5. März 2010

Georges Onslow (1784-1853): Sextett und Septett

Zu einer Zeit, als sich Frankreich für die Oper begeisterte und Komponisten wie Auber, Halévy, Boïeldieu und Meyerbeer feierte, widmete sich Georges Onslow der Kammermusik. Der in der Auvergne beheimatete Musiker englischer Abstammung schuf ein Monumentalwerk, das hauptsächlich aus 70 Streichquartetten und -quintetten, sowie 27 Werken für Klavier und Ensembles der verschiedensten Besetzungen besteht.

Die zwei hier vorliegenden Stücke gehören zu der letzten Schaffensperiode des Komponisten. Von 1846 bis zu seinem Tode wandte sich Onslow in der Tat erneut dem Klavier zu, das er fast zwanzig Jahre lang vernachlässigt hatte. So entstanden nacheinander zwei Quintette op.70 und 76, ein Sextett op.77a, ein Septett op.79, alle mit Klavier, sowie verschiedene Streichquintette und das Opus 81 für Bläser.

Das Sextett op.77a schrieb er im Jahre 1848. Es ist in Wirklichkeit die Transkription des großen Nonetts op.77 für Streicher und fünf Blasinstrumente, das Onslow ein Jahr zuvor veröffentlicht und dem englischen Prinzgemahl Albert von Sachsen-Coburg gewidmet hatte. Dieser hatte ihm die gedruckte und mit einer Widmung versehene Sammlung seiner eigenen Werke zugesandt. Onslow, der sich sehr geschmeichelt fühlte, hatte auf die ihm zuteil gewordenen Ehre mit der Übersendung seines Nonetts geantwortet, das er für eines seiner gelungensten Werke hielt. Im Vergleich zu einem Nonett bleibt für ein Sextett die musikalische Ausdrucksweise praktisch unverändert: die Streicherparte finden sich im Klavier wieder und die Bläserparte werden lediglich wegen der fehlenden Oboe umgeschrieben. Bei genauerer Betrachtung entdecken wir ein Werk von großzügiger Inspiration, dessen klassische, ausgeglichene Form durch eine fein ziselierte Instrumentierung gekennzeichnet ist.

Georges Onslow (1784-1853)

Das im Schloss Bellerive im Jahre 1849 entstandene Septett op.79 ist ein äußerst bezauberndes Werk von großem Schwung und bemerkenswerter Frische. Wie Moscheles in seinem Opus 88 gibt Onslow dem Klavier eine dominierende Rolle, die hier das Septett bereits in den Grenzbereich zum Klavierkonzert versetzt. Doch ist die Komposition so aufgelockert, dass auch die anderen Instrumente sich mit Solopassagen hervortun können.

Die klassizistische Form dieser beiden um die Mitte des 19. Jahrhunderts entstandenen Werke mag überraschen. Fest steht, dass Onslow bis an sein Lebensende dem Erbe von Haydn und Mozart treu und in Hinsicht auf die Strukturen akademisch geblieben ist. Doch lässt er sich auch von der Romantik beeinflussen, wie aus den harmonischen und melodischen Chromatismen, aus dem weniger dramatischen als lyrischen Charakter der Formen und schließlich aus einem gewissen Pathos ersichtlich ist. Dies versetzt ihn in die Nähe der deutschen Frühromantiker wie Schubert, Weber, Spohr oder Mendelssohn.

Georges Onslow arbeitete den größten Teil des Jahres in dem herrlichen Rahmen seiner Güter in der Auvergne. Während der vier Wintermonate hielt er sich in Paris auf und stellte dem Publikum seine jüngsten Werke vor. Sein Freund, der Klavierlehrer am Pariser Konservatorium, Antoine Marmontel, schreibt dazu: »Onslows Ruf verbreitete sich mehr und mehr, wozu vortreffliche Interpreten massgeblich beitrugen. Baillot, Tilman, Urhan, Kreutze, Vidal, Norblin sen., Alard, Sauzay, Cuvillon, Dancla, Franchomme und Gouffé wurden jeweils zu Beginn des Winters herbestellt …«.

Die "Modernen dramatischen Komponisten" aus der "Gazette Musicale" (von A. Maurin, 1844): Hintergrund: Berlioz, Donizetti, Onslow, Auber, Mendelssohn, Berton - Vordergrund: Halévy, Meyerbeer, Spontini, Rossini

In der Tat wurden die letzten Werke, die meist nur im Manuskript vorlagen, in den Künstlersalons vom Blatt gespielt. Viele dieser Künstler waren mit dem Komponisten befreundet. Die begeisterte Aufnahme, die dem Opus 77a zuteil wurde, bestätigte den außerordentlichen Erfolg, den der Komponist bereits mit dem im Jahre 1825 geschriebenen ersten Sextett op.30 errungen hatte. An zahllosen Soreen wurde der eine oder andere Satz dieses Sextetts gegeben, das Onslow auch für zwei Violinen, Bratsche, Cello, Kontrabass und Klavier eingerichtet hatte. Bei der Uraufführung des Septetts op.79 sass Charlotte de Malléville am Klavier, der das Werk gewidmet ist. Einige Monate darauf interpretierte sie es ebenfalls in einer vom Komponisten selbst besorgten Fassung für Klavier und Streichquintett (mit Kontrabassl.

Will man den damaligen schriftlichen Zeugnissen Glauben schenken, so hat der bekannte Klaviervirtuose Sigismond Thalberg mit eben diesem Werk seine Berühmtheit in Paris erworben.

Wenn wir diese Musik hören, können wir uns nur wundern, dass ein damals so berühmter Komponist heutzutage so wenig gespielt wird. Onslow war vielleicht nicht eines der Genies des Jahrhunderts, doch ist er ohne Zweifel der brillanteste Vertreter der französichen Kammermusik seiner Zeit. Er hat uns eine höchst ansprechende Musik hinterlassen, die es wohl verdient, wiederentdeckt zu werden.

Quelle: Booklet

TRACKLIST

Georges Onslow
1784-1853


Grand Sextuor Op.77a (alias 77bis) (1848)
for piano, flute, clarinette, bassoon, horn and double bass
pour piano, flûte, clarinette, bassoon, cor et contrebasse
für Klavier, Flöte, Klarinette, Fagott, Horn und Kontrabass

1 Allegro spirituoso           10'04
2 Minuetto                      5'00
3 Thema con variazioni         10'36
4 Finale                        7'18 

Grand Septuor Op.79 (1849)
for piano, flute, oboe, clarinette, horn, bassoon and double bass
pour piano, flûte, hautbois, clarinette, cor, bassoonn et centrebasse
für Klavier, Flöte, Oboe, Klarinette, Horn, Fagott und Kontrabass

5 Allegro                      13'45
6 Scherzo                       6'19
7 Andante                       7'55
8 Finale                        8'58


Total timing                   70'01

Nielsen Quintet
Marc Marder, double bass
Jean Hubeau, piano


Recorded at Maison de Radio France, Paris, from 29-31 October 1991
Recording supervision: Philippe Pelissier. Sound engineer: Agnès Warnier
Assistant engineer and editing; Françoise Prud'Hom
(P) 1992 (C) 2003 - DDD


Ferdinand Georg Waldmüller: Die Erwartete, 1860, Neue Pinakothek, München

Ferdinand Georg Waldmüller
1793-1865


Auch Ferdinand Georg Waldmüller hat es endlich soweit gebracht und wird mißverständlich zitiert. Ein Maler, der eine Professur an einer Wiener Hochschule nicht erhält, tröstet sich ungefähr wie ein glückloser Operndirektor in Wien mit der Bemerkung, es sei ja »selbst ein Waldmüller« aus der Hochschule einst entfernt worden. Als sei es ein besonderes Anzeichen von negativer Qualität für die Hochschule gewesen, den Lieblingsmaler aller gegenwärtig Konservativen abgelehnt zu haben. Daß Waldmüller zu seiner Zeit selbst derart wild gewesen sein könnte, daß es ihn in keiner hohen Schule gelitten hätte, und daß man dies als ein sehr positives Charakteristikum für den allseits beliebten Maler zu zitieren hätte, kommt einem offenbar viel seltener in den Sinn.

Tatsächlich hat sich folgendes abgespielt: Waldmüller war mit seinen Werken durchaus anerkannt und an der Akademie mit einer eigenen Klasse fest eingesessen, als er 1837 beschloß, sowohl gegen seine Vorgesetzten wie auch seine Kollegen eine Streitschrift zu veröffentlichen. Eine Reihe von »Ideen zu einem Entwurf einer berichtigend-umfassenden Anleitung in der bildenden Kunst« sollte darlegen, was seiner Ansicht nach zu reformieren war am Unterricht. Allein der Versuch, solche Ideen im Vormärz herauszugeben, war tapfer, wurde jedoch nicht belohnt. Die Kollegenschaft tat ihn als Maler gefälliger Bilder ab oder reizte ihn bis aufs Blut, und nur Fürst Metternich -- in künstlerischen Dingen immer wieder willens, seine eigene Zensur nicht ernst zu nehmen -- verfügte, daß Waldmüllers Anschauungen gedruckt zu werden hätten. Metternich befand ausdrücklich, Reformvorschläge, auch weitgehende, seien keineswegs eine »Beleidigung der Akademie«, man müsse künstlerische Diskussionen abhalten.

Ferdinand Georg Waldmüller: Der Dachstein vom Sophienplatze aus, 1835, Österreichische Galerie, Wien

Waldmüller ist im Januar 1793 in Wien geboren und hat eine grundsolide Ausbildung mitgemacht. »Schon als Knabe war Zeichnen seine liebste Beschäftigung. Ein ziemlich unbekannter Maler namens Zintler unterrichtete ihn darin. Allein Zintlers Kräfte waren zu gering, und der und der junge Waldmüller besuchte daher die im Beginn des jetzigen Jahrhunderts sehr geschätzte Elementarschule des Professors Hubert Maurer, wo eine ziemliche Zahl talentvoller Schüler versammelt war.« So eine zeitgenössische Schilderung, der zu entnehmen ist, daß er Preise gewann, bei Lampi vor allem Miniaturen zu malen lernte, sich als Kopist in der »Galerie des k. k. Belvedere« nicht nur weiterbildete, sondern auch gleich seinen Lebensunterhalt verdiente und dabei »jenen sicheren, sorgfältigen Pinsel« bewies, dessentwegen ihn die Wiener Kunstfreunde bald zu schätzen wußten.

Ein Wiener Maler also, der im angehenden 19. Jahrhundert genügend Aufträge zu erhalten weiß und in der Wiener Kunstszene daheim ist: wie seine Kollegen war auch er ein Freund der Musik und des Theaters, wie alle guten Künstler hielt er es mit der »Wechselwirkung« und profitierte davon - die berühmteste Szene aus Raimunds »Der Alpenkönig und der Menschenfeind« soll Vorbild für sein Gemälde »Die Pfändung« gewesen sein. Waldmüller wiederum versuchte sich auch als Theaterdekorateur und gab so der Bühne zurück, was sie ihm an Anregungen geschenkt haben mag.

Ferdinand Georg Waldmüller: Alte Bäume im Prater, um 1831 Dieses Gemälde wurde im Mai/Juni 2005 im Dorotheum versteigert, der Rufpreis betrug 50.000 Euro.
Sehr im Gegensatz etwa zur Gegenwart war die Beziehung zwischen Künstlern und Auftraggebern zu Waldmüllers Zeiten heikel und gefährlich: Die Porträtisten hatten auch das Amt des Schmeichlers auszuhalten und ihre Werke, die sie als Broterwerb zu liefern hatten, müssen sich heute gegen die durchsetzen, die ohne zu beleidigenden Auftraggeber geschaffen wurden.

Waldmüller, auch noch in den kursorischsten Anmerkungen als der bedeutendste Biedermeiermaler bezeichnet, hatte so viel Sinn für die kleine Dramatik im Bild, daß seine Porträts und seine Genreszenen immer wieder zu Schilderungen gerieten, zu Handlungen, die man auch heute noch nacherzählen kann.

Als Dreißigjähriger an der Akademie schon Lehrkraft, war er bei seinen Schülern sehr beliebt und zog sich alle abfälligen Bemerkungen seitens der Kollegen ausschließlich zu, weil er den Studienbetrieb reformieren wollte. Daß man ihn schon bei Lebzeiten fleißig, aber maniriert nannte, ist ebenso bezeichnend wie das Abschätzige in der Beurteilung, er liefere »so viele gefällige Bilder«, das man aus einem Gutachten des angesehenen Anton Ritter von Oerger herauslesen kann - er war als eine Instanz in den sich über zehn Jahre erstreckenden Zwistigkeiten angerufen.

Waldmüller, um dieses Kapitel nicht unvollständig zu lassen, wurde 1857 schließlich doch noch wegen antiakademischer Schriften entlassen, erhielt also bei Lebzeiten das Gütesiegel eines Rebellen, so daß man ihn jetzt rechtens als einen von der staatlichen Schule Geschädigten bezeichnen kann.

Ferdinand Georg Waldmüller: Die Pfändung, 1847, Historisches Museum der Stadt Wien

Das aber kann nicht alles gewesen sein. Als man ihn entließ, war er längst ein hochgeachteter und gesuchter Maler und hatte seine berühmtesten Bilder schon »untergebracht«. Freilich, weder er noch seine Zeitgenossen ahnten, was der Lauf der Welt sein würde. Daß der Freund Raimunds dereinst mit allen seinen Bildern der beliebteste und teuerste Maler einer Epoche und Richtung sein würde, daß seine »Handschrift« sogar in der Gegenwart als die sicherste und gesuchteste zählen würde, das war nicht abzusehen. Daß der im Leben vor allem als fleißig und wohlgelaunt und jeder Autorität gegenüber lachend mißtrauische Mann dereinst ein »Anlagewert« sein würde, war selbstverständlich außerhalb jeden zeitgenössischen Denkens. Waldmüller, der sich nicht als Genie, sondern als besonders sicheren Handwerker voll Poesie und Musikalität sah, wäre so schockiert wie irritiert angesichts seines Stellenwertes 100 Jahre nach seinem Tode.

Quelle: Franz Endler: Ferdinand Georg Waldmüller, in: Thomas Chorherr (Hrgr): Grosse Österreicher, Carl Ueberreuter Wien/Heidelberg, 1985, ISBN 3-8000-3212-0, Seite 82-83
Georges Onslow im Internet:

Eine gute Einführung in Leben und Werk gibt "Le site de George ONSLOW" bzw. "The George ONSLOW website", der ich auch die hier veröffentlichten Bilder entnommen habe.
Ein Werksverzeichnis seiner Kammermusik findet sich hier, aber auch beim "Kammermusik Verlag Kassel".

Das Highlight der "Site de l'Association George Onslow" ist dagegen eine Aufsatzsammlung von Werkkritiken (auch in Englisch und Deutsch), in der ich wiederum auf die Spur von Bert Hagels gestoßen bin ("Zur Rezeption Onslows in Deutschland bis 1830").

Hörbeispiel:

Track 4: Georges Onslow: Grand Sextuor op 77bis - IV Finale



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