19. Mai 2014

Bellerofonte Castaldi: Battaglia d’amore (Il Furioso, 2009)

Bellerofonte Castaldi wurde 1580 im friedlichen Dorf Collegara geboren, südöstlich der norditalienischen Stadt Modena, wo seine einigermaßen wohlsituierte Familie ein Anwesen am Ufer des Flusses Panaro besaß. Sein Vater Francesco war einer der exzentrischsten und gleichzeitig kultiviertesten Einheimischen in einem Gebiet, das schon lange für den Nonkonformistengeist seiner unabhängigen Bürgerschaft bekannt war. Bellerofonte schrieb, dass, seit Francescos Post oft zu einer der anderen Familien Castaldi (einem seinerzeit nicht ungebräuchlichen Namen) in Modena ausgeliefert wurde, dieser seine Kinder auf ungewöhnliche aus der Antike abgeleitete Vornamen taufen ließ, um ähnliche Konfusion bei diesen zu vermeiden. Nirgendwo in Bellerofontes erhaltenen Schriften erwähnt dieser seine und seiner Geschwister Erziehung, doch lassen ihre Kenntnise der Philosophie, Klassiker, Sprachen, der Künste und der Wissenschaften vermuten, dass sie ausgezeichnet war.

Das kleine Einkommen aus den Erträgen des Familienbesitzes verschonte ihn davor, in Knechtschaft, wie er es bezeichnete, an einem Hof zu wirken, einer Institution, die er "von weit fort zu bewundern" vorzog. Castaldi nutzte diese Freiheit, um sein Leben als Dilettant zu führen und sich hauptsächlich der Ausübung künstlerischer Tätigkeiten zu widmen. Er verbrachte viel Zeit in Collegara und kam immer dorthin zurück, doch besaß er auch eine Wohnung in Venedig, wo er ein kulturell und auch anderweitig lebhaftes Leben genießen konnte, das Modena mit seinem verhältnismäßig neuen Hof und provinziellen musikalischen Geschmack nicht bieten konnte - "Sono vivo, sono Venezia" ("Ich lebe nur in Venedig"), schrieb er in der Widmung einer seiner Veröffentlichungen. Im Lauf der Jahre lebte er auch für längere Zeit in Rom, Neapel, Genua und Palermo. Bellerofonte Castaldi sollte ein Renaissancemensch im modernen Sinn werden: Lautenvirtuose, Komponist, Dichter, Satiriker, Graveur und Abenteurer. Diese CD feiert die große Vielfalt seiner schöpferischen Leistungen.

Mit Ausnahme einiger weniger Komponisten wie zum Beispiel Francesco Rasi und Sigismondo d'India, die gelegentlich ihre eigenen Liedtexte verfassten, vertonten die meisten Komponisten dieser Epoche Texte etablierter Dichter, darunter besonders der zeitgenössischen Dichter Gabriello Chiabrera, Ottavio Rinuccini und Gianbattista Marino. Castaldi war im Gegensatz dazu als Dichter wie als Komponist begabt und schrieb die meisten seiner Liedtexte selbst, ähnlich den Singer-Songwritern wie beispielsweise Bob Dylan und Leonard Cohen. Alle Lieder dieser CD, einige von ihnen nur im Manuskript erhalten, erfahren hier ihre Ersteinspielung, ebenso wie Frescobaldis "Canzon Quinta detta Bellerofonte" und Castaldis "Capriccio di battaglia a due stromenti" - ein umfassendes Epos für die einmalige Kombination von Theorbe und Tiorbino, einer eine Oktave über dem größeren Instrument gestimmten Miniatur-Theorbe, die ihre einzelnen Saiten und ihre Stimmung in A bewahrt und die Castaldi als "questa mia invenzion novella" bezeichnete. Nur neun Duos existieren für diese Kombination, alle von Castaldi.
Zu dem liegen seine Capricci a due stromenti (1622) als Druck vor, einen bemerkenswerten Band, der raffinierte, lyrische Lautenmusik und charmante Tanzlieder mit allegorischen Bildern und Gedichten von außergewöhnlicher Qualität verschönert. Die "Capriccio di Battaglia a due stromenti", "Capriccio detto hermafrodito" und "Quagliotta canzone" sind meiner kritischen Ausgabe dieser Veröffentlichung entnommen. In Zusammenarbeit mit seinem Freund, dem venezianischen Drucker Alessandro Vincenti, veröffentlichte Castaldi 1623 den ersten und einzigen Band seiner gesammelten Monodien - Lieder mit Basslinie, aus der ein Lautenist oder Cembalist eine harmonische Begleitung improvisieren würde - unter dem Titel Primo mazzetto di fiori musicalmente colti dal Giardino Bellerofonteo ("Erste Zusammenstellung der in Bellerofontes Garten gezogenen musikalischen Blumen").

Das Primo mazzetto ist bekannt für einige Neuerungen und Äußerungen Castaldis: 1) die Texte der zweiten und weiterer Strophen sind in den Notentext gedruckt statt unten auf der Seite oder einer Folgeseite, 2) Castaldi missbilligte den Gebrauch des Falsetts für dieses Repertoire und 3) er beharrte darauf, dass seine Monodien nicht wie andere Sammlungen mit Lautentablatur überladen werden sollten. Es ist eine reiche Quelle von Monodien in verschiedenen Stilen: virtuose ornamentierte Madrigale und strophische Variationen im spektakulären römischen melismatischen Stil, Tanzlieder im Dreiertakt und was Castaldi als passeggi bezeichnete, syllabisch gesetzte Lieder im Zweiertakt mit langen Achtelketten, oft in Skalenbewegung, die für Instrumentalvariationen typische, Übergänge nachahmen. Das Primo mazzetto enthält auch mehrere Gesangsduos, von denen zwei auf dieser CD zu hören sind, und schließt mit einem sehr langen sechsteiligen Trio für zwei Tenöre und einen Bass. Einige Lieder des Primo mazzetto finden sich auch in dem einige Jahrzehnte nach Castaldis Tod kompilierten Manuskript Modena Biblioteca Estense Mus.G.239; mehrere seiner Lieder sind ausschließlich dort zu finden - sie mögen ursprünglich für ein Secondo mazzetto gedacht gewesen sein, ein Projekt, auf das Castaldi in seinen Schriften anspielt.

Von den fünfzehn Liedern auf dieser CD erschienen zehn im Primo mazzetto, neun von ihnen mit Nennung Castaldis als Textdichter. Die einzige Ausnahme, "Porterà´l sol dal Occidente", wurde von einem anderen Freund der Familie Este verfasst, Monsignor Antonio Querengo, am besten bekannt für seinen Traktat über die eindrucksvolle rhetorische Eloquenz Galileos während seines Besuchs in Rom 1616. Castaldi schätzte sicher die klassische Schönheit von Querengos Gedicht; "Porterà" ist der einzige hier vorliegende Text, der einem traditionellen poetischen Muster folgt.

Vier der zehn Lieder aus dem Primo mazzetto sind auch in Modena 239 zu finden mit dem Vermerk "di b.c." nach ihren Titeln. Außerdem haben wir fünf weitere Lieder mit demselben Vermerk eingespielt, die sich nur in Modena 239 finden. Weil "Porterà" in beiden Quellen zu finden ist, lässt sich hieraus ableiten, dass "di b.c." lediglich mitteilt, dass Castaldi der Komponist, nicht aber notwendigerweise auch der Textdichter ist. Die übrigen Texte in Modena 239, die von "di b.c." begleitet werden und nicht auch im Primo mazzetto gedruckt wurden, zeigen alle Kennzeichen von Castaldis Dichtstil, mit der Vertonung im Hinterkopf: charakteristische wiederkehrende Themen, die in ungewöhnlich persönlicher und intensiver Weise ausgedrückt werden, einmalige metrische und Reimschemata, ähnlich idiosynkratischer Gebrauch der Sprache, raffiniertes Wortspiel und gleichzeitige Konzeption von Dichtung und Musik, die sich in den zweiten und weiteren Strophen strophischer Lieder nachweisen lässt; all dies legt nahe, dass Castaldi auch der Dichter dieser Texte war.

Castaldi schrieb viele Male, dass er Trost in Dichtung und Musik fand. Indem er seine Gefühle mit einer Aufrichtigkeit ausgoss, die der sorgenfreien Selbstsicherheit trotzt, die wir von Abenteurern, Hetzern und offenen Kritikern der öffentlichen Ordnung wie ihm erwarten würden - möglicherweise Castaldis Versuch, die Folgen seiner Handlungen mit seinen Hoffnungen und Träumen zu versöhnen -, berührt er uns tief. Es braucht wenig Einbildungskraft, die Ungerechtigkeiten, die dem Dichter von dem Objekt seiner Zuneigung widerfuhren, als stellvertretend für die Ungerechtigkeit zu verstehen, die Castaldi selbst in sowohl Liebe als auch seinem weiteren Leben erfuhr.

Die Liedtexte befassen sich zumeist mit zurückgewiesener Liebe - dem Prozess des Loslassens von Ärger und Verstimmung durch verletzten Stolz bis hin zu Frieden und Bescheidung: dies ist die battaglia d'amore. Einige Lieder beschreiben die vollständige Transformation, "Più non vi miro" und "Hor meno lieto" zum Beispiel. Andere, wie "Amor colei" und "O crudel Amor", untersuchen einen sehr spezifischen Schritt auf diesem Weg: Beide Lieder flehen Amor an, das harte Herz zu erweichen, das den Dichter in eine "grausame Hölle der Traurigkeit" gestürzt hat. Andere sagen poetische Gerechtigkeit voraus.

Unser Eröffnungsstück, das Duo für zwei Soprane "O Clorida", trägt im Primo mazzetto den Untertitel "Frühlingscorrente", ein pastorales Tanzlied von bezauberndem unschuldigen Charme, das den vertrauten Vergleich der Schönheit des Gesichts der Geliebten mit jener einer Rose im April entfaltet. Der stolzen Clorida wird geraten, die Blüte ihrer Jugend zu schätzen, bevor sie verwelkt. Scharfe Dissonanzen und die rhythmische Vitalität der Synkopierungen in der zweiten Hälfte jeder Strophe betonen diesen Rat.

Seines Dreiermetrums ungeachtet, ähnelt "Saetta pur saetta" vielen zeitgenössischen Rock 'n' Roll-Songs in seinem energischen Rhythmus, seiner eingängigen Melodik, der Durtonalität und der einfachen Botschaft. Die Vertonungen können aber auch eine zusätzliche Dimension bieten. Obwohl die Wut, Bitterkeit und Frustration des Textes von "Amor colei" von außerordentlich weiter, wenig verbergender
Tessitura belebt werden, offenbart die musikalische Behandlung in anderen Liedern tiefere Ironie. "Lo sdegno" ist angeblich eine Aufforderung an die Wut, obwohl seine nonchalante fast gesangsmäßige Melodie und einfache Harmonien scheinbar der offensichtlichen Bedeutung des Textes widersprechen, bis offenbart wird, dass die Vernunft den Liebhaber hat überzeugen können, den komplizierteren Weg zu nehmen, indem er die Waffen seiner Geliebten gegen ihn (Schönheit, Charme, usw.) in seine Trophäen des Sieges umgestaltet.

Amor erhält immer das Lob, doch in "Quella altera" erhält er den Tadel und Schlimmeres. Hier verspottet der Dichter Amor für seine Unfähigkeit, denn wenn er ihr eisiges Herz nicht erweichen kann, sollte er sich einen anderen Beruf suchen. Der arme Liebhaber beklagt: Wenn Amor machtlos ist, welche Chance hat er dann? Wir begleiten dieses Lied mit Solo-Tiorbino, einem kostbaren, winzigen Instrument, das der kleine Gott spielen könnte. Viele der Lieder ("Felice e contento", zum Beispiel) sind intime Reflexionen, die das Spektrum manchmal schnell wechselnder Emotionen auffächern, wie das geschieht, wenn man Probleme im Herzen bewegt.

Vielleicht ist die ungewöhnlichste vokale Auswahl in unserem Programm vom sowohl textlichen als auch musikalischen Standpunkt aus das zweiteilige Madrigal "Echo". Es porträtiert einen Gesprächspartner, der sich von einer inneren Stimme, getarnt als ein Echo, beraten und aufgefordert sieht. Im zweiten Teil tauchen Zweifel in der Stimme eines zweiten zynischeren Echos auf, die leider jede Hoffnung auf einen positiven Schluss in seiner Zwangslage zunichte machen. "Echo" ist eines der vielen Beispiele auf dieser CD, bei denen Castaldi routinemäßig vokale Feuerwerke erwartet, die die Sänger seiner Lieder ohne jede Beschwerlichkeit auszuführen haben.

Castaldis Instrumentalwerke verlangen ähnliche Pyrotechnik. Für diese Einspielung haben wir besonders virtuose Duos für Theorbe und Tiorbino ausgewählt, um letzteres äußerst rares Instrument zu präsentieren. Castaldi hat oft geschrieben, wie Theorbe und Tiorbino zusammen "perfekte" Musik machen, "wie Tabak und Wein", und in der Widmung der Capricci schuf er eine phantastische metaphorische Fabel über seine Entstehung. Populär vom 16. bis ins 19. Jahrhundert, sind battaglie episodische und oft sehr lange Darstellungen von Kriegsklängen. Castaldi gestand seiner "Capriccio de Battaglia a due stromenti" einen Ehrenplatz zu Beginn seiner Capricci a due stromenti zu, gegenüber seinem Porträt mit Freunden. Das "Cappricio di Battaglia a due stromenti" ist sicher das imposanteste Beispiel für dieses Genre in der ganzen Lautenliteratur, sie umfasst eine erstaunliche Spannweite an Stimmungen in einem manchmal chaotischen Auf- und Abschwellen, das die Komplexitäten und Paradoxa repräsentiert, die jeder Art ausgedehntem Konflikt zugehören. Viele battaglie enden in der parallelen Molltonart wie normalerweise auch Castaldis - doch haben wir uns die Freiheit genommen, diese im triumphierenden Dur enden zu lassen, und obwohl diese battaglia die Capricci eröffnet, beendet sie hier unser Programm.

Quagliotta canzone und "Capriccio detto hermafrodito" sind gelehrte Kompositionen für zwei bis vier Stimmen, die Castaldis kontrapunktische Fähigkeiten vorführen; Kontrapunkt zwischen der Stimme und dem Continuo ist auch ein wesentlicher Teil der Struktur in vielen seiner Lieder, etwa in "Felice e contento" und "Occhi belli". Die polyphonen Linien in "Quagliotta" evozieren das Bild einer Mutterwachtel mit ihren Küken im Gänsemarsch. In den Capricci erscheint Castaldis Zeichnung einer Wachtel direkt unter der Tablatur. Der fesselnde Titel "Capriccio detto hermafrodito" mag sich auf die alte hellenistische Statue des schlafenden Hermaphroditen beziehen, die um 1610 wiederentdeckt und 1620 in Rom auf einen Marmorsockel von Gian Lorenzo Bernini gestellt wurde. Castaldi kannte wahrscheinlich den Bildhauer durch Berninis Förderer, die Familie Este, sowie seinen engen Freund Fulvio Testi, der wie Castaldi aus Modena ausgebürgert worden war und zu jener Zeit in Rom lebte.

Wir beenden diese CD mit der Weltersteinspielung der "Canzon Quinta detta Bellerofonte" für Cembalo von Girolamo Frescobaldi. Die Benennung vom Stück markiert die Verbindung zwischen den beiden Komponisten, die durch ihren gemeinsamen Bekannten, den Kardinal Alessandro d'Este, während einer Periode zusammengebracht worden sein dürften, als Frescobaldi, Este und Castaldi ihre Rolle in der herrlich opulenten künstlerischen Blüte des barocken Rom gespielt haben.

Quelle: David Dolata, [übers. Jürgen Schaarwächter], im Booklet

Die Abbildungen zu diesem Text zeigen Frontispiz und einige Seiten aus Castaldi's Capricci a due stromenti (Bibliotheca Forni, Modena)

TRACKLIST

BELLEROFONTE CASTALDI 

Battaglia d'amore 

Songs of Love: Castaldi's settings of his own poetry
Virtuosic duos for tiorbino and theorbo
Modena (1622) and Venice (1623)

01. O Clorinda                                      [02:43]
02. Saetta pur saetta                               [01:51]
03. O crudel amor                                   [03:25]
04. Quella che tanto                                [04:57]
05. Echo, prima parte                               [03:45]
06. Echo, seconda parte                             [03:24]
07. Quagliotta canzone *                            [03:48]
08. Hor meno lieti                                  [04:40]
09. Fuor di noia                                    [04:47]
10. Occhi belli                                     [02:44]
11. Lo sdegno                                       [03:11]
12. Canzon quinta detta Bellerofonte (Frescobaldi)  [03:05]
13. Felice e contento                               [02:52]
14. Pieno di bellezze                               [02:03]
15. Porterà'l sol                                   [02:53]
16. Capriccio detto hermafrodito *                  [02:30]
17. Più non vi miro                                 [04:21]
18. Quella altera                                   [01:46]
19. Amor colei                                      [03:11]
20. Capriccio di battaglia a due stromenti          [14:26]

                                             TT:    [76:33]
First recordings (except for *)

IL FURIOSO:

Gian Paolo Fagotto, tenor
2, 4, 8, 10, 13, 15, 17, 19
Janet Youngdahl, soprano
5, 6, 11, 14, 18
Laura Fabris, soprano
1, 3, 5 (echo), 6 (first echo), 9
Eugenia Corrieri, soprano
1, 6 (second echo), 9
Claudio Zinutti, tenor
4
David Dolata, theorbo
1-6, 8-11, 17, 19
tiorbino 7, 13-16, 18, 20
Victor Coelho, archlute
1-6, 8, 9, 11, 13-15, 17, 19
theorbo 7, 16, 20
tiorbino 10
Neil Cockburn, harpsichord
1-6, 8-15, 17, 19

David Dolata, director


Tracks 7, 16, 20 recorded at the Concert Hall of the Herbert and Nicole Wertheim Performing Arts Center at Florida International University, Miami, Florida, 23-25 June 2006 
Recording: Thomas Owen - Editing and Mixing: Cinnamon Anderson 

Tracks 1-6, 8-15, 17-19 recorded at Antica Pieve di San Martino d'Asio-Clauzetto, 
Pordenone, Italy, 12-17 July 2006. 
Recording: Ornelio Bortoliero and Douglas Frey - Editing: Matteo Costa and Cinnamon Anderson 
Mixing: Cinnamon Anderson - Mastering Engineer: Richard Harrow 

Vocal tracks taken from Bellerofonte Castaldi: Prima mazzetto (Venice, 1623) 
and Modena Biblioteca Estense Ms.MUS.G.239 
Tiorbino and Theorbo duos: Bellerofonte Castaldi, Capricci a due stromenti (Modena, 1622) 
Harpsichord solo: Girolamo Frescobaldi, Canzoni alla francese (Venice, 1645) 

Cover: Bellerofonte Castaldi engraved self-portrait and 'Battaglia a due stromenti' 
from Capricci a due stromenti (Modena, 1622) 

Executive producer: Martin Anderson 

(C) 2009

Track 1: O Clorida


O Clorida
O Clorida vaga e gentile,
tu rosa rassembri d'aprile
ch'in su la nativa sua spina
pomposa si mostra d'ogni fior regina,
a cui scherzand'intorno ride l'Aurora
con Zeffiro e Flora;
ma se non cogli a tempo sua bellezza
col sol cade e si disprezza.

Quel tutto di bel che raccolto
adoro nel vago tuo volto.
Non molto n'andrà che sia spento
e l'oro del crine si farà d'argento.
Le rose spariranno in un baleno
dal visa e dal seno
e sarà tolto agli occhi lo splendore
di quel foco ond'arde il core.

Superba del bel che m'incende,
deh, godilo mentre risplende,
e Amor che per me ti consiglia
hor odilo presta e al tuo miglior t'appiglia.
Non ti mostrar mal saggia, che primavera
ritorna qual era,
ma la bellezza c'hai nel volto adorno
non è per far più ritorno.
O Clorida, lovely and kind,
you resemble the rose of April
that above its native thorn
shows herself to be queen of every flower,
around whom Aurora playfully laughs
with Zephyrus and Flora;
but if you don't pick its beauty in time,
it sets with the sun and is scorned.

All that gathered beauty
I adore in your lovely face.
In a little while it will be spent,
and your golden locks will turn to silver.
The roses will disappear in a flash
from your countenance and breast,
and taken from your eyes will be the splendor
of that fire which makes my heart burn.

Proud one, with beauty that inflames me,
oh, enjoy it while it still glows;
and Love, who advises you for me,
be ready to listen to him for your own good.
Don't be foolish, for Spring
will return as it was,
but the beauty that graces your face
will return again no more.

Georg Friedrich Kersting


(1785-1847)


Lesender bei Lampenlicht

Georg Friedrich Kersting: Lesender bei Lampenlicht, 1814, Öl auf Leinwand,
47,5 x 37 cm, Museum Stiftung Oskar Reinhart, Winterthur
Die Innenraumbilder, für die Kersting am meisten bewundert wird, gehörten, wie die Gemälde Caspar David Friedrichs, zu den überraschendsten Entdeckungen der Berliner Jahrhundert-Ausstellung von 1906. Die spärliche Zahl der damals bekannten Werke ist seither nur wenig, auf kaum mehr als ein Dutzend, angewachsen.

Nach Studienjahren in Kopenhagen kam Kersting 1808 nach Dresden und fand dort im Romantikerkreis rasch Freunde. 1811 erregten seine ersten selbständigen Werke an der Ausstellung der Kunstakademie Aufsehen, es waren die Bildnisse von Gerhard von Kügelgen und Friedrich in ihren Ateliers (Karlsruhe, Kunsthalle, bzw. Hamburg, Kunsthalle); letzterer war sein enger Freund, mit dem er 1810 das Riesengebirge durchwandert hatte. Goethe, der Kerstings Werke bewunderte, vermittelte den Verkauf des »Eleganten Lesers« sowie der »Stickerin«, ein Bildnis der mit dem Dichter befreundeten Louise Seidler, das Herzog Karl August von Weimar erwarb. Die Teilnahme an den Befreiungskriegen im Lützower Freikorps 1813, dessen Gefallenen er 1815 zwei Erinnerungsbilder widmete, beendete Kerstings produktivste Schaffensphase abrupt. Nach der Rückkehr in das vom Krieg heimgesuchte Dresden bewog ihn die schwierige materielle Lage, Anfang 1816 eine Stelle als Zeichenlehrer in Warschau anzunehmen. Ab 1818 hatte er als Direktor der Porzellanmanufaktur Meißen endlich eine gesicherte Existenz, die ihm aber kaum mehr Zeit zu freier künstlerischer Tätigkeit ließ.

Lesender bei Lampenlicht

Der auf 1814 datierte »Lesende bei Lampenlicht«, der zusammen mit dem »Eleganten Leser« und dem »Mann am Schreibtisch« gleichsam eine Trilogie romantischer Gelehrsamkeit bildet, enthält die Quintessenz von Kerstings Schaffen. Bei diesen »Zimmerporträts« gehen Innenraum und Person eine enge Verbindung ein. So lobte Louise Seidler: »In der Tat ist es interessant, geliebte oder hervorragende Menschen in der ihrem Berufe angemessenen, folglich auch für ihre ganze Wesenheit charakteristischen Umgebung zu sehen.« Diese Werke spiegeln die Befindlichkeit des romantischen Gelehrten, Schriftstellers oder Künstlers, der vielfach in einem seriösen bürgerlichen Beruf gefangen war wie Novalis oder E. T. A. Hoffmann.

Der Lesende sitzt, den Kopf auf die Hand gestützt, mit einem Buch in leicht abgedrehter Haltung konzentriert an seinem Schreibtisch. Seine Frisur - sie gleicht derjenigen Friedrichs - ist kunstvoll verwirrt. Trotz seines vergeistigten Zustandes hält der Mann streng Ordnung in dem spartanisch eingerichteten Zimmer, das keine Ablenkung duldet. Es sind weder Ziergegenstände noch Blumen auszumachen. An den Wänden fehlen die Bilder, Stiche oder Wandkarten, die die große, weite Welt ins Zimmer bringen wie bei Vermeer, an den Kerstings Werke aufgrund ihrer Seltenheit und Ausstrahlung denken lassen. Eine Karte ist zwar da, steht aber aufgerollt in der Zimmerecke. Nichts dringt in diesen Raum ein, der völlig in sich ruht. Dafür entfaltet sich eine innere Welt. Der geistigen Sammlung des Lesers kommt die Stille der Nacht zustatten, »die zweifellos von keinem Geräusch im Haus oder gar einem Lärm auf der Straße gestört wird. Man glaubt die Stille geradezu wie einen magischen Ton zu hören.«

Doch der Leser bleibt nicht ganz allein in diesem Raum von »verwunschener Säuberlichkeit und raunender Pedanterie«, in dem die Gegenstände, die er um sich geschart hat, Geschichten erzählen. Etwas ist da, das eine andere Welt von außen hereinzaubert: Gleich links von der Lampe und in deren hellstem Licht steht ein aufgeklapptes Etui mit einer weiblichen Bildnisminiatur: Ist es die Geliebte, Braut oder Frau des Lesenden, die er beim Aufblicken jederzeit sieht? Vor ihm auf dem Tisch sind Briefe, Töpfe und eine Schreibfeder. Die geöffnete Schatulle links hat den Inhalt preisgegeben, der aber - ein in Stoff eingeschlagener Gegenstand daneben -wiederum verhüllt ist. Zwei Gestelle voller Bücher stoßen rechts im Wandwinkel zusammen. Am einen ist eine Art Stehpult befestigt. Ein zierliches Gestell auf Rädern steht, wohl aus Platzmangel, denn es ist ein sehr schmales Zimmer, rechts im Raum mit weiteren Schatullen und Schachteln.

Die strenge Ordnung im Bild baut auf einem Gerüst von Senkrechten und Waagrechten auf, die jeden Gegenstand an ihrem Platz festmachen. Diagonal verlaufende Linien erschließen den Raum perspektivisch. Sie zielen, mit Ausnahme der Fensterwand, die demnach leicht schräg stehen muß, auf ihren gemeinsamen, verbindenden Fluchtpunkt genau in der Lampe: Die leuchtend weiße Innenseite des Lampenschirms ist der hellste Fleck im Bild.

In diesem wohlgeordneten Tempel des bürgerlich aufgeklärten Geistes spielt das Licht die Hauptrolle. Es produziert Farben. Die Komplementärfarben Grün und Rot, deren Intensität von der Nähe zum Licht abhängt, durchziehen das Bild wie ein Leitmotiv. Das Grün beherrscht die Rückwand, auf der sich die langen Schatten des Lampenschirms und des Glockenzuges so wundervoll bewegen wie übermütige Kobolde. Zur Farbe Grün schreibt Goethe: »Unser Auge findet in derselben eine reale Befriedigung. [...] Man will nicht weiter, und man kann nicht weiter. Deswegen für Zimmer, in denen man sich immer befindet, die grüne Farbe zur Tapete meist gewählt wird.« Rot als Steigerung ist spärlicher eingesetzt. Zaghaft gebrochen im Schatten bei der geschlossenen Schatulle rechts angelegt, entfaltet es sich im vollen Licht bei der Schatulle links zu höchster Leuchtkraft. Einzelne rote Flecken wie die Briefsiegel legen eine vermittelnde Spur von der Schatten- zur Lichtseite.

In Abwesenheit des Lichts führen die Bücher ein Schattendasein. Das gespeicherte Wissen liegt verschlossen im Dunkeln, wartet, bis es nach und nach ans Licht darf zur Lektüre im Schein der Kerze, wo es selbst zu leuchten beginnt durch seine Vernunft. Doch das Licht als geistiger Mittelpunkt scheint auch, ganz still und daher um so unheimlicher, ein Eigenleben zu führen. Es ist lebendiges Licht, das Betreuung erfordert, indem von Zeit zu Zeit die Höhe des Lampenschirmes den abbrennenden Kerzen angepaßt, das herunterrinnende Wachs entfernt, ausgelöschte Kerzen ersetzt und rauchende Dochte zurückgeschnitten werden müssen. Das Licht bringt, wo es nicht hinkommt und hinter dem Rücken des Lesers, Schatten hervor. Dieser »glaubt sich nicht hüten zu müssen. Er sieht das Schattenspiel gar nicht und bleibt auch ungewarnt wach und munter. Aber Kersting zaubert die Boten der drohenden Nacht an der Wand hervor und erzeugt das reizvolle Widerspiel, das so viele Kunstgebilde dieser Epoche charakterisiert.«

Quelle: Peter Wegmann: In: Museum Stiftung Oskar Reinhart Winterthur. Deutsche, österreichische und schweizer Malerei aus dem 18., 19. und frühen 20. Jahrhundert, Insel Verlag, Frankfurt/Leipzig 1993, Seite 80

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