                   2:58   
[19] 2. Andante e staccato                                       3:03   
[20] 3. Vivace                                                   3:27

transverse flute I/II, oboe I/II, violin solo; strings, 2 oboes, basso continuo

Serenata di Moritzburg (F-dur - en fa majeur) Seibel 204     

[21] Allegro - Adagio - Allegro                                            3:02

horn I/II, transverse flute I/II, oboe I/II, strings, basso continuo       

Concerto in A major (A-dur - en la majeur) Seibel 208                      3:16

[22] 1. Allegro                                                  1:39
[23] 2. Adagio e staccato                                        0:47
[24] 3. Allegro                                                  0:50

horn I/II, violin solo, oboe solo, transverse flute solo; 
strings, 3 oboes, basso continuo 

Concert Movement in C minor Seibel 240 
Konzertsatz c-moll - Mouvement de concert en ut mineur 

[25] Vivace                                                                3:04 

oboe solo, violin solo; strings, basso continuo 


Recording: Cologne, Deutschlandfunk, Sendesaal, 2 + 3/1992 
Executive Producers: Dr. Andreas Holschneider / Charlotte Kriesch 
Recording Producer: Arend Prohmann - Tonmeister (Balance Engineer): Andrew Wedman 
Recording Engineers: Jobst Eberhardt / Stephan Flock 

Cover Illustration: View of Dresden, painting by Bernardo Bellotto (Canaletto),
Dresden, Gemäldegalerie 

(P) 1993 

Dr. Katzenbergers Badereise


1. SUMMULA
Anstalten zur Badreise


"Ein Gelehrter, der den ersten Juli mit seiner Tochter in seinem Wagen mit eignen Pferden ins Bad Maulbronn abreiset, wünscht einige oder mehre Reisegesellschafter." - Dieses ließ der verwittibte ausübende Arzt und anatomische Professor Katzenberger ins Wochenblatt setzen. Aber kein Mensch auf der ganzen Universität Pira (im Fürstentume Zäckingen) wollte mit ihm gern ein paar Tage unter einem Kutschenhimmel leben; jeder hatte seine Gründe - und diese bestanden alle darin, daß niemand mit ihm wohlfeil fuhr als zuweilen ein hinten aufgesprungener Gassenjunge; gleichsam als wäre der Doktor ein ansässiger Posträuber von innen, so sehr kelterte er muntere Reisegefährten durch Zu- und Vor- und Nachschüsse gewöhnlich dermaßen aus, daß sie nachher als lebhafte Köpfe schwuren, auf einem Eilboten-Pferde wollten sie wohlfeiler angekommen sein und auf einer Krüppelfuhre geschwinder.

Daß sich niemand als Wagen-Mitbelehnter meldete, war ihm als Mittelmanne herzlich einerlei, da er mit der Anzeige schon genug dadurch erreichte, daß mit ihm kein Bekannter von Rang umsonst mitfahren konnte. Er hatte nämlich eine besondere Kälte gegen Leute von höherem oder seinem Range und lud sie deshalb höchst ungern zu Diners, Gouters, Soupers ein und gab lieber keine; leichter besucht' er die ihrigen zur Strafe und ironisch; - denn er denke (sagte er) wohl von nichts gleichgültiger als von Ehrengastereien, und er wolle ebensogern à la Fourchette des Bajonetts gespeiset sein, als feurig wetteifern mit den Großen seiner Stadt im Gastieren, und er lege das Tischtuch lieber auf den Katzentisch. Nur einmal - und dies aus halbem Scherz - gab er ein Gouter oder Degouter, indem er um fünf Uhr einer Gesellschaft seiner verstorbnen Frau seinen Tee einnötigte, der Kamillentee war. Man gebe ihm aber, sagte er, Lumpenpack, Aschenbrödel, Kotsassen, Soldaten auf Stelzfüßen, so wüßt er, wem er gern zu geben habe; denn die Niedrigkeit und Armut sei eine hartnäckige Krankheit, zu deren Heilung Jahre gehören, eine Töpfer- oder Topfkolik, ein nachlassender Puls, eine fallende und galoppierende Schwindsucht, ein tägliches Fieber; - venienti aber, sage man, currite morbo, d. h. man gehe doch dem herkommenden Lumpen entgegen und schenk ihm einen Heller, das treueste Geld, das kein Fürst sehr herabsetzen könne.

Bloß seine einzige Tochter Theoda, in der er ihres Feuers wegen als Vater und Witwer die vernachlässigte Mutter nachliebte, regte er häufig an, daß sie - um etwas Angenehmeres zu sehen als Professoren und Prosektoren - Teegesellschaften, und zwar die größten, einlud. Er drang ihr aber nicht eher diese Freude auf, als bis er durch Wetterglas, Wetterfisch und Fußreißen sich völlig gewiß gemacht, daß es gegen Abend stürme und gieße, so daß nachher nur die wenigen warmen Seelen kamen, die fahren konnten. Daher war Katzenbergers Einwilligen und Eingehen in einen Tee eine so untrügliche Prophezeiung des elenden Wetters als das Hinuntergehen des Laubfrosches ins Wasser. Auf diese Weise aber füllte er das liebende Herz der Tochter aus; denn diese mußte nun, nach dem närrischen Kontrapunkt und Marschreglement der weiblichen Visitenwelt, von jeder einzelnen, die nicht gekommen war, zum Gutmachen wieder eingeladen werden; und so konnte sie oft ganz umsonst um sieben verschiedne Teetische herumsitzen, mit dem Strumpf in der Hand. Indes erriet die Tochter den Vater bald und machte daher ihr Herz lieber bloß mit ihrer innersten einzigen Freundin Bona satt.

Auch für seine Person war Katzenberger kein Liebhaber von persönlichem Umgang mit Gästen: "Ich sehe eigentlich", sagte er, "niemand gern bei mir, und meine besten Freunde wissen es und können es bezeugen, daß wir uns oft in Jahren nicht sehen; denn wer hat Zeit? - Ich gewiß nicht." Wie wenig er gleichwohl geizig war, erhellt daraus, daß er sich für zu freigebig ansah. Das wissenschaftliche Licht verkalkte nämlich seine edeln Metalle und äscherte sie zu Papiergeld ein; denn in die Bücherschränke der Ärzte, besonders der Zergliederer, mit ihren Foliobänden und Kupferwerken leeren sich die Silberschränke aus, und er fragte einmal ärgerlich: "Warum kann das Pfarrer- und Poetenvolk allein für ein Lumpengeld sich sein gedrucktes Lumpenpapier einkaufen, das ich freilich kaum umsonst haben möchte?" - Wenn er vollends in schönen Phantasien sich des Pastors Göze Eingeweidewürmerkabinett ausmalte - und den himmlischen Abrahamsschoß, auf dem er darin sitzen würde, wenn er ihn bezahlen könnte - und das ganze wissenschaftliche Arkadien in solchem Wurmkollegium, wovon er der Präsident wäre -, so kannte er, nach dem Verzichtleisten auf eine solche zu teuere Brautkammer physio- und pathologischer Schlüsse, nur ein noch schmerzlicheres und entschiedeneres, nämlich das Verzichtleisten auf des Berliner Walters Präparatenkabinett, für ihn ein kostbarer himmlischer Abrahamstisch, worauf Seife, Pech, Quecksilber, Öl und Terpentin und Weingeist in den feinsten Gefäßen von Gliedern aufgetragen wurden samt den besten trockensten Knochen dazu; was aber half dem anatomischen Manne alles träumerische Denken an ein solches Feld der Auferstehung (Klopstockisch zu singen), das doch nur ein König kaufen konnte? -

Der Doktor hielt sich daher mit Recht für freigebig, da er, was er seinem Munde und fremdem Munde abdarbte, nicht bloß einem teuern Menschenkadaver und lebendigen Hunde zum Zerschneiden zuwandte, sondern sogar auch seiner eignen Tochter zum Erfreuen, soweit es ging.

Dieses Mal ging es nun mit ihr nach dem Badort Maulbronn, wohin er aber reisete, nicht um sich - oder sie - zu baden oder um da sich zu belustigen, sondern sein Reisezweck war die

2. SUMMULA
Reisezwecke


Katzenberger machte statt einer Lustreise eigentlich eine Geschäftreise ins Bad, um da nämlich seinen Rezensenten beträchtlich auszuprügeln und ihn dabei mit Schmähungen an der Ehre anzugreifen, nämlich den Brunnenarzt Strykius, der seine drei bekannten Meisterwerke - den Thesaurus Haematologiae, die de monstris epistola, den fasciculus exercitationum in rabiem caninam anatomico-medico-curiosarum - nicht nur in sieben Zeitungen, sondern auch in sieben Antworten oder Metakritiken auf seine Antikritiken überaus heruntergesetzt hatte.

Indes trieb ihn nicht bloß die Herausgabe und kritische Rezension, die er von dem Rezensenten selber durch neue Lesarten und Verbesserung der falschen vermittelst des Ausprügelns veranstalten wollte, nach Maulbronn, sondern er wollte auch auf seinen vier Rädern einer Gevatterschaft entkommen, deren bloße Verheißung ihm schon Drohung war. Es stand die Niederkunft einer Freundin seiner Tochter vor der Türe. Bisher hatte er hin und her versucht, sich mit dem Vater des Droh-Patchens (einem gewissen Mehlhorn) etwas zu überwerfen und zu zerfallen, ja sogar dessen guten Namen ein bißchen anzufechten, eben um nicht den seinigen am Taufsteine herleihen zu müssen. Allein es hatte ihm das Erbittern des gutmütigen Zollers und Umgelders Mehlhorn nicht besonders glücken wollen, und er machte sich jede Minute auf eine warme Umhalsung gefaßt, worin er die Gevatterarme nicht sehr von Fangkloben und Hummerscheren unterscheiden konnte. Man verüble dem Doktor aber doch nicht alles; erstlich hegte er einen wahren Abscheu vor allen Gevatterschaften überhaupt, nicht bloß der Ausgaben halber - was für ihn das wenigste war, weil er das wenigste gab -, sondern wegen der geldsüchtigen Willkür, welche ja in einem Tage zwanzig Mann stark von Kreißenden alles Standes ihn anpacken und aderlassend anzapfen konnte am Taufbecken. Zweitens konnt er den einfältigen Aberglauben des Umgelders Mehlhorn nicht ertragen, geschweige bestärken, welcher zu Theoda, da unter dem Abendmahlgenuß gerade bei ihr der Kelch frisch eingefüllt wurdet, mehrmal listig-gut gesagt hatte: "So wollen wir doch sehen, geliebt's Gott, meine Mademoiselle, ob die Sache eintrifft und Sie noch dieses Jahr zu Gevatter stehen; ich sage aber nicht, bei wem." - Und drittens wollte Katzenberger seine Tochter, deren Liebe er fast niemand gönnte als sich, im Wagen den Tagopfern und Nachtwachen am künftigen Kindbette entführen, von welchen die Freundin selber sie sonst, wie er wußte, nicht abbringen konnte. Bin ich und sie aber abgeflogen, dacht er, so ist's doch etwas, und die Frau mag kreißen.

3. SUMMULA
Ein Reisegefährte


Wider alle Erwartung meldete sich am Vorabend der Abreise ein Fremder zur Mitbelehnschaft des Wagens.

Während der Doktor in seinem Mißgeburtenkabinette einiges abstäubte von ausgestopften Tierleichen, durch Räuchern die Motten (die Teufel derselben) vertrieb und den Embryonen in ihren Gläschen Spiritus zu trinken gab, trat ein fremder feingekleideter und feingesitteter Herr in die Wohnstube ein, nannte sich Herr von Nieß und überreichte der Tochter des Doktors, nach der Frage, ob sie Theoda heiße, ein blaueingeschlagenes Briefchen an sie; es sei von seinem Freunde, dem Bühnendichter Theudobach, sagte er. Das Mädchen entglühte hochrot und riß zitternd mit dem Umschlag in den Brief hinein (die Liebe und der Haß zerreißen den Brief, so wie beide den Menschen verschlingen wollen) und durchlas hastig die Buchstaben, ohne ein anderes Wort daraus zu verstehen und zu behalten als den Namen Theudobach. Herr von Nieß schaute unter ihrem Lesen scharf und ruhig auf ihrem geistreichen beweglichen Gesicht und in ihren braunen Feueraugen dem Entzücken zu, das wie ein weinendes Lächeln aussah; einige Pockengruben legten dem beseelten und wie Frühlingbüsche zart- und glänzend-durchsichtigen Angesicht noch einige Reize zu, um welche der Doktor Jenner die künftigen Schönen bringt. "Ich reise", sagte der Edelmann darauf, "eben nach dem Badeorte, um da mit einer kleinen deklamierenden und musikalischen Akademie von einigen Schauspielen meines Freundes auf seine Ankunft selber vorzubereiten." Sie blieb unter der schweren Freude kaum aufrecht; den zarten, nur an leichte Blüten gewohnten Zweig wollte fast das Fruchtgehänge niederbrechen. Sie zuckte mit einer Bewegung nach Nießens Hand, als wollte sie die Überbringerin solcher Schätze küssen, streckte ihre aber - heiß und rot über ihren, wie sie hoffte, unerratenen Fehlgriff - schnell nach der entfernten Türe des Mißgeburtenkabinettes aus und sagte: "Da drin ist mein Vater, der sich freuen wird."

Er fuhr fort, er wünsche eben ihn mehr kennenzulernen, da er dessen treffliche Werke, wiewohl als Laie, gelesen. Sie sprang nach der Türe. "Sie hörten mich nicht aus", sagte er lächelnd; "da ich nun im Wochenblatte die schöne Möglichkeit gelesen, zugleich mit einer Freundin meines Freundes und mit einem großen Gelehrten zu reisen ..." Hier aber setzte sie ins Kabinett hinein und zog den räuchernden Katzenberger mit einem ausgestopften Säbelschnäbler in der Hand ins Zimmer. Sie selber entlief ohne Schal über die Gasse, um ihrer schwangern Freundin Bona die schönste Neuigkeit und den Abschied zu sagen.

Sie mußte aber jubeln und stürmen. Denn sie hatte vor einiger Zeit an den großen Bühnendichter Theudobach - der bekanntlich mit Schiller und Kotzebue die drei deutschen Horatier ausmacht, die wir den drei tragischen Curiatiern Frankreichs und Griechenlands entgegensetzen - in der Kühnheit des langen geistigen Liebetrankes der Jugendzeit unter ihrem Namen geschrieben, ohne Vater und Freundin zu fragen, und hatte ihm gleichsam in einem warmen Gewitterregen ihres Herzens alle Tränen und Blitze gezeigt, die er wie ein Sonnengott in ihr geschaffen und gesammelt hatte. Selig, wer bewundert und den unbekannten Gott schon auf der Erde als bekannten antrifft! - Im Briefchen hatte sie noch über ein umlaufendes Gerücht seiner Badreise nach Maulbronn gefragt und die seinige unter die Antriebe der ihrigen gesetzt. Alle ihre schönsten Wünsche hatte nun sein Blatt erfüllt.

4. SUMMULA
Bona


Bona, die Frau des Umgelders Mehlhorn, und Theoda blieben zwei Milchschwestern der Freundschaft, welche Katzenberger nicht auseinandertreiben konnte, er mochte an ihnen so viel scheidekünsteln, als er wollte. Theoda nun trug ihr brausendes Saitenspiel der Freude in die Abschiedstunde zur Freundin und reichte ihr Theudobachs Brief, zwang sie aber, zu gleicher Zeit dessen Inhalt durchzusehen und von ihr anzuhören. Bona suchte es zu vereinigen und blickte mehrmals zuhorchend zu ihr auf, sobald sie einige Zeilen gelesen: "So nimmst du gewiß einen recht frohen Abschied von hier?" sagte sie. "Den frohesten", versetzte Theoda. "Sei nur deine Ankunft auch so, du springfedriges Wesen! Bringe uns besonders dein beschnittenes aufgeworfnes Näschen wieder zurück und dein Backenrot! Aber dein deutsches Herz wird ewig französisches Blut umtreiben", sagte Bona. Theoda hatte eine Elsasserin zur Mutter gehabt. - "Schneie noch dicker in mein Wesenchen hinein!" sagte Theoda. "Ich tu es schon, denn ich kenne dich", fuhr jene fort. "Schon ein Mann ist im ganzen ein halber Schelm, ein abgefeinerter Mann vollends, ein Theaterschreiber aber ist gar ein fünfviertels Dieb; dennoch wirst du, fürchte ich, in Maulbronn vor deinem teuern Dichter mit deinem ganzen Herzen herausbrausen und -platzen und hundert ungestüme Dinge tun, nach denen freilich dein Vater nichts fragt, aber wohl ich."

"Wie, Bona, fürcht ich denn den großen Dichter nicht? Kaum ihn anzusehen, geschweige anzureden wag ich!" sagte sie. "Vor Kotzebue wolltest du dich auch scheuen und tatest doch dann keck und mausig", sagte Bona. - "Ach, innerlich nicht", versetzte sie.

Allerdings nähern die Weiber sich hohen Häuptern und großen Köpfen - was keine Tautologie ist - mit einer weniger blöden Verworrenheit als die Männer; indes ist hier Schein in allen Ecken; ihre Blödigkeit vor dem Gegenstande verkleidet sich in die gewöhnliche vor dem Geschlecht; - der Gegenstand der Verehrung findet selber etwas zu verehren vor sich - und muß sich zu zeigen suchen, wie die Frau sich zu decken; - und endlich bauet jede auf ihr Gesicht; man küßt manchem heiligen Vater den Pantoffel, unter den man ihn zuletzt selber bekommt, kann die jede denken.

"Und was wäre es denn", fuhr Theoda fort, "wenn ein dichtertolles Mädchen einem Herder oder Goethe öffentlich auf einem Tanzsaale um den Hals fiele?" -

"Tu es nur deinem Theudobach", sagte Bona, "so weiß man endlich, wen du heiraten willsti" - "Jeden - versprech ich dir -, der nachkommt; hab ich nur einmal meinen männlichen Gott gesehen und ein wenig angebetet, dann spring ich gern nach Hause und verlobe mich in der Kirche mit seinem ersten besten Küster oder Balgtreter und behalte jenen im Herzen, diesen am Halse."

Bona riet ihr, wenigstens den Herrn von Nieß, wenn er mitfahre, unterwegs recht über seinen Freund Theudobach auszuhorchen, und bat sie noch einmal um weibliche Schleichtritte. Sie versprach's ihr und deshalb noch einen täglichen Bericht ihrer Badreise dazu. Sie schien nach Hause zu trachten, um zu sehen, ob ihr Vater den Edelmann in seine Adoptionloge der Kutsche aufgenommen. Unter dem langen festen
Kusse, wo Tränen aus den Augen beider Freundinnen drangen, fragte Bona: "Wann kommst du wieder?" - "Wenn du niederkommst. - Meine Kundschafter sind bestellt. - Dann laufe ich im Notfalle meinem Vater zu Fuße davon, um dich zu pflegen und zu warten. Oh, wie wollt ich noch zehnmal froher reisen, wär alles mit dir vorüber." - Dies ist leicht möglich, dachte Bona im andern Sinne und zwang sich sehr, die wehmütigen Empfindungen einer Schwangern, die vielleicht zwei Todespforten entgegengeht, und die Gedanken: dies ist vielleicht der Abschied von allen Abschieden, hinter weinende Wünsche zurückzustecken, um ihr das schöne Abendrot ihrer Freude nicht zu verfinstern.

5. SUMMULA
Herr von Nieß


Wer war dieser ziemlich unbekannte Herr von Nieß? Ich habe vor, noch vor dem Ende dieses Perioden den Leser zu überraschen durch die Nachricht, daß zwischen ihm und dem Dichter Theudobach, von welchem er das Briefchen mitgebracht, eine so innige Freundschaft bestand, daß sie beide nicht bloß eine Seele in zwei Körpern, sondern gar nur in einem Körper ausmachten, kurz eine Person. Nämlich Nieß hieß Nieß, hatte aber als auftretender Bühnendichter um seinen dünnen Alltagnamen den Festnamen Theudobach wie einen Königmantel umgeworfen und war daher in vielen Gegenden Deutschlands weit mehr unter dem angenommenen Namen als unter dem eignen bekannt, so wie von dem hier schreibenden Verfasser vielleicht ganze Städte, wenn nicht Weltteile, es nicht wissen, daß er sich Richter schreibt, obgleich es freilich auch andre gibt, die wieder seinen Paradenamen nicht kennen. Gleichwohl gelangten alle Mädchenbriefe leicht unter der Aufschrift Theudobach an den Dichter Nieß - bloß durch die Oberzeremonienmeister oder Hofmarschälle der Autoren; man macht nämlich einen Umschlag an die Verleger.

Nun hatte Nieß als ein überall berühmter Bühnendichter sich längst vorgesetzt, einen Badeort zu besuchen, als den schicklichsten Ort, den ein Autor voll Lorbeeren, der gern ein lebendiges Pantheon um sich aufführte, zu erwählen hat, besonders wegen des vornehmen Morgentrinkgelags und der Maskenfreiheiten und des Kongresses des Reichtums und der Bildung solcher Örter. Er erteilte dem Bade Maulbronn, das seine Stücke jeden Sommer spielte, den Preis jenes Besuches; nur aber wollt er, um seine Abenteuer pikanter und scherzhafter zu haben, allda inkognito unter seinem eignen Namen Nieß anlangen, den Badegästen eine musikalische deklamatorische Akademie von Theudobachs Stücken geben und dann, gerade wenn der sämtliche Hörzirkel am Angelhaken der Bewunderung zappelte und schnalzte, sich unversehens langsam in die Höhe richten und mit Rührung und Schamröte sagen: ,Endlich muß mein Herz überfließen und verraten, um zu danken; denn ich bin selbst der weit überschätzte Theaterdichter Theudobach, der es für unsittlich hält, so aufrichtige Außerungen, statt sie zu erwidern, an der Türe der Anonymität bloß zu behorchen.' Dies war sein leichter dramatischer Entwurf. In einigen Zeitungen veranlaßte er deshalb noch den Artikel: Der bekannte Theaterdichter Theudobach werde, wie man vernehme, dieses Jahr das Bad Maulbronn gebrauchen.

Da es gegen meine Absicht wäre, wenn ich durch das Vorige ein zweideutiges Streiflicht auf den Dichter würfe, so versprech ich hier förmlich, weiter unten den Lauf der Geschichte aufzuhalten, um auseinanderzusetzen, warum ein großer Theaterdichter viel leichter und gerechter ein großer Narr wird als ein andrer Autor von Gewicht, wozu schon meine Beweise seines größern Beifalls, hoff ich, ausreichen sollen.

Jean Paul (1763-1825). Zeichnung von
Karl Christian Vogel von Vogelstein (1822)
Nieß wußte also recht gut, was er war, nämlich eine Bravourarie in der dichterischen Sphärenmusik, ein geistiger Kaisertee, wenn andere (z. B. viele unschuldige Leser dieses) nur braunen Tee vorstellen. Es ist überhaupt ein eignes Gefühl, ein großer Mann zu sein - ich berufe mich auf der Leser eignes - und den ganzen Tag in einem angebornen geistigen Cour- und Kuranzuge umherzulaufen; aber Nieß hatte dieses Gefühl noch stärker und feiner als einer. - Er konnte sein Haar nicht auskämmen, ohne daran zu denken, welchen feurigen Kopf der Kamm (seinen Anbeterinnen vielleicht so kostbar als ein Goldkamm) regle, lichte, egge und beherrsche, und wie ebenso manches Goldhaar, um welches sich die Anbeterinnen für Haarringe raufen würden, ganz gleichgültig dem Kamm in Zähnen steckenbleibe als sonst dem Mexiko das Gold. - Er konnte durch kein Stadttor einfahren, ohne es heimlich zu einem Triumphtor seiner selber und der Einwohner unter dem Schwibbogen auszubauen, weil er aus eigner jugendlicher Erfahrung noch gut wußte, wie sehr ein großer Mann labe - und sah daher zuweilen dem Namen-Registrator des Tors stark ins Gesicht, wenn er gesagt: "Theudobach", um zu merken, ob der Tropf jetzt außer sich komme oder nicht. - Ja er konnte zuletzt in Hotels voll Gäste schwer auf einem gewissen einsitzigen Orte sitzen, ohne zu bedenken, welches Eden vielleicht mancher mit ihm zugleich im Gasthofe übernachtenden Jünglingseele, die noch jugendlich die Autorachtung übertreibt, zuzuwenden wäre, wenn sie sich daraufsetzte und erführe, wer früher dagewesen. "Oh, so gern will ich jeden Winkel heiligen zum gelobten Lande für Seelen, die etwas aus meiner machen - und mit jedem Stiefelabsatze auf dem schlimmsten Wege wie ein Heiliger verehrte Fußstapfen ausprägen auf meiner Lebensbahn, sobald ich nur weiß, daß ich Freude errege."

Sobald Nieß Theodas Brief erhalten - worin die zufällige Hochzeit der Namen Theoda und Theudobach ihn auf beiden Fußsohlen kitzelte -, so nahm er ohne weiteres mit einer Hand voll Extrapostgeld den Umweg über Pira, um der Anbeterin, wie ein homerischer Gott, in der anonymen Wolke zu erscheinen; und sobald er vollends in der vorletzten Station im Piraner Wochenblatte die Anzeige des Doktors gelesen, so war er noch mehr entschieden; dazu nämlich, daß sein Bedienter reiten und sein Wagen heimlich nachkommen sollte.

In diesen weniger geld- als abgabenreichen Zeiten mag es vielleicht Nießen empfehlen, wenn ich drucken lasse, daß er Geld hatte und darnach nichts fragte und daß er für seinen Kopf und für seine Köpfe ein Herz suchte, das durch Liebe und Wert ihn für alle jene bezahlte und belohnte.

Mit dem ersten Blick hatte er den ganzen Doktor ausgegründet, der mit schlauen grauen Blitzaugen vor ihn trat, den Säbelschnäbler streichelnd; Nieß legte - nach einer kurzen Anzeige seiner Person und seines Gesuchs - ein Röllchen Gold auf den Nähtisch mit dem Schwure, nur unter dieser Bedingung aller Auslagen nehm er das Glück an, einem der größten Zergliederer gegenüber zu sein. - "Fiat! Es gefällt mir ganz, daß Sie rückwärts fahren, ohne zu vomieren; dazu bin ich verdorben durch die Jahre." Der Doktor fügte noch bei, daß er sich freue, mit dem Freunde eines berühmten Dichters zu fahren, da er von jeher Dichter fleißig gelesen, obwohl mehr für physiologische und anatomische Zwecke und oft fast bloß zum Spaße über sie. "Es soll mir überhaupt lieb sein", fuhr er fort, "wenn wir uns gegenseitig fassen und wie Salze einander neutralisieren. Leider hab ich das Unglück, daß ich, wenn ich im Wagen oder sonst jemand etwas sogenanntes Unangenehmes sage, für satirisch verschrien werde, als ob man nicht jedem ohne alle Satire das ins Gesicht sagen könnte, was er aus Dummheit ist. Indes gefällt Ihnen der Vater nicht, so sitzt doch die Tochter da, nämlich meine, die nach keinem Manne fragt, nicht einmal nach dem Vater; mißlingt der Winterbau, sagen die Wetterkundigen, so gerät der Sommerbau. Ich fand's oft."

Dem Dichter Nieß gefiel dieses akademische Petrefakt unendlich, und er wünschte nur, der Mann trieb es noch ärger, damit er ihn gar studieren und vermauern könnte in ein Possenspiel als komische Maske und Karyatide. Vielleicht ist auch die Tochter zu verbrauchen in einem Trauerspiele, dacht er, als Theoda eintrat, die von nachweinender Liebe und von Jugendfrische glänzte und die durch die frohe Nachricht seiner Mitfahrt neue Strahlen bekam. Jetzo wollte er sich in ein interessantes Gespräch mit ihr verwickeln; aber der Doktor, dem die Aussicht auf einen Abendgast nicht heiter vorkam, schnitt es ab durch den Befehl, sie solle sein Kästchen mit Pockengift, Fleischbrühtafeln und Zergliederungzeuge packen. "Wir brechen mit dem Tage auf", sagte er, "und ich lege mich nach wenigen Stunden nieder. Sie vale!"

Der Menschenkenner Nieß entfernte sich mit dem eiligsten Gehorsam; er hatte sogleich heraus, daß er für den Doktor keine Gesellschaft sei - leichter dieser für ihn. Allerdings äußerte Katzenberger gern einige Grobheit gegen Gäste, bei denen nichts Gelehrtes zu holen war, und er gab sogar den Tisch lieber her als die Zeit. Es war für jeden angenehm zu sehen, was er bei einem Fremden, der, weder besonders ausgezeichnet durch Gelehrsamkeit noch durch Krankheit, gar nicht abgehen wollte, für Seitensprünge machte, um ihn zum Lebewohl und Abscheiden zu bringen: wie er die Uhr aufzog, in Schweigen einsank oder in ein Horchen nach einem nahen lautlosen Zimmer oder wie er die unschuldigste Bewegung des Fremden auf dem Kanapee sogleich zu einem Vorläufer des Aufbruchs verdrehte und scheidend selber in die Höhe sprang, mit der Frage, warum er denn so eile. Beide Meckel hingegen, die Anatomen, Vater und Sohn zugleich, hätte der Doktor tagelang mit Lust bewirtet.

Quelle: Dr. Katzenbergers Badereise. In: Jean Pauls Werke in zwei Bänden. Zweiter Band. (Reihe Bibliothek Deutscher Klassiker). Aufbau-Verlag, Berlin und Weimar, 3. Auflage 1977, Seite 61 bis 73.

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Mein erster Post zu Johann David Heinichen aus dem Jahre 2009, aber erst vor kurzem wieder aufgefrischt.

"Jan Dismas Zelenka hat an Kammermusik nur 6 Triosonaten hinterlassen, aber dieses fast einzigartig schmale OEuvre hat genügt, um ihn als einen der ungewöhnlichsten Komponisten der Bach-Generation erscheinen zu lassen."

Johann Pachelbels Musicalische Ergötzung erschien 1695 in Nürnberg mit der Aufführungsanweisung "verstimbte stükh tzu 2 Violin und Bass".


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