30. Januar 2015

Mathias Wieman liest Gedichte von Matthias Claudius und Friedrich Hölderlin (1955)

»Der Mond ist aufgegangen«. Generationen von Kindern wurden mit diesem Lied in den Schlaf gesungen. Seinen Autor Matthias Claudius hat es berühmt gemacht, aber auch das Bild geprägt, das wir heute von ihm haben. Ein zufriedener Mensch muss er gewesen sein, der sich ergeben in sein Schicksal fügte und dabei auch seinen kranken Nachbarn nicht vergaß.



Aber der am 15. August 1740 im holsteinischen Reinfeld geborene und am 21. Januar 1815 in Hamburg gestorbene Claudius war kein unverbesserlicher Idylliker, sondern ein unruhiger Geist, ein Freund der Mächtigen, aber auch ihr unbestechlicher Kritiker. Nur vier Jahre lang, von 1771 bis 1775, redigierte er den »Wandsbecker Bothen«, aber der Name der Zeitschrift wurde zum Synonym für ihn selbst. Seine kleinen literarischen Kunststücke ließ er danach in acht Teilen bis 1812 erscheinen. Das beschauliche »Abendlied« findet sich darin ebenso wie die ernsten Mahnungen an seinen Sohn Johannes oder das »Kriegslied«, das ihn als kämpferischen Pazifisten ausweist. Dass Claudius das Leben liebte, verraten schon Titel wie »Rheinweinlied« oder »Von der Freundschaft«. Er hatte eine große Familie, mit der er, wie in allen Biografien betont wird, glücklich lebte. Auch das gab ihm die Kraft für seine Arbeit als Schriftsteller.



Ganz anders verlief das Leben des am 20. März 1770 in Lauffen geborenen Friedrich Hölderlin. Ihm war die häusliche Zufriedenheit eines Matthias Claudius nicht vergönnt. Seine Liebe zur Frankfurter Bankiersgattin Susette Gontard, seiner »Diotima«, blieb unerfüllt, und spätestens ab 1806 lebte er, zumindest zeitweise, in geistiger Umnachtung. Von Homburg aus, wo ihn sein Freund Isaac Sinclair fast rührend umsorgt hatte, wurde er in die Autenriethsche Klinik nach Tübingen gebracht und wohnte ab 1807 bei dem Schreinermeister Ernst Zimmer. Er schrieb zwar weiter, aber seine Texte wurden immer rätselhafter. Hölderlin starb am 7. Juni 1843 in Tübingen.



Seine kurzen Gedichte, seine Oden und Elegien, die er bis 1806 verfasste, gehören zum Schönsten, was die deutsche Literatur hervorgebracht hat.



Mathias Wieman, einer der großen deutschen Schauspieler des vergangenen Jahrhunderts, hat 1955 neben den literarischen Kleinodien von Matthias Claudius auch Gedichte von Friedrich Hölderlin gelesen, ohne Pathos, aber mit großer inneren Anteilnahme an einem Schicksal, das bis heute bewegt. Seine Interpretation macht einmal mehr deutlich, wie weit Hölderlin als Dichter seiner Zeit voraus war.



Mathias Wiemann lernte im Jahrzehnt großer deutscher Schauspielkunst, den »goldenen 20er Theaterjahren« Berlins, sein Handwerk, als er 1924, von einer Wanderbühne kommend, an das Deutsche Theater Max Reinhardts verpflichtet wurde. In Berlin hatte er große Vorbilder neben und um sich und vermochte es sehr bald, seine eigene unverwechselbare Interpretation umzusetzen. Seine besondere Liebe galt neben dem Film und der Bühne jedoch dem Vortrag dichterischen Werkes.



Quelle: Hans Sarkowicz, im Booklet



Der Sprecher



Mathias Wieman trägt so ungemein deutlich und betont vor, dass es eine Freude ist, seinem Vortrag zu lauschen. Das genaue Zuhören ist besonders bei dem komplexen Versmaß und dem ungewöhnlichen Satzbau Hölderlins dringend notwendig. Doch Wieman holpert nicht eilig durch die Verse, sondern lässt jeden einzelnen für sich gelten, so wie es der jeweilige Dichter beabsichtigt hat. Die Wirkung ist die einer großen Gelassenheit, einer Souveränität über das gesprochene Wort.



Die Gelassenheit ist nicht mit Langsamkeit oder gar Lässigkeit zu verwechseln. Vielmehr variiert der Sprecher das Tempo, wie es ihm angemessen erscheint. An einer Stelle im Bordeaux-Gedicht Hölderlins verlangsamt sich das Tempo zwar in träumerischer Weise fast bis zum Stillstand, doch gleich darauf verfällt der Sprecher wieder in Trab, weil sich der Dichter mit einer Aufforderung an seine Hörer wendet. In den Liedern Claudius’ kommt es naturgemäß nie zu solchem Stillstand.



Auf diese Weise ergibt sich der Eindruck, dass Wieman seine Anteilnahme an den Inhalten der Gedichte und ihren Aussagen nie verhehlt, aber keinesfalls in Pathos verfällt, was eine lästige Übertreibung wäre. Schon häufig wurden Hölderlins Verse von Nationalisten missbraucht, denn er rief zu Frieden und Einigung auf. Doch in Wiemans Interpretation ist dieser Missbrauch ausgeschlossen.



Vielmehr stiftet Wieman mit seinem fein nuancierenden und pausenreichen Vortrag der komplizierten Hölderlinverse gerade dann Sinn, wenn dem Hörer dieser zu entgleiten droht. Die langen Verse, deren Satzbau umgestellt ist, verleiten dazu, den Überblick zu verlieren – der Sprecher stellt ihn wieder her. Dies ist natürlich seine eigene Interpretation, die vielleicht nichts mit der Absicht des Dichters zu tun hat. Aber sie ergibt ihren eigenen Sinn, und wie ich hören konnte, ist dieser durchaus nachvollziehbar. Wiedergabe von Lyrik ist stets auch Deutung, genau wie in der Musik. […]



Die Aufnahme der CD erfolgte 1955 in Mono-Qualität und obendrein auch noch in einem schwach hallenden Studio. Diese Aufnahmequalität findet man heute nur noch bei blutigen Amateuren. Aber hier muss man sie hinnehmen. Immerhin ist sie durchaus erträglich und von Profis gemacht worden.



Quelle: Michael Matzer (2006), auf seiner carpe librum Webseite



Eine Diskographie der Tonaufnahmen von Mathias Wieman ist seit 2003 online.





Track 7: Matthias Claudius: Kriegslied


Kriegslied

‘s ist Krieg! ‘s ist Krieg! O Gottes Engel wehre,
Und rede Du darein!
‘s ist leider Krieg - und ich begehre
Nicht schuld daran zu sein!

Was sollt ich machen, wenn im Schlaf mit Grämen
Und blutig, bleich und blaß,
Die Geister der Erschlagenen zu mir kämen,
Und vor mir weinten, was?

Wenn wackre Männer, die sich Ehre suchten,
Verstümmelt und halb tot
Im Staub sich vor mir wälzten und mir fluchten
In ihrer Todesnot?

Wenn tausend tausend Väter, Mütter, Bräute,
So glücklich vor dem Krieg,
Nun alle elend, alle arme Leute,
Wehklagten über mich?

Wenn Hunger, böse Seuch und ihre Nöten
Freund, Freund und Feind ins Grab
Versammelten und mir zu Ehren krähten
Von einer Leich herab?

Was hülf mir Kron und Land und Gold und Ehre?
Die könnten mich nicht freun!
‘s ist leider Krieg - und ich begehre
Nicht schuld daran zu sein!





TRACKLIST

Mathias Wieman liest 
Gedichte von Matthias Claudius und Friedrich Hölderlin

    Matthias Claudius (1740-1815):

01. Der Mensch                                  [01:11]
02. Ein Wiegenlied, bei Mondschein zu singen    [02:09]
03. Täglich zu singen                           [01:40]
04. Rheinweinlied                               [01:52]
05. Aus "Von der Freundschaft"                  [04:18]
06. An Frau Rebekka                             [02:22]
07. Kriegslied                                  [01:34]
08. Auf den Tod der Kaiserin                    [00:34]
09. Aus "An meinen Sohn Johannes"               [09:33]
10. Abendlied                                   [02:25]

    Friedrich Hölderlin (1770-1843):

11. An die Parzen                               [01:05]
12. Die Jugend                                  [01:38]
13. An Diotima                                  [01:45]
14. Die Liebe                                   [02:07]
15. Der Friede                                  [03:11]
16. Andenken                                    [03:43]
17. Brot und Wein (I)                           [08:38]
18. Brot und Wein (II)                          [07:11]

                                    Gesamtzeit: [57:06]

Sprecher: Mathias Wieman (1902-1969)
Aufnahme: 1955 - Veröffentlichung: 2005

Fritz von Uhde (1848-1911): Lesendes Mädchen


Fritz von Uhde: Lesendes Mädchen (um 1885). Öl auf Holz, 60 x 46,6 cm.
Bezeichnet unten rechts: F.v.Uhde. Museum Stiftung Oskar Reinhart, Winterthur.
Uhdes Malerei stellt gleichsam eine Synthese dar, in ihr ist eine naturalistische Auffassung mit impressionistischen Elementen verschmolzen. Ein Jahr jünger als Liebermann, hat Uhde die Hinwendung zum Impressionismus jedoch nicht im strengen, dogmatischen Sinn vollzogen, so daß er diesem nur bedingt zuzurechnen ist. Die Wurzeln seiner künstlerischen Laufbahn, die er nur zögernd ergriff, da seine militärischen Ambitionen zu Unterbrechungen führten, sind vielfältig. Nach einem kurzen Besuch an der Dresdener Akademie studierte er beim Schlachtenmaler Ludwig Albrecht Schuster, einem Schüler von Horace Vernet, und ließ sich von Makart beeinflussen, der ihn nach München zu Karl von Piloty schickte. Er verkehrte im Münchner Atelier Liebermanns, mit dem er sich befreundete, und unternahm auf dessen Anraten 1882 eine Reise nach Holland, wo er intensive Studien von Licht- und Farbphänomenen betrieb und bereits auch erste Kinderstudien ausführte. In seinen ab 1884 entstandenen religiösen Gemälden versuchte Uhde durch naturalistische Stilmittel die Glaubensinhalte zu aktualisieren. Einige dieser Werke, mit denen er rühren und erbauen wollte, stellen Christus als Fürsprecher der Armen in einer zeitgenössischen Umgebung und vor allem in modischer Kleidung dar, wodurch er aber einigen Widerspruch hervorrief. Allerdings dürfte er damit einzelnen Expressionisten gewisse Impulse gegeben haben.



Uhdes ambitiöse religiöse Gemälde, die kaum mehr vorbehaltlos gesehen werden können, wirken heute befremdend. Höher eingestuft werden seine Darstellungen, die dem einfachen, »natürlichen« Leben sowie dem familiären Rahmen des Künstlers entstammen, da in ihnen eine zeitgemäßere, unvoreingenommene Sehweise zum Ausdruck kommt. […]



Fritz von Uhde: Mädchen, Kartoffeln schälend, 1883/87
Wallraf-Richartz-Museum, Köln
Seine drei Töchter, deren Heranwachsen sich im Werk des Vaters lückenlos verfolgen läßt, erscheinen stets als wohlerzogene Mädchen aus gutbürgerlichem Haus. Neben seinen 1881, 1882 und 1886 geborenen Töchtern, und vor allem bevor diese ein entsprechendes Alter hatten, malte Uhde wiederholt auch andere Kinder sowie fast schon erwachsene, in eine bestimmte Tätigkeit versunkene Mädchen, in deren natürlicher und seelenvoller Wiedergabe fern jeder Sentimentalität er bahnbrechend war. Es verwundert nicht weiter, daß solche Kinderstudien auch in Uhdes religiöse Bilder Eingang gefunden haben, vor allem in die Gemälde »Komm, Herr Jesus, sei unser Gast« sowie »Lasset die Kindlein zu mir kommen«, denen dadurch eine seltsame Lebensnähe eigen ist.



Lesendes Mädchen



Für dieses Gemälde hat sich Uhde in der aktuellen Münchner Kunstszene recht genau umgesehen, die verschiedenen Anregungen aufgegriffen und zu einer glücklichen Komposition ausreifen lassen. Dem Werk eignet […] nichts Skizzenhaftes, sondern es verrät die Auseinandersetzung mit Leibls gepflegter Technik und Motivwelt. Unübersehbar ist auch eine gewisse Verwandtschaft mit Thomas »Die Mutter des Künstlers im Stübchen«, etwa im Motiv des Lesens, im Fensterausblick auf ein Dach oder in der trauten Häuslichkeit. Uhde läßt allerdings das von außen einströmende Sonnenlicht intensivere Farben erzeugen.

Fritz von Uhde: Das Tischgebet ("Komm, Herr Jesu, sei unser Gast"),
1885, Alte Nationalgalerie, Berlin
Seit der Begegnung mit Liebermann 1880 in München hellte sich nicht nur seine Palette auf, sondern es wurden jetzt Themen aus der Welt der Arbeit und aus sozialen Bereichen für Uhde aktuell. Das Motiv ist, darauf deuten die Schürze sowie die Haushaltsgegenstände wie Eimer, Krug und Teller hin, im Dienstbotenmilieu angesiedelt. Doch nicht die Arbeit als solche steht im Zentrum wie in dem etwa gleichzeitig entstandenen, sehr ähnlich konzipierten Gemälde »Mädchen, Kartoffeln schälend« (Köln, Wallraf-Richartz-Museum) mit seiner Aschenbrödelromantik, für welches dasselbe Modell posierte. Uhde ist nicht dem Anekdotischen verfallen, das sich am Pittoresk-Zufälligen erfreut, vielmehr hat er einen Moment des Innehaltens und der Erholung gewählt, wo die reine Anschaulichkeit zählt.



Eine nicht zu unterschätzende Quelle der Inspiration für Uhdes Kunst, und auch Liebermann hat wiederholt davon gezehrt, war Holland. Anläßlich eines längeren Aufenthalts in Zandvoort im Jahr 1882 haben ihn die ländliche Bevölkerung in ihren farbenfrohen Trachten sowie das helle, diffuse Licht zu seinen ersten naturalistisch aufgefaßten Bildern angeregt. Dazu gehören die »Holländischen Näherinnen«, die als unmittelbare Vorstufe zum »Lesenden Mädchen« gelten können.



Quelle: Peter Wegmann: In: Museum Stiftung Oskar Reinhart Winterthur. Deutsche, österreichische und schweizer Malerei aus dem 18., 19. und frühen 20. Jahrhundert, Insel Verlag, Frankfurt/Leipzig 1993, Seiten 228-230



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