1. Dezember 2009

Robert Schumann: Klaviertrios, Klavierquartett, Klavierquintett


»Die letzte Woche des Septembermonats ist, was unser äußeres Leben betrifft, sehr still hingegangen«, schreibt Clara Schumann Ende September 1842 in das gemeinsam mit ihrem Gatten Robert geführte Ehetagebuch. »Um so mehr aber hat mein Robert mit dem Geist gearbeitet! Er hat ziemlich ein Quintett vollendet, das mir nach dem, was ich erlauscht, wieder herrlich scheint - ein Werk voll Kraft und Frische! - ich hoffe sehr, es diesen Winter noch öffentlich hier zu spielen.« Tatsächlich hatten die Schumanns nach turbulenten Jahren zuvor endlich gemeinsam etwas Ruhe gefunden. Die Nachstellungen von Claras Vater und Roberts ehemaligem Klavierlehrer Friedrich Wieck, der ihre Eheschließung mit allen lauteren und unlauteren Mitteln zu verhindern versucht hatte, waren nach gerichtlichen Auseinandersetzungen beendet. Clara, Anfang 20, feierte auch ohne die Unterstützung ihres ehrgeizigen Vaters weiterhin Triumphe als Pianistin; und Robert, knapp ein Jahr jünger als Clara und noch ohne feste Stelle, verfiel in einen wahren kompositorischen Schaffensrausch, in dessen Verlauf auch das Es-dur-Klavierquintett op. 44 entstand.

Robert Schumann im Alter von ca. 16 Jahren, Miniatur, um 1826 Robert-Schumann-Haus Zwickau Die farbige Miniatur ist die frühest erhaltene Ansicht von Robert Schumann und stammt vermutlich aus dem Todesjahr seines Vaters. In zarter Gestalt, mit fast noch goldblondem Haar (das später braun wurde), modisch frisiert und elegant im Stil der Zeit gekleidet (eine goldene Uhrkette und goldene Manschettenknöpfe zum dunkelblauen Rock fehlen ebenso wenig wir ein goldener Ring am Finger) präsentiert sich der ca. 16 jährige Schüler mit ernstem und gesammelten Ausdruck dem Betrachter.

Vielleicht liegt es am Glück der so heftig erkämpften Ehe und an der resultierenden seelischen Vitalität jener Jahre nach 1840, daß das Quintett wirklich, wie Clara schreibt, "voll Kraft und Frische" ist und daß - mit Robert Schumanns eigenen Worten - »ein recht reges Leben darin« ist. Die Energie, der Schwung, die kraftvoll packende Lebendigkeit gleich zu Beginn des ersten Satzes prägt das ganze Stück. Auch wenn der Trauermarsch des zweiten Satzes in andere Regionen führt und einen versunkenen Klagegesang anstimmt - das Scherzo greift sogleich wieder die positive Stimmung des Anfangs auf, das Finale bestätigt sie mit allen Möglichkeiten kompositorischer Phantasie und kammermusikalischer Pracht. Was man bei all dem Temperament des Quintetts glatt überhört, ist die Tatsache, daß es ausgesprochen subtil gebaut ist mit einer ganzen Reihe motivischer und intervallischer Beziehungen zwischen den Sätzen, die dem voranstürmenden Werk seinen inneren Zusammenhalt geben und dafür sorgen, daß es nicht nur eine oberflächliche Attraktivität besitzt, sondern eine Schönheit, die von innen kommt. So schrieb dann auch kein geringerer als Richard Wagner, nachdem er das Quintett erstmals gehört hatte (und er hatte es sich aus Begeisterung und Interesse gleich zweimal vorspielen lassen), an Schumann: »Ich sehe, wo hinaus Sie wollen, und versichere Ihnen, da will auch ich hinaus: es ist die einzige Rettung: Schönheit.«

Robert Schumann, im Alter von ca. 24 Jahren, Reproduktion eines verschollenen Portraits, um 1834 Etwas bohemienhaft erscheint der 24jährige Robert Schumann auf diesem Bild, die Attitüde ist jedenfalls ganz offensichtlich und gewollt, denn er selbst warnt seine ohnehin immer um seine bürgerlich reputierliche Stellung besorgte Mutter: Erschreckt nicht! Ich lasse mir jetzt einen Bart wachsen“. Was uns heute durchaus „flott“ erscheint, wobei auch das locker gesteckte Halstuch seinen Teil beiträgt, stieß in der Familie noch nach dem Tod Schumanns auf Ablehnung. Das Original des als „scheußlich“ empfundenen Bildes wurde offenbar bewußt vernichtet, wenn man einer überlieferten Aussage der ältesten Schumann-Tochter Marie Glauben schenken will.

Der Schaffensrausch hielt an. Nur wenige Wochen nach dem Quintett arbeitete Robert Schumann bereits am Klavierquartett op. 47 - und es sollte wieder ein Werk werden, das überschwengliche Lebendigkeit mit einem intensiven Blick auf die ganz anders geartete Kehrseite (im langsamen Satz) kombiniert. Daß dieses Quartett dennoch weniger populär wurde als das Vorgängerwerk, liegt an einer Reihe von Gründen, die für den Komponistcn Schumann eigentlich einen Fortschritt bedeuten. Zunächst einmal rückt in op. 47 das Klavier aus seiner vormals oft noch dominanten Position näher an die sich emanzipierenden Streichinstrumente, das Werk klingt im Zusammenspiel der gleichberechtigten Stimmen kammermusikallscher. Dann wirkt die ganze Machart des Quartetts bei aller sinnlichen Prägnanz nun souveräner, übersichtlicher, klarer gestaltet. Und schließlich hat es - vielleicht als Konsequenz dieser beiden Beobachtungen - einen subtileren, poetischeren Charakter.

Robert Schumann im Alter von 29 Jahren, Lithografie von Joseph Kriehuber, Wien 1839, Robert-Schumann-Haus Zwickau Schumanns Porträt von Joseph Kriehuber, von dem zahlreiche Lithografien bedeutender Persönlichkeiten aus dem Wien jener Jahre stammen, entstand während des halbjährigen Wien-Aufenthalts von Robert Schumann (Herbst 1838 – Frühjahr 1839). Diese Darstellung, die wie alle Kriehuber-Porträts das gute Aussehen des Modells betont, zeigt Schumann in noch erstaunlicher Ähnlichkeit zu seinem Jünglingsporträt auf der Miniatur von ca. 1826. Angesichts der großen Verbreitung und seinem häufigen Abdruck schon in der Schumann-Literatur des 19. Jahrhunderts ist es sicher eines der bekanntesten Bildnisse von Robert Schumann und das letzte, das vor seiner Heirat mit Clara Wieck im September 1840 angefertigt worden ist. Für Schumann selbst war es offenbar das einzige Porträt, das er schätzte: „Von meinen Bildern taugt keines viel, etwa das Kriehubersche ausgenommen.“ Kriehubers Schumann-Bildnis festigte insbesondere im 19. und frühen 20. Jahrhundert die Vorstellung von Robert Schumann als „ewig jungen Romantiker“.

Als sich Robert Schumann im Sommer 1847 an das Klaviertrio d-moll op. 63 setzte, sah seine Lebenssituation mittlerweile völlig anders aus als noch wenige Jahre zuvor, als er in ungestümem Schaffensrausch eine wahre Flut an Kammermusik hervorgebracht hatte. Enttäuschungen und Mißerfolge, Nervenzusammenbrüche und Alkoholexzesse, Depressionen und monatelange Arbeitsunfähigkeit, die Umsiedlung von Leipzig nach Dresden, die ihn auch nicht glücklicher machte - der Komponist erlebte eine schwere Zeit. Kein Wunder, daß das d-moll-Trio einen ganz anderen Duktus hat als die Vorgängerwerke, daß es stark vertiefte Ausdruckswerte zu Gehör bringt. Geblieben ist der Musik die Leidenschaft und die Kraft. Aber nicht zuletzt dadurch, daß er sie stark mit Chromatik und Vorhaltsharmonik anreichert, gelangt Schumann hier in expressive Dimensionen, die man von ihm bislang nicht kannte.

Robert Schumann in seinem 40. Lebensjahr, Daguerreotypie von Johann Anton Völlner, Hamburg, März 1850, Robert-Schumann-Haus Zwickau Eine der zwei Daguerreotypien, die Johann Anton Völlner von Robert Schumann allein angefertigt hat. Auch auf der anderen Aufnahme sitzt Robert Schumann auf einem Stuhl im Atelier des Fotografen, verschränkt allerdings die Hände über der Brust. Die hier gezeigte Aufnahme mit dem typischen Melancholiegestus des auf die Hand gestützten Kopfes wurde die Vorlage für die berühmte Kohlezeichnung von Eduard Bendemann aus dem Jahre 1859, die dieser drei Jahre nach dem Tod von Robert Schumann als Pendant zu einer Kohlezeichnung von Clara Schumann anfertigte.

Kaum hatte er das d-moll-Trio abgeschlossen, begann Robert Schumann gleich das nächste Werk dieser Gattung, das Klaviertrio F-dur op. 80. »Es ist von ganz anderm Charakter als das in D - und wirkt freundlicher und schneller«, charakterisiert der Komponist selbst das neue Stück. Und seine Frau Clara ernennt es bald zu einem ihrer Lieblingswerke schlechthin: »Es gehört zu den Stücken Roberts, die mich von Anfang bis zum Ende in tiefster Seele erwärmen und entzücken. Ich liebe es leidenschaftlich und möchte es immer und immer wieder spielen.« Es dürfte die Balance zwischen kompositorischer Phantasie, formaler Souveränität und unmittelbarer Ausdruckstiefe sein, was das F-dur-Trio für diesen hohen Rang in Claras Wertschätzung prädestiniert. Und was darüber hinaus die Musikwissenschaftler nachfolgender Generationen entzückt, ist beispielsweise die Fülle unterschwelliger Beziehungen der Sätze untereinander, wenn Intervalle oder Motive in anderem Kontext wiederkehren und so auch auf intellektueller Ebene diejenigen Beziehungen und Zusammenhalte stiften, die das bloß lauschende Ohr bestenfalls erahnen kann.

Robert Schumann in seinem 44. Lebensjahr, Zeichnung, teilweise koloriert und weiß gehöht, von Jean-Joseph-Bonaventure Laurens, Düsseldorf, 14.-16. Oktober 1853, Heinrich-Heine-Institut Düsseldorf Eine von mehreren Zeichnungen von Robert Schumann, die der französische Maler und Zeichner Laurens, zusammen mit einem Portrait von Clara Schumann und mehreren Bildnissen des 20jährigen Johannes Brahms in der Wohnung Bilkerstraße 15 in Düsseldorf 'nach den lebenden Modellen' angefertigt hat. Laurens hält von der Begegnung fest, dass Schumann mit ihm "wie mit allen übrigen" wenig redete, und ihm die auffällige Erweiterung von Schumanns Pupillen aufgefallen wäre, worauf Clara Schumann ihm in "großer Besorgnis" gestanden hätte, "daß ihr Mann krank sei."

1850 zogen die Schumanns nach Düsseldorf; Robert trat dort die Stelle des Städtischen Musikdirektors an. Aber so recht froh wurde der introvertierte Komponist, der so gar keine rheinische Frohnatur war und sich allerhand Anfeindungen ausgesetzt sah, dort nicht. In dieser Situation schrieb er in wenigen Oktobertagen 1851 das g-moll-Trio op. 110 nieder. Wieder gibt es eine knappe, treffende Charakterisierung von Clara, die wie immer bei den Proben das Klavier spielte und von dem Trio sogleich »einen gewaltigen Eindruck« mitnahm: »Es ist originell, durch und durch voller Leidenschaft, besonders das Scherzo, das einen bis in die wildesten Tiefen mit fortreißt.«

Quelle: Thomas Kahlcke: „Kammermusik mit Leidenschaft und Kraft“, im Booklet (Seite 4 und 5)

TRACKLIST
ROBERT SCHUMANN (1810-1856) 

CD 1                                                 [1.13'18"] 

Piano Quintet in E flat, Op. 44
Klavierquintett Es-dur
Quintette pour piano en mi bémol majeur

[01] 1. Allegro brillante                                8'45"
[02] 2. In modo d'una marcia. Un poco largamente         8'46"
[03] 3. Scherzo. Molto vivace                            4'35"
[04] 4. Allegro, ma non troppo                           6'57"


Piano Quartet in E flat, Op. 47
Klavierquartett Es-dur
Quatuor pour piano en mi bémol majeur

[05] 1. Sostenuto assai - Allegro ma non troppo          9'12"
[06] 2. Scherzo. Molto vivace                            3'32"
[07] 3. Andante cantabile                                7'37"
[08] 4. Finale. Vivace                                   7'35"


Piano Trio No. 1 in D minor, Op. 63
Klaviertrio d-moll
Trio pour piano en ré mineur

[09] 1. Mit Energie und Leidenschaft                    11'09"
[10] 2. Lebhaft, doch nicht zu rasch                     4'26"

CD2                                               [1.07'28"] 

Piano Trio No. 1 (cont.)

[01] 3. Langsam, mit inniger Empfindung                  6'06"
[02] 4. Mit Feuer                                        7'44"


Piano Trio No. 2 in F, Op. 8O
Klaviertrio F-dur
Trio pour piano en fa majeur

[03] 1. Sehr lebhaft                                     7'17"
[04] 2. Mit innigem Ausdruck                             7'38"
[05] 3. In mäßiger Bewegung                              5'43"
[06] 4. Nicht zu rasch                                   5'39"


Piano Trio No. 3 in G minor, Op. 110
Klaviertrio g-moll
Trio pour piano en sol mineur

[07] 1. Bewegt, doch nicht zu rasch                      9'52"
[08] 2. Ziemlich langsam                                 5'42"
[09] 3. Rasch                                            3'48"
[10] 4. Kräftig, mit Humor                               7'19"


Total Playing Time                                   [2.20'46"]



BEAUX ARTS TRIO

Menahem Pressler   piano · Klavier
Isidore Cohen      violin · Violine · violon
Bernard Greenhouse Violoncello · violoncelle

Dolf Bettelheim    violin . Violine · violon  (Op. 44, 47)
Samuel Rhodes      Viola · alto  (Op. 44, 47)


Recorded · Aufnahmen · Enregistrements:
Concertgebouw, Amsterdam, 6/1975 (Op. 44, 47)
La Chaux-de-Fonds, Switzerland, 8/1971 (Op. 63, 80, 110)
CD 1: tracks 9. 10 & CD 2 digitalised by BITSTREAM
® 1997
ADD

Robert und Clara Schumann, Daguerreotypie von Johann Anton Völlner, Hamburg, März 1850, Robert-Schumann-Haus Zwickau Die Atelieraufnahme der beiden Schumanns war auch Vorbild für einen nach dem Tod von Robert Schumann hergestellten Stahlstich, der 1859 über den Verlag J. Schuberth & Co., Leipzig, Hamburg, New York vertrieben worden ist, auf der die Mimik von Robert Schumann aber ein - gegenüber der vorliegenden Originalaufnahme - deutlich freundlicheres Lächeln zu zeigen scheint.


Robert Schumann im Internet

Robert Schumann Gesellschaft Düsseldorf: "Düsseldorf war wohl die wichtigste berufliche Station im Leben Robert Schumanns, da er hier zum ersten und zugleich letzten Mal ein öffentliches Amt bekleidete."

Schumann-Netzwerk / Schumann-Portal: "Mit Blick auf die Jubiläumsjahre 2006 (150. Todestag) und 2010 (200. Geburtstag) wurde im Herbst 2005 ein Schumann-Netzwerk ins Leben gerufen. Unter Bonner Federführung schlossen sich einige mit Robert Schumann verbundene Einrichtungen der Schumann-Städte Zwickau, Leipzig, Düsseldorf und Bonn mit dem Ziel zusammen, dem großen deutschen Komponisten ihre Reverenz zu erweisen und durch eine Bündelung der Aktivitäten zu größtmöglicher öffentlicher Wahrnehmung zu verhelfen."

Robert Schumann Jahr 2010 in Zwickau: "Die Stadt Zwickau, wo Schumann am 8. Juni 1810 geboren wurde, lädt ein, auf Schumanns Spuren zu wandeln und in Konzerten und anderen Veranstaltungen seiner Musik zu begegnen."

Robert Schubert bei Klassik.com: Werkbesprechungen, Diskographie, Plattenkritiken, Veranstaltungskritiken

Robert und Clara Schumann haben von September 1840 bis Dezember 1843 gemeinsam das Tagebuch ihrer Ehe geführt. Es ist das Dokument einer schwierigen Künstlerbeziehung und trauriges Zeugnis einer Entfremdung. Hier wird gelesen aus: Meisterwerke. Bibliothek Universaler Bildung. Selbstzeugnisse I. Hrsg. von Dr. Serge Maiwald. Verlag Herder Freiburg, 1949.

CD 1, Track 10: Klaviertrio Nr 1 in d-moll, Op. 63. II. Lebhaft, doch nicht zu rasch


CD Info and Scans (Tracklist, Covers, Booklet, Music Samples, Pictures) 43 MB
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Reposted on May 29, 2014

CD 2, Track 8: Klaviertrio Nr 3 in g-moll, Op. 110. II. Ziemlich langsam

1 Kommentar:

wf hat gesagt…

at last there is music by Schumann posted. it's a shame, his music is a rare output from bloggers. there is hope it will change by next years anniversary. thank you for your support

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