13. Februar 2017

Schubert: Die Klaviersonaten. (Wilhelm Kempff, 1965/69)

Schuberts verborgenste Schätze

»Sie sehen«, erscholl halblaut, mit einem hinweisenden Seitenblicke, die gewöhnliche Äußerung Vogls, wenn Schubert, ohne zu wissen, dastand, vertieft, verloren: »der Mensch ahndet gar nicht, was in seinem Innern lebt! Das ist eine unerschöpfliche Flut!«
(Anton Steinbüchel von Rheinwall: 1858 an Ferdinand Luib)

Schuberts Klaviersonaten blieben mir in der Jugendzeit bis auf wenige Ausnahmen ein Buch mit sieben Siegeln. Ich hielt mich an seine große a-moll-Sonate op. 42 (D 845), weil sie mir Beethovens Geist verwandt schien. Noch wußte ich nicht, welch herrliche Aufgabe meiner wartete, mich an der Hebung der verborgensten Schätze aus der unergründlichen Tiefsee der Musikseele Schuberts beteiligen zu dürfen. Daß ich damals (mit »damals« ist die Zeit vor dem Ersten Weltkrieg gemeint) jede Gelegenheit suchte, um mich als Begleiter seiner Lieder zu betätigen, das sehe ich heute als meine wertvollste Vorbereitung für das allmähliche Eindringen in die Schubertsche Klangwelt an, eine Klangwelt, von der der Sänger Vogl, Schuberts erster bedeutender Interpret, so schön sagte: Schubert »ahndet gar nicht, was in seinem Innern lebt! Das ist eine unerschöpfliche Flut!«

Die meisten seiner Sonaten sollten nicht in das grelle Rampenlicht der Riesenkonzertsäle gezogen werden, da es sich um Bekenntnisse einer höchst verletzlichen Seele handelt, mehr noch um Monologe, oft so leise geflüstert, daß der Klang im Raum verhallt (im dreifachen Pianissimo verrät uns Schubert die tiefsten Geheimnisse).

Nein, dem Virtuosen bieten sich bei ihm keine lohnenden Betätigungen. Heißt es doch, dem ewigen Wanderer Schubert ein Begleiter auf seinen Wegen in jenes Land zu sein, das er mit seiner nimmer endenden Sehnsucht gesucht hat. Wegen des vorwiegend lyrischen, epischen Charakters der Sonaten Schuberts gibt es Probleme zu lösen, die uns der männlich disponierende, in lapidarer Sprache zu uns redende Beethoven erspart. Je tiefer wir aber in die Welt Schuberts eindringen, um so überraschter entdecken wir, daß die ihm vorgeworfenen »himmlischen Längen« nur relativ zu bewerten sind. Wenn diese Längen fühlbar werden, so liegt die Schuld beim Interpreten (ich spreche da aus eigener Erfahrung ... ).

Es ist merkwürdig, wie sich Schubert gerade in den Sonaten aus seiner Sturm- und Drang-Periode als Wegbereiter für die Nach-ihm-Kommenden erweist. Nur einige Beispiele:

In der a-moll-Sonate (D 537) aus dem Jahre 1817 glauben wir Brahms vor uns zu sehen, wie er rhapsodisch in die Saiten greift.

Noch erstaunlicher geht es in der genialen f-moll-Sonate (D 625) aus dem Jahre 1818 zu, die die Handschrift Chopins zeigt. Das Finale mit seinen drohenden Unisonoläufen mutet wie ein Entwurf zu Chopins b-moll-Sonatenfinale an.

In der großartigen Sonate a-moll (D 784/1823) und noch mehr in der C-dur-Sonate (D 840/1825), der sogenannten »Unvollendeten«, hören wir Bruckners Stimme. Fast könnte man versucht sein, bei solchem Geschehen auf ein mystisches Verbundensein der Geister jenseits der menschlichen Begriffe von Zeit und Raum zu schließen.

Die unvollendete Sonate war für mich - vier Jahrzehnte sind seitdem vergangen - eine wahre Entdeckung. Beim ersten Durchlesen schien es mir, als hätte ich den Klavierauszug einer Symphonie vor mir, so groß sind hier die Maßstäbe gesetzt. Der Durchführung, in der das Hauptthema mit Riesenfüßen einherschreitet, wird hier zum erstenmal ein weiter Raum zugewiesen. Schubert versuchte, an den großartig aufgebauten zweiten Satz (ein balladeskes Andante) einen dritten, einen vierten Satz anzuhängen. Es blieb bei dem Versuch. Müde, mißmutig legte er die Feder aus der Hand, wie es seine Art war, wenn auch ihm einmal die Muse den Rücken gekehrt hatte. So stehen nun die ersten beiden Sätze dieser Sonate allein für sich da, allein und einsam wie die beiden Memnonsäulen.

Von hier geht es auf steilem Weg zum Gipfel. Das Jahr 1828 wird zum Jahr von Schuberts Vollendung. Es entstehen u.a. das C-dur-Streichquintett und die drei letzten Klaviersonaten. Werke, die beweisen, daß er sich die Sonatenform erobert hatte, mehr noch, daß er sie mit seinem innersten Wesen, mit seinem unendlichen Atem gefüllt hat, dem Baume gleich, der seine Säfte bis in die letzten Verästelungen treibt. Aber das Jahr 1828 wurde auch im anderen Sinne zum Jahr seiner Vollendung: Übermenschliches hatte Schubert seinem Körper zugemutet. Der Tod machte in seinem Fall eine Ausnahme: rücksichtsvoll wartete er an der Tür des bescheidenen Stübchens, bis der letzte Federstrich getan war.

Sein Geist ist eingemündet in die »unerschöpfliche Flut«.

Wenn Schubert seine Zauberharfe ertönen läßt, ist uns dann nicht zumute, als schwebten wir losgelöst von aller Materie in einem Meer von Tönen? Ein Naturgeist ist Schubert gewesen, eng dem Atmosphärischen verschwistert. Das Eckige, Kantige war nicht seine Art. Das Fließende, unaufhörlich Quellende, von dem so viel in seinen Liedern gesungen wird, war ein Teil seines Wesens. Darum konnte nur er, zum zweiten Orpheus geworden, Goethes »Gesang der Geister über den Wassern« vernehmen:

Des Menschen Seele
Gleicht dem Wasser:
Vom Himmel kommt es,
Zum Himmel steigt es,
Und wieder nieder
Zur Erde muß es.
Ewig wechselnd.

Quelle: Wilhelm Kempff, 1970, im Booklet

Wilhelm Kempff
TRACKLIST


FRANZ SCHUBERT (1797-1828) 

THE PIANO SONATAS

Wilhelm Kempff, piano


CD 1                                      [71'23]

Sonata in B flat major D 960              [43'16]
B-dur - en si bémol majeur 
[01] 1. Molto moderato                    [21'09]
[02] 2. Andante sostenuto                  [9'18]
[03] 3. Scherzo. Allegro vivace            [4'48]
[04] 4. Allegro ma non troppo              [8'01] 

Five Piano Pieces D 459 & D 459A          [27'49]
("Sonata in E major") 
Fünf Klavierstücke ("Sonate E-dur") 
Cinq Piéces pour piano ("Sonate en mi majeur") 
[05] 1. Allegro moderato                   [6'02]
[06] 2. Allegro                            [4'58]
[07] 3. Adagio                             [5'30]
[08] 4. Scherzo. Allegro                   [3'45]
[09) 5. Allegro patetico                   [7'34]

(P) 1967 (D 960)/1970 (D 459 & D 459A)


CD 2                                      [65'49]

Sonata in C minor D 958                   [29'50] 
c-moll - en ut mineur
[01] 1. Allegro                            [8'39]
[02] 2. Adagio                             [6'54]
[03] 3. Menuetto. Allegro                  [3'50]
[04] 4. Allegro                           [10'27]

Sonata in A major D 959                   [35'38]
A-dur - en la majeur 
[05] 1. Allegro                           [10'45]
[03] 2. Andantino                          [7'32]
[03] 3. Scherzo. Allegro vivace            [5'20]
[04] 4. Rondo. Allegretto                 [12'01] 

(P) 1968 (D 959)/1970 (D 958) 
 

CD 3                                      [69'59]

Sonata in G major D 894 (op. 78)          [30'44]
G-dur - en sol majeur 
[01] 1. Molto moderato e cantabile        [10'55]
[02] 2. Andante                            [6'53]
[03] 3. Menuetto. Allegro moderato         [3'58]
[04] 4. Allegretto                         [8'58]

Sonata in D major D 850 (op. 53)          [39'01]
D-dur - en ré majeur 
[05] 1. Allegro vivace                     [9'44]
[06] 2. Con moto                          [10'25]
[07] 3. Scherzo. Allegro vivace            [9'32]
[08] 4. Rondo. Allegro moderato            [9'20]

(P) 1965 (D 894)/1970 (D 850) 


CD 4                                      [71'13]

Sonata in A minor D 845 (op. 42)          [29'05]  
a-moll - en la mineur     
[01] 1. Moderato                           [8'04]   
[02] 2. Andante poco mosso                 [9'04]   
[03] 3. Scherzo. Allegro vivace -          [6'44] 
        Trio. Un poco più lento     
[04] 4. Rondo. Allegro vivace              [5'13]   

Sonata in C major D 840                   [23'21]
("Reliquie" - Fragment)     
C-dur - en ut majeur     
[05] 1. Moderato                          [15'12]   
[06] 2. Andante                            [8'09]   

Sonate in A minor D 784 (op. 143)         [18'24]   
a-moll - en la mineur     
[07] 1. Allegro giusto                     [8'46]   
[08] 2. Andante                            [4'12]   
[09] 3. Allegro vivace                     [5'26]   

(P) 1965 (D 845)/1967 (D 840)/1968 (D 784) 
Wilhelm Kempff
CD 5                                      [68'10]

Sonata in A major D 664 (op. 120)         [20'30] 
A-dur - en la majeur   
[01] 1. Allegro moderato                  [10'39]
[02] 2. Andante                            [4'32] 
[03] 3. Allegro                            [5'19] 

Sonata in F minor D 625                   [22'19]
f-moll - en fa mineur   
[04] 1. Allegro                            [9'52]               
[05] 2. Scherzo. Allegretto                [6'09]
[06] 3. Allegro                            [6'18]

Sonata in B major D 575 (op. 147)         [24'47]
H-dur - en si majeur   
[07] 1. Allegro ma non troppo              [8'00]
[08] 2. Andante                            [5'42]
[09] 3. Scherzo. Allegretto                [5'33]
[10] 4. Allegro giusto                     [5'32] 

(P) 1967 (D 664)/1970 (D 575. 625)


CD 6                                      [57'06]

Sonata in E flat major D 568 (op. 122)    [28'43]   
Es-dur - en mi bémol majeur     
[01] 1. Allegro moderato                  [1O'03]   
[02] 2. Andante molto                      [6'04]   
[03] 3. Menuetto. Allegretto               [4'30]   
[04] 4. Allegro moderato                   [8'06]   

Sonata in A flat major D 557              [11'53]   
As-dur - en la bémol majeur     
[05] 1. Allegro moderato                   [4'10]   
[06] 2. Andante                            [3'14]   
[07] 3. Allegro                            [4'29]   

Sonata in E minor D 566                   [16'04]   
(first and second movements)     
e-moll - erster und zweiter Satz     
en mi mineur - premier et deuxième mouvement     
[08] 1. Moderato                           [7'07]   
[09] 2. Allegretto                         [8'57]   

(P) 1970    


CD 7                                      [56'51]

Sonata in A minor D 537 (op. 164)         [18'13] 
a-moll - en la mineur 
[01] 1. Allegro ma non troppo              [7'29]
[02] 2. Allegretto quasi Andantino         [6'07]
[03] 3. Allegro vivace                     [4'37]

Sonata in C major D 279 (Fragment)        [18'32] 
C-dur - en ut majeur 
[04] 1. Allegro moderato                   [8'59]
[05] 2. Andante                            [5'41]
[06] 3. Menuetto. Allegro vivace           [3'52]

Sonata in E major D 157 (Fragment)        [19'38] 
E-dur - en mi majeur 
[07] 1. Allegro ma non troppo              [7'03]
[08] 2. Andante                            [7'41]
[09] 3. Menuetto. Allegro vivace           [4'54] 

(P) 1970    

---

Recordings: Hannover, Beethovensaal, 2/1965 (D845, 894); 1/1967 (D 664, 840, 960);
1/1968 (D 784, 959); 8/1968 (D 157, 537, 568, 850); 11/1968 (D 279, 557, 566, 575, 958);
1/1969 (D 459 & 459A, 625) 

Production: Dr. Wilfried Daenicke - Dr. Hans Hirsch 

Recording Supervision: Wolfgang Lohse (D 279, 459 & 459A. 557, 566, 575, 625, 845, 894, 958); 
Dr. Manfred Richter (D 157, 537, 568. 664, 784, 840, 850, 959, 960) 

Tonmeister (Balance Engineer): Klaus Scheibe (D 157, 279, 459 & 459A, 537, 557, 566, 568, 575, 
625, 784, 845, 850, 894, 958, 959); Hans-Peter Schweigmann (D 664, 840, 960) 

Cover Photo: Bruno Mooser 

ADD (P) 1965 (D 845, 894) / 1967 (D 664, 840, 960) / 1968 (D 784, 959) / 1970 (D 157, 279, 
459 & 459A, 537, 557, 566, 568, 575, 625, 850, 958   


Logan Pearsall Smith

Weitere Trivia


Das Epitheton

«Occult, night-wandering, enormous, honney-pale - oder blanc, wie Milton ihn nennt -»

Das Morgenblatt lag unaufgeschlagen vor mir; ich wußte, ich mußte einen Blick auf die Tagesneuigkeiten werfen, Entsetzliches war geschehen, aber eben jetzt war ich allzu eifrig mit dem Versuch beschäftigt, ein Adjektiv für den Mond zu finden - das magische, mondhafte Epitheton; was, wenn es mir nur gelänge, dieses zu finden oder zu erfinden, würden alle Erschütterungen und sublunarischen Konflikte dieser unerheblichen Erde dann noch bedeuten?

Beruhigung

Wenn ich meinen Überrock und meinen Hut, wie sie im Flur hängen, betrachte, bin ich gleich beruhigt; denn obwohl ich heute mit einer Individualität ausgehe, während ich gestern eine völlig andere hatte, so hält meine Kleidung meine unterschiedlichsten Selbste doch gut zusammengeknöpft und ermächtigt diese sämtlichen ansonsten unvereinbaren Aggregate seelischer Befindlichkeiten, für eine und dieselbe Person zu gelten.

Das große Abenteuer

Ich zögerte, ehe ich die Haustür öffnete, für einen Augenblick tiefen Nachdenkens.

Schwach beleuchtet, schattenhaft, voller Drohung und unvorstellbarer Möglichkeiten erstreckten sich rings um meine Türe die vielbevölkerten Straßen. Vernehmlich waren, unheilschwanger und gedämpft, die Gezeiten des vielfältigen Verkehrs, der ihre Wege entlanghallte. War ich auch ausgerüstet für eine Schiffahrt auf diesen Gewässern, gewappnet und bereit, mich in diese gefährliche Welt abermals hinauszuwagen?

Handschuhe? Geld? Zigaretten? Streichhölzer?

Ja; und ich hatte einen Regenschirm für ihre Stürme und einen Hausschlüssel für meine sichere Heimkehr.

Visio beatifica

Schiebend und stoßend, gestoßen und geschoben, ein erbärmlicher Knochensack in London, oder wie ein Hering in einer Büchse durch Tunnel gekarrt in dem Lehm ringsum, während ich mit dem Kopf in einem Omnibus anschlage oder, halberstickt, in der Untergrundbahn an einem schmierigen Halteriemen hänge, träume ich, wie andere Idealisten und Heilige und soziale Denker, von einer besseren Welt als diese, einer möglichen Welt, einer Himmelsstadt, die endlich auf die Erde herabgebracht würde.

Ein Lakai eilt herbei, um mir das Portal meines Palastes in diesem Neuen Jerusalem zu öffnen; ein anderer entrollt einen roten Samtpfad, dem riesigen Automobil entgegen, das mich durch den Verkehr der Stadt dahinträgt - während ich wie Eduard VII., oder wie Gott, auf heilige Kissen gelehnt, eine dicke Zigarre rauche.

Gesichter

Fast immer wimmelt es auf den Straßen von schäbigen Leuten; manchmal kehrt der arme Gesicher-Jäger ganze lange Wochen ungesegnet von seinen Expeditionen nach Hause, mit keinem Vorrat, um die Speisekammer seiner Träume aufzufüllen.

Dann eines Tages ist die Überfülle allzu gewaltig; Prinzessinnen warten an den Straßenkreuzungen, Königinnen sitzen in den Taxis, Wesen so schön wie die Morgenröte oben in den Omnibussen; und die Götter selbst promenieren Piccadilly auf und ab.

Der Beobachter

Da wir gerade von Ameisen reden: Was ich gerne beobachte und studiere, sind die genauen Gewohnheiten, die unglaublichen Verhaltensweisen der menschlichen Insekten.

Wie ich heute - ein auf diesen Planeten herabgeschneiter Fremdling - nach Victoria ging, stieß mir etwas Wunderliches zu. Zufällig erblickte ich ein weibliches Wesen dieser Spezies, eine gewisse Mrs. Jones aus meiner Bekanntschaft, die in entgegengesetzter Richtung näher kam, und alsbald begann ich, die allerseltsamsten Bewegungen zu vollführen. Ich straffte meinen Rücken und setzte ein einfältiges Lächeln auf, ich hob meinen Hut in die Luft; dann ergriff ich die fünffingerige Pfote dieses Weibchens, schüttelte sie mehrmals und stieß eine formelhafte Reihe artikulierter Laute aus.

Diese anthropologischen Gebärden und Lautbarmachungen und ein automatischer Vollzug derselben riefen mir in Erinnerung, daß ich diese Zweifüßler aus dem Innern eines ihrer Artgenossen beobachtete.

Chaos

Während ich so, pünktlich, gewöhnlich, alle Verabredungen einhaltend, in der augenscheinlich vorhandenen Welt meine Runde mache, schleife ich da in meinem Innern einen Rest von Chaos und alter Nacht mit; eine dunkle Verstörung des Geistes, ein Meer von nebulösen Betrachtungen; undeutlich aus dem Nichts auftauchende erdachte Welten, und ihr Zusammenbrechen wie in einem Traum.

Der Geist

Wenn die Leute von Geistern reden, so hüte ich mich, die Erscheinung zu erwähnen, die mich heimsucht, das Gespenst, das mich in den Straßen beschattet, das so vertraute, mir so ähnliche Bild oder Gespenst, das in den Scheiben der Schaufenster lauert oder aus Spiegeln mich anspringt wie ein Wegelagerer.

Die Vorstädte

Wie glaubt man an Gott in Grosvenor Gardens? Wie stellt man sich in South Kensington unser Schicksal jenseits des Grabes vor? Aus welchem Grund hält man in Pimlico das Leben für lebenswert? Und wie weit folgt man in der Cromwell Road den Vorschriften der Bergpredigt, oder glaubt ihnen zu folgen?

Wenn ich von den Idealen dieser vertrauten Gegenden eine ob auch undeutliche Vorstellung habe, so tappe ich doch noch mehr im dunkeln hinsichtlich des inneren Lebens in den weiteren Außenbezirken. In welchen Werken lokaler Beschaulichkeit kann ich die Tagträume von Hoxton studieren, die Fragestellungen und Enttäuschungen von Clapham oder Ealing?

Mehr als einmal habe ich vor einer Villa in unseren Vorstädten innegehalten und mir gesagt, daß ich schließlich nur die Türglocke zu läuten und einzutreten brauchte, um sie zu fragen. Aber leider! Sie würden es mir nicht sagen; sie könnten es mir nicht sagen, selbst wenn sie wollten.

Der Hausschlüssel

Aufs höchste erstaunt, fast erschrocken, sah ich den Neuen Mond am Ende der Straße. Verzückt wie Blake stand ich dort auf der Schwelle meines Hauses und starrte zu ihm hinauf. Denn was tat ich hier? Ich, ein Wanderer, ein Pilger, ein Nomade der Wüste, mit nirgends einem Heim als dort, wo der Abend mich fand; - was nur war mein Geschäft auf dieser Türschwelle? Auf welchem Allerweltsplatz hatte der Mond mich überrascht, mit einem Hausschlüssel in der Hand?

Eine gute Übung

Wir trafen uns gestern in einem Omnibus. «Und wohin sind Sie unterwegs?» fragte sie, mit einem belustigten Blick auf meine Person.

«Um Ihnen die klägliche Wahrheit zu gestehen: Ich gehe zum Abendessen nach Grosvenor Square.»

«Du liebe Güte!» erwiderte sie, «und warum in aller Welt gehen Sie dorthin?»

«Weil ich eingeladen bin. Und außerdem», fuhr ich fort, «erinnern Sie sich doch dessen, was die persischen Mystiker von den Heiligen sagen - daß die Heiligen mitunter reich sind, daß Gott diese Vollkommenen mit einem äußeren Schein von Reichtum ausstattet, um sie den weltlichen Blicken zu verbergen.»

«Oh, wirklich? Er verbirgt sie ausgerechnet am Grosvenor Square?»

«Na, wenn Sie genau wissen wollen, warum ich dorthin gehe ... Entsinnen Sie sich dessen, was Diogenes antwortete, als man ihn fragte, warum er ein Standbild um ein Almosen bat?»

«Nein, was sagte er denn?»

«Er sagte - doch das werde ich Ihnen ein andermal erklären. Ich muß hier aussteigen. Guten Abend!»

In der Türe des Busses hielt ich jedoch inne. «Er sagte», rief ich zurück, «ich übe mich in der Enttäuschung.»

Ausflucht

«Und was denken Sie über die internationale Lage?» fragte die ausländische Gräfin, mit ihrem ausländischen, faszinierenden Lächeln.

War sie ein Spion? Ich merkte, daß ich auf der Hut sein mußte.

«Was ich denke?» ließ ich mich wie ein Echo vernehmen; und dann riß mich die tiefe, schwermütige Bedeutung dieser Frage hin. «Denken?» Ich zweifelte: «Denke ich denn je wirklich? Ist da innen in meinem Kopf etwas anderes als Watte? Wie kann ich, dessen Geist voll von grauen Affen mit blauen Gesichtern ist, mich selber einen Denker nennen? Was bin ich überhaupt?» fuhr ich in meiner trübsinnigen Untersuchung fort. «Ein Tropf, ein Pinsel, ein Gimpel - eine Wasserblase, Madame, ein Blatt im Wind!»

Auswärts speisen

Wenn ich an die Etikette und an Begräbnisse denke; wenn ich die Euphemismen und Förmlichkeiren und die verschiedenen Kostüme bedenke, mit denen wir die Verrichtungen unseres animalischen Daseins umkleiden; wenn ich mir vergegenwärtige, mit welcher Eleganz wir unsere Lebensmittel verzehren, und mir alle die Waschungen und Zurüstungen zurückrufe, die Begrüßungen und Ausrufe und Bewegungen, die ich ausführte, als ich gestern abend in der Stadt zu Abend aß, dann erkenne ich, was für zeremonielle Geschöpfe wir sind; höchst künstlich zugerichtet, eine artige Spezies von Affen.

Was mir gegen den Strich geht

Von ihrer Ecke in dem halbleeren Empfangszimmer aus konnten sie in einem großen Wandspiegel die übrigen Dinnergäste noch einen letzten Augenblick lang zaudern sehen, ehe sie sich in den Speisesaal begaben. Doch keiner von ihnen war gesonnen - wozu denn? -, ebenfalls an jenem Dinner teilzunehmen. Überdruß und Enttäuschung waren ihre Gesprächsthemen, das Winterwetter, Krankheit, Alter und Tod.

«Doch was mich im Leben am meisten entsetzt», sagte einer von ihnen, «was mich ganz schwindelig macht oder mir einen Schauder über den Rücken jagt, ist - es klingt absurd - nur der Raum als solcher, l'épouvante sidérale - der Schrecken der Unendlichkeit, die schwarzen Abgründe der Milchstraße, das Schweigen jener ewigen Räume.»

«Aber die Zeit», sagte ein anderer, «die Zeit ist gewiß ein schlimmerer Albdruck. Denken Sie nur: die Vergangenheit ohne jeden Beginn: die fort und fort weiterlaufende Zukunft, und das bißchen Gegenwart, in dem wir leben, das für eine Sekunde aufblitzt, zwischen diesen finsteren Abgründen.»

«Mein Problem», murmelte ein dritter, «ist der Umstand, daß sogar die Gegenwart sich mir entzieht. Ich weiß nicht, was sie wirklich ist; ich kann den Augenblick niemals packen, wenn er vorbeistreicht; immer bin ich ihm schon weit voraus oder noch weit hinter ihm zurück, und immer anderswo. Ich bin nicht wirklich hier mit Ihnen zusammen. Und warum sollte ich auf jene Party gehen? Auch da wäre ich nicht, falls ich hinginge. Mein Leben ist nur Erinnerung und Vorwegnahme - wenn Sie das ein Leben nennen wollen, wenn ich nicht eher eine Art Geist bin, der in einer Vergangenheit umgeht, die nicht mehr vorhanden ist, oder in einer Zukunft, die noch schattenhafter und unwirklicher ist. Es hat etwas Grausiges, dieses Ausgeschlossen-, dieses Vereinzelt-Sein. Doch wozu davon reden?»

Sie erhoben sich, und der große Wandspiegel gab auch ihre Gestalten wieder, wie sie den Salon verließen und jeder und jede auf seinem oder ihrem eigenen Weg in die Winternacht hinaus verschwanden.

Bei einer feierlichen Musik

Ich saß hier, voller Haß auf ihren überüppigen Busen und ihre grellgefärbte Perücke. Und wie sollte ich dieser zarten Musik lauschen angesichts des nahen Schauspiels dieser lauten Strümpfe?

Dann trafen sich unsere Augen: der Zauber hatte in uns beiden die gleiche Saite zum Erklingen gebracht; wir blickten beide aus dem gleichen Fenster in das Paradies. In diesem Augenblick der gemeinsamen musikalischen Verzückung faßten meine Seele und die entkörperte Seele dieser umfänglichen Dame sich bei den Händen und sangen miteinander wie die Morgensterne.

Seelenfreundschaft

«Natürlich habe ich ihn gekauft! Was hätte mich von diesem Kauf abhalten können?» Dann, das Gespräch verlagerte sich auf eine höhere Ebene wie das unweigerlich geschieht, wenn man sich mit Lady Hyslop unterhält -, «dieser Begriff des Freien Willens», fuhr ich fort, «die Vorstellung zum Beispiel, ich wäre frei gewesen, diesen seltenen Druck zu kaufen oder nicht, scheint mir, wenn Sie näher hinsehen - oder mir wenigstens scheint sie -, wirklich eine klägliche Vorstellung. Ich bin gerne überzeugt davon, daß ich den Dingen, die mich verlocken, folgen muß - wie sag ich's nur? - wie die Gezeiten dem Mond folgen; daß meine Handlungen notwendigen Ursachen entspringen; daß die Welt in mir kein sinnloses Chaos ist, sondern eine Welt der Ordnung, wie die äußere Welt, von schönen Gesetzen beherrscht wie die Sterne.»

«Ach, wie liebe ich die Sterne!» flüsterte Lady Hyslop. «Was sagen sie mir nicht alles! Sie sind die Bürgen verlorener Erkenntnisse; die Verheißung unsäglicher Linderungen.»

«Linderungen?» ächzte ich, während mich ein leichter Schwindel anwandelte. Doch es fiel nicht weiter auf: Wenn wir zusammenkommen, Lady Hyslop und ich, führen wir immer die erhabensten Gespräche miteinander.

Wachsfiguren

«Aber man kennt sie doch niemals wirklich, die Zeit, in der man lebt. Wie aufregend müßte es sein», sagte ich zu der Dame neben mir, «wie sehr wünschte ich, wir könnten uns selber sehen, wie die Nachwelt uns einmal sehen wird!»

Ich hatte das schon öfter gesagt, aber diesmal traf mich meine eigene Bemerkung wie ein Donnerkeil. Gleich einem unvorsichtigen Exorzisten entsetzte mich der Geist, den ich heraufbeschworen hatte. Eine seltsame Sekunde lang sah ich uns alle in diesem unvermeidlichen Spiegel, doch leichenblaß, gelähmt, überholt, - eine staubige Gruppe alter Wachsfiguren, geistlos mit törichtem Lächeln in der Rumpelkammer der Zeit.

«Da wären wir doch besser gleich vergessen!» rief ich aus, mit einer Emphase, welche die Dame neben mir ein wenig erstaunte.

Adjektive

Aber warum wurde ich, ach, nicht in einem Zeitalter der Adjektive geboren; warum kann man nicht länger von «silberströmenden Tränen» und «mondschwänzigen Pfauen» schreiben, von dem «beredten Tod» und der «negerschwarzen, mit Sternen eingelegten Nacht»?

Verzweiflung

«Ja, Sie haben ganz recht, das Leben ist voller Enttäuschungen, verlorener Illusionen! Je älter ich werde, desto öfter frage ich mich: wozu das alles? Wir ziehen uns an, wir gehen zu einem Dinner», fuhr ich fort, «aber freilich, wir gehen in eitlem Gepränge, wie es in der Bibel heißt, und sind eher zerdrückt als eine Motte. Wie köstlich dieser Spargel ist! Ich sage oft: Spargel ist das beste von allen Gemüsen. Und doch, ich weiß nicht - wenn man an frische grüne Erbsen denkt. Spargel kann man leid werden, wie man Erdbeeren leid werden kann - aber zarte junge Erbsen könnte ich jederzeit essen. Dann Pfirsiche, und Melonen; und es gibt da noch gewisse Birnen, die ganz himmlisch schmecken. Eine meiner Lieblingsvorstellungen für meinen langen Lebensabend ist es, allein zu leben, ein förmlicher, genüßlicher, selbstsüchtiger alter Herr, in einem stattlichen Haus, sagen wir in Devonshire, mit einem stattlichen Garten, dessen Mauern mit Aprikosen und Feigen und Pfirsichen bedeckt sind; und kostbare Birnen gibt es da, die ich selber gepflanzt habe, an Spalieren die Pfade entlang. Dort gehe ich dann im herbstlichen Sonnenschein spazieren, einen Stock mit einem goldenen Knopf in der Hand, und gerade im rechten Augenblick der Reife pflücke ich mir noch eine Birne. Doch mir scheint, ich wollte ganz etwas anderes sagen ...»

Sitzgelegenheiten

In den Straßen Londons gibt es Türglocken, die ich läute (ich sehe mich selber, wie ich an der Schnur ziehe); in gewissen Häusern gibt es Sitzgelegenheiten, die mit Chintz oder Kretonne überzogen sind, und darin lasse ich mich nieder und rede über das Leben, mit ausführlichen Darlegungen, meist nach dem Tee, was ich davon halte.

Eines nur schmerzt mich

Bei allen handelt es sich um Personen von elegantem Betragen und einwandfreiem Ruf; meine Besuche scheinen ihnen willkommen zu sein, und sie lauschen meinen Anekdoten mit nie erlahmender Aufmerksamkeit. Eines nur schmerzt mich: Sie beherbergen in ihren Häusern Bücher voll abgestandener Epitheta, die, wenn ich ihre widerwärtige Nähe zu wittern glaube, eine leichte Übelkeit in mir erregen.

Es soll Leute geben, denen dic Anwescnheit von Katzen in ähnlicher Weise zusetzt.

Ein falsches Zitat

Eine «precious phrase by all the Muses trimmed», zitierte er.

Ich wußte, das richtige Wort war «filed» - «by all the Muses filed» - doch ich sagte nichts.

Daß ich ein falsches Zitat wie dieses kommentarlos durchgehen ließ, läßt mich an meiner eigenen Identität zweifeln. Oder sollte meine Person vielleicht im Begriff stehen, sich zu verändern? Widerfuhr mir vielleicht, wie einem Insekt in seinem Kokon, eine seltsame Verwandlung? Ich war neugierig, als was ich dabei wieder zum Vorschein kommen würde - als ein Pfarrer der Low Church?, ein Moor mit mächtigem Schnurrbart?, oder vielleicht als ein behördlich genehmigter Schankwirt?

Quelle: Logan Pearsall Smith: Trivia. Prosastücke und Aphorismen. Übersetzt von Friedhelm Kemp. Manesse Verlag Zürich, ISBN 3-7175-2014-8 Seiten 115-125 und 132-137

Die Trivia wurden illustriert mit »Stewart Marsden’s black-and-white photographs of London street live«, veröffentlicht im »Telegraph«.


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